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HRE-Ex-Chef Georg Funke: Aus dem Leben eines Pleitebankers

Die Steuerzahler und Banken bürgen inzwischen mit über 100 Milliarden Euro für das Skandalinstitut Hypo Real Estate. Doch der frühere Chef Georg Funke ist sich keiner Schuld bewusst, klagt gegen seine fristlose Kündigung und auf die Weiterzahlung seines Gehalts. Wer ist der Mann, über den sich ganz Deutschland aufregt?

Von Georg Wedemeyer

Blick zur Decke, Augenrollen, Kopfschütteln. "Funke? Oh, mein Gott, Funke!" Ein paar nicht zitierfähige Kraftausdrücke und dann lautes Aufstöhnen. Fast schon amüsant, das Schauspiel, das Berliner Spitzenpolitiker bieten, wenn sie auf den Münchner Pleitebanker Georg Funke angesprochen werden. Die Kanzlerin sagt dann: "Ich will mich nicht weiter aufregen", und Finanzminister Peer Steinbrück findet es "dreist, erst ein Kreditinstitut in den Acker zu reiten und dann Abfindung zu verlangen".

Dieser Ritt in den Acker war reichlich teuer. Zurzeit muss Funkes ehemalige Bank, die Hypo Real Estate (HRE), mit 102 Milliarden Euro Hilfen und Garantien gestützt werden. Eine aberwitzige Summe. Sie entspricht den Haushalten von Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hamburg zusammen, mit denen über 32 Millionen Menschen verwaltet und versorgt werden. Aber das scheint Georg Funke nicht zu beeindrucken. Er klagt vor dem Landgericht München gegen seine fristlose Kündigung und auf die Fortzahlung seiner Bezüge bis 2013. Danach fordert er eine jährliche Pension von 560.000 Euro. Dabei geht es um Millionen.

Ansonsten hat der gescheiterte Banker jetzt jede Menge Zeit, sich um private Dinge zu kümmern. Dabei sieht er sich mit einem Luxusproblem der besonderen Art konfrontiert: Er muss sich entscheiden, in welcher seiner beiden Villen er mit seiner dreiköpfigen Kleinfamilie wohnen will. Bis vor Kurzem noch hat der Ex- Manager die 300-Quadratmeter-Villa im Münchner Vorort Vaterstetten, wo er mit Frau und Tochter residiert, zum Kauf angeboten. Das Exposé sparte nicht mit Superlativen: "Wohnen im Überfluss", "geeignet für Interessenten, die eine luxuriöse Innenausstattung lieben", "mit wertvollsten weißen Marmorplatten ausgelegt", "Gartenpavillon mit Whirlpool", "Garagenhaus für drei Pkw". 2,2 Millionen Euro wollte Funke für das gute Stück haben. Doch aus dem Deal scheint nichts zu werden.

Selfmademan aus dem Ruhrpott

Das Verkaufsangebot ist aus dem Internet verschwunden, und die Funkes wohnen immer noch in Vaterstetten. Angesichts der unerquicklichen Verhältnisse scheint die Familie auf den zum Jahresende 2008 geplanten Umzug in eine neue, 540 Quadratmeter große Villa verzichtet zu haben. Sie liegt in Münchens Nobelviertel Bogenhausen nahe der Isar. Ein bezugsfertiger stylisher Neubau, errichtet unter Funkes Regie. Kein süßlicher Protz mehr mit Walmdach, Marmor, Türbögelchen und verschnörkeltem Treppengeländer. Stattdessen Klotz-Architektur, Eichenparkett "geölt und gebürstet" und ein türkis schimmerndes Hallenbad. Kein Zweifel: Das neue Zuhause hätte repräsentieren sollen, wie der Bankmensch Funke sich selbst sah - nüchtern, modern, auf der Höhe der Zeit und vor allem erfolgreich.

Dieses Selbstbild war lange Zeit keineswegs absurd. Tatsächlich war Funke kein barocker Bankier, der vornehmlich andere für sich arbeiten lässt. Er war ein erfolgreicher Selfmademan aus dem Ruhrpott, der irgendwann abhob und schlicht den Überblick verlor. Seine Wiege stand in Gelsenkirchen. Zu Beginn seiner Karriere verwaltete er Sozialwohnungen in Essen. Erst 1984 entstieg der studierte Betriebswirt dem proletarischen Mief und heuerte bei der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank aus dem reichen und schönen München an. Dass er von dort 1989 in deren Londoner Filiale versetzt wurde, war sein großes Glück.

Funke hatte Fortune

Denn nach dem Mauerfall verstrickte sich das Mutterhaus in Deutschland in abenteuerliche Grundstücksgeschäfte. Am Ende hatten sich dabei ein paar Spekulanten die Taschen vollgestopft, fälschte die Bank ihre Bilanz, saß auf unverkäuflichen Grundstücken, und die Justiz ermittelte wegen Korruption und Untreue. Vor dem Untergang wurde die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank 1998 nur durch die Fusion mit der Bayerischen Vereinsbank zur Hypo-Vereinsbank gerettet. Und Funke war bei alldem nicht dabei gewesen.

Als er 1998 aus London nach München kam, war er so ziemlich der einzige erfahrene Immobilienfachmann der neuen Bank mit weißer Weste. Das ebnete seinen weiteren Aufstieg. Der Mann mit der einfachen Herkunft war sich nicht zu fein fürs Grobe. Als Bereichsvorstand kümmerte er sich um die alten Schrott-Immobilien, die der Bank nach wie vor schwer zu schaffen machten. Als der Vorstand beschloss, das unerquickliche Geschäft ganz loszuwerden und in eine neue Bank auszulagern, griff Funke zu. Das war seine Chance. 2003 wurde er Vorsitzender des Vorstandes der neuen Hypo Real Estate. Da war er ganz oben angekommen. Vorsitzender des Aufsichtsrates wurde Kurt Viermetz. Keine unwichtige Personalie für das spätere Desaster, denn der damals 64-Jährige hatte seine besten Bankerzeiten längst hinter sich. "Bei Besprechungen", so erzählt einer, der dabei war, "ist der regelmäßig eingeschlafen. Wir haben ihn dann immer durch lautes Anstoßen mit unseren Gläsern geweckt."

Neue Bank belächelt

Die Finanzelite belächelt anfangs die neue Bank und den Neuling Funke. Doch der arbeitete hart. Intern rühmte er sich, so ein Insider, "dass er selbst dann Akten studiert, wenn er auf seinem Hometrainer strampelt". Sein Hobby, die Fotografie, ließ er links liegen. Und Funke hatte Fortune. Schon im ersten Jahr schlug die HRE "leistungsgestörte" Kredite von rund 4,5 Milliarden Euro los. Alles, so schien es, wurde gut. Der Aktienkurs der HRE stieg steil an, das Schmuddelkind wandelte sich zur global vernetzten Immobilien-Investmentbank und der Sozialwohnungsverwalter zum Wunderkind. Die Bank wurde in die erste Börsenliga, den Dax, aufgenommen. Keine Girokonten, keine Sparbücher, keine Schalter. Es sollte die große Nummer sein. Das ungefähr muss die Zeit gewesen sein, in der Georg Funke abhob. In der er begann, an die eigene Unfehlbarkeit zu glauben. Und in der er entdeckte, dass ganz oben im Bankenwesen das Schlaraffenland liegt. Denn formal genehmigt zwar der Aufsichtsrat die Bezahlung der Vorstände, aber die personellen Verflechtungen sind meist so eng, dass die Gehaltsverhandlungen nicht selten einem freihändigen Griff in die Kasse gleichen.

Während sich selbst die Millionengagen für Fußballer noch halbwegs im internationalen Wettbewerb bilden, gibt es für deutsche Bankvorstände keinen Marktwert. Dass ein Manager ins Ausland abgeworben wird, kommt so gut wie nie vor. "Ganz oben herrscht Selbstbedienung", so ein renommierter Bankberater. Nicht nur die Höhe des Salärs ist der Skandal, sondern vor allem die Art, wie es zustande kommt. Georg Funkes Vergütung war also üppig: 800.000 Euro fix pro Jahr plus 83.000 Euro "Sachbezüge" plus zwischen ein und zwei Millionen Euro Bonus plus eine Pensionszusage über 560.000 Euro pro Jahr. Diese Luxusrente von rund 47.000 Euro im Monat wird dabei grundsätzlich nicht etwa im Alter von 60 fällig, sondern vom ersten Tag an, an dem Funkes Vertrag "ohne Verschulden" nicht mehr verlängert oder von der Bank vorzeitig beendet wird.

"Das ist schlicht irrational"

Dermaßen abgesichert und gelockt vom Bonus, steigt natürlich die Risikofreude bei Bankern wie Funke. Das Schlimmste, was passieren kann, ist der sofortige Bezug eines Ruhegehaltes, das 39-mal höher ist als die Rente, die ein Durchschnittsverdiener nach 45 Beitragsjahren erhält. Dabei soll "der geradlinige Westfale", so ein Bekannter, ein Familienmensch geblieben sein. Einer, der in seiner Villa lieber den Heimwerker spielt, statt groß auszugehen. "Society-Auftritte liegen dem nicht." Er gilt als "extrem direkter Typ, der es auch sagt, wenn er jemanden für ein verlogenes Arschloch hält". Schon deshalb, so einer seiner Berater, habe er die Politik gemieden. "Er hat es versäumt, sich ein Netzwerk aufzubauen", sagt ein anderer Berater. So gesehen ist er immer Sozialwohnungsverwalter geblieben. Funke setzte auf Funke. Und genau das, meint ein Vertrauter, könnte bei dem lange Erfolgreichen "die Illusion erzeugt haben, dass er wirklich verdiente, was er verdiente".

Das große Rad, das Funke und Viermetz drehen wollten, fanden sie im Sommer 2007 in Gestalt der Spezialbank Depfa. Es hat sie überrollt. Die Depfa, einst eine grundsolide staatliche Hypothekenbank, war 1991 privatisiert worden und hatte seitdem ihre Geschäfte immer riskanter finanziert. "Wir wussten, dass die Depfa kein Unschuldsengel war", sagt ein Berater Funkes. Doch der Bankchef wollte sie haben. Seine HRE ging daran zugrunde. Denn die Depfa, einer der großen Spieler auf dem Markt der Staatsfinanzierungen und zugleich zur Zockerbude verkommen, wollte niemand mehr Geld leihen. Der Niedergang dauerte gerade mal ein Jahr. Georg Funke wollte das nie wahrhaben. "Uns trifft die Krise nicht", versicherte er stereotyp. Als die Börse ihn abstrafte, verstand er die Welt nicht mehr. "Das ist schlicht irrational", maulte das Wunderkind und kaufte trotzig selbst 20.000 HRE-Aktien.

Schweben im Wolkenkuckucksheim

"Dabei hatte die HRE gar nicht genügend qualifizierte Experten, um die Geschäfte der Depfa zu kontrollieren", so ein Insider der Bank. Auch die deutsche Bankenaufsicht machte "umfangreiche teilweise gravierende Feststellungen im Risikomanagement", wie es in einem internen Kontrollbericht heißt. Doch Funke schwebte weiter im Wolkenkuckucksheim. Im September 2008 ließ er an einem Donnerstag verkünden, die Depfa verfüge über Geldreserven von 33 Milliarden Euro. Am Montag darauf hatte sie dann plötzlich ein Finanzloch von 35 Milliarden. Als die Pleite nur noch mit Milliarden Staatsknete zu verhindern war, biss er erst einmal kräftig in die helfende Hand. Finanzminister Steinbrück, der im ersten Zorn vom "Abwickeln" der Bank gesprochen hatte, drohte er per Anwaltsschreiben mit einer Klage auf Schadensersatz. Seither nimmt ihn keiner mehr ernst.

Derweil ringen Politik und Finanzbranche um die Frage, wer nun bei den Rettungsaktionen wen enteignet. "Die Bank den Steuerzahler" (Peer Steinbrück) oder der Staat die Bank. Geschossen wird dabei auch aus dem Hinterhalt. Da darf Hans-Hermann Tiedje, Ex-"Bild"-Chefredakteur und heute PR-Berater, in der "Bild" einen Kommentar schreiben: "Enteignung steht für DDR." Wozu dann Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen auf Anfrage des stern ausrichten lässt: "Haben wir im Bewusstsein gelesen, dass Tiedje mit seiner Beratungsfirma in Diensten der neuen Bosse der Hypo Real Estate steht." Die neuen Bosse, so wird vertraulich aus der HRE berichtet, sehen recht gern, wenn der unvernetzte Georg Funke nun zum alleinigen Sündenbock wird. "Das entlastet uns." Es kann, aber muss kein Zufall sein, dass immer "Bild" zuerst von Funkes Klagen auf Gehaltsfortzahlung berichtet. Dabei würde kein Banker, so versichern Branchenkenner, "das anders machen". Wer auf den Gierschlund Funke schimpft, könnte damit ablenken wollen vom eigentlichen Skandal. Der liegt weniger in der Klage Funkes auf weitere Millionen aus seinem Vertrag als darin, dass es überhaupt solche Verträge gibt.

Funkes Chancen stehen nicht schlecht

Die juristischen Chancen für Funkes Gehaltsklage stehen offenbar noch nicht einmal schlecht. Die Bank beruft sich bei ihrer Kündigung und dem Nachweis eines "Verschuldens" von Funke auf die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen. Mögliche Delikte sind Untreue, Marktmanipulation und Verstoß gegen das Aktiengesetz. Die Ermittler haben die Büros der Bank und die Privatwohnungen einiger Manager durchsucht, doch sie tun sich schwer, handfeste Beweise gegen Funke zu finden.

Der Traum von der neuen Villa als Symbol des Erfolges ist jedenfalls ausgeträumt. Heute läuft Funke wieder ohne Anzug und Krawatte durch die Straßen. Sieht mit seinen ausgebeulten Jeans und dem Pullover mit dem Quelle-Muster aus wie der freundliche Nachbar, dem man jederzeit eine Bohrmaschine leihen würde. Und einen neuen Job peilt er wohl auch an: bei Detlev von Wangenheim, Münchens nobelstem Immobilienmakler. Von Wangenheim, der derzeit Funkes neue Villa für schlappe 7,9 Millionen Euro im Angebot hat, dementiert die Frage, ob der Ex-Banker bei ihm anfängt, nur halbherzig: "Noch nicht, aber von Immobilien versteht er was." Zumindest von den eigenen.

Mitarbeit: Frank Donowitz, Andreas Hoffmann

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