Finanzkrise Aufstieg und Fall der Hypo Real Estate


Keiner weiß, wie viele Milliarden Euro gebraucht werden, um die Hypo Real Estate wirklich zu retten. Dabei geht es in erster Linie um Vertrauen, das - einmal zerstört - wieder mühsam aufgebaut oder teuer erkauft werden muss. stern.de zeichnet ein Portrait des Finanzinstituts in der Krise.
Von Markus Baluska

Aus heutiger Sicht klingen die Wort wie blanker Hohn: "Es gilt der Grundsatz, dass jede Transaktion in der Lage sein muss, ihr eigenes Risiko zu tragen. Rendite und Risikomanagement stehen im Fokus." So tönte Georg Funke, der Vorstandsvorsitzende der Hypo Real Estate Holding AG in Gründung am 22. September 2003 in München.

Die Hypo Real Estate kann auf keine lange Tradition zurückblicken. Gerade einmal fünf Jahre ist es her, dass das Unternehmen geboren wurde. Im März 2003 haben Vorstand und Aufsichtsrat der Hypo Vereinsbank beschlossen, die gewerblichen Immobilienaktivitäten abzuspalten. Die Spezialisten für das Privatkundengeschäft hatten sich Milliardenverluste mit Immobiliengeschäften eingehandelt und wollten den risikoreichen Business-Zweig loswerden. Das war die Geburtsstunde der Hypo Real Estate.

Bundesregierung entsetzt

Vorstandsvorsitzender der Hypo Real Estate Holding wurde Georg Funke, der das Amt auch heute noch innehat. Die Betonung liegt auf noch. Finanzminister Peer Steinbrück, SPD, hat schon seine Entlassung verlangt. Dabei sieht sich Steinbrück im Einklang mit den Bankern, die am Rettungspaket mitgeschnürt haben. Auch die Bundeskanzlerin weiß der stellvertretende SPD-Chef auf seiner Seite. Die kurzfristige Offenlegung des neuen Milliardenlochs bei dem DAX-Konzern habe bei ihm, Kanzlerin Angela Merkel und auch den Banken "einigermaßen Entsetzen" ausgelöst, sagte der Minister.

Dabei lief es für Funke und sein junges Unternehmen von Anfang an ganz gut. Nur zwei Jahre nach dem Börsengang schaffte die Hypo Real Estate den Sprung in die Bundesliga und wurde Mitglied im Dax. Weichen musste die ehemalige Mutter Hypo Vereinsbank. Funke galt als stiller Strippenzieher, der lieber tiefstapelt, als vollmundige Versprechen abzugeben. Gleichwohl verkündete der Manager damals stolz: "Wir haben in den vergangenen Jahren viel erreicht und in Rekordzeit eine neue Bank erreichtet – nicht irgendeine Bank, sondern einen der führenden Anbieter gewerblicher Immobilienfinanzierungen in Europa."

Laut Geschäftsbericht beschäftigte das Unternehmen im vergangenen Jahr 2000 Mitarbeiter, die ein Ergebnis vor Steuern von fast 600 Millionen Euro erwirtschafteten. Die Bilanzsumme lag bei 400 Milliarden Euro. Im Gründungsjahr weist der Finanzbericht knapp 1500 Mitarbeiter aus und eine Bilanzsumme von knapp 153 Milliarden Euro aus.

Auf Wachstum ausgerichtet

Zum Börsenstart am 6. Oktober 2003 bestand die Hypo Real Estate im Wesentlichen aus drei Säulen. Neben der gewerblichen Immobilienfinanzierung waren das die Bereiche Public Sector & Infrastructure Finance und das vergleichsweise kleine Segment Capital Markets & Asset Management. In der Finanzierung von Infrastrukturprojekten wie Straßen, Krankenhäusern der Eisenbahnen sah Funke ein Geschäftsfeld der Zukunft . Deswegen hat er eineinhalb Jahre daran gearbeitet, die in Irland angesiedelte DEPFA Bank zu übernehmen. Dadurch sollte die Münchner Hypo Real Estate einen besseren Zugang zur Finanzierung staatlicher Projekte bekommen, auf die die DEPFA weltweit spezialisiert ist. 5,7 Milliarden Euro umfasste der Deal, den Funke im Juli vergangenen Jahres stolz der Öffentlichkeit präsentierte: "Der strategische Fit der Transaktion ist bestechend. Durch den Erwerb der DEPFA wären wir in der Lage, unsere wachsenden Aktivitäten bei Public Finance und Infrastrukturfinanzierungen mit einem Schlag auf ein international führendes quantitatives und qualitatives Niveau zu heben, und dies ohne die sonst unvermeidlichen, erheblichen Anlaufinvestitionen." Die neue Gruppe werde ganz klar auf Wachstum ausgerichtet und in der Lage sein, die Steigerung der Erträge und der Profitabilität noch einmal zu beschleunigen, war Funke damals überzeugt.

Angst vor Totalblockade

Wurde Funke vor gut einem Jahr noch für den Deal gefeiert, dürften dessen Auswirkungen jetzt seinen Kopf kosten. Das Geschäftsmodell der DEPFA ist der internationalen Finanzkrise nicht gewachsen, weil es einfach zu riskant ist. Ein Beispiel: Die Kommune X will ein Schwimmbad bauen, für das sie zehn Millionen Euro braucht. Das Geld leiht sie sich für zehn Jahre zu einem bestimmten Zinssatz bei der DEPFA. Die hat das Geld aber nicht selber, sondern besorgt es sich auf dem Kapitalmarkt - also bei anderen Banken. Weil die DEPFA aber nur einen kurzfristigen Kredit aufnimmt, sind die Zinsen, die sie bezahlen muss, wesentlich niedriger als diejenigen, die sie von der Kommune bekommt. Die Differenz zwischen dem teuren langfristigen und dem billigen kurzfristigen Kredit macht den Gewinn der DEPFA aus. Das Problem ist aber, dass die DEPFA immer wieder neues Geld braucht, um die kurzfristigen Kredite abzulösen. Und dieses Geld bekommt sie jetzt nicht mehr, weil das Vertrauen in die DEPFA verloren gegangen ist.

Die Kreditwürdigkeit einer Bank wird bewertet durch die Rating-Agenturen. Je schlechter das Rating, umso schwerer wird es für eine Bank, sich Geld zu besorgen und umso teurer werden die Kredite. Das ist ein Teufelskreis, denn die Refinanzierung wird erschwert durch schlechte Bewertungen. Gewinne schmelzen zu Verlusten und das Rating wird noch schlechter. "Kapital ist geil wie ein Bock aber scheu wie ein Reh" ist eine der treffendsten Weisheiten, die die Finanzwirtschaft beschreibt. Es reichen oft schon leise Geräusche aus, um die Ratings zu nach unten zu treiben und die Flucht auszulösen.

Was früher üblich war, funktioniert in Zeiten mangelnden Vertrauens nicht mehr. Die Banken leihen sich untereinander kein Geld mehr, weil sie nicht mehr sicher sein können, dass sie ihre Außenstände auch wieder eintreiben können. Keiner weiß, welche Bank in welchem Umfang Kredite und Hypotheken abschreiben muss. Das Vertrauen in die DEPFA ist besonders gering. Die irische Hypo Real Estate Tochter hatte ihre langfristigen Ausleihungen sehr kurzfristig gegenfinanziert. Damit kann zwar viel Geld verdient aber eben auch viel verloren werden. Schwerer noch wiegt der Vertrauensverlust. "Bankgeschäft ist Vertrauensgeschäft", sagt ein Insider gegenüber stern.de, der befürchtet, dass die Vertrauenskrise zu einer Totalblockade führen könnte. Er meidet zur Zeit den Kontakt zur Hypo Real Estate und hofft darauf, dass sich die Aufregung durch das milliardenschwere Rettungspaket bald legt und wieder Menschen die Verantwortung übernehmen, denen er vertrauen kann.


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