HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: "Von gewissen Kerlen möchte man ja sogar bedrängt werden"

Sexuelle Belästigung ist ein Problem, das sieht auch Laura Karasek so. Aber muss Frau wirklich Vergewaltigung und anzügliche Sprüche in einen Topf werfen? Und ohne Komplimente ist das Leben auch nicht schöner.

Nicht jedes Kompliment ist Belästigung

Es ist 13.45h - und ich bin heute noch nicht belästigt worden. Sollte ich jemanden wegen Diskriminierung verklagen?
Ich bin weder frauen- noch männerfeindlich. Ich bin überhaupt nicht besonders feindlich, ich mag's lieber freundlich - vielleicht bin ich deshalb recht "erfolglos" auf Twitter und Facebook...
Was mich aber stört: Dass es Mädchen gibt, die #metoo posten, weil ein Typ mal beim Karneval ihren Popo gestreift hat. Nicht dasselbe wie eine Vergewaltigung.
Dass hier die krassen Fälle körperlicher Unterdrückung durcheinander gewürfelt werden mit ein paar anzüglichen Sprüchen.

Es pfeift aus allen Gassen

Gerade erzählte mir eine Freundin, sie sei in Argentinien gewesen und habe es so genossen, dass alle sie auf der Straße angesprochen hätten, jeder Kellner habe geflirtet, ein Verkäufer ihr ein Eis geschenkt, ein Mann sei mit ihr über die Straße getanzt, als sie nach dem Weg gefragt habe. Belästigung? Nicht wirklich.
Sexismus wiederum ist das, was immer noch und immer wieder in der Arbeitswelt stattfindet: Wir werden für Assistentinnen gehalten oder auf Weihnachtsfeiern für Ehefrauen, Anhängsel, Begleitpersonen. Uns wird gesagt, wir seien einfühlsamer, hätten die hübschere Handschrift oder sollten bitte doch das Kundengeschenk aussuchen, weil wir so einen guten Geschmack hätten.

Wenn wir mit mehreren Frauen in einer Besprechung sitzen, fällt auf jeden Fall ein erstaunter Kommentar à la: "Oh, was für eine Quote! Drei Frauen auf einem Projekt! Und dann noch eine Analyse zu Golfschlägern... hätte nie gedacht, dass sich Damen für sowas interessieren..." Ja, wir können auch Finanzen. Und vielleicht sogar IT (also ich persönlich jetzt nicht, aber ... ich kenne da welche!) Nein, für uns zart besaitete Weibchen soll der Job lieber "emotionale Intelligenz" fordern oder "guten Umgang mit Menschen." Und wie sollen wir denn reagieren, wenn der Chef uns zum Abendessen einlädt? Lehnen wir es ab, sind wir vielleicht prüde, verklemmt. Nehmen wir es an: unprofessionell?

Oder kann es nicht ein ganz harmloses Schnitzelchen mit zwei Gläsern Grauburgunder sein, ohne dass die Frau danach #meeto postet und der Chef das Gefühl hat #menot gewesen zu sein?


Frau kann es nicht richtig machen

Wenn man sich als Frau dazu noch aufdonnert, hat man ohnehin verloren. Dann hat man den Job, das Projekt und das Lob ja sowieso nur, weil... ja, weil man blond, brunett, langhaarig, kurzhaarig, langbeinig, kurzröckig, sexy, adrett oder sonstwas ist! Weil man eine Nase hat! Und zwei Augen!
Es ist einfach zu leicht, uns zu hassen. Uns nicht ernstzunehmen.
Vor allem, wenn wir noch weiblich daherkommen. Am besten richten wir eine Hotline ein für Menschen , die sich gern auftakeln - diese gefallsüchtigen Hohlfritten, ja, diese billigen Bitches mit Profilneurose und Nagellack. Frauen, wenn ihr Euch gern aufbrezelt: ihr seid doch bloß Opfer eines oberflächlichen, von Männern und Marken kreierten Systems, ihr Dummchen.

Also mir hat das Zurechtmachen immer Spaß gemacht, das Verschönern, das Maskieren, das Rollen wechseln. Und ich möchte mich weder für meinen Minirock noch für meine Jogginghose schämen. Und ich möchte angesprochen werden. Wenns geht nicht unbedingt belästigt, aber angesprochen. Freundlich. Und wenn es mir nicht gefällt, möchte ich das sagen dürfen und erwarte, dass der Mann dann auch aufgibt, geht, mich nicht bedrängt. Von gewissen Kerlen möchte man ja vielleicht sogar bedrängt werden... Wenn keiner pfeift, ist's auch nicht allzu schön. Es muss nur deutlich kommuniziert, signalisiert werden, was man möchte. Dann können wir uns auch alle wieder entspannen und anlächeln.


Pickeln statt wickeln

Und wenn nicht: Rufen Sie noch heute an und wir helfen Ihnen, weniger attraktiv zu sein. Da gibt es mannigfaltige (oder ist das jetzt sexistisch wegen MANNig und so?) Möglichkeiten, wie Sie ihn oder sie nicht mehr um den Finger wickeln! Pickeln statt wickeln. Akne statt Akt. Adipös statt Adonis. Wir kriegen auch Sie aus dem Attraktivitätsstrudel heraus...
Absurd nur, dass die ganze Welt am Selbstoptimieren ist, man aber niemandem mehr eine positive Entwicklung attestieren darf.
Was halten Sie davon? #BesserSchlampealsgarkeinSex?
Na ja, wenigstens weiß ich jetzt auch, warum ich nicht in die Politik gehen wollte. Nie. Weil ich Menschen gern ans Knie fasse. Und gern einen Handkuss bekomme.
Wenn das alles wieder geht, denke ich auch gern über eine politische Karriere nach. Besser spät als Knie!