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Wirtschaftsweisen fordern: Schluss mit dem 8-Stunden-Arbeitstag?

Morgens ins Büro, acht Stunden arbeiten und dann in den Feierabend? Wir arbeiten längst anders oder könnten es zumindest. Doch wie kann das agile Arbeiten gelingen - ohne dass sich Mitarbeiter ausbeuten lassen?

Im vergangenen Jahr sorgte Stephan Aarstol aus für Aufsehen. Der Chef einer Paddle-Board-Firma verordnete seinen Angestellten ein neues Arbeitszeitmodell: Statt starr acht Stunden am Tag zu arbeiten, sollte künftig nur noch fünf Stunden täglich gearbeitet werden. Bei voller Bezahlung, wohlgemerkt. Seine Idee: Produktiver sein, weniger Zeit verplempern. Das Experiment ging auf. 

Seit Jahren starten weltweit immer wieder Leuchtturmprojekte wie das von Aarstol. Überall wird an den Arbeitsformen von morgen gearbeitet. Klar ist, dass das starre Zeitmodell des Acht-Stunden-Tages nicht mehr zeitgemäß ist. Zum einen ermöglicht uns die Technik das Arbeiten von fast überall aus. Zum anderen wünschen sich Mitarbeiter mehr Flexibilität. Und auch Arbeitgeber hoffen dadurch auf mehr Produktivität. 

Morgens ins Büro? Das ist veraltet

Nun haben sich auch die zu neuen Arbeitszeitmodell geäußert. Der "Welt am Sonntag" sagte Christoph Schmidt, der Vorsitzende des Gremiums: "Firmen, die in unserer neuen digitalisierten Welt bestehen wollen, müssen agil sein und schnell ihre Teams zusammenrufen können. Die Vorstellung, dass man morgens im Büro den Arbeitstag beginnt und mit dem Verlassen der Firma beendet, ist veraltet." Die fünf Wirtschaftsweisen sind der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Sie erstellen jährlich ein Gutachten für die Bundesregierung - in diesem Jahr fordern die Experten die Politik auf, die Arbeitszeitgesetze flexibler zu gestalten. Die Ideen des Gremiums landeten in dieser Woche auf dem Schreibtisch der Bundeskanzlerin.

Arbeitnehmerschutz in der digitalen Welt

Arbeitgeber fordern schon längste agilere Lösungen, Mitarbeiter wünschen sich bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und nun schlagen auch noch die Wirtschaftsweisen in diese Kerbe. Doch politisch abgesichertes, flexibles Arbeiten hat seine Tücken. Denn Ruhezeiten müssen eingehalten werden, die Arbeitszeiterfassung muss modernisiert werden - ansonsten geraten Home-Office und Co zur Ausbeuterfalle für Angestellte. 

"Der Arbeitnehmerschutz in Deutschland hat sich bewährt, aber er ist teilweise nicht mehr für unsere digitalisierte Arbeitswelt geeignet", so zur "WamS". Tatsächlich sind modernere Arbeitszeitgesetze auf der Liste zu den Sondierungsgesprächen der Jamaika-Koalition.

Flexiblere Arbeitszeiten

Dort gibt es drei Vorschläge: Angestellte dürfen an sechs Tagen in der Woche nicht mehr als insgesamt 48 Stunden arbeiten. Pro Tag darf nicht mehr als acht Stunden gearbeitet werden. Und zwischen dem Ende eines Arbeitstages und dem Beginn des nächsten müssen mindestens elf Ruhestunden eingehalten werden. Die Arbeitgeber fordern sogar noch mehr: Sie wollen die Ruhezeiten auf neun Stunden verkürzen und die tägliche Arbeitszeit nicht mehr auf acht Stunden begrenzen. 

Heimlich Arbeitszeit ausweiten

Hier zeigt sich, dass eine Lockerung der starren Arbeitszeit auch zur Mehrarbeit bei gleichem Lohn führen kann. Die Flexibilität, die sich Mitarbeiter wünschen, könnte auch durch die Hintertür zu verkürzen Ruhezeiten führen. Davor warnen auch die Gewerkschaften - und auch die Wirtschaftsweisen. "Eine Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes darf nicht bedeuten, dass man heimlich die Arbeitszeit ausweitet", sagt Schmidt. "Möglicherweise wünschen sich das die Arbeitgeber, aber es sollte lediglich darum gehen, die bestehende Arbeitszeit flexibler über den Tag und innerhalb der Woche zu verteilen." 

Deutschland hinkt bei Home-Office hinterher

Es scheint noch ein langer Weg in Deutschland zu sein, um ein flexibleres Arbeiten zu ermöglichen. Bislang arbeiten nur rund elf Prozent der Deutschen von zu Hause aus - obwohl sich das rund ein Viertel der Angestellten wünscht. Schaut man sich bei den europäischen Nachbarn um, ist Deutschland nicht mal durchschnittlich bei der Umsetzung von Home-Office-Regeln. 

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