HOME

Eon fördert Gas in Algerien: Die Suche nach dem Wüstengas

Im Kampf um die Energiereserven der Welt erobern die Konzerne die letzten weißen Flecken. Jetzt hat sich Eon auf die Suche nach dem gigantischen Gasschatz Algeriens gemacht. Ein riskantes Vorhaben, denn der mächtige Gegner heißt China.

Von Michael Gassmann

Heiß hier. Und einsam. Dutzende von Kilometern im Umkreis des Bohrgestänges nichts als Sonne und himmelhohe Sanddünen. "Das Einzige, was du hier tun kannst, ist arbeiten, essen, schlafen", sagt Dave Hutchinson, ein kerniger Engländer mit Dreitagebart, Goldkettchen und verblüffend guter Laune, trotz Temperaturen von über 50 Grad. Der erfahrene Bergbau-Ingenieur ist Herr über einen Trupp von 80 Arbeitern, die mitten in der Sahara ein 5,3 Kilometer tiefes Loch in den Wüstenboden treiben. Auf der Suche nach Erdgas.

Hutchinson und seine Leute bohren für die Deutschen. Genauer: für den Energiekonzern Eon, der hier, in Rhourde Yacoub, rund 1000 Kilometer südöstlich von Algier, auf einen größeren Fund hofft. Und damit auf einen ersten Erfolg im Wettrennen um die lukrativsten Energiequellen Nordafrikas.

Wettlauf um die letzten Schätze

Seit Längerem schon suchen die Chinesen in der Sahara nach Öl und Gas, der russische Energieriese Gazprom startete 2008 erste Projekte. Nun entdecken auch die Europäer die Energieregion vor ihrer Haustür.

Eon bohrt hier im Wüstensand. RWE kündigte im Juli Investitionen von 3,6 Milliarden Euro für die Erschließung eines Gasfelds vor der ägyptischen Küste an, die BASF -Tochter Wintershall konzentriert sich schon länger auf Libyen. Frankreichs GDF Suez und die italienische Eni sind ebenfalls vor Ort.

Wichtigster Schauplatz ist dabei Algerien. Schon jetzt deckt der Maghrebstaat zehn Prozent des europäischen Gasbedarfs, vornehmlich in Südeuropa. Durch zwei Pipelines, die Transmed-Pipeline über Tunesien nach Sizilien sowie die Maghreb-Europa-Röhre durch die Straße von Gibraltar, wird das Gas direkt nach Europa gepumpt.

Doch die Lieferungen könnten deutlich steigen - und weiter nach Norden dringen. Auch Deutschland könnte sich so aus seiner Abhängigkeit von den beiden dominierenden Lieferländern, Russland und Norwegen, befreien.

Die Erwartungen sind enorm. Mit 81,4 Milliarden Kubikmetern zählte Algerien 2009 bereits zu den sieben größten Gasförderländern der Welt. "Algerien ist bei Erdgas auf dem Niveau von Norwegen, und es gibt weiteres Potenzial", sagt Frank Sivertsen, der Chef der Explorationstochter Eon Ruhrgas E&P und Leiter des Sahara-Projekts.

Unter der Wüste liegen gewaltige Schätze. Nach Zahlen des BP-Konzerns sind die Gasreserven Algeriens mit 4,5 Billionen Kubikmetern sogar mehr als doppelt so groß wie die Norwegens. Gemeinsam bringen es die vier afrikanischen Länder Algerien, Ägypten, Libyen und Nigeria auf acht Prozent der bekannten weltweiten Reserven. Norwegen erreicht 1,1 Prozent.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum die deutschen Konzerne im Wettlauf um das Gas im Hintertreffen sind.

100.000 Euro Kosten täglich

Solche Zahlen wecken Fantasien - und die Bereitschaft für eine Wette mit hohen Einsätzen. Eon will bis Mitte 2012 nahezu 80 Mio. Euro allein in die Erforschung der Gasreserven im Lizenzgebiet Rhourde Yacoub stecken. "Ich bin mir zwar zu 100 Prozent sicher, dass wir Öl und Gas finden werden", sagt Eon-Manager Sivertsen lakonisch. "Die Frage wird nur sein, ob eine Förderung wirklich wirtschaftlich ist."

Immerhin ist der Aufwand beträchtlich. Die sieben Bohrungen, die Eon laut Plan bis 2012 in der Sahara niederbringen wird, kosten den Konzern täglich bis zu 100.000 Euro. Das meiste davon geht für Hutchinsons Bohrturm und die Arbeiten seiner Leute drauf, die in dieser künstlichen Oase bei Höllenhitze Schwerstarbeit leisten.

Länger als vier Wochen am Stück hält es kaum einer von ihnen hier aus - dann werden die Teams komplett ausgetauscht. "Das ist der übliche Rhythmus. Sonst droht Lagerkoller", sagt einer der Manager. Die Handvoll heller Wohncontainer, die sich neben dem Bohrturm in die Dünen ducken, sind hoch umzäunt und ständig beäugt von einer 50-köpfigen Wachmannschaft. Nach Feierabend gibt es ein paar Duschen und Satelliten-TV, viel mehr aber auch nicht.

In diesen Tagen müssen die Männer mal wieder das über fünf Kilometer lange Bohrgestänge aus dem Boden ziehen und für die nächste Bohrung vorbereiten. Mit einem Joystick steuert der Anlagenführer die tonnenschwere Last. Doch die Demontage bleibt Handarbeit, erledigt im Wechsel von drei oder vier Kollegen in Schutzhelm und Overall - egal, wie heiß es ist.

Dann geht die Suche nach den Bodenschätzen an anderer Stelle weiter. Wo genau Hutchinson und seine Männer den Bohrer erneut ansetzen müssen, soll Eric Dean herausfinden. Der Amerikaner im blauen Overall des Explorationsdienstleisters Schlumberger steht 30 Kilometer und etliche Wanderdünen weiter in der prallen Sonne und dirigiert eine Flotte grauer Lastwagen, die aussehen wie eine Kreuzung aus Mondfahrzeug und Mähdrescher.

Im Schritttempo rollen die je 675.000 Euro teuren 40-Tonnen-Monster auf Breitreifen nach einem satellitengesteuerten Fahrplan durch die Dünen. Immer wieder stoppen sie und lassen tonnenschwere Rüttelplatten auf dem Boden vibrieren. Die Wellen werden von den verschiedenen Bodenformationen in charakteristischen Mustern reflektiert. Aufgefangen werden die Signale von Mikrofonen, die ein Heer einheimischer Arbeiter zuvor nach einem exakten Plan in der Wüste ausgelegt hat. Im Idealfall können Geologen daraus auf aussichtsreiche Öl- und Gaslagerstätten schließen. Seit März laufen diese Seismikarbeiten auf Hunderten von Quadratkilometern, 800 Mann sind im Einsatz.

Die Deutschen sind spät dran

Für Europas Energiekonzerne ist diese Basisarbeit ein neues Geschäft. Die Erforschung von Energiequellen haben sie bisher Ölkonzernen wie Shell oder Exxon Mobil überlassen. Nun aber mischen sie selbst mit. Denn sie versprechen sich trotz des hohen Aufwands lukrative Margen, wenn sich die von der Krise gedrückte Nachfrage nach Erdgas wieder erholt.

Der deutsche Eon-Konzern, Europas Nummer eins, hat bereits 2003 mit dem Aufbau einer Explorationssparte begonnen und dafür bisher 5,8 Milliarden Euro ausgegeben. Das Ziel, selbst zehn Milliarden Kubikmeter Gas jährlich zu fördern, sieht Spartenchef Sivertsen in greifbarer Nähe. Zwei, drei Jahre brauche der Konzern voraussichtlich noch, danach seien weitere Steigerungen zu erwarten. "Zehn ist keine magische Zahl", sagt der Norweger, der früher für den US-Ölkonzern Conoco Ölfelder in Skandinavien erforscht hat. Das Ergebnis der Sparte vor Zinsen und Steuern könnte sich in zwei bis drei Jahren auf etwa 1 Milliarde Euro verdreifachen, heißt es im Konzern.

Noch entfällt der größte Brocken auf das von Gazprom entwickelte Feld Juschno Russkoje in Sibirien, in das Eon sich im vergangenen Frühjahr mit Milliardenaufwand eingekauft hat. In eigener Regie Reserven zu erschließen, wie hier in Algerien, ist dagegen weitaus mühsamer und langwieriger - Produktionsstart ist frühestens 2019.

Das alleinige Sagen haben die Deutschen in der Wüste allerdings auch nicht. Die Mehrheit an Rhourde Yacoub hält mit 51 Prozent der algerische Staatskonzern Sonatrach, Eon hat die Betriebsführung bei der Exploration - und das nötige Geld. Denn Algerien benötigt ausländisches Kapital, um die Bodenschätze zu heben.

Vor allem die Deutschen kommen dabei recht spät. Im wichtigsten nordafrikanischen Energieland haben sie nicht nur einen Rückstand gegenüber den Konkurrenten aus Südeuropa und der früheren Kolonialmacht Frankreich aufzuholen, sondern vor allem gegen Rivalen aus dem rohstoffhungrigen China. "Wenn es um den Erwerb von Explorationslizenzen geht, überbieten die Chinesen momentan alles", sagt ein lokaler Energiefachmann.

Anders als die Europäer locken die Chinesen mit zinslosen Krediten und bieten als Bezahlung für Öl und Gas beispielsweise den Bau von Straßen oder ganzen Wohnsiedlungen an. "China investiert in verschiedene Sektoren, darunter die Bauindustrie und das Raffineriewesen", lobt Faycal Abbas, Generalsekretär im Energie- und Bergbauministerium in Algier. So hilft Peking, schwache Wirtschaftszweige wie Tourismus, Landwirtschaft oder Ölverarbeitung in Gang zu bringen. Dieses Rezept, findet Abbas, könnten die Europäer ruhig kopieren.

Gasdollars für das Bildungswesen

Das Vorgehen der Chinesen kommt nämlich dem dringenden Wunsch Algeriens entgegen, sich aus der extremen Abhängigkeit von Energieexporten zu befreien. 2009 entfielen nicht weniger als 98 Prozent der Exporterlöse auf Öl und Gas. Algerien hat so zwar Währungsreserven von mehr als 150 Mrd. Dollar angesammelt, die Auslandsverschuldung weitgehend reduziert und die Inflation unter zehn Prozent gesenkt. Doch die weitgehend staatlich gelenkte Volkswirtschaft leitete kaum etwas von den Öl- und Gasdollars an die Bevölkerung weiter. Erst nach und nach wird in Straßen, in den Wohnungsbau oder ins marode Bildungswesen investiert.

Algerien gilt als schwieriger Investitionsstandort. Die deutsche Außenhandelsagentur GTAI warnt vor bürokratischen Verzögerungen und Hürden. Herausragendes Projekt deutsch-algerischer Energiekooperation ist bislang eine Gemeinschaftsfirma von BASF und dem Staatskonzern Sonatrach - in Spanien.

Kein Wunder, dass deutsche Investoren in Algerien bisher eher einen Ruf als Zauderer haben. "Die Deutschen haben sich immer alles angeschaut, aber dann nicht investiert", klagt Generalsekretär Abbas. Aber nun ist ja Eon in die Wüste gekommen. In ein paar Wochen werden die Deutschen weiterziehen. Das Lager in Rhourde Yacoub wird dann abgebrochen und woanders wieder aufgeschlagen. Dave Hutchinson wird dann seinen Bohrturm wieder aufstellen - und das vierte Loch in den Saharaboden treiben. Auf der Suche nach dem Gas.

FTD