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Finanzkrise in Deutschland: Endstation Sehnsucht

Es lief doch gerade wieder rund in diesem Land. Nun erleben wir einen Herbst, in dem vieles zusammenbricht. Die Krise ist so übermächtig geworden, dass sie sich nur noch im Kleinen erzählen lässt. Eine Deutschlandreise.

Von Lorenz Wagner

Diese Geschichte, lieber Leser, hat keinen Anfang. Wie also beginnen? Mit einer Szene, die traurig stimmt? Mit einem der Augenblicke, und die gab es, die einen auch mal lachen lassen? Oder zumindest lächeln?

Mit dem Arbeiter, dessen Stimme verzagt, wenn er an seine kleine Tochter denkt? Mit dem Nationalspieler, der lieber über eine Wade spricht als das Unglück der Nation? Mit einem geprellten Aktionär, der in einer Kneipe gegen eine Tuba anschreit?

Mit den beiden Aufsichtsräten, deren Vertrauen erschüttert ist? Mit dem größten Handelssaal Europas, in dem der Wahnsinn tobt? Mit dem Mann, der tatsächlich etwas Tröstliches sagt? Oder schlicht und einfach mit Franz Müntefering, Angela Merkel oder Papst Benedikt?

Sie alle sind Teil dieser Geschichte, sie alle durchleben einen Herbst, an den sie sich ihr Leben lang erinnern werden. Was wird mit unserer Welt? Sie durchleidet eine Krise, so groß, verwirrend und übermächtig, dass sie sich nur noch im Kleinen erzählen lässt.

Mit einer Reise, eine Woche lang quer durch Deutschland. Sieben Stationen an sieben Tagen. Es ist keine schöne Reise. Aber sie lohnt sich.

Das Land rollt vorbei

Sie beginnt am Montag, dem 13. Oktober, in Hamburg, Bahnhof Altona, Schlag 8.32 Uhr. Ein Pfiff, ein Ruck, los geht's, das Land rollt vorbei. Die Sonne blinzelt durch den Nebel, die Wiesen glänzen im Tau, die Bäume leuchten in Gelb und Rot. Schienenrattern, der Waggon ist Dösen, Lesen und Kaffeeduft. Ein Montag wie jeder andere, abgesehen von dem einen oder anderen Frühstücksgespräch im Bistro:

"Und was machen Sie?"

"Vermögensberater."

Stille.

"Keine guten Zeiten."

"Och, einem Bekannten von mir geht's gut. Der hat auf den fallenden Dax gewettet. Tausend Papiere, 6 Euro das Stück. Der ist bei 18 Euro oder so rausgekommen."

"Da ist er aber einer der wenigen."

Wieder Stille.

"Wir haben jetzt ein Revival von Omas Sparstrumpf."

"Ja. Gute Zeiten für Einbrecher."

Der Vermögensberater lacht, der andere wendet sich lieber seinen Zeitungen zu. Sie berichten nicht, sie schreien: "Börsen außer Kontrolle" - "Berlin legt größten Rettungsplan der Geschichte auf" - "Deutsche fürchten um ihr Geld" - "Hatte Karl Marx doch recht?" Etwas versteckt steht diese Zeile: "Opel stoppt Produktion".

Es ist das erste Ziel der Reise. Nach drei Stunden ziehen draußen Lauben und Grubenhäuschen vorbei. "Bochum Hauptbahnhof", verkündet eine Lautsprecherstimme. Bochum, eine Stadt in Angst.

GM-Tochter beinahe größter Arbeitgeber

Opel hat der Stadt Arbeit gegeben, als die Fördertürme zu Schrott oder Museen wurden. Noch heute ist die GM-Tochter Opel hier neben der Universität der größte Arbeitgeber, beschäftigt 5300 Menschen. Leise treiben die Opelianer den Werken entgegen, die Köpfe gesenkt, die Gesichter zerkniffen. Sie kommen aus den Herbstferien. "Den Zwangsferien", wie einer sagt.

Seit Monaten verkauft Opel weniger Autos, also haben sie Überstunden abgefeiert, Urlaub genommen. Nun sollen sie schon wieder Pause machen? Aus dem Radio und Fernsehen haben sie es erfahren, der eine in Holland, der Nächste in seiner Laube, der Dritte auf Korsika. Getuschel: "Weißt du was?" - "Kein Schwein weiß etwas." Diese verflixte Bankenkrise. Christian Andresen, einer der Arbeiter, sagt: "Wenn die Tochter mich fragt: 'Papa, hast du bald keinen Job mehr?' Da weiß Papa nicht, was er darauf antworten soll." Seine Stimme verliert jeden Ton.

Ein neuer, unbekannter Feind ist in ihr Werk eingedrungen. Mit Bossen und Kostenkürzern, da kennen sie sich aus, seit 40 Jahren kämpfen sie diesen Kampf. Wie oft haben sie vor Tor 1 gestanden, vor den rostigen Fahnenstangen, wie oft haben sie die Bänder stillgelegt, haben ihre Parolenwut in die Klinkerhallen getragen! Meist hat's was gebracht: mehr Lohn, Werksgarantien.

Aber was wollen sie diesem Feind entgegenschreien? "Diese Dinge können wir nicht verstehen", sagt eine Arbeiterin. "Wir können das nicht verändern. Der Staat muss das tun."

Ein Wochenende gerechnet und gerungen

Das tut er auch, an diesem Montag. Ein Wochenende haben sie gerechnet und gerungen, Angela Merkel, Peer Steinbrück, die ganze Koalition, bis in die Nacht. Nun ist die Erste Hilfe da. 500 Milliarden Euro.

"Der Rettungsplan wird den Fall nicht stoppen." Ein alter Mann mit Glatze und Bart und einer Haut, die nur aus Poren besteht, bestellt beim Schaffner ein Bier. "Von jetzt ab geht es abwärts." Der Alte ist auf dem Weg zum Flughafen, er fliegt nach São Paulo, zu seiner Frau, zu seinen Kunden.

Seit Jahrzehnten verkauft er in Südamerika Maschinen zum Kleiderfärben. Er nimmt einen großen Schluck. "Schlechte Zeiten." Sein Laptop klappt auf, kleine gelbe Bildschirmakten: Argentinien, Brasilien, Peru, Ecuador. Zuletzt hat er 15 Maschinen im Jahr verkauft, für rund 300.000 Euro. "Das nächste halbe Jahr: Umsatz null." Zeigefinger auf Daumen. "Null." Noch ein Schluck. "Auch ein Bier?"

Das ganze Land wird hinschauen

Ein Mercedes-Werk, Düsseldorf Hauptbahnhof, die zweite Station der Reise, es ist kein Ort der Angst, im Gegenteil. Im Hilton trifft sich die IG Metall aus NRW. Am Dienstag beginnen ihre Tarifgespräche. Dieser Bezirk hat die meisten Mitglieder, also wird das ganze Land hinschauen. Vor dem Treffen mit den Arbeitgebern machen sich die Genossen im Saal Platon noch einmal Mut. "Geht's gut?", grüßt einer. - "Bisher ja." Der Trotz verschränkt ihre Arme. "Wollen wir doch mal sehen."

Zigaretten und Zahlenwerke fliegen auf die Tische. Arbeitszeitkonten, Exportkurven, Blitzumfragen: Vier von fünf Mitgliedern wollen, dass die Gewerkschaft jetzt mal richtig was für sie rausholt. Leute wie Metin Seitoglou, der im Mercedes-Werk arbeitet, aber kein Auto fährt. "Das müsste ich mir vom Kühlschrank absparen." Bei jedem Satz schlägt er mit der Faust in die Hand. "Seit vier Jahren haben wir Jahr für Jahr die Stückzahl erhöht." Zack. "Wir haben immer Leistung gebracht, waren immer flexibel." Zack, zack. "Und es wird auch alles teurer, Essen, Strom, Gas. Zack, zack, zack.

Lange Jahre haben sich die Gewerkschafter gezügelt, haben auf gute Zeiten gehofft. Und die waren doch endlich da. Über das Jahr 2007 der Maschinenbauer hätte selbst Ludwig Erhard gestaunt. Nun wollen die Genossen etwas nachholen. Acht Prozent mehr Lohn werden sie fordern.

Nur, am Morgen haben die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute vorhergesagt, wie unsere Wirtschaft im nächsten Jahr wachsen wird. Das Ergebnis lässt sich in zwei Worten zusammenfassen: oh, oh.

Das kann nicht sein!

Nein, das darf, das kann nicht sein! Drei IG-Metaller an einem Stehtisch. "Die Wirtschaft brummt", sagt der Erste. "Wenn bei Opel die Bänder stehen, hat das mit der Finanzkrise nichts zu tun", der Zweite. "Ich höre immer nur Wahrnehmungsverlust. Aber da ist nix am Brennen", der Dritte.

Und der Landeschef Oliver Burkhard sagt: "Ich bitte die Arbeitgeber innezuhalten, nicht schwarzzumalen. Wirtschaft ist auch Psychologie."

Deutschland versinkt in Schwermut. Sind die guten Jahre etwa schon vorbei? Nur zwei gute Sommer? Es ist wie verhext. Die Erinnerung an die schönen Zeiten parkt sogar noch vor dem Hotel: der Bus der deutschen Fußballnationalelf. Am nächsten Tag geht's gegen Wales. Im Foyer sitzt Lukas Podolski, in kurzer Hose. Er gähnt und gähnt.

Der Herbst ist schwarz und schwer

Ach, das Sommermärchen, wie hat es das Land verändert, alles war leicht und fröhlich; dieser Herbst dagegen ist schwarz und schwer. Neben dem Empfang steht Oliver Bierhoff im Sorgengespräch, hinter ihm flimmert ein Flachbildschirm: "Deutschland am Rande der Rezession". Was der Teammanager wohl zur Finanzkrise sagt? Nichts. Er spricht lieber über Ballacks verletzte Wade. Die lässt sich leichter heilen.

Nicht weit vom Hilton, man kann rüberwinken, steht ein Klotz aus Marmor, Glas und Schiefer, so fett und wehrhaft, kein Feind, meint man, könnte je in sein Inneres dringen, in diese sonderbaren Gänge, erleuchtet in Pink, Popgrün und Polarblau, an ihren Wänden Wort-Neonröhren mit Botschaften aus einer sinkenden Welt: "start up", "cash flow", "mezzanine".

Und doch hat die Krise hier gewütet, in der deutschen IKB, lange bevor sie den Rest des Landes heimsuchte. In diesen Büros hat die Krise angefangen, hier kam sie das erste Mal nach Deutschland. In einem der Büros sitzen zwei ältere Herren mit Schnurrbärten und rheinischem Singsang, Ulrich Wernecke und Wolfgang Bouché, zwei Aufsichtsräte der IKB. Sie haben nichts von dem, was ein Banker - oder Bänkster, wie er in diesen Zeiten auch wieder genannt wird - nach Volkes Meinung an sich haben müsste: nichts Glattes, Geriebenes, Großtuerisches.

"Das kam über Nacht"

Seit Jahrzehnten sind sie dabei, und nie konnten sie sich vorstellen, dass ihrer Bank so etwas passieren könnte. Noch heute bekommen sie große Augen, wenn sie davon erzählen: "Das kam über Nacht", sagt der eine. "Der Markt ist zusammengekracht." Er haut auf den Tisch. "Das ist anders als in der Automobilbranche. Da geht ja erst mal der Umsatz runter, man ist vorbereitet. Aber wir waren nicht vorbereitet."

Unsummen hat die Bank in Amerika verloren, als sie auf dem Hypothekenmarkt spekulierte. Der Staat musste die IKB retten. Schuld an dem Desaster, so der Bundesrechnungshof, war der damalige Vorstand. Der Aufsichtsrat wurde durch einen Wirtschaftsprüfer entlastet.

"Wissen Sie, wie man mich schon begrüßt hat?", fragt Ulrich Wernecke. Mit: "Na, Sie Pleitebanker?" Stille. "Das tut weh." Und es tut weh, wenn die Mitarbeiter zu ihnen ins Büro kommen, die beiden sind ja auch die Betriebsratschefs. Niedergedrückte Mitarbeiter hocken dann vor ihnen, "der Bote, die Sekretärin, Leute, die nichts dafürkönnen". Und sie erzählen den Alten, wie sie leiden: die Angst um den Job, die Häme, das verlorene Geld. Viele haben IKB-Aktien. "'Das ist was zum Vererben', haben wir immer gesagt."

Ein Ort des Grams

Und so hat sich dieser Ort der Schuld, des Spekulantentums in einen Ort des Leids, des Grams verwandelt. So gern würden die beiden Alten ihren Leuten Mut machen, die Pleite ist ja erst mal abgewendet, doch gerade jetzt muss die Krise wiederkommen, über das ganze Land.

Der Rhein fließt vorbei, die Uferwiesen liegen braungrün und leer, ganz anders als vor drei Jahren, als der Papst in seine Heimat kam, als die Kirchenjugend in Kölns Straßen tanzte, als sie pilgerte und betete und Viva Colonia sang. Die ganze Welt schaute auf Deutschland, und Benedikt, der Vertreter der reinen Lehre, verwandelte sich in einen lächelnden Großvater, der mit seinem dürren, staubtrockenen Stimmchen der Welt Gutes vorhersagte, die eine solche Jugend hätte.

Lang ist es her. Heute spricht der Papst wieder in gekannter Strenge und Sorge. "Wir sehen jetzt durch den Zusammenbruch der großen Banken, dass Geld einfach verschwindet, dass es nichts bedeutet und dass alle Dinge, die uns so wichtig erscheinen, in Wirklichkeit zweitrangig sind."

Überall pflichten sie ihm bei

Er stellt unsere Gier an den Pranger, und überall pflichten sie ihm bei, an den Stammtischen, in den Parlamenten, sie tun, als seien ihre Weisheiten neu, als gäbe es kein Gleichnis vom Goldenen Kalb, und sie schimpfen auf diese Geldzusammenkratzer, freuen sich über jeden Spekulanten, der bei diesem Treiben verliert.

"Ich habe kein Mitleid" ist zu einem der meistgesprochenen Sätze in diesem Land geworden. Kein Mitleid mit Pleitebankern, keines mit Pleitezockern. "Es gibt ja schon Witze über Lehman-Geschädigte", sagt Berthold Wimmer, ein Mann mit grauem Wuschelbart, Tabakbeutel und Citibank-Goldkarte. 10.000 Euro hat er verloren. Im Internet hat er Mitstreiter gesucht, überall in Deutschland gründen sich Foren, Vereine von Finanzmarktverlierern. Die Gruppe Köln trifft sich im "Klimperkasten", einer gelbstichigen Kölschkneipe mit Plastiktrauben an der Decke. Es ist ein Treffen voller Wut.

Berthold:

"Tagesordnungspunkte?"

Schweigen.

Berthold schaut sich um: 30 Leute, vor allem graues Haar, karierte Hemden, gestreifte Blusen, zornige und ratsuchende Gesichter.

Berthold:

"Mit welchen Erwartungen seid ihr hier?"

Alle durcheinander: Sammelklage, Demo vor der Citibank.

Berthold:

"Demo? Da bin ich dafür."

Zwischenruf: "Aber auch vor der Dresdner."

Tagesordnung: 1. Rechtsfragen, 2. Aktionen, 3. Sonstiges.

Berthold:

"Ich will eine Anzeige machen. Wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung". Er lacht. "Geht jemand mit? Eine kleine konspirative Gruppe?"

Stimmen kreuz und quer.

Berthold:

"So geht das nicht."

Vorschlag: Arbeitsgruppen bilden, Ergebnisse beim nächsten Treffen.

Berthold:

"Wer macht mit bei der Rechtsgruppe?

Eine Hand.

"Wer noch?"

Eine zweite, eine dritte. Nach einer Weile eine vierte.

"Du auch?"

"Nöö, ich wollte mein Kölsch haben."

Gelächter.

Die Gruppe findet sich, fragt nach Wünschen. Als eine Frau mit Pferdeschwanz und Brille im Haar ansetzt, tost Musik auf: "Jupp und Jüppchen - das erste selbstspielende Puppen-Tuba-Akkordeon-Orchester der Welt." Sie spielen: Tanze mit mir in den Himmel. Ich finde ... (tanze) ... Rechtschutzversicherung ... (mit dir) ... Deckungsschutz ... (Himmel) ... Verhandlungsmacht des Anwalts ... (düdelüdü) ...

Schreiende Beratung; Plakate und Demonstrationstage. Einer will mit einem Zeugen den Bankberater in die Ecke treiben; Manni will mit seinem Oldtimer, einem Citroen, jede Filiale der Citibank abfahren, darauf hat er Briefe und Anklagen geklebt. Manni. "Meine Frau ist dagegen, aber ich ziehe das durch."

In die Wut mischen sich Tränen. Ein Mann in grauem Alter hat seinen Job verloren - nach 35 Jahren; die Abfindung steckt in Lehman-Zertifikaten: 25.000 Euro. Hätte gereicht bis zur Rente; hätte.

"Der Berater hat gesagt: Das ist eine solide Anlage. Lehman, die sind größer als die Deutsche Bank. Und 100 Prozent Kapitalschutz drauf. Mehr geht doch nicht."

Pause. "Mehr geht doch nicht."

Im Bordbistro stehen die Fahrgäste schon nicht mehr, sie stecken fest. Der Zug musste Waggons abkoppeln und hat nun eine Stunde Verspätung. Die Schaffnerin entschuldigt sich. "Da steckt doch System dahinter", schimpft eine dunkle Stimme. Ein Mathematiker. Er hat ein Programm geschrieben. "Die Hälfte der Züge auf dieser Strecke ist verspätet und fährt nur mit einem Zugteil", behauptet er. Absicht! Ein kurzer Zug sei ja billiger, dazu die bezahlten Reservierungen für die fehlenden Waggons - das läppert sich. "Aber an die Börse wollen!" - "Der Börsengang ist verschoben", antwortet die Schaffnerin. "Wegen der Finanzkrise."

"Willkommen in Frankfurt", tönen die Lautsprecher. Sie könnten auch sagen: "Willkommen im Wahnsinn."

Ab und an bricht das Drama durch

Wie leise der Wahnsinn sein kann! Der Handelssaal der Commerzbank, der größte Europas, fünf Minuten braucht man, um einmal durchzuschlendern. 500 Händler und Strategen, Telefongemurmel, Tastentipperei, fast jedes Geräusch verschlucken der rote Teppich, die Vertäfelung und die hohe Decke. Nur ab und an bricht das Drama durch, springt ein Händler auf: eine Order oder Kundenfrage, fremde Worte hetzen hin und her, für Eingeweihte. Dann: "Alles klar?" - "Ja". Abschluss. 8 Millionen US-Dollar für Euro gekauft. Der Händler steht noch einige Sekunden starr, wie eine Antilope, die einer Löwin entkommen ist. Wieder Stille. Wann kommt die nächste Attacke?

"Du musst in Sekunden entscheiden", sagt Antje Praefcke, 38, eine Frau mit müden, meergrünen Augen und einem Halstuch, das in der Farbe gut zu den rotgehetzten Wangen passt. Sie sitzt auf einem kleinen Fleck in der Bürohalle, hinter einer Bildschirmwand, die eine eigene Klimaanlage kühlen muss. Lange Jahre hat Antje Devisen gehandelt, hat Euro und Yen und Forint gekauft und verkauft, die Ohren an den beiden Hörern, einem grauen und einem schwarzen, die Augen auf den fünf Bildschirmen, auf denen Zahlen in allen Farben blinken. Kaum eine Zahl steht zwei Sekunden still.

Notenbanken stemmen sich gegen die Krise

Heute ist Antje Devisenstrategin, hilft den Händlern bei ihrer Orderjagd, späht auf die Märkte, versucht, sie als Erste zu verstehen, und ruft ihre Schlüsse in den Saal hinein: "konzertierte Zinssenkung". Die Notenbanken stemmen sich gegen die Krise, die Devisenkurse rasseln, keiner hat damit gerechnet. Wer? Wie viel? Die Schweiz nur um 0,25 Punkte! Schnell!

Wenn sich Antje mal von ihrem Platz löst, wenn sie sich mal hinhockt, um zu erzählen, spricht sie so schnell, als müsse sie ein Zinsrennen gewinnen. Börsenhandel ist Psychologie. Was jetzt passiert, ist Psycho. Früher gab es Gewissheiten, Erfahrungen, kleine Ausschläge. Die Gewissheiten sind verloren gegangen. Jede Sekunde kann etwas geschehen. Die Ausschläge treiben die Händler schier in den Wahn. "Selbst die Zeit nach dem 11. September war nicht so anstrengend. Diese Krise ist Kopfkino", sagt Antje. Ein Bekannter hat vier Wochen unbezahlten Urlaub genommen, andere überlegen: Soll das mein Leben sein? Antje trotzt: "Ich mach es ja gerne." Ab und zu sagt sie zu ihrem Teamleiter: Ich reiche bald eine Kur ein. Lachen hilft. Und Schwimmen. Jeden Abend mit dem Kopf unter Wasser. "Nichts hören." Antje Praefcke schwimmt zur Entspannung vom Job. Sie ist Schwimm-Europameisterin in ihrer Alterklasse.

Eine weiße villa mit geschwungenem Balkon

Da hat Thomas Mann völlig recht. Er hat ja mal in der Poschinger Straße gelebt, in einer weißen Villa mit geschwungenem Balkon, heute wohnt ein Investmentbanker darin, aber von dem soll hier nicht die Rede sein. Die Hauptperson dieser Reisestation sitzt ein paar Häuser weiter in der Straße, in einem Zimmer mit dünnem Teppich und alten Fensterbänken.

Er heißt Doktor Abberger und ist ein Wissenschaftler und einer dieser Menschen, die ihre Mitmenschen so gut beruhigen können: lächelnde Augen, tiefe Stimme, badische Klangfarbe, lockerer Pulli und schlendernder Gang, gebeugt, ein wenig versunken.

Der Doktor ist ein wichtiger Mann. Wenn es einen Menschen in Deutschland gibt, der der Wirtschaft aufs Maul schaut, dann ist er es, der Herr der Zahlen, der für das Ifo-Institut den Geschäftsklimaindex erstellt.

Jeden Monat tritt er mit Fragen an die Unternehmer des Landes heran, fragt, was sie über das Jetzt und das Morgen denken, fragt nach ihren Aufträgen und Erwartungen. Und in diesen Wochen lassen die Antworten den Doktor die hohe Stirn in Falten schlagen. "Nein", sagt er. "Das lässt mich nicht kalt, es sind ja auch die Freunde betroffen, die Kinder." Aber er kann nichts dagegen tun: "Es bringt nix zu sagen: Das wird schon nicht so schlimm‘, nur weil man es will. Wir müssen objektiv bleiben."

Jedes Wort wägt er ab

Und objektiv, das ist er, der Doktor, jedes Wort wägt er ab, jeder Zahl fügt er eine Erklärung hinzu, und doch macht es Spaß, mit ihm über gefallenes Akazienlaub zu spazieren. Allerlei Gutes und Bedenkenswertes hat er zu erzählen, in diesen Zeiten des Geschreis und Getöses. Sicher, wir haben eine Finanzmarktkrise, aber wir haben keine Krise der Realwirtschaft. Sicher, vielen Branchen geht es schlechter, aber doch noch recht gut, etwa der Chemie und dem Maschinenbau. Sicher, es geht jetzt nach unten, aber "Mitte nächsten Jahres rechnen wir mit einer Erholung".

Das Ifo-Institut, dessen Chef so viel Schlechtes über Deutschland sagt, es ist ein Ort der leisen Hoffnung. So einen Mutmacher könnten sie auf der letzten Station dieser Reise gebrauchen. Berlin, vorbei geht's am Kanzleramt, weiter in den Osten hinein, ins Estrel Hotel in der Sonnenallee. Dort hat sich ein zerstrittenes, verunsichertes Völkchen versammelt, die SPD, zu ihrem Sonderparteitag.

Seit Jahren ist die Partei zerrissen, zwischen den Linken und den Rechten. Sie passen so gut in die Zeit: Arbeit gegen Kapital, Staat gegen Markt, Freiheit gegen Sicherheit. Und Sehnsucht: nach Geschlossenheit, Gewissheiten, Sicherheiten.

Es geht um Sicherheit und Vertrauen

"Wir wissen, dass es mehr denn je um Sicherheit und Vertrauen geht", sagt Frank-Walter Steinmeier zu Beginn seiner Rede. Und diese Sicherheit, dieses Vertrauen wollen die neuen Chefs ihren Genossen in die Herzen pflanzen. Lange Minuten sprechen sie über das Leid und den Schaden, den die Krise über die Welt gebracht hat. "Was haben die Herren Experten gesagt: Wirtschaft wird in der Wirtschaft gemacht, und der Staat hat sich rauszuhalten", ruft Steinmeier. "Jetzt ist Zeit umzudenken. Diese neue Zeit muss unsere Zeit sein!"

Stehen werden sie, so versprechen sie den Genossen, wie gute Sozialdemokraten immer gestanden haben. Herbert Wehner, Willi Brandt und immer wieder, Helmut Schmidt, dem Weißen und Weisen der Nation, dem Kritiker des "Kasinokapitalismus", der in der ersten Reihe sitzt und dem ein Applaus entgegenfliegt, dass ihm die Zigarette ausgehen müsste.

"Sturmerprobt seit 1863"

Es ist ein guter Tag für die Sozialdemokraten. Man kann ihnen beim Wachsen zugucken, den Genossen, mit ihren roten Schals, mit den Ansteckern auf der Brust: "Sturmerprobt seit 1863" steht darauf. Sie haben, an diesem Tag, eine Antwort auf ihre Sehnsucht bekommen. Eine Antwort, wie sie das Land auch braucht.

Heim geht's nach Hamburg. Im Zug sitzt Hellmuth Karasek. Er gießt sich einen Blanc de Blancs ein und lässt sich von seiner Tochter die Tücken einer Digitalkamera erklären.

Die Krise? "Ich merke ja nichts davon. Ich kriege hier meinen Sekt, meine EC-Karte geht noch, und es gibt noch Elektrizität. Nein, für mich ist das alles surreal. Das ist wie mit dem Witz von dem Chinesen: Ein Delinquent wird zum Tode durch das Schwert verurteilt. Das Schwert ist besonders gut. 'Ich spüre nichts', sagt der Delinquent. – 'Na, dann nicken Sie mal.'"

Eine Woche ist vergangen, es ist Montag, der 20. Oktober, Schlag 8.32 Uhr. Bahnhof Altona. Eine neue Reise? In andere Städte? Zu anderen Stationen? Sie brächte andere Gewissheiten und doch dieselben.

Nein, lieber Leser, diese Geschichte hat keinen Anfang, und sie hat auch kein Ende, jedenfalls keines, das Sie am Dienstag in der Zeitung lesen können. Das Ende der Geschichte finden Sie in einiger Zeit im Geschichtsbuch. Hoffen wir das Beste.

FTD