Führungskräfte Bedingt führungsfähig


Sie verdienen viel, schaffen weniger Gewinn als die Konkurrenz - und halten sich trotzdem. Denn die Chefs der Dax-Firmen sind eine Familie, die niemanden fallen lässt.
von Walter Wüllenweber

So ist das in der Natur: Wenn der Alpha-Wolf alt wird, kommt ein junger und beißt sich an die Spitze. Der darf dann als Erster fressen und die Weibchen begatten. Und der alte Chef? Keine Weibchen mehr und nichts zu fressen. Der muss weg. Das ist brutal, aber sinnvoll. Denn es geht nicht um das Wohl ehemaliger Rudelchefs, sondern um das des Rudels. Das Wolfsprinzip gilt in der ganzen Welt - auch in erfolgreichen Unternehmen. Wenn die Zeit des Chefs abgelaufen ist, werden alle Verbindungen radikal abgeschnitten. Schließlich geht es nicht um das Wohl alter Konzernchefs, sondern um das des Konzerns.

Und wie machen es die deutschen Topmanager in den deutschen Topunternehmen? Auch hier kommt ein frischer Alpha-Manager an die Spitze, wenn der alte schwächelt. Und dann verlässt der alte Wolf das Rudel? Von wegen. Der behält seinen Parkplatz, seinen Wagen, seinen Chauffeur, seine Sekretärin, sein Büro und natürlich den Großteil seiner Bezüge. Und: Er behält seine Macht. Indem er Vorsitzender des Aufsichtsrates wird, also oberster Kontrolleur seines Nachfolgers. Denn in den Führungsetagen deutscher Vorzeigefirmen geht es meist nicht um das Wohl der Firma, sondern um das der Bosse.

Was in anderen Ländern das Gesetz verbietet, ist in der Hälfte der 30 Dax-notierten Unternehmen Realität: die Beförderung des alten Chefs in den Aufsichtsrat. Zuletzt hat Heinrich von Pierer diesen Schritt angekündigt, seit zwölf Jahren Vorstandsvorsitzender von Siemens. Anfang Juli ließ er wissen, dass er seinen Chefposten im Januar 2005 dem Kollegen Klaus Kleinfeld vererben und sich dann selbst zum Aufsichtsratsvorsitzenden machen werde. Als handele es sich um sein Eigentum. Die wahren Eigentümer der Firma, die Aktionäre, wurden nicht gefragt.

Eigentlich klingt es vernünftig, wenn die Erfahrung des Ex-Bosses weiter genutzt wird. Theoretisch. Doch wie soll der neue Siemens-Kapitän Fehler seines Vorgängers korrigieren, wenn der im Nachbarbüro sitzt und ihm permanent auf die Finger schaut? Genauso ergeht es dem aktuellen Vorstandschef von VW, Bernd Pischetsrieder. Kürzlich hatte er in einem Interview zugegeben, der Edel-Volkswagen Phaeton sei "nicht unverwechselbar genug" - und darum beinahe unverkäuflich. Doch Pischetsrieder hat nicht die Macht, den Bau des Verlustbringers zu beenden, denn der Phaeton ist das Lieblingsbaby seines Vorgängers Ferdinand Piëch. Und Piëch sitzt dem Aufsichtsrat vor und damit Pischetsrieder im Nacken. Kurz nach Veröffentlichung des Interviews ruderte die VW-Pressestelle zurück und betonte, der Phaeton werde natürlich weiter gebaut.

Das Ausmaß des deutschen Aufsichtsunwesens beunruhigt inzwischen sogar die EU-Kommission. EU-Binnenmarktkommissar Frits Bolkestein hat vor wenigen Wochen Regeln erarbeitet, wonach Vorstände erst nach einer Sperrfrist von fünf Jahren in den Aufsichtsrat wechseln dürfen. Den deutschen Unternehmen könnte das helfen, wurden doch gerade die Flaggschiffe der deutschen Wirtschaft im vergangenen Jahrzehnt von der erfolglosesten Manager-Generation der Nachkriegsgeschichte gesteuert. Die durchschnittliche Rendite deutscher Topfirmen lag in den 90er Jahren unter fünf Prozent - also auf Sparbuchniveau. Die Manager in den USA erreichten hingegen zehn, im Rest der EU sogar zwölf Prozent Rendite. Zudem brach in keinem vergleichbaren Industrieland die Börse nach dem 11. September 2001 so brutal ein wie hier. Und nirgendwo erholt sie sich so langsam.

Zur Spitzengruppe der Erfolglosen gehört Jürgen Schrempp, Vorstandschef von Daimler-Chrysler. Sein Wirken vernichtete über 40 Milliarden Euro. Das entspricht fast dem Haushalt von Nordrhein-Westfalen, dem größten Bundesland. Doch der Aufsichtsrat hat Schrempp nicht entlassen, sondern nach der Hauptversammlung im April 2004 seinen Vertrag verlängert. Vorzeitig. Um drei Jahre. Der Gesamtvorstand von Daimler-Chrysler ist mit insgesamt 40,8 Millionen Euro Jahresgehalt der bestbezahlte der Republik. Die Idee, dass sich in schlechten Zeiten auch hier sparen ließe, kam der Chefetage erst am letzten Wochenende, nach massivem Druck von Gewerkschaft und Politikern. Mit bis zu zehn Prozent weniger Gehalt wolle sich der Mercedes-Vorstand an dem derzeitigen Versuch beteiligen, die Arbeitskosten massiv zu senken. Die Manager werden die Einschnitte verschmerzen können: Seit der Daimler-Chrysler-Fusion hat sich das Einkommen des Vorstands fast verdreifacht.

Generell gilt: In der Familie der Dax-Vorstände bedeutet Erfolglosigkeit nicht automatisch das Karriere-Ende. Als in den vergangenen drei Jahren die Herren Rolf E. Breuer (Deutsche Bank), Albrecht Schmidt (Hypo-Vereinsbank), Henning Schulte-Noelle (Allianz), Hans-Jürgen Schinzler (Münchener Rück), Martin Kohlhaussen (Commerzbank) und Manfred Schneider (Bayer) von ihren Vorstandsposten abtraten, hinterließen sie jeweils schwer angeschlagene Unternehmen. Doch statt den Generationswechsel zu vollziehen und die Erfolglosen zu entsorgen, wurden diese zu Aufsehern ihrer Nachfolger befördert.

Die erfolgloseste Manager-Generation seit dem Krieg

Und werden rührend umsorgt. So haben noch zwölf pensionierte Vorstände der Deutschen Bank ein Büro bei ihrem alten Arbeitgeber. Die obersten Etagen einer der beiden Bürotürme in Frankfurt sind die Pflegestation der Bank. Auch bei den Pensionen ist man nicht kleinlich. Die passiven Vorstände der Deutschen Bank kassieren zusammen mehr Altersgeld als die Aktiven an Gehalt. Insgesamt sieben Dax-Firmen machen das so. Bei der Hypo-Vereinsbank sind die Ex-Vorstände sogar mehr als doppelt so teuer wie die amtierenden.

Welche Vollkasko-Altersversorgung sich die deutsche Vorstandskaste gesichert hat, bleibt ihr großes Geheimnis. Nur der Mannesmann-Prozess zieht hin und wieder den Vorhang beiseite und zeigt, was so üblich ist. Ein Beispiel aus den Gerichtsakten: Als die Mannesmann-Chefs sich einen Teil ihrer Rentenansprüche von Vodafone abkaufen ließen, sollte der ehemalige Arbeitsdirektor Josef Murawski mit gut 3,9 Millionen Mark abgefunden werden. Unmöglich, entgegnete der und verwies nicht etwa auf besondere Leistungen, sondern auf seine Frau. Die sei 20 Jahre jünger als er. Also besonders teuer. Da hatten die Herren ein Einsehen. Wegen seines schweren Schicksals bekam er einen Nachschlag von 770.000 Mark.

Nein, die Chefetagen der Dax-Familie sind keine Permafrost-Zonen menschlicher Kälte. Nackte Zahlen, Rendite, Gewinn, der Aktienkurs - daran sind die Steuerleute nicht zu sehr interessiert, sondern zu wenig. Die Atmosphäre innerhalb der Elite deutscher Manager wird nicht geprägt von der herzlosen Logik der Ökonomie. Priorität genießt die Freundschaft. Und hat einer noch so viel Mist gebaut, die Solidargemeinschaft der Dax-Manager lässt so schnell niemanden fallen.

Nicht einmal Albrecht Schmidt. Der war vor eineinhalb Jahren noch Vorstandsvorsitzender der Hypo-Vereinsbank (HVB). Unter seiner Führung drehte die Bank Tausenden Sparern überteuerte Wohnungen an, die sie heute offiziell als "Schrottimmobilien" bezeichnet. Die Bank schrammte haarscharf an der Pleite entlang. Trotzdem wurde Schmidt Aufsichtsratsvorsitzender. Sein Nachfolger, Dieter Rampl, gibt sich alle Mühe, Schmidts Kurs zu ändern. Doch der Alte kommt noch täglich ins Büro. Jeder in der Münchner Zentrale der Bank weiß, wer der Boss ist.

Und auch jeder Aktionär, der im April 2004 zur Hauptversammlung der Bank anreist. Fast 5.000 drängen sich im Münchener Kongress-Zentrum. Diese Otto-Normal-Aktionäre tragen keine Maßanzüge, steuern ihre Mittelklassewagen selbst und laufen nie über rote Teppiche. Aber: Ihnen gehört der Laden. Sie sind die Eigentümer der HVB. Und sie tragen das unternehmerische Risiko. Die Manager sind nichts weiter als ihre Angestellten. Um diese zu kontrollieren, wählen die Aktionäre einen Aufsichtsrat, einmal im Jahr auf der Hauptversammlung. Die Aufsichtsräte bestimmen die Vorstandsmitglieder, handeln deren Verträge aus, schauen ihnen auf die Finger. Die Konstruktion eines Aktienunternehmens ist also streng basisdemokratisch. Alle Macht geht vom Aktionärsvolk aus.

Der Filz regiert die Deutschland AG

Wie konnten die Aktionäre der HBV ausgerechnet den erfolglosesten Chef in der Geschichte der Bank zum Aufseher wählen? Haben sie gar nicht. Im Januar 2003 gab Schmidt seinen Posten als Vorstandsvorsitzender vorzeitig ab. Rein zufällig hatte genau zur selben Zeit der Schmidt-Vertraute und Aufsichtsrat Richard Trautner die Idee, sich ins Private zurückzuziehen. Er war 72 Jahre alt, als ihm plötzlich klar wurde, dass er sein Amt unmöglich noch fünf Monate bis zur Hauptversammlung weiterführen konnte. Da ließ Schmidt sich vom Gericht für den freien Posten bestimmen. Bei der Hauptversammlung 2003 trat er schon im neuen Amt an. Der Trick macht Aktionäre noch heute wütend. Bei der Hauptversammlung 2004 wollen sie Schmidt aus dem Amt jagen. Es geht um die Machtfrage: Eigentümer oder Manager.

Schmidts Trickserei war keineswegs exotisch. Während der deutsche Arbeitsmarkt weltweit als überreguliert bewertet wird, gelten Chefetagen als regelfreie Zonen. "Vorstände werden hierzulande von Vorständen kontrolliert. Von ehemaligen oder aktuellen", sagt Harald Petersen. Er ist Rechtsanwalt der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). "Kontrollierst du mich, kontrolliere ich dich. Im Klartext: Keiner kontrolliert keinen." Je größer eine Aktiengesellschaft, desto enger ist sie in den Filz eingewoben. Die größten, die Dax-Unternehmen, sind fast vollständig Teil der Familie. Die fünf eifrigsten Postensammler besetzen 29 Dax-Aufsichtsratsmandate (Spitzenreiter ist Manfred Schneider, Ex-Bayer-Chef, mit sieben Aufseherposten, davon zwei als Vorsitzender). In jahrzehntelanger Arbeit hat dieser Kreis ein Netz aus Abhängigkeiten, Geheimnissen und gemeinsamen Erlebnissen geknüpft. Keiner kann dem anderen wehtun, ohne sich selbst zu schaden.

Wer die Interessen so vieler Unternehmen gleichzeitig wahrzunehmen hat, gerät unausweichlich in Interessenkonflikte. Beispielsweise Josef Ackermann. Der ist Vorstandssprecher der Deutschen Bank und sitzt unter anderem im Aufsichtsrat der Lufthansa. Will die Deutsche Bank der Lufthansa einen Kredit geben, schlagen in Ackermanns Brust zwei Herzen: Der Banker möchte viel verdienen, also hohe Zinsen. Der Aufsichtsrat der Lufthansa muss sich jedoch für niedrige Zinsen einsetzen. "Vertreter von Banken und Versicherungen sind im Aufsichtsrat prinzipiell problematisch", sagt Aktionärsschützer Harald Petersen vom SdK. Erst recht, wenn der Bankenvertreter ein Kumpel ist: Dass der glücklose Jürgen Schrempp seinen Vertrag verlängert bekam, hat er vor allem seinem Aufsichtsratschef Hilmar Kopper zu verdanken. Der war Vorstandssprecher der Deutschen Bank und ist seit Jahren ein sehr enger Freund des Autobauers.

Diesen Filz nennt man "Deutschland AG". Die Spinnen im Netz sind die Allianz und die Münchener Rückversicherung. Amtierende und ehemalige Vorstände und Aufsichtsräte der beiden größten deutschen Versicherungen sitzen in den Aufsichtsräten von 27 der 30 Dax-Unternehmen (außer bei Adidas, Altana und der Deutschen Post).

Seit Jahren kritisiert das "internationale Kapital" dieses antiautoritäre Chaos in der Dax-Familie. So laut, dass sogar die heimische Politik reagierte und die Missstände per Gesetz abzustellen drohte. Was tut man, wenn man eine Reform vortäuschen will? Topmanager gründeten eine Kommission zur "corporate governance", was so viel wie gute Unternehmensführung heißt. Sie diskutierten unter der Leitung von Gerhard Cromme, Aufsichtsratsvorsitzender bei Thyssen-Krupp. Im Februar 2002 stellte die "Cromme Kommission" einen Verhaltenskodex für Manager auf. Genau genommen sind es "Empfehlungen". Ganz unverbindlich. Nicht alle halten sich an alles. Besonders die "Empfehlung", die Gehälter der Vorstände offen zu legen, ignorieren zwei Drittel aller Dax-Unternehmen. Eine solche Entmündigung der Eigentümer ist in den meisten Industrienationen undenkbar oder verboten. In England stimmen die Aktionäre bei der Hauptversammlung sogar über die Vorstandsbezüge ab.

Reformstau in der Dax-Familie

Ob die Gehälter der Vorstände ein Geheimnis bleiben, entscheiden die Kumpel im Aufsichtsrat. Wie ernst die Aufseher den Kodex nehmen, zeigt ausgerechnet Gerhard Cromme selbst. Er sitzt in sechs Aufsichtsräten, von denen immerhin fünf das Offenlegungsgebot nicht befolgen. Und was macht der Hüter der Moral, wenn hinter verschlossenen Türen die Gewissensfrage gestellt wird? Aufsichtsrats-kollegen berichten: Zuerst hält er einen Vortrag über die Notwendigkeit von Transparenz. Die Kollegen nicken. Dann wird abgestimmt. Meistens über alle Fragen auf einmal. Der Verzicht auf Transparenz wird in dem großen Paket versteckt. Und dem stimmt Cromme zu.

Der Aufsichtsrat entscheidet auch über die Vorstandsbezüge. Erfolg ist dabei offenbar ein nachgeordnetes Kriterium. Allein im Krisenjahr 2003 stieg die Heuer der Dax-Kapitäne um durchschnittlich 11,6 Prozent. Beim Reifenhersteller Continental wäre dieses Plus gerechtfertigt gewesen. Er legte in schwerer Zeit ein Rekordjahr hin. Der Aktienwert verdoppelte sich. Doch der Vorstand begnügte sich mit einer Nullrunde. Die Aufsichtsräte von VW hingegen (unter ihnen Gerhard Cromme) spendierten den Vorständen eine Erfolgsprämie von insgesamt neun Millionen Euro. Dabei gab es gar keinen Erfolg: Der Gewinn brach massiv ein, der Verkaufsstart des Golf ging daneben, und der Aktienkurs dümpelt vor sich hin.

"Die gegenseitige Abhängigkeit von Vorstand und Aufsichtsrat ist mit verantwortlich für den Vertrauensverlust in den deutschen Kapitalmarkt insgesamt", sagt Gunars Balodis, Geschäftsführer der Deka-Investment. Die Anleger entsetzt beispielsweise die Stillosigkeit, mit der Jürgen Weber bei seiner letzten Hauptversammlung als Vorstandsvorsitzender der Lufthansa zu Werke ging: Zuerst schlug er den Aktionären vor, die Bezüge der Aufsichtsräte drastisch zu erhöhen, insbesondere das des Aufsichtsratsvorsitzenden. Die Aktionäre stimmten zu. Dann trat Weber als Vorstand ab, ließ sich zum Aufsichtsratschef wählen und kam sogleich in den Genuss der erhöhten Bezüge. Die aufgestaute Wut der Kleinaktionäre entlud sich bei den Hauptversammlungen in diesem Jahr. Noch nie wurden deutsche Manager so beschimpft, verunglimpft, so gnadenlos ausgepfiffen wie abgestiegene Fußball-Millionarios.

Besonders aufgebracht sind die rund 5.000 Aktionäre, die zur Hauptversammlung der Hypo-Vereinsbank gekommen sind. Die meisten wollen nun Ex-Vorstand Albrecht Schmidt abstrafen, der sich so trickreich zum Aufsichtsratsvorsitzenden gemacht hat. Es wird Tacheles geredet. "Herr Schmidt, Sie sind für dieses Amt nicht geeignet", sagt Harald Petersen von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) unter donnerndem Applaus. "Die Bank braucht Herrn Schmidt nicht. Im Gegenteil", sagt der Vertreter der Deka-Investment. "Die HVB kommt aus den schlechten Schlagzeilen nicht heraus, und Sie, Herr Schmidt, sind maßgeblich für die Probleme verantwortlich", sagt der Vertreter der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Acht Stunden dauert die Aussprache. Bei jedem Redner bekommt Albrecht Schmidt sein Fett weg. Dann wird gewählt.

Bei solch einer Wahl hat nicht jeder Aktionär eine Stimme, sondern jede Aktie. Auf der HVB-Hauptversammlung "anwesend" sind rund 370 Millionen Stimmen, etwa die Hälfte aller Aktien. An einem Terminal im Foyer lässt sich nachsehen, wer wie viele Stimmen zur Verfügung hat. Thomas Ortner kann gleich 115 Millionen in die Urne werfen. Und Johannes Redomske immerhin 80 Millionen. Wer sind die beiden, die zusammen mehr als die Hälfte der anwesenden Stimmen repräsentieren und damit die Besetzung des Aufsichtsrats allein entscheiden können? Milliardäre? Es sind Strohmänner. Thomas Ortner ist Angestellter der HVB. Viele Dax-Unternehmen gehören vor allem anderen Dax-Unternehmen. Die großen Aktienpakete werden also von den Managern befreundeter Firmen kontrolliert, und die stimmen üblicherweise für den Aufsichtsrat, für ihre Vettern, für Schmidt. Damit sie sich nicht die Mühe machen müssen, einen Vertreter zu schicken, übertragen sie ihr Stimmrecht Herrn Ortner. Jedes Dax-Unternehmen beschäftigt bei seiner Hauptversammlung einen Herrn Ortner.

Die Aktionäre werden entmündigt

Und Johannes Redomske? Der ist der Ortner der Münchener Rückversicherung. Die besitzt rund 18 Prozent der HVB. Außerdem sitzt im Aufsichtsrat der HVB Hans-Jürgen Schinzler. Er war bis vor kurzem Vorstandschef der Münchener Rück. Wie Albrecht Schmidt wurden ihm gravierende Fehler vorgeworfen. Wie Schmidt zieht er die Fäden heute aus dem Aufsichtsrat. Schmidt holte sich Schinzler in den Aufsichtsrat seiner HVB. Und Schinzler holte sich Schmidt als Kontrolleur in seine Münchener Rück. Ich bei dir und du bei mir. Echte Freunde. Erst spät am Abend wird tatsächlich gewählt. Die Toiletten sind versaut, die Büffets kahl gefuttert, die Kleinaktionäre abgespeist und weg. Sie wissen, dass ihre Stimmen nichts ausrichten. Von den ursprünglich 5.000 Anwesenden haben nur gut 100 bis zum Ende ausgehalten: Bankenvertreter, Fondsmanager und Strohmänner. Jeder mit ein paar Millionen Stimmen. Albrecht Schmidt wird erneut zum Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt, mit 97,31 Prozent der Stimmen.

Aber müssen erfolgreiche Manager nicht auch Trickser sein? Behindern umständliche Aktionärsdemokratie und pingelige Kontrolleure nicht den dynamischen Schaffensdrang von Gewinnertypen? "Auf keinen Fall", sagt Gunars Balodis von der Deka-Investment. "Wir sehen einen klaren Zusammenhang zwischen einer transparenten Führung, die nachvollziehbaren Regeln folgt, und der Wertsteigerung eines Unternehmens." Beispiele? Die erfolgloseste Großbank in Deutschland ist derzeit die HVB von Trickser Albrecht Schmidt. Der erfolgloseste Chemiekonzern ist Bayer, dessen Aufsichtsrat von Ex-Chef Manfred Schneider geführt wird, dem Strippenzieher Nummer eins in der Dax-Familie. Die erfolgloseste Versicherung ist die Münchener Rück, die von ihrem Ex-Chef Hans-Jürgen Schinzler kontrolliert wird, dem Schmidt-Freund.

Irgendwie klingt der ganze Schlamassel bekannt: Alte Männer, die nicht von der Macht lassen. Filzokratie siegt über Demokratie. Ein Klüngel, der seine Gehälter selbst bestimmt, inklusive üppiger Altersgelder auch für Gescheiterte. Undurchsichtige Entscheidungsstrukturen. Überfällige Reformen, die in Kommissionen abgewürgt werden. Na, klingelt's? Seit Jahren wird mit diesen Schlagworten über die Politik geklagt. Auch und besonders von Topmanagern der Dax-Familie. Die stellen die Wirtschaft gern als Gegenmodell zur Politik dar. Doch Reformstau, Verdrossenheit und Amigo-Herrschaft bleiben nicht auf den Parteienstaat beschränkt. Die gleichen Symptome der Lähmung bei beiden Patienten - scheint der gleiche Virus zu sein.

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