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GM und seine Tochter: Die Wege aus der Opel-Krise

Die Abspaltung von Opel aus dem General Motors-Konzern ist fast unmöglich - auch wenn das Unternehmen unter vielen matten Marken als Perle gilt - hier sitzt die Kompetenz für Kleinwagen. Doch das reicht zum Überleben nicht. stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen zur Opel-Krise.

Von Felix Disselhoff und Thomas Krause

General Motors plant, weltweit 47.000 Stellen zu streichen, allein außerhalb der USA rund 26.000. Von solch drastischen Sparmaßnahmen wäre auch die Konzern-Tochter Opel betroffen. GM-Chef Rick Wagoner hatte ein Rettungskonzept für seinen Konzern vorgestellt. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers wird in den USA persönlich mit Wagoner über die Zukunft von Opel sprechen. Kanzleramtsminister Thomas de Maizière sprach sich jüngst gegen den Einstieg des Staates bei Unternehmen aus.

Für stern.de beantworten Jürgen Pieper, Automobilexperte für das Bankhaus Metzler, und Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen, die wichtigen Fragen: Kann Opel ohne General Motors überleben? Mit wem könnte Opel stattdessen kooperieren? Und wäre eine Beteiligung am Opel-Konzern wirklich sinnvoll? Die Meinungen der Experten gehen weit auseinander.

Kann Opel alleine überleben?

"Nein, denn dafür ist der Autohersteller inzwischen zu klein", sagt Automobilexperte Jürgen Pieper. Opel habe den Sprung verpasst, zu einem Massenhersteller wie etwa der VW-Konzern zu werden. Außerdem seien die Herstellungskosten für die Autos aus dem Hause Opel zu hoch: "Mit der Produktion in Deutschland ist kein Gewinn mehr zu machen", sagt Pieper. Ferdinand Dudenhöffer sieht das Problem nicht in der Größe: "Es wird sehr schwer sein, ist aber nicht unmöglich. Der Markt hat gezeigt, dass die Größe nicht wichtig, sondern wie flexibel ein Unternehmen produzieren kann." Porsche könne es, General Motors eben nicht.

Wer wäre ein passender Partner für Opel?

Wenn man sich unter den deutschen Autoherstellern umschaut, bleiben eigentlich nur wenige Konzerne, mit denen Opel kooperieren könne: Auf der einen Seite BMW oder Daimler, auf der anderen der Volkswagen-Konzern mit der Unterstützung von Porsche, so Pieper, seines Zeichens Automobilexperte für das Bankhaus Metzler. "BMW und Daimler stehen momentan ja selbst so unter Druck, dass sie ihre Zusammenarbeit verstärken." Nach Einschätzung des Auto-Experten werden in zehn Jahren noch acht bis zehn große Hersteller weltweit überlebt haben. "BMW und Daimler haben gemeinsam eine Chance, genauso wie VW und Porsche zusammen. Für Opel sehe ich dazwischen sehr wenig Platz", sagt Pieper.

Ferdinand Dudenhöffer geht davon aus, dass General Motors auch im Falle einer Abspaltung von Opel abhängig bleiben würde: "Wenn General Motors neue Kleinwagen bauen will, brauchen sie Opel. Kooperationen gibt es aber sowieso schon. Das macht auf dem Automobilmarkt jeder. Der Opel Agila wurde beispielsweise in Zusammenarbeit mit Suzuki gebaut. Der Trend ist, auf begrenzten Gebieten zu kooperieren." Theoretisch könne aber jeder Hersteller in Frage kommen.

Zieht die GM-Krise Opel in den Abgrund?

Opel gehört zum europäischen Arm von GM. "Wenn man wissen will, ob es Opel finanziell gut geht, sollte man einen Blick auf die Gewinne werfen", meint Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft. "Wenn ich mir anschaue, wie General Motors Europe abgeschnitten hat, sieht das nicht mehr so gut aus. Seit 2000 gab es für GM Europe kein Jahr ohne Verluste. Von 2000 bis 2008 sind Verluste in Höhe von fast acht Milliarden Dollar aufgelaufen." Auch Pieper gibt Opel eine Teilschuld an der Misere: "Die Gefahr ist schon sehr groß. Die Krise bei GM hat auch Opel die letzten ein bis zwei Jahre schwer belastet. Auch Opel selbst hat heftige Verluste eingefahren. Die Schuld liegt also nicht allein bei GM, sondern zu etwa einem Drittel auch bei Opel selbst."

Wie sinnvoll ist eine Staatsbeteiligung bei Opel?

"General Motors wird sicherlich das letzte Wort bei Opel haben wollen und somit mindestens 51 Prozent der Anteile behalten müssen", sagt Pieper. Bei einer Staatsbeteiligung an Opel gäbe es für die Bundesrepublik also zwei Möglichkeiten: Sie kauft knapp unter 25 Prozent oder knapp unter 50 Prozent der Opel-Anteile. Die geringere Beteiligung hätte den Vorteil, dass der Staat keinen Anteil der milliardenschweren Schuldenlast von Opel mittragen müsste. Das wäre bei einer Beteiligung von 50 Prozent schon anders - zumal bei Opel die zum Teil üppigen Pensionszusagen aus der Vergangenheit schwer zu Buche schlagen.

Opel braucht aber neue Geldquellen. "Die Konzernleitung meint, sie brauchen zwei Milliarden Euro. Es ist schwer zu sagen, aber sie werden wahrscheinlich mehr brauchen. Für eine Staatsbeteiligung müsste Opel erst einmal aus dem GM-Konzern herausgekauft werden. Um Anteile am Unternehmen zu erwerben, bräuchte es dann eine eigenständige Aktiengesellschaft", so Dudenhöffer.

Eine Staatsbeteiligung hält Pieper hingegen nicht für sinnvoll: "Die Gedankenspiele über ein Eingreifen bei Opel sind populistische Stimmungsmache vor der Bundestagswahl." Aus ökonomischer Sicht sei eine Staatsbeteiligung Wahnsinn.

Wie sinnvoll wäre eine Beteiligung für den Staat?

Selbst wenn GM Opel schnell verkaufen wolle und die Bundesrepublik nur als Zwischeninvestor einspringen würde, bis ein Käufer gefunden sei: Die Gefahr, dass sich kein Käufer findet und der Staat auf seinen Anteilen sitzenbleibe, sei "riesengroß", so Pieper. Ohne Partner aus der Automobilindustrie seien die Überlebenschancen für Opel sehr gering, das Unternehmen könne somit auf Jahre hinaus zu einem Milliardengrab für den Staat werden.

"Denkbar wären zwar noch eine Beteiligung durch Händler oder Mitarbeiter", meint Dudenhöffer. "Das ist aber eher unwahrscheinlich. Ideal wäre es, wenn die Anteile nicht wiederum an einen Eigner, beispielsweise ein Bundesland gehen, sondern auf mehrere Aktionäre verteilt würden. So würde das Risiko gestreut werden."

Ist Opel für die automobile Zukunft gerüstet?

Hier sind sich die Experten einmal einig. "Ökonomisch gesehen ist Opel wegen der Schuldenlast und der teuren Produktion in keinem guten Zustand", sagt Pieper. Dennoch sei es eine erstaunliche Leistung, wie es Opel in den letzten zehn Jahren bei GM gelungen sei, den sehr guten deutschen Industriestandard zu halten, so Pieper. Auf dem europäischen Markt hat Opel dennoch in den vergangenen 15 Jahren kontinuierlich an Marktanteil verloren: Hatte der Autohersteller 1993 noch einen Marktanteil von 13,2 Prozent, waren es 2008 nur noch 9,5 Prozent. Opel wurde in dieser Zeit von Peugeot und Ford in Sachen Marktanteil überholt.

"Der neue Insignia hat bei den Tests gut abgeschnitten. Zu den Autos kann man nur gratulieren. Es gibt viele gute Ansätze", sagt Dudenhöffer. Man müsse jedoch prüfen, was bestandsfähig sei und was nicht. "Eine Rundum-Lösung gibt es bei GM nicht, und die gibt es auch bei Opel nicht. Ob alle Standorte gerettet werden können, ist für den Auto-Experten ebenso fraglich. "Sie sind auch nur als Teil des Konzerns zu verstehen."

Wie könnte es für General Motors und Opel weitergehen?

Jürgen Pieper sieht mehrere mögliche Szenarien: "Wenn man Opel aus dem GM-Konzern herauslösen würde, stünden die Chancen für Opel nicht so schlecht. Vor allem, weil nicht über jede geschäftliche Entscheidung mehr mit GM verhandelt werden müsste", sagt Pieper. Das sei aber wohl eher eine Wunschvorstellung, meint der Auto-Experte. Denn zum einen wäre Opel als unabhängiges Unternehmen wohl zu klein, um alleine zu überleben. Zum anderen würde Opel auf Jahre hinaus zu einem Milliardengrab für den deutschen Staat, sollte er das Unternehmen mit Steuergeldern retten wollen - der Kaufpreis von etwa zwei bis drei Milliarden Euro wäre da noch das kleinere Problem.

Eine zweite Möglichkeit wäre, dass General Motors mit staatlicher Unterstützung aus den USA saniert wird. In dem Fall würde GM Opel wohl nicht abgeben wollen und die deutsche Tochter müsste sich auf einen harten Sanierungskurs einstellen. "Dann würden wohl ein oder zwei deutsche Opel-Werke geschlossen werden", sagt Pieper.

Die dritte Möglichkeit besteht darin, dass General Motors in den USA unter Konkursrecht gestellt wird. Das würde bedeuten, dass nicht nur GM, sondern auch Opel von Zinszahlungen und Lieferantenforderungen geschützt wäre. "Der Gläubigerschutz wäre zwar eine Erleichterung für Opel, hätte aber auch den Nachteil, dass die Bundesregierung nicht gezielt Opel staatliche Unterstützung zukommen lassen könnte", sagt Pieper. Außerdem würde die in den USA als "Chapter 11" bezeichnete Lösung für Opel in Deutschland eine lange Phase der Unsicherheit bedeuten. Denn ob GM sich tatsächlich erholt, bleibt wohl auf Jahre hinaus unklar.

Von:

Felix Disselhoff und