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Pharma-Skandal: Die geheime Kasse der Apotheker

Sie haben in Österreich die Tarnfirma Global Apo aufgebaut, um Extrazahlungen von Arzneimittelherstellern zu kassieren. Geholfen hat ihnen der Pharmagroßhändler Gehe. Eine Enthüllung aus der Welt der Apotheker - in der jetzt Macht und Profit neu verteilt werden.

Von Markus Grill

Weihnachten findet für gewöhnliche Menschen nur einmal im Jahr statt. Aber sind Apotheker gewöhnliche Menschen? Sie hatten sich daran gewöhnt, zehn- bis zwanzigmal im Jahr Geschenke zu bekommen. Nicht vom Weihnachtsmann, sondern von Pharmavertretern. Bis vor zwei Jahren luden die Außendienstler der Arzneimittelkonzerne ganze Kofferraumladungen voll Medikamente in Apotheken ab. Gratis. Die Apotheker nahmen die Packungen dankbar an, gaben sie an Patienten weiter - und stellten sie zum vollen Preis den Krankenkassen in Rechnung. So verwandelten sich die "Naturalrabatte" in Bargeld für Apotheker.

Vor zwei Jahren machte das Gesundheitsministerium Schluss mit diesen Geschäften zulasten der Krankenversicherten. Seitdem sind Gratispackungen verboten. Auch "Zuwendungen und sonstige Werbegaben" sind für Apotheker laut Heilmittelwerbegesetz unzulässig. Am 2. Februar 2007 beschlossen die Bundestagsabgeordneten außerdem, das Arzneimittelgesetz um einen glasklaren Satz zu ergänzen: "Pharmazeutische Unternehmer haben einen einheitlichen Abgabepreis sicherzustellen." Damit, so dachte der Gesetzgeber, seien alle Rabattschlupflöcher geschlossen.

Mehrwert für Apotheken

Tatsächlich denken einige Spitzenkräfte unter den Apothekern aber gar nicht daran, sich mit weniger Geschenken zu begnügen. Wenige Monate nach dem Naturalrabatt- Verbot gründeten sie in Wien eine Genossenschaft namens Global Apo. Mit dabei sind die schillerndsten Namen der Branche: der ehemalige Präsident der Apothekerkammer Nordrhein, Karl-Rudolf Mattenklotz, der Gründer des Bundesverbands inhabergeführter Serviceapotheken (ISA), Werner Gajewski, der gelegentlich als Apothekensprecher auftretende Georg Kuchler und Tobias Loder, bis vor Kurzem im Beirat von "Parmapharm", einer der größten Kooperationen mit rund 700 Apothekern.

Offiziell handelt es sich um eine Einkaufsgemeinschaft, die zudem "Handel mit apothekentypischen Daten" treibt. Auf der bis vor wenigen Tagen frei zugänglichen Homepage der Global Apo wird der eigentliche Zweck ("more value for pharmacy", zu Deutsch: Mehrwert für Apotheken) dagegen ziemlich unverblümt beworben: "Global Apo hat sich zum Ziel gesetzt, seinen deutschen Mitgliedern (Genossen) Wettbewerbsvorteile im deutschen, gesetzlich stark reglementierten Apothekenmarkt nachhaltig zu sichern. (...) Global Apo kooperiert mit ausgesuchten Partnerunternehmen des Großhandels und der Hersteller. Die Mitglieder forcieren diese Partner und deren Produkte. Und das zahlt sich - im wahrsten Sinne des Wortes - aus. (...) So sichert Global Apo für ihre Genossinnen und Genossen u. a. verloren geglaubte Erträge."

Rabatte und Rückvergütungen

Die Global Apo wurde aus gutem Grund in Österreich gegründet. Bei Lieferung ins Ausland sind die Pharmakonzerne nicht an deutsche Gesetze gebunden, können also nach Herzenslust den Staat austricksen, Rabatte und Rückvergütungen ("Kickbacks") gewähren. Doch wie funktioniert die Konstruktion der schlauen Apotheker genau? Dem stern liegen interne Dokumente der Global Apo vor, die das Geschäft offenbaren: Demnach bestellen die Apotheker zwar ihre Ware bei der Genossenschaft mit Sitz in Wien. Von dort werden die Bestellungen dann sofort weitergeleitet an den deutschen Pharmagroßhändler Gehe. Pharmagroßhändler organisieren in Deutschland die Auslieferung von Medikamenten an Apotheken. Gehe, Phoenix und Anzag sind dabei die großen drei, die den Milliardenmarkt unter sich aufteilen.

Gehe liefert die bestellten Medikamente aber nicht ins Ausland an die Global Apo, sondern direkt an die beteiligten Apotheken, von Schleswig-Holstein bis Bayern. Keine einzige Medikamentenpackung überquert die Grenze. Die Apotheker bezahlen nun ihre Ware bei der Global Apo - die Rückvergütung dafür erhalten sie in Form einer jährlichen Ausschüttung, die erst nach Österreich fließt und von dort an die beteiligten Apotheker überwiesen wird. Gibt ein Apotheker zum Beispiel eine rezeptpflichtige Packung Tabletten im Wert von 100 Euro an einen Patienten ab, erstattet die Krankenkasse die 100 Euro. Zusätzlich bekommt der Apotheker von der Krankenkasse eine Verkaufsgebühr von 5,80 Euro, plus drei Prozent des Preises. Damit ist dessen Arbeit nach gültigen Gesetzen ausreichend honoriert. Ist der Apotheker aber Genosse bei der Global Apo, kann er für diese Packung am Jahresende noch mal rund 20 bis 30 Euro dafür erhalten, dass er einen Pharmakonzern bevorzugt hat, mit dem die Genossenschaft einen Vertrag hat.

Der Pharma-Weihnachtsmann

Das Geld für diese Rückvergütung an die Apo-Genossen kommt wie früher: vom Pharma-Weihnachtsmann. Offiziell fließt das Honorar zwar für "Dienstleistungen", die die Global Apo für die Arzneimittelhersteller erbringt. Doch die echten Verträge zwischen der Apotheker- Genossenschaft und den Pharmaunternehmen belegen, dass es sich um eine Rückvergütung für bestellte Medikamente handelt.

So gewährt die Augsburger Firma Betapharm, nach Hexal, Ratiopharm und Stada der viertgrößte deutsche Generikahersteller, den Apothekern knapp 30 Prozent Rabatt, wenn sie ihren Umsatz entsprechend steigern. Das heißt, Patienten vermehrt Betapharm-Medikamente verabreichen. In Paragraf 4 des Vertrags heißt es: "Die Global Apo zustehende Vergütung ... besteht aus Provisionszahlungen für erzielte Umsatzsteigerungen entsprechend der in Anlage 1 beschriebenen Steigerungskurve."

Extraprofit gegen Umsatzsteigerung. In Anlage 1 ist nun geregelt, dass bei einer Verdopplung des Betapharm-Absatzes 10 Prozent Rabatt an die Genossen fließt, bei einer Verdreifachung 20 Prozent und bei Vervierfachung 27,5 Prozent. Unterzeichnet wurde der Vertrag im Februar 2007 - zwei Wochen nachdem der Bundestag das Rabattverbot beschlossen hat. Betapharm-Geschäftsführer Michael Ewers wollte Fragen zur Kooperation mit Global Apo "nicht im Einzelnen" beantworten. Per Fax teilte er lediglich mit, dass der Vertrag "unter Beachtung der vertraglichen Kündigungsfristen" beendet worden sei, nachdem das Rabattverbotsgesetz am 1. April 2007 in Kraft getreten ist. Mit anderen Worten: Der Vertrag bestand auch noch nach dem Rabattverbot.

Die "Partner" der Genossen

Für die Kunden seiner eigenen Apotheke in Steinfurt bei Münster erklärte Global- Apo-Chef Werner Gajewski auf einem Flugblatt, warum sie in Zukunft öfter Betapharm- Präparate bekommen: "Für Ärzte und Patienten wird es immer schwieriger, das jeweils richtige, kostengünstige, also nach Möglichkeit zuzahlungsbefreite Arzneimittel auszuwählen. Ein Beispiel: Die Marke Hexal mit ca. 1000 Produkten und die Marke Betapharm mit ca. 800 gleichwertigen Produkten werden beide vom selben Hersteller produziert. Die Medikamentenpreise der Marke Betapharm liegen allerdings deutlich unter den Preisen der Hexal-Arzneimittel." Welche Vorteile es für Gajewski selbst hat, seine Kunden mit Betapharm-Präparaten zu überschütten, verschweigt der Apotheker. Nach einer Global-Apointernen Statistik hat Gajewski allein im ersten Halbjahr 2007 in seiner "Apotheke am Bauhaus" Betapharm-Arzneimittel im Wert von mehr als 30.000 Euro abgegeben.

Global Apo hat aber nicht nur mit Betapharm einen Vertrag geschlossen. Zu "Partnern" der Genossen wurden unter anderem die Arzneimittelhersteller Merck Pharma, Mylan Dura, und Axicorp. Das GenerikaUnternehmen Mylan Dura (ehemals Merck-Dura) hat einen Vertrag mit den Genossen geschlossen, in dem steht: "Die Global-Apo zustehende Vergütung besteht aus Provisionszahlungen und Pauschalvergütungen, die in den Anlagen dieses Vertrages geregelt sind." Aus Anlage 3/1 wird dabei ersichtlich, dass die Apotheker für einen Umsatz von 50.000 Euro eine Vergütung in Höhe von 30 Prozent beziehungsweise 15.000 Euro erhalten. Mylan-Dura-Geschäftsführer Ludger Hubl räumt die Existenz der Anlage 3/1 zwar ein, stellt sich aber auf den Standpunkt, dass die Zahlungen nicht gegen das Rabattverbot verstoßen hätten, weil nicht die Apotheker, sondern die Global Apo das Geld erhalten habe. Insgesamt habe Mylan Dura im vergangenen Jahr 99.000 Euro Provision für "Marktanalysen" sowie "Entwicklung von Marketing-Strategien" an die Global Apo gezahlt. Die Zusammenarbeit mit den Genossen sei aber im Februar dieses Jahres beendet worden.

Viele Apotheke ignorieren die neuen Regeln

Doch können Apotheker heute überhaupt die Medikamente einzelner Firmen "forcieren", wie die Homepage der Global Apo behauptet? Offiziell funktioniert das nicht. Das erleben auch viele Patienten inzwischen. Kommen sie mit einem Rezept in die Apotheke, hören sie zum Beispiel: "Ich kann Ihnen nicht die Tabletten von Ratiopharm geben, weil Ihre Krankenkasse mit Ratiopharm keinen Vertrag abgeschlossen hat." Nach Recherchen des stern ignorieren aber viel mehr Apotheken als bisher bekannt die neuen Regeln. So geben die Apotheken im Durchschnitt nur in zwei von drei Fällen das Arzneimittel ab, an das sie laut Vertrag gebunden sind.

Diese Zahlen hat die größte Betriebskrankenkasse, die Deutsche BKK, aktuell fürs zweite Quartal 2008 erhoben. Mehr als 3000 Apotheker gehen so lax mit der neuen Regel um, dass sie sogar in mehr als 40 Prozent der Fälle nicht das Rabattmedikament geben. Ihnen allen hat die Deutsche BKK nun eine Rechnung ("Retaxation") geschickt: Sie sollen die Differenz erstatten zwischen dem Preis des günstigen Rabattmedikaments und der tatsächlich abgegebenen teureren Packung. Der Arzneimittel- Chef der Deutschen BKK, Andreas Manthey, hat errechnet, dass den gesetzlichen Krankenkassen jedes Jahr insgesamt 700 Millionen Euro verloren gehen.

Mitgliedschaft erst bei 1,5 Millionen Euro Jahresumsatz

Am Montag vergangener Woche erklärte sich der Chef der Global Apo bereit, dem stern einige Fragen zu beantworten. Gajewski bat dazu nach Wien, ins Haus des Österreichischen Genossenschaftsverbands, im Beisein seines Anwalts. Der 60-jährige Apothekerchef trägt weiße Haare und einen weißen Schnauzer. Nur wer mindestens 1,5 Millionen Euro Jahresumsatz mache, könne Mitglied in seiner Genossenschaft werden, sagt Gajewski. Er selbst machte im vergangenen Jahr 6,5 Millionen Euro Umsatz in seiner Apotheke. "Je mehr Umsätze wir machen, desto interessanter bin ich für die Industrie", erklärt Gajewski. Aktuell gebe es 27 Mitglieder in seinem kleinen und feinen Klub der Topapotheker. Branchenkenner gehen davon aus, dass es neben der Global Apo weitere ähnlich organisierte Scheinfirmen deutscher Apotheker im Ausland gibt.

Für das vergangene Jahr habe die Global Apo insgesamt rund 200.000 Euro Provision von Pharmaunternehmen erhalten, behauptet Gajewski. "Als wir uns gründeten, standen wir vor der Situation, dass die Naturalrabatte weg waren, da dachten wir, wir müssen was machen." Gajewski ist überzeugt, dass es rechtlich an ihrem Konstrukt nichts zu beanstanden gebe, dass sie mit ihrer Global Apo allenfalls ein Schlupfloch durch die deutschen Gesetze gefunden hätten. Gajewski hatte es abgelehnt, das Gespräch am offiziellen Firmensitz in der Haidestraße 4 in Wien zu führen. Wer die Adresse besucht, findet keinen Hinweis auf die Global Apo, stattdessen residiert unter dieser Anschrift ein Pharmaunternehmen: die Herba Chemosan. Herba gehört zum Gehe/Celesio-Konzern.

Genossenschaft wird maßgeblich von Gehe unterstützt

Wie es der Zufall will, ist der Leiter der Rechtsabteilung von Herba Chemosan, Thomas Schellander, auch Vorstand der Global Apo. Ein internes "Diskussionspapier" von Gehe aus der Gründungszeit der Global Apo listet denn auch die Unterstützung auf, die der Pharmagroßhändler für die Genossen leisten kann: "Büro, Serverstellplatz, Besprechungsraum, Rechnungswesen, Buchhaltung, Abbildung Gesamtlogistik". Mit anderen Worten: Die Genossenschaft wird maßgeblich von Gehe unterstützt. Herba erklärt auf Anfrage, an die Global Apo ein Büro vermietet zu haben. Zu den Konditionen will sich das Pharmaunternehmen aber nicht äußern. Gehe gibt zu, für Global Apo die "Standardlogistik" zu liefern "und, wie bei Kooperationen üblich, gegen Entgelt auch weitere administrative oder technische Unterstützung".

Welches Interesse aber hat ein deutscher Pharmagroßhändler daran, eine Apotheker- Genossenschaft mit aufzubauen? Natürlich ein geschäftliches. Der deutsche Apothekenmarkt steht in den kommenden Monaten vor einem Umbruch, weil zwei Gesetze wahrscheinlich aufgehoben werden: das Fremdbesitzverbot (nur Apotheker dürfen eine Apotheke besitzen) und das Mehrbesitzverbot (jeder darf maximal drei Apothekenfilialen gründen). Diese beiden Gesetze verstoßen nach Ansicht der EU-Kommission gegen die Wettbewerbsfreiheit. Der Europäische Gerichtshof verhandelt derzeit darüber, ob die deutschen Gesetze abgeschafft werden müssen. Eine Entscheidung will der EuGH Anfang 2009 treffen. Fällt das Fremd- und Mehrbesitzverbot, dürfen auch Konzerne Apotheken besitzen. In Großbritannien gehören heute schon mehr als 60 Prozent der Apotheken zu einer Kette, und als in Norwegen der Apothekenmarkt liberalisiert wurde, führte das binnen weniger Jahre dazu, dass mehr als 90 Prozent der Apotheker ihr Geschäft an einen Konzern verkauften. Die Präsidentin des Norwegischen Apothekerverbandes NFF, Anne Markestad, berichtet, wie die Liberalisierung den Markt durcheinanderwirbelte. Inzwischen würden 40 Prozent der rezeptfreien Medikamente an Tankstellen und Kiosken verkauft, ohne Beratung.

Jeder will ein Stück vom Kuchen

Für diese neue Zeit rüstet sich der Großhändler Gehe/ Celesio auch in Deutschland. Im Ausland besitzt Celesio bereits mehr als 2200 Apotheken, am stärksten ist der Konzern in Großbritannien mit 1600 Apotheken vertreten. Um den deutschen Markt aufzumischen, hat Gehe/Celesio vor Kurzem auch die Versandapotheke Doc Morris gekauft und plant, nach dem Ende des Fremd- und Mehrbesitzverbots eine Doc-Morris-Kette in Deutschland aufzubauen. Experten rechnen damit, dass Celesio bereits zu 300 bis 400 Apotheken enge Kontakte aufgebaut hat - Apotheken, mit denen heute lediglich ein Kooperationsvertrag besteht oder die als Franchisenehmer angebunden sind, könnten nach der Entscheidung aus Brüssel bald fest in eine Doc-Morris- Kette überführt werden.

Es ist ein gigantisches Geschäft, das da winkt. Ein Geschäft, in das auch andere drängen. Neben Gehe knüpft der zum Ratiopharm-Konzern gehörende Pharmagroßhändler Phoenix enge Kontakte zu Apotheken. Dazu hat Phoenix die Apothekenmarke Linda mit ins Leben gerufen, die Apotheken schon heute mit Marketing- und anderen Verkaufskonzepten an sich bindet. Experten gehen davon aus, dass Phoenix in Deutschland bereits zu 100 bis 200 Apotheken besonders enge Beziehungen unterhält. Doch nicht nur Pharmagroßhändler, auch der Internetbuchhändler Amazon, die US-Supermarktkette Wal-Mart und selbst Finanzinvestoren haben ein Auge auf die deutschen Apotheken geworfen. Die Drogeriekette DM hat in ihren Filialen bereits einen Bestellservice für chronisch Kranke aufgebaut, spätestens nach drei Tagen können die verschreibungspflichtigen Medikamente gegen Vorlage des Personalausweises abgeholt werden.

Die Angst der traditionellen Apotheker

Selbst der Lebensmittelkonzern Rewe sondiert den Einstieg ins lukrative Arzneimittelgeschäft. "Der drittgrößte Pharmamarkt der Welt wird jetzt neu aufgeteilt", sagt Oliver Blume, Chef von Easy- Apotheken. Auch Blume baut derzeit ein bundesweites Apothekennetz auf, bei dem aber jeweils noch ein Apotheker vor Ort als Franchisenehmer dient. Sein Unternehmen liefert für rund 250.000 Euro schlüsselfertig eine Easy-Apotheke. Dafür erhält Blume dann 1500 Euro pro Monat. "Wir sorgen dafür, dass unsere Apotheker viel verdienen, dann ist das für alle attraktiv." All diese Veränderungen werden, so eine Studie der Deutschen Bank vor drei Wochen, "die traditionelle unabhängige Ein-Mann-Apotheke in Bedrängnis bringen. Diese wird kaum in der Lage sein, sich gegenüber Ketten zu behaupten".

Genau das fürchten nun die traditionellen Apotheker. Wenn die großen Konzerne mit Sonderangeboten in ihren Apothekenketten werben, wird es eng für sie. Bisher verdienen Apotheker gut, so gut wie Ärzte, nach Abzug aller Kosten bleiben ihnen im Durchschnitt rund 10.000 Euro brutto pro Monat. Deshalb kämpft ihre Lobbyorganisation, die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), auch an allen Fronten für den Erhalt der Schutzbestimmungen, nach denen eben nicht Konzerne, sondern nur Apotheker eine Apotheke besitzen dürfen.

Gute Startbedingungen für die Zeit nach der Liberalisierung

Schlaue Apotheker verlassen sich aber längst nicht mehr darauf, dass die Lobbyisten erfolgreich die bestehenden Strukturen verteidigen. Stattdessen versuchen sie schon jetzt, sich gute Startbedingungen für die Zeit nach der Liberalisierung zu verschaffen. So hatte Global-Apo-Gründer Werner Gajewski erst kürzlich neben seiner traditionellen Apotheke am Bauhaus in Steinfurt auch noch eine Doc- Morris-Apotheke neben dem örtlichen Supermarkt eröffnet. Warum auch nicht, hat er sich gedacht, bevor ein anderer ihm eine Kette vor die Nase setzt.

Mit Gründung der Global Apo dürften die Genossen allerdings einen Schritt zu weit gegangen sein. Zumindest im Gesundheitsministerium hält man die Konstruktion für illegal, weil Rabatte in dieser Höhe an Apotheker grundsätzlich unzulässig seien. Gajewski muss das auch klar gewesen sein. Jedenfalls hat er sein Geschäftskonzept zuvor von der renommierten Medizin-Anwaltskanzlei Sträter in Bonn prüfen lassen. In dem Schreiben, das dem stern vorliegt, kommen die Anwälte zu der Einschätzung, dass "die Art und Weise der Entlohnung des Apothekers ein ganz kritischer Punkt im Gesamtkonzept" der Global Apo ist. Auch der Sitz der Genossenschaft im Ausland helfe da nicht, "denn der grenzüberschreitende Vorgang ist konstruiert".

"Da soll erst mal die Apothekerkammer kommen"

Daraufhin haben Gajewski und seine Genossen die Konstruktion der Global Apo kurz vor der Gründung noch mal angepasst. Jetzt bekommt der einzelne Apotheker nicht mehr eine Cent-genaue Rückvergütung, sondern nur noch einen Betrag gestaffelt nach seinen Genossenschaftsanteilen. Die Zahl der Genossenschaftsanteile, die jeder erwerben darf, hängt allerdings wieder vom Umsatz der einzelnen Apotheke ab. Auch dieses Modell wurde von den Medizin-Anwälten geprüft. "Im Grundsatz ist dies sicher ein Modell, das einen Umsatzbezug nicht erkennen lässt", machte die Kanzlei Sträter den Genossen Mut. "Wenn allerdings jedes Jahr entsprechend den tatsächlich getätigten Umsätzen Geschäftsanteile zugeschrieben werden, ist nicht viel gerettet."

Der Apotheker Paul Gregor Müller ist erst im November 2007 zur Global Apo gestoßen. "Meine Frau hat in der Apotheke eines Genossen gearbeitet." Müller kaufte sich mit drei Genossenschaftsanteilen bei der Global Apo ein und überwies am 8. November 2007 genau 6000 Euro auf das Konto bei der Österreichischen Apothekerbank. Müller betreibt die Albert Schweitzer Apotheke in Düsseldorf. Fragt man den Genossen, warum er bei der Global Apo mitmache, sagt er nur, dass er das Modell "ganz spannend" fand, "aber ich mache weniger als ein Prozent der Bestellungen über die Global Apo". Weniger als ein Prozent? Erstaunlich: Laut der internen Statistik der Global Apo hat Müller allein in den fünf Monaten bis März dieses Jahres Arzneimittel im Wert von mehr als 87.000 Euro über die Genossenschaft bestellt. Welche Zahlen nun stimmen, wollte Müller ebenso wenig beantworten wie die Höhe der an ihn gezahlten Ausschüttungen. Auch Müller fühlt sich noch sicher, immerhin habe er seine Mitgliedschaft bei der Global Apo von seinem Anwalt prüfen lassen. Selbstbewusst verteidigt der Pharmazeut sich und seine Genossen: "Da soll erst mal die Apothekerkammer kommen und mir sagen, dass das nicht rechtens ist."

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