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Gründerszene in der Hauptstadt: Willkommen im Silicon Berlin!

Von wegen arm, aber sexy: Die Hauptstadt ist jung, international und digital. Auf Safari durch die heißeste Start-up-Szene Europas.

Start-up in deutschland: Silicon Berlin

Start-ups in Deutschland, das Silicon Berlin.

Das Frühstück ist etwas lieblos. Sprudel vom Lidl, ein paar Packungen Fruchtsaft, trockene Wraps und zum Teil noch eingeschweißte Waffeln. Fabrizio Bellicano ist das egal. Der Italiener ist nach Berlin gekommen, um Gründer kennenzulernen, einen Job als Programmierer zu finden und vielleicht sein Glück. Er will wissen, was diese Stadt, von der gerade alle schwärmen, einem wie ihm zu bieten hat. Deshalb ist er jetzt auf "Startup-Safary", so haben die Veranstalter ihre zweitägige Tour quer durch die Bezirke genannt. Wie heiß ist die digitale Szene in Berlin wirklich?

Mit der U-Bahn geht es los. Bellicano ist 27, trägt Tolle, Brille und Hoodie, um den Hals hängen riesige Kopfhörer – ein bisschen Nerd, ein bisschen Hipster. Natasha aus London ist auf der Safari dabei, Ronak aus Indien, Daniel aus Schwaben. Im Bahnhof Bernauer Straße muss der Scout das Smartphone zücken. Das Ziel, die "Factory", ist eigentlich ein bekanntes Zentrum für digitale Firmen. Uber und Twitter haben dort Büros, große Namen. Sogar der französische Wirtschaftsminister war schon da. Aber der Scout ist selbst erst seit ein paar Wochen in der Stadt.

Start-ups in Berlin

In einem Großraumbüro speziell für Start-ups tüfteln junge Digitale am nächsten großen Ding, im Hintergrund grüßt der Alex. 

Start-up-Szene in Berlin

In einem Altbau neben dem Hauptgebäude, einer früheren Brauerei, stiefeln Bellicano und die anderen hinauf in den zweiten Stock, in eine Wohnung mit buntem WG-Charme. Von einem Ofenrohr grüßt ein aufblasbarer Papagei, in jedem Zimmer hacken junge Leute auf Laptops ein, gern auch liegend auf einer hellblau bezogenen Matratze. An den Wänden hängen gemalte und gezeichnete Vaginas. Eine sieht aus wie ein Reißverschluss, eine erinnert an Munchs "Schrei", eine hat eine Pupille.

Willkommen bei Ohlala, dem Start-up von Pia Poppenreiter, 29, der Gründerin und Chefin hier. Früher, mit Peppr, ihrer ersten App, vermittelte sie Prostituierte. Das macht sie nicht mehr. Sagt sie. Mit Ohlala, ihrer zweiten App, vermittelt sie: bezahlte Dates. Männer können sich darüber mit Frauen verabreden. Schnell und für Geld. Wie selbstverständlich gehört Ohlala zur digitalen Gründerszene der Stadt. Schließlich geht es darum, alles – wirklich alles! – effizienter zu machen, die Welt mit Technik zu verändern.

Von einer Bierbank im Balkonzimmer aus verfolgt Bellicano, wie Poppenreiter erklärt und wirbt. Die Österreicherin, die unter anderem Wirtschaftsethik studiert hat, spricht von "Meilensteinen", von Geldgebern, von der Expansion nach . In perfektem Englisch. Alles läuft hier auf Englisch. "Hello world – we are on our way", haben sie auf eine Scheibe gekritzelt.

Eine Idee, eine junge Firma, ein paar Algorithmen, eine App. Heiß oder heiße Luft? "Die stehen vor großen Herausforderungen", sagt Fabrizio nach dem Besuch bei Ohlala. "Aber technisch wissen sie, was sie tun." Er grinst. "Und ich liebe Herausforderungen."

Berlin: Arm, aber sexy?

Berlin war vieles: Frontstadt im Kalten Krieg, Sehnsuchtsort der Kreativen, Soziallabor der Deutschen, mit Frühstück bis in die Nacht und lächerlichen Mieten. In den Nullerjahren machte die digitale Boheme "was mit Medien", schlürfte Milchkaffee im St. Oberholz am Rosenthaler Platz, bloggte – und lebte von Alimenten. Berlin war Hartz-City. Arm, aber sexy.

Jetzt ist Berlin immer noch vieles, aber eben auch Gründerstadt. Eine ganze Industrie ist eingezogen, jung, international, digital. Alle 20 Stunden entsteht hier ein Start-up. Ende 2014 gingen zwei Berliner Firmen, Rocket Internet und der Online-Modehändler Zalando, an die Börse und spielten Milliarden ein. Das war der Beweis: In Berlin kann man mit Start-ups richtig Geld verdienen. "Wir hätten unser Unternehmen in keiner anderen Stadt so gut aufbauen können", sagt Zalando-Gründer Robert Gentz, dessen Firma heute mehr wert ist als Lufthansa. Jetzt wollen alle das nächste Zalando sein.

Von Fintech, Foodtechs, Edtechs

In Kreuzberg oder in Mitte oder in Schöneberg schießen die "Techs" aus dem Boden: "Fintechs", "Foodtechs", "Edtechs", Firmen für Finanzen, für Essen, für Bildung – oder eben für fixen Sex. Sie heißen Number 26, Marley Spoon, Iversity oder Ohlala. Überall gibt es "Inkubatoren", Brutkästen für gerade gegründete Firmen, oder Akzeleratoren, Beschleuniger. Es klingt, als wäre die ganze Stadt ein Mastbetrieb für die großen und kleinen Zalandos oder Googles der Zukunft. Wer heute etwas auf sich hält, nennt sich "Founder" oder "Entrepreneur", Gründer oder Unternehmer.

"Eine Freundin hat mir gesagt: Komm nach Berlin", sagt Fabrizio Bellicano, als er zur nächsten Station unterwegs ist. "Da verdienst du zwar ein bisschen weniger. Aber hier kannst du was lernen." Seit vier Nächten schläft er jetzt bei ihr auf der Couch. Er weiß, dass er was kann. Als "Software Engineer" ist er gefragt. In Dublin hat er studiert, eine Weile beim IT-Riesen IBM gearbeitet. Stinklangweilig war das, aber gut für den Lebenslauf. Jetzt will er was erleben. Wenn er hat, steigt er bei der richtigen Firma ein und wird reich – Start-up-Lotto.

Berlin, das neue Silicon Valley

Die neue Industrie schafft Arbeitsplätze. In den vergangenen acht Jahren sind in Berlin fast 30.000 Jobs im IT-Sektor entstanden, bis 2030 könnten es noch einmal 270.000 mehr sein, behaupten Optimisten der landeseigenen Investitionsbank Berlin. Und die Wirtschaft wächst, 2015 um drei Prozent. Nur Baden-Württemberg war besser. Früher war Berlin: Haste mal 'ne Mark? Jetzt ist Berlin: Machste mal 'ne App? Das globale Zentrum der Gründer mag das Silicon Valley in Kalifornien sein. Das Zentrum der europäischen Gründerszene wird immer mehr Berlin. Berlin Valley.

Von kalifornischen Hippies haben sich offenbar auch die Leute der Kommunikations-App Wire inspirieren lassen, einer europäischen Alternative zu Whatsapp. Jedenfalls haben sie sich an diesem Tag für den Besuch der Safari-Gäste Schlaghosen angezogen und Blumen ins Haar gesteckt. Als der Tross mit großem "Hi" und "Hello" in der Dachgeschossetage über den Hackeschen Höfen eintrifft, werden sofort Fotos gemacht – gute Laune für Facebook. Neben dem Tischkicker steht Bier. Tannenzäpfle und Flensburger. Flower-Power. Prost.

Alan Duric hat sich ein dünnes Band um Stirn und schulterlanges Haar gelegt und eine gelbe Blüte in die Brusttasche des Jacketts gesteckt. Er hat schon mehrere Unternehmen gegründet, an die Börse gebracht, verkauft. Mit seinen 45 Jahren ist er ein Haudegen hier, aktuell Chef von über 50 Mitarbeitern aus 21 Ländern. Mitreißend predigt er, was es braucht, um als Gründer erfolgreich zu sein, wie wichtig ein gutes Team ist. Und der Standort: "Ihr glaubt nicht, was für eine zentrale Rolle es spielt, wo ihr euer Start-up ansiedelt."

Gute Programmierer zieht es nach Berlin

Bei Wire hätten sie München in der Ziehung gehabt, Barcelona oder Wien. Und sich dann für Berlin entschieden. "Die Stadt ist cool, die Vibes sind gut", sagt Duric. Und vor allem: "Der Zugang zu Talenten ist herausragend." Es sei mittlerweile schwer, gute Programmierer nach Helsinki, Stockholm oder Kopenhagen zu locken. In Berlin sei das anders. Die Kultur. Die Mieten. "Man würde es heute sogar schaffen, jemanden aus Brasilien davon zu überzeugen, im Winter hierherzuziehen" , ruft Duric. "Das Ökosystem hat sich wahnsinnig entwickelt."

Vom Ökosystem reden sie in der Szene oft, eigentlich dauernd. Gemeint ist das Miteinander von Gründern, Investoren und Programmierern. In einem guten System leben sie so nah beieinander, dass Ideen zu Start-ups gedeihen und dann zu Unternehmen wachsen können. Die Betonung liegt auf: können. In einem guten System werden die Schwachen auch schnell aussortiert. Darwin digital. "Die Pizza ist da!", ruft Natalia Dorozala, Wires PR-Frau in Schlaghosen. Am Ausgang liegen pinkfarbene Postkarten. Darauf steht: "We are hiring."

Brasilianer im Schnee

Draußen ist es dunkel geworden. Für Bellicano und die anderen beginnt jetzt der feierliche Teil der Tour. "Geht ihr zu der Mitarbeiter-Party in Kreuzberg? Oder schaut ihr rüber zu der Büroeröffnung Unter den Linden?", fragt einer aufgekratzt. Auf einer Terrasse über dem "Kulturkaufhaus Dussmann" trifft man dann tatsächlich einen Brasilianer: Heitor Dolinski, 25. Er programmiert für einen Bezahldienst.

Warum Berlin, Heitor?

"Weil es hier Jobs gibt, weil die Stadt grandios ist."

Und wie war es im Winter?

"Ich hatte noch nie in meinem Leben Schnee gesehen. Und ich habe noch nie so gefroren."

Bereust du's?

"Ich liebe Berlin."

Mit der digitalen Industrie zieht eine neue Kultur ein, eine neue Schicht. Berlin, das hört man bei diesem Streifzug immer wieder, sei "hungrig" . Die Leute seien "hungrig" . Alle wollten etwas erreichen.

Groß denken, auch wenn man klein ist

Ida Tin kann sehr klug über diesen Hunger erzählen. Ihre Firma Clue logiert, abseits der Safari-Route, im fünften Stock eines Hinterhauses, direkt neben dem "Kotti", dem Kottbusser Tor, wo Kleinkriminelle einem schnell das Handy wegfischen. Die Dänin ist 35, hager, sehr nüchtern. Nur auf ihre Augenlider hat sie, dezent mädchenhaft, Glitzerpartikel gestreut. Sie empfängt in einem ganz eigenen Ökosystem, einem hellen Raum mit Grünlilien an der Gitterwand und auf dem Boden. Die Pflanzen wirken so frisch und gesund wie ein skandinavischer See am Morgen. Das passt, Tins Mission ist es, die Gesundheit von Frauen zu verbessern. Aller Frauen, weltweit. Man denkt eben gern groß, egal, wie klein man ist.

Tin kam 2011 durch Zufall nach Berlin. Ihr Mann ist Deutscher, sie hatten ein acht Monate altes Kind. Und Tin hatte eine Idee. Sie wollte eine App entwickeln, um den weiblichen Zyklus zu dokumentieren, fruchtbare und unfruchtbare Tage. Familienplanung per Smartphone, eine Alternative zu Pille und Hormonbehandlung.

Als sie anfing, gab es in Berlin nicht viel Geld für Gründer. In den USA finanzieren sogenannte Angels den Start, spezialisierte Wagniskapitalgeber steigen ein, sobald die ersten Kunden kommen. Also saß Tin oft im Flieger. Nach London, nach New York, ins Silicon Valley. Es war mühsam.

Investoren finanzieren Start-ups

Heute ist sie eine Vorzeigeunternehmerin, mit Preisen überhäuft, gut vernetzt, auf dem Sprung zum großen Erfolg. Fünf Millionen Frauen nutzen Clue, zehn Millionen Dollar hat Tin bei Investoren eingesammelt. Und die Engel, selbst die aus dem Silicon Valley, sind jetzt auch in Berlin. Tin sagt: "Die Angels spielen in dem Ökosystem die vielleicht entscheidende Rolle."

2,1 Milliarden Euro Wagniskapital flossen 2015 insgesamt in die Stadt. Das ist mehr als nach London. Und auch die Großen suchen hier längst nach interessanten Firmen. Microsoft kaufte im vergangenen Jahr für geschätzte 200 Millionen Euro das Berliner Start-up 6Wunderkinder und dessen Erledigungslisten-App. Auch das zeigt, dass in Berlin etwas wächst. "Das Ökosystem ist noch jung", sagt Tin. "Aber es ist reifer geworden."

Und schicker. Bisweilen sehr schick. "Wir suchen uns immer die Premium Locations", flötet Edita Lobaciute am nächsten Tag, als sie Bellicano und andere Safaristen in der Friedrichstraße begrüßt, im noblen Quartier "The Q". Im sechsten und siebten Stock hat die israelische Firma Mindspace einen so genannten Co-Working-Space eröffnet, mit Plätzen für 800 "Mitglieder" , ab 350 Euro im Monat.

Anzugträger in Hoodies

Diese Spaces sind der letzte Schrei in der Immobilienbranche: speziell auf die Start-ups getrimmte Büros. Geboten wird die komplette Infrastruktur, vom Arbeitsplatz über die Kaffeeküche bis hin zum Steuerberater oder dem nahen Fitnessstudio. Versprochen wird: Wir sind flexibel. Wenn ihr schnell wachst, kriegt ihr schnell mehr Platz. Und: Wir bringen euch mit den richtigen Leuten zusammen.

Lobaciute führt die Gäste durch auf alt gemachte Lounges, vorbei an hellen, nach frischem Holz riechenden Großraumbüros mit langen Tischen und verglasten Arbeitsplätzen. Sie erzählt von Happy Hours und Pizzapartys, Geselligkeit ist Geschäftsmodell. Die Spaces sind bezahlte Ökosystemchen. Etablierte deutsche Firmen schicken ihre Manager gern in solche Büroetagen, damit sie mit den Start-ups in Berührung kommen. Die habituellen Anzugträger laufen dann im Kapuzenpulli herum und lassen sich ihre neue Welt von 20-Jährigen erklären. Genau genommen ist Berlin ein gigantischer Co-Working-Space. Es ist so, als ob die alte Industrie die Stadt für einen Schnellkurs in Internetfragen gebucht hätte. Alle paar Wochen eröffnen neue Büros, auch das Hipster-Café St. Oberholz macht in Co-Working.

Taugt die Geschäftsidee?

Für viele Gründer könnte Filip Dames ein Mann sein, den es sich zu treffen lohnt. Auch Dames hat sein Büro bei Mindspace. Auch er lebt davon, dass er nahe an den Start-ups ist, dass er weiß, was sie tun, was sich tut. Der 32-Jährige mit blondem Haar und blauen Augen ist ein Investor. Mit Zalando-Anteilen hat er viel Geld verdient. Das steckte er in neue Firmen, die er wieder verkaufte. Heute verwaltet er mit zwei Kollegen einen 150-Millionen-Euro-Fonds, Cherry Ventures. Zwischen 300.000 Euro und einer Million Euro investiert er in Start-ups – und erhält dafür Anteile.

Dames und seine Kollegen prüfen Gründer genau. Taugt die Geschäftsidee? Passt das Team zusammen? Ist der Markt groß genug? Manchmal brüten sie bis nachts um ein, zwei Uhr über Geschäftsmodellen. Einen Scheck bekommen am Ende nur wenige. Drei waren es im vergangenen Quartal. Bei über 400 Anfragen. Zu den Geldgebern seines Fonds gehören Pensionskassen, Familienunternehmer und sein Studienfreund, der Zalando-Gründer Gentz. Cherry Ventures verspricht ihnen bis zu 20 Prozent Rendite pro Jahr.

Wer verstehen will, wie das alles ausgerechnet jener Stadt passieren konnte, die nicht einmal einen Flughafen zustande bringt, der muss sich mit Corinna Visser unterhalten, in ihrem Büro, einer alten Fabriketage im Wedding. Visser ist Branchenchronistin, Chefredakteurin der Zeitschrift "Berlin Valley". Sie sagt: "Das alles hat sich nicht wegen, sondern trotz der Politik entwickelt." Ja, Michael Müller, der Regierende Bürgermeister, formuliert Sätze wie: "Berlin soll zum Herzschrittmacher des digitalen Wandels werden." Es gibt Austauschprogramme mit New York und Tel Aviv. Die Investitionsbank verteilt günstige Kredite an Gründer und übernimmt teilweise die Haftung für Jungunternehmer, das Land richtet Stiftungsprofessuren für Themen wie Big Data oder Cloud-Computing ein. Man schreibt Digital-Agendas und Zehn-Punkte-Pläne. Und doch hat dieses Treiben der Politiker den Wandel nicht herbeigeführt.

Viele machen einen ganz anderen Helden aus: Oliver Samwer, den Chef von Rocket Internet, dessen Geschäft darin besteht, möglichst viele digitale Firmen zu gründen und schnell möglichst groß zu machen. "Ohne Rocket Internet und Oliver Samwer", sagt Corinna Visser, "würde es die Gründerszene in Berlin in dieser Form nicht geben." Samwer und seine beiden Brüder hätten eine Kaderschmiede geschaffen, eine Berliner Schule, sagt Visser. Ehrgeizige, junge Manager hätten in den Samwer-Firmen ein paar Jahre geackert. Dann hätten sie selbst gegründet – und wiederum neue Leute geholt. Zalando ist dafür ein gutes Beispiel. Anfangs mit Samwer-Geld finanziert, sind daraus viele neue Firmen entstanden.


Samwer steht auch für die Kehrseite der Gründerkultur

Für Berlin ist Samwer ein denkbar ungewöhnlicher Pate. Mit Wowereit'schem Laisser-faire oder sozialdemokratischer Herzschrittmacher-Rhetorik hat er so gar nichts gemein. Im Gegenteil, vielen gilt er als skrupellos und gierig, als moderner Manchester-Kapitalist. Keiner weiß, ob er sich mit seinen Firmen nicht verzockt. Bei Zalando ging alles gut, 2015 machte das Unternehmen knapp 90 Millionen Euro Gewinn. Bei Rocket Internet häufen sich dagegen Verluste, zuletzt knapp 200 Millionen Euro. Samwer steht auch für die Kehrseite der bunten Gründerkultur. Sichere Jobs gibt es hier nicht. Betriebsräte und Gewerkschaften fehlen – und Frauen spielen zumeist eine untergeordnete Rolle, sie verdienen deutlich schlechter. Gründerinnen wie Tin und Poppenreiter sind in dieser Welt eher Ausnahmen, wobei die Ohlala-Chefin Gleichstellung bisweilen sehr speziell auslegt. Zuletzt sorgte sie für Ärger, weil sie "Ohlala-Nutzerinnen" – darunter offenbar Escortdamen – auf die Party einer illustren Start-up-Konferenz einschleuste, als "Guerilla-PR-Aktion".

 

Es ist früher Abend, als Fabrizio Bellicano im "Matrix" ankommt, einer Diskothek direkt unter dem U-Bahnhof Warschauer Straße. Hier feiern sie das Ende der Safari. Ronak, Natasha und all die anderen. Bellicano hat eine polnische IT-Studentin aus Warschau kennengelernt, die ihn jetzt begleitet. Die Drinks kann man ausnahmsweise per App ordern, um sie dann direkt an der Bar abzuholen, an einer "Pick up"-Station. Eine Spielerei.

Berlin, sagt Bellicano, sei cool. Allein in den zwei Tagen habe er zehn Unternehmen kennengelernt, drei oder vier davon würden ihn ernsthaft interessieren. Pia Poppenreiters Ohlala ist dabei und zwei Finanz-Start-ups. Ja, er werde sich bewerben, sagt er. Aber, mal ehrlich, es gebe auch Sofia, die bulgarische Hauptstadt. Da gehe der Punk ab. Das Leben dort sei ein bisschen rau, aber faszinierend – und günstig. Bisher habe ihn Sofia mehr begeistert. Aber jetzt, jetzt liege Berlin vorn. Knapp.