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Strom: Hochspannung!

Das Netz, an dem wir hängen, ist anfällig und macht Strom teuer. Die EU droht damit, den Konzernen ihre Leitungen wegzunehmen. Mit guten Gründen. Ein Blick hinter die Steckdosen.

Von Elke Schulze

Wie viel Strom braucht man zum Braten der Weihnachtsgänse am Heiligabend? Wann springen deutschlandweit die Kühlschrankmotoren an, weil der Schiedsrichter beim Fußballländerspiel zur Halbzeit gepfiffen hat und die Fernsehzuschauer massenweise Bier holen? Solche Fragen stellen sich die beiden Männer in der Leitstelle des Stromnetzbetreibers Eon-Netz in Lehrte bei Hannover ständig. Sie sitzen an einem Pult mit unzähligen Lichtern und Schaltbildern in einer von nur zwei Steuerungszentralen des Konzerns. Von hier aus sichern sie die Versorgung von vielen Millionen Haushalten, Betrieben und sonstigen Stromverbrauchern im Norden Deutschlands.

Ein heikler Job

Ihr Job ist einer der heikelsten im Land: Ein falscher Knopfdruck, und in halb Europa gehen die Lichter aus, so geschehen am 4. November vergangenen Jahres. Damals sollte lediglich eine Hochspannungsleitung über der Ems abgeschaltet werden, um ein neu gebautes Kreuzfahrtschiff von der Meyer-Werft in Papenburg passieren zu lassen. Routine, seit 1995 bereits 14-mal praktiziert. Andere Leitungen, so die Einschätzung, sollten die Last tragen. Diesmal hatten sich die Techniker verkalkuliert: Schon nach kurzer Zeit wurde woanders die erste Leitung wegen Überlastung abgeschaltet, in Sekundenabständen folgten weitere. Die kleine Fehleinschätzung der damals diensthabenden Techniker führte zu Stromausfällen bis nach Spanien und Portugal.

Elektrizität ist ein flüchtiges Gut: Das, was gerade produziert wird, muss auch verbraucht werden. Schon geringe Ungleichgewichte zwischen Stromerzeugung und Stromnutzung können fatale Folgen haben. Das Stromnetz ist dabei vergleichbar mit einem riesigen Stausee, dessen Wasserstand stets gleich bleiben muss, egal wie viel Wasser zu- oder abfließt. Die Eon-Männer in Lehrte sind dabei die Schleusenwärter, verantwortlich dafür, die Frequenz von 50 Hertz, in der der Strom schwingt, aufrechtzuerhalten.

Die Reserve muss stehen

Sinkt irgendwo die Frequenz im Stromnetz, blinkt dieser Knotenpunkt auf den Monitoren in Lehrte. Dann muss zusätzliche Energie eingespeist werden, indem an richtiger Stelle ein Kraftwerk die Produktion erhöht. Das geht meist automatisch, innerhalb von Sekunden. Je weniger man über die fehlende Strommenge weiß, umso mehr muss als Reserve bereitstehen - aber die ist teuer. Um möglichst wenig kurzfristig nachsteuern zu müssen, verlassen sich die Strom-Schleusenwärter vor allem auf die Windprognosen des Iset-Instituts in Kassel. "Inzwischen haben wir eine Treffsicherheit von 95 Prozent erreicht", sagt Kurt Rohrig, Bereichsleiter am Iset.

Elektrizität ist ein Geschäft, bei dem es um Milliarden geht. Denn obwohl der Markt 1998 liberalisiert wurde, teilen die vier großen Erzeuger Eon, RWE, Vattenfall und EnBW die Macht über den Stromsee immer noch unter sich auf. Denn ihnen gehört das Herzstück des Stromhandels: die Stromleitungen. Dieses Netz muss jeder Stromanbieter benutzen, um seine Kunden zu beliefern.

Netzentgelte bringen satte Gewinne

Das lassen sich die Netzbetreiber fürstlich bezahlen. Laut einem Gutachten der LBD-Beratungsgesellschaft stiegen die Netznutzungsentgelte zwischen 2001 und 2005 um 37 Prozent auf rund 2,5 Milliarden Euro, ohne dass die Investitionen gestiegen sind. Erst in den vergangen Monaten hat die Bundesnetzagentur "überhöhte Gewinne" festgestellt und die Monopolbetreiber angewiesen, die zu hohen Entgelte - die bis zu 40 Prozent des Strompreises ausmachen - um bis zu 20 Prozent zu kürzen.

Das freut die Verbraucher und lässt die Argumentation mancher Energiemanager in Sachen Atomkraft in anderem Licht erscheinen. Mantraartig betet etwa der Chef des Energieversorgers EnBW, Utz Claassen, vor, ohne Kernkraft würden die Strompreise steigen.

EU will Monopole zerschlagen

Die EU-Kommission geht inzwischen noch weiter als die Bundesnetzagentur. Vorige Woche forderte sie die Zerschlagung der Monopole: Stromerzeugung und Netzbetrieb dürften nicht länger in einer Hand liegen, forderte Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Er verspricht sich davon einen effektiveren Wettbewerb und weiter fallende Preise. Besonders die deutschen Versorger jaulen nun auf. Allein Eon hat in den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres Gewinne von sechs Milliarden Euro eingefahren. Zwar besitzen die EU-Vorschläge keinen verbindlichen Charakter. Klar aber ist, Brüssel schlägt eine harte Gangart ein, um die Preise für Endkunden zu senken.

Gleichzeitig geht es der EU-Kommission aber auch um das Thema Versorgungssicherheit. Denn trotz der Millionengewinne sind die Leitungen des deutschen Stromnetzes mit seinen 1,67 Millionen Kilometer Länge ziemlich marode. Der Strom muss sich hierzulande durch bis zu 40 Jahre alte Leitungen zwängen. Immer häufiger kam es zuletzt zu leitungsbedingten Stromausfällen, manchmal - wie am 4. November - mit europaweiten Folgen.

Keiner will neue Hochspannungsleitungen

"Insgesamt sind die Anforderungen an das System stark angewachsen", sagt Urban Keussen, Geschäftsführer des Betreibers Eon-Netz. Neue Hochspannungsleitungen werden benötigt. "Aber die Genehmigungsverfahren dafür dauern viel zu lange", beklagt er. Meist wehren sich die betroffenen Kommunen mit Händen und Füßen gegen die hässlichen Überlandleitungen, die surren und brummen und das Brustbein vibrieren lassen. Trotzdem: In den nächsten acht Jahren müssten eigentlich rund 850 Kilometer Kabeltrassen für das Höchstspannungsnetz gebaut werden.

Wie Autobahnen durchziehen die dicken Kabel auf ihren riesigen Gittermasten das Land, zerschneiden Landschaften und sind doch notwendig, um die kostbare Energie von den Kraftwerken ins Land zu transportieren. Aus den bis zu 380 Kilovolt starken Adern beziehen einige Eon-Großkunden wie der Automobilhersteller BMW oder der Chemiekonzern Dow Chemical direkt ihren Strom. Über diese Hochspannungsnetze wird auch der grenzüberschreitende Handel abgewickelt. Transformatoren bringen den Strom dann auf geringere Spannung. Aus dem Mittelspannungsnetz von 110 Kilovolt saugt zum Beispiel die Deutsche Bahn den Saft für ihre Züge. Immer geringer wird die Spannung, bis sie dann in den lokalen Verteilnetzen, aus denen die Haushalte gespeist werden, mit nur noch EU-genormten 230 Volt Lampen, Fernseher und Kühlschränke betreibt.

Das Netzt kacht an allen Ecken und Enden

Doch gerade auf der kritischen Höchstspannungsebene platzt dieses Netz aus allen Nähten. "Es wurde über Jahre zu wenig investiert", sagt Carl Christian von Weizsäcker, ehemaliger Direktor des energiewirtschaftlichen Instituts der Uni Köln und ehemaliger Vorsitzender der Monopolkommission. Vor 20 Jahren noch war das Netz komfortabel ausgebaut, selbst Kraftwerksausfälle konnten problemlos kompensiert werden. Die Leitungen waren überwiegend für die eigenen Kraftwerke der Betreiber ausgelegt und wurden primär von ihnen genutzt. Konkurrenten gab es keine. Der Kunde wurde von seinem örtlichen Versorger zwangsbeliefert. Bei Gas ist das heute noch fast überall so.

Früher regierten die Ingenieure. Heute sind es Betriebswirte. Die Investition in den Netzausbau muss sich lohnen, andernfalls unterbleibt sie. "Dann drohen amerikanische Verhältnisse", sagt Energieexperte von Weizsäcker.

Der Kollaps des Netzes droht aber auch von anderer Seite, denn der Handel mit Strom ist infolge des Wettbewerbs in Europa stark gestiegen. Wurden zu Beginn der 90er Jahre pro Jahr etwa 110 Milliarden Kilowattstunden Strom im europäischen Handel wie auf einem Wochenmarkt hin- und hergeschoben, hat sich dieser Wert inzwischen verdreifacht. Und die deutschen Leitungen sind das Zentrum dieses Geschäfts. Teilweise sind sie so überlastet, dass der Strom nicht mehr den direkten Weg nehmen kann. In Dänemark eingespeist,wandert er manchmal erst durch Holland und Belgien und dann im Süden wieder zurück ins deutsche Netz.

Umwege sind teuer

Solche Umwege sind teuer, denn ein Teil der Energie geht beim Transport verloren. Die Netzverluste haben in den vergangenen fünf Jahren um rund 20 Prozent zugenommen. Selbst Eon-Netz-Manager Keussen, der an der steigenden Zahl der Stromtransporte verdient, sagt: "Ökologisch wäre es sinnvoller, Energieträger wie Kohle auf langen Wegen zu transportieren und sie erst vor Ort zu verbrennen, als den Strom so weit durch die Leitungen zu schicken."

Für 2007 rechnet Eon-Netz mit einem Aufwand von etwa 200 Millionen Euro, um die Netzverluste wieder auszugleichen. Das kostet Geld, das sich die Betreiber von ihren Kunden, den Stromhändlern, in Form von höheren Netzmieten natürlich zurückholen. "Wenn die Europäische Kommission sich durchsetzt und Stromerzeuger und Betreiber stärker voneinander trennt und die Netzentgelte absenkt", sagt von Weizsäcker, "mag noch mehr gehandelt werden mit der Folge, dass die Netze noch stärker beansprucht werden."

Windenergie hat Vorfahrt

Wird die Technik vorher nicht modernisiert, wird es erst recht eng, denn die Netzsteuerung wird auch durch zusätzliche Stromproduzenten immer komplexer. Nicht ganz unbeteiligt daran ist die Windenergie, von der immer mehr dezentral ins Netz eingespeist wird. Dafür waren die Netze bei ihrem Bau aber eigentlich nicht konzipiert. Und die Einspeisung zu berechnen ist schwer, weil windabhängig, und macht die Steuerung des Netzes zum Nervenkitzel. Wenn die unzähligen Windräder am Meer und an den küstennahen Gebieten Norddeutschlands sich drehen und Strom ins Netz drücken, wird es hektisch in Lehrte. Denn Windstrom hat Vorfahrt und wird aus Umweltschutzgründen sofort eingespeist, Kraftwerksleistung dafür gedrosselt.

Laut dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) soll 2020 mindestens 20 Prozent des Stroms aus regenerativen Quellen erzeugt werden. Die Windenergie hat daran den entscheidenden Anteil. "Soll das Ziel erreicht werden, muss massiv in den Ausbau der Netze investiert werden, sonst erleben wir einen Blackout nach dem anderen", sagt Carl Christian von Weizsäcker. Widrigkeiten, denen die Männer in der Leitstelle Lehrte momentan begegnen, indem sie die Windräder immer öfter trotz Wind einfach abschalten. Ökologisch ein komplettes Eigentor. "Um die künftigen Anforderungen zu erfüllen, müssen wir das Netzmanagement ändern", sagt Jürgen Schmid, Leiter des Iset-Institus.

Investionen hinken hinterher

Trotz aller Warnungen wollen die Netzbetreiber ihre Investitionen nur leicht erhöhen. Nach Angaben des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft wurden vergangenes Jahr 2,55 Milliarden Euro investiert, 2007 sollen es gerade mal 2,65 Milliarden werden. Bei den dicken Gewinnen, die Eon und Co. einfahren, wirkt die Investitionsmüdigkeit für die Verbraucher wie ein Schlag ins Gesicht: Sie mussten in den vergangenen fünf Jahren nämlich knapp zehn Prozent mehr für Strom bezahlen.

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