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Uwe Hück: Wenn sein starker Arm es will...

... steh'n bei Porsche alle Räder still. Dickes Auto, Glatze, Boxernase. Und er redet, wie ihm die Maultasche gewachsen ist: Uwe Hück ist Deutschlands ungewöhnlichster Betriebsratsvorsitzender - und der entschiedenste dazu. Besuch bei einem Besessenen.

Von Ulrike Posche

Zu normalen Zeiten wäre es natürlich ein Leichtes, über den Betriebsrat Uwe Hück zu schreiben. So, wie der aussieht, wie der in seinen pepsodentweißen Porsche steigt, wie der ins Reden kommt. Wie er gerade noch bei "Basel II" ist, dann bei "Hartz IV", beim SPD-Kärrner Herbert Wehner, bei seinem Chef, dem Doktor Wiedeking, und dann auf einmal im Kreißsaal von Mühlacker. Twelve years ago, 1995.

Da fährt Hück also mit seiner Frau Ming Chung ins Krankenhaus, weil sich Sohn Vincent ankündigt. Es ist sein erstes leibliches Kind, zwei ältere Adoptivsöhne hat er schon, Lam Anh und Tuan Anh, zwei Vietnamesen, deren Geschichte werden wir später hören. Kreißsaal also. Hück glaubt noch, er habe alles im Griff. Er platziert seine Einmetersechsundachtzig sichtbar in der Anmeldung. Er klärt mit der unbezweifelbaren Kraft, die ein durchtrainierter 103-Kilo-Körper nun einmal signalisiert, dass es sich hier um einen Notfall handelt. Hück lässt Hebammen antreten, fragt Ärzte nach ihrer Eignung, organisiert die Anwesenheitszeiten von Krankenschwestern - denn es ist Sonntag. Und er ist immerhin Betriebsrat bei Porsche in Stuttgart-Zuffenhausen. Dann macht er es seiner Frau gemütlich. "Schatz, willst du Musik, hier ist der Rekorder. Willst du was essen, was trinken. Soll ich dir den Nacken massieren." Weil das aber eher gut gemeinte Anordnungen statt Fragen sind, sagt Frau Hück irgendwann: "Willst du nicht lieber nach Hause gehen?" Nein, will er nicht. Er macht gemütlich, er organisiert, er massiert, er achtet auf die Arbeitszeiten. Aber Vincent kommt nicht. Tief in der Nacht sagt der werdende Vater: "Schatz, entweder es tut sich jetzt was, oder mir ham ein Problem: Ich muss um neun nämlich in München eine Rede halten. Da streiken IG-Metall-Kollegen."

Als hätte das Gebäude erleichtert geächzt

Es hat dann noch zwei Stunden gedauert, bis das Kind auf der Welt war und der Arbeiterführer Hück von Mühlacker nach München brettern konnte. Als er sich im Morgengrauen beim Verlassen der Klinik noch einmal umgedreht habe, erzählt Hück, da sei es ihm vorgekommen, als hätte das ganze Gebäude tief und erleichtert geächzt. So ist es eigentlich immer, bis heute, wenn der Betriebsratsvorsitzende Uwe Hück, 44, nach einem sehr schweren Geburtskampf als Zugewinnler aus einer Verhandlung geht.

Etwa so hätte die Geschichte über Uwe Hück beginnen können, wenn die Zeiten normal wären und Gewerkschafter keine krummen Hunde. Wenn es all die Betriebsratsskandale der vergangenen Wochen, Monate, Jahre nicht gegeben hätte. So menschlich hätte man daherkommen können, wenn sich Betriebsräte nicht "vom Kapital hätten kaufen lassen, sondern für die Kollegen kämpfen würden", um es einmal so zu formulieren, wie es der Sozialromantiker Uwe Hück formuliert. Aber jetzt? Der angeblich unabhängige Wilhelm Schelsky und dessen Gewerkschaft ließen sich von Siemens schmieren, der triebhafte Klaus Volkert ließ seine Hurerei von VW bezahlen. Und Peter Hartz, der große Arbeitsmarktreformer bei VW und bei Kanzler Schröder, zeichnete Volkerts Spesen ab, bestellte seinerseits ambulante Damen, genoss und schwieg. Seit dies alles bekannt ist, haben es Betriebsräte in Deutschland schwer. Sogar solche wie Hück.

Nach Skandalen stehen Kollegensprecher wie Trottel da

Mag sein, dass Gewerkschafter früher einmal als jene Gutmütigen galten, die sich für andere das Maul verbrannten; die bei Wind und Wetter vor Eisentoren ausharrten, um das Streikrecht, den Flächentarif oder die Wochenarbeitszeit zu verteidigen, die beim alljährlichen Verhandlungsritual den "kräftigen Schluck aus der Pulle" für die Arbeitnehmer forderten. Doch nach den Skandalen bei VW und Siemens stehen die Kollegensprecher heute wie Trottel da - oder unter Generalverdacht. Und schon wird auch ein Paradiesvogel wie Uwe Hück in den ersten Zeitungsartikeln aufgeführt, weil es natürlich ungewöhnlich ist, dass einer einen Cayenne als Dienstwagen fährt und einen 911er privat für 700 Euro im Monat geleast hat; weil er dreiteilige Anzüge zur schweren Breitling-Uhr trägt, weil er angeblich eine halbe Million im Jahr verdiene. "Das is eine Riesensauerei", sagt Hück, "wenn man das jetzt alles zusammenrührt." Und das mit den Fünfhunderttausend? "Absoluter Schwachsinn!", sagt Hück, "ich hab so viel wie eine normale Führungskraft im Betrieb."

Gerade ist der kahl rasierte Mann vom Boxtraining in der Johanna-Wittum- Schulturnhalle gekommen. Er coacht dort ehrenamtlich einen Haufen freundlicher Jungen, die entweder aus Osteuropa stammen oder abenteuerlich tätowiert sind, oft beides zusammen. Sie erweisen ihrem Thaimeister zur Begrüßung mit Wangenküssen die Ehre und lassen sich anschließend von ihm in den Schwitzkasten nehmen oder nach allen sportlichen Regeln seiner Kunst aufs Kreuz legen. Nun sitzt der Meister im Ming Fat, dem Restaurant seiner chinesischen Schwiegereltern. Sein Magen hat sich noch nicht richtig ausgedehnt, er kann noch nichts essen. Dafür ordert er für die anderen und referiert beim Essen. Hück hat Ansichten zu einfach allem. Er fasst sie in Hauptsätze im Gewerkschaftsdeutsch, in schwäbische Relativsätze. Nach einer Stunde rauscht der Kopf. "Der Volkert! Diesen Trieb muss ein Mann beherrschen", ruft Hück aus, "wenn er das nicht kann, dann tut er nicht einer Gruppe vorstehen dürfen! Also, da bin ich absolut altmodisch, da könnte ich meiner Frau nicht mehr unter die Augen treten."

Frau Hück, übrigens, führt in Mühlacker einen Kiosk. Lotto, Presse, Zigaretten. Sie ist froh, dass sie ihr eigenes Geschäft hat, unabhängig von seinem. Schon dass ihr Mann sich gelegentlich in der SPD-Politik tummelt, ist ihr nicht geheuer. Im August 2005 nämlich, als Uwe Hück im blauen Anzug und mit einer Panzerkette unterm Hemd, an der ein Buddha aus Jade hing, groß wie eine Eierhandgranate, als er in Berlin beim SPD-Parteitag auftrat und eine Rede in den Saal brüllte, bis der kochte, damals sagte Franz Müntefering zu ihm: "Hättest du noch zehn Minuten weitergemacht, dann hätten die dich zum SPD-Vorsitzenden gewählt …" Seither ist der Arbeiterführer aus Zuffenhausen erstens landesweit bekannt und zweitens oft im Willy-Brandt-Haus. Wenn er deshalb nach einer möglichen politischen Zukunft gefragt wird, sagt er Johannes-Rau-artige Sätze wie: "Ich gehe, wenn ich gerufen werde."

"Deutschland braucht Hück"

Wer jedoch soll ihn rufen? Was soll er in Berlin? Er arbeitet für Porsche, er liebt Porsche, er ist Porsche! Selbst Vorstandschef Wendelin Wiedeking wolle ihn nicht missen, glaubt er. In schmeichelhaften Zeitungsporträts heißt Hück bereits "der Porsche- Boxer". Aber soll er das ewig bleiben? Die Kollegen im Werk haben längst einen Wahlkampf-Slogan für ihn erfunden, für welchen Wahlkampf auch immer: "Merkel braucht Glück", heißt der, "Deutschland braucht Hück". Manche sehen den Kerl mit der Meister-Proper-Frisur schon als Nachfolger des IG-Metall-Chefs Jürgen Peters. Dass beide sich nicht riechen können, ist ein offenes Geheimnis.

Es dauert, nebenbei gesagt, jedes Mal drei Tage, bis Hück allen Kollegen persönlich frohe Weihnachten gewünscht hat. Das lässt er sich nicht nehmen, der Hück. Wenn er über das Stuttgarter Porsche- Gelände geht, das in Wirklichkeit viel bescheidener ist, als ein Cayman zum Beispiel vermuten ließe, dann wird jeder Einzelne mit Handschlag begrüßt, "Mahlzeit, Kollege". Bissle schwätze, kalauern, Schulter klopfen. Wie hat er sich 1994/95 dafür eingesetzt, dass die Kantine weiterhin von Porsche subventioniert bleibt! "Ohne Mampf kein Kampf", der alte Spruch ist Hücks Devise. Und damals hatte Porsche weiß Gott andere Sorgen, als die ums Stammessen; gerade war der Untergang der Nobelfirma abgewendet, Aufkäufer, Heuschrecken und Entbeiner waren erfolglos von dannen gezogen. "Wenn wir 1992 nicht alle umgedacht hätten", sagt Hück heute, "dann wäre jetzt hier ein Porsche-Denkmal, aber kein einziger Arbeitsplatz!"

Mit dem geliehenen Porsche zur Hochzeit

Manchmal sei es heute dennoch schwierig, den Männern in den grauen Latzhosen zu erklären, warum es gut ist, dass ein Fahrzeugtyp in Leipzig und ein anderer in Finnland gebaut wird; dass die Firma den Gewinn im laufenden Geschäftsjahr zwar schon wieder steigern konnte, ihre Arbeiter aber trotzdem ein bisschen härter, ein bisschen länger rabotten sollen. Warum es sinnvoll ist, dass Porsche stärker bei VW einsteigt, erklärt Hück. Und warum es wichtig ist, einen Cayenne als Neun-Liter- Full-Hybrid-Ethanol-Fahrzeug zu bauen: "Wenn wir nämlich Autos auf den Markt bringen, wo der Markt nicht haben will, dann versuchen die da oben die Autos über Rabatte auf den Markt zu bringen. Was bedeutet das? Das bedeutet: Umsatzrendite, Deckungsbeitrag und Gewinn werden geringer, trotz dem gleichen Absatz, und der Arbeitgeber holt’s am Ende bei den Arbeitnehmern zurück. Darum erkläre ich der Belegschaft, dass wir ein hohes Interesse daran haben müssen, keine Autos auf den Markt zu bringen, die der Kunde nicht haben will." Gute 80 Prozent der Stimmen aller Porschianer hatte Hück bei der letzten Betriebsratswahl, was jedoch nur zum Teil damit zu tun hatte, dass er gut und laut erklären kann. Hück weiß vor allem auch, wovon große Jungs träumen: Vor Jahren hatte der Betriebsrat erreicht, dass vom Meister an aufwärts jeder einen Porsche vom Werk leasen kann, dass aber auch ein einfacher Lackierer sich einen Carrera leihen darf, wenn er zur eigenen Hochzeit fährt oder zur Abiturfeier der Tochter. Denn das sei doch wahnsinnig, sagt Hück, da baue man die schönsten Autos der Welt und dürfe sie nie fahren! "Eins kann man dem Uwe nicht nachsagen", meinen rhetorisch schräg selbst die 20 Prozent, die ihn nicht wählten, "der isch absolut gradlinig."

Hück trinkt kaum, er verbringt seinen Urlaub zu Hause, und nach der Arbeit stemmt er im Hobbyraum Gewichte. Wenn in den "Tagesthemen" von den Machenschaften der Kollegen bei Siemens und VW die Rede ist, macht er vor dem Fernseher Spagat. Er will wenigstens beweglich bleiben, wenn er sich schon aufregt.

Und jetzt sitzt er im Ming Fat und könnte schon wieder in Rage geraten. Sein Sondermodell mit "Hück"-Spoiler und 355-PS-Motor parkt schräg vor der Tür. Die Schwägerin serviert Köstlichkeiten, er raucht R6, trinkt Cappuccino und doziert: "Was die Renate Künast von den Grünen da neulich gesagt hat, die Leut sollen Toyota kaufen, das war eine Riesensauerei! Was sind das für Politiker, die so reden? Das ist das Problem, wo wir in Deutschland haben, dass alle schlecht reden! Was will ich damit sagen? Also, der Herbert Wehner, mein persönliches Vorbild, also der hätte so was nie gemacht!" Während die anderen Tische des Restaurants leer und still ruhen, sitzt an diesem ein Mann, der reden kann, wie die Niagarafälle rauschen. "Ich bin für Leistung, ich bin aber auch dafür, dass sich Leistung lohnt, für alle. Ich bin ein Mensch für Bildungsoffensive. Ich hab selbst gelernt: Ich muss Kraft haben, ich muss Macht haben, ich muss Geld haben, dann erreich ich was für andere. Wissen Sie, der Doktor Wiedeking und ich, wir mögen keine Weicheier. Wir sind beide wilde Pferde …" 5700 Kubikmeter Wasser pro Sekunde schießen aus den Niagarafällen in die Tiefe. "'Hück, was machst du, damit ich hier investiere?', fragt der Chef mich beispielsweise. Und wenn es nicht so läuft, wie ich will, dann sage ich 'Herr Doktor Wiedeking, wenn Sie, wenn du jetzt so weitermachst, haben wir ein Problem!' Klar bin ich für Mindestlohn, wir haben in der Firma Leiharbeiter …" Die Schwägerin serviert Feuertöpfe, Satéspieße, Lycheesaft, das Tonband ist am Ende, das Notizbuch voll. "Schmeckt's?", fragt der Niagara-Mann, als er einmal Luft holen muss, "wissen Sie, ich bin Tiger, nach dem chinesischen Horoskop. Daher kommt ein bissle das Temperamentvolle an mir." Einmal hat ihn sein drolliger Redeschwall bereits in Harald Schmidts Spottecke gespült.

Heimkind, Lackierer, Thai-Boxer

Uwe Hück war zwei Jahre alt, als seine Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben kamen. Wie seine vier Geschwister brachte man ihn in ein Kinderheim. Immer wenn eine Gemeinde kein Geld mehr hat, wird Uwe ins nächste Heim geschoben, immer sind die anderen im Schlafsaal älter, größer, stärker. Wenn Kinder am Wochenende von Verwandten abgeholt werden, steht er oben am Fenster und denkt darüber nach, wie es wäre, hinunterzuspringen und tot zu sein. Was Uwe Hück in den Heimen lernt, ist auf den Satz zu bringen: Du wirst überall nur beschissen, also wehr dich! Er macht Sport, er wehrt sich. Mit 15 führt er die ersten Verhandlungen seines Lebens, denn er will das Heim verlassen. Er hat eine Lehrstelle gefunden, "bei der Witwe Pflüger". Dort wird er Lackierer, er wird Thaiboxer, und 1982 wird er - Herbert Wehner! - SPD Mitglied. Er solle seinen Meister machen, drängt Frau Pflüger. Aber warum sollte er? Als zweifacher Europameister im Thaiboxen verdient Hück inzwischen zweieinhalbtausend Mark pro Kampf. Viel später erst entdeckt er, dass sein Manager jedes Mal 20 000 kassiert. Man wird überall beschissen. Hück wird Buddhist.

In einem Kinderheim, in dem er einst selbst lebte, betreut er nun vietnamesische Waisenkinder, Kriegsflüchtlinge, Boatpeople. Er lernt die Familie seiner späteren Frau kennen, er kümmert sich um die elternlosen Brüder Tuan Anh und Lam Anh. Irgendwann adoptiert er sie. Beide arbeiten heute bei Porsche, Lam Anh, der 24- Jährige, sogar als Meister: "Ich habe unheimliches Glück gehabt mit meinem Vater", sagt Lam, "es hat alles gepasst." Das fand Ming Chungs Vater wohl auch, nachdem er eigens nach Hannover in den buddhistischen Tempel gereist war, um dort herauszufinden, ob er der Eheschließung seiner Tochter mit Herrn Hück zustimmen dürfe. Der hatte seinen Traum, Boxweltmeister zu werden, zu der Zeit längst begraben. Er war jetzt Lackierer bei Porsche, eine gute Partie. Er machte Schulungen der IG Metall, auch Rhetorikkurse, damit es nicht immer hieß: "Uwe schaff und halt dei Gosch!" 1990 wird der Mann mit der mehrfach gebrochenen Nase und dem ungebrochenen, fast kindlichen Gefühl für Gerechtigkeit in den Betriebsrat der Dr. Ing. h. c. F. Porsche AG gewählt. Seitdem boxt er dort für 10.000 Leute. Und brüllt und droht und streift durch den Dschungel. Ein seltener Tiger im tadellosen Dreiteiler. Bislang hat beim Betriebsrat Hück noch immer alles gepasst.

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