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Cum-Ex-Affäre Anne Brorhilker – das ist die Frau, die Olaf Scholz in Erklärungsnot bringt

Anne Brorhilker: Die Untersuchungen im engsten Umfeld von Olaf Scholz gehen auf Brorhilkers Konto
Bilder von Anne Brorhilker sind rar. Die Oberstaatsanwältin aus Köln meidet den öffentlichen Auftritt. Die Untersuchungen im engsten Umfeld von Olaf Scholz gehen auf ihr Konto.
© Oliver Berg / DPA
Dass Olaf Scholz heute schon zum zweiten Mal vor dem Untersuchungsausschuss der Hamburger Bürgerschaft erscheinen musste, hat er auch der Hartnäckigkeit von Anne Brorhilker zu verdanken. Die Oberstaatsanwältin aus Köln ist Deutschlands erfolgreichste Cum-Ex-Jägerin. Und kann mit Rampenlicht wenig anfangen.

Gut möglich, dass Bundeskanzler Olaf Scholz in diesen Tagen die Hartnäckigkeit von Anne Brorhilker heimlich verflucht hat. Denn dass Scholz heute nun schon zum zweiten Mal vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (Pua) in Hamburg über seine Treffen mit dem Inhaber der Hamburger Warburg Bank, Christian Olearius, Auskunft erteilen musste, verdankt er zu großen Teilen dem Biss und der Einsatzbereitschaft einer Oberstaatsanwältin aus Köln.

Sichtlich genervt von den vielen Nachfragen hatte Scholz vor wenigen Tagen in der Bundespressekonferenz gebarmt, er sei "Mensch genug", dass er sich darüber freuen würde, wenn der "ein oder andere es mal übers Herz" brächte, einzugestehen, dass in zweieinhalb Jahren Ermittlungen nichts herausgefunden wurde. Scholz Botschaft ist klar: Es ist Zeit für einen Schlussstrich.

Doch diesen Schlussstrich wird es vermutlich so schnell nicht geben. Zumindest nicht, wenn es nach Anne Brorhilker geht. Die 49-jährige Staatsanwältin aus Köln hatte die Cum-Ex-Ermittlungen im Jahr 2013 ins Rollen gebracht. Und sie war es auch, die die Durchsuchung der Warburg-Bank und des privaten Anwesens ihres Inhabers Christian Olearius durchgesetzt hatte, bei der unter anderem das Tagebuch des Bankiers sichergestellt wurde. Darin enthalten: Aufzeichnungen über Gesprächstermine von Olearius beim damaligen Ersten Bürgermeister Olaf Scholz und weiteren SPD-Politikern, die Scholz nun schon zum wiederholten Male in Erklärungsnot bringen.

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Untersuchungen im engsten Umfeld von Olaf Scholz gehen auf Brorhilkers Konto

Brorhilker, eine gebürtige Westfälin, deren zierlicher Statur man ihren Kampfgeist nicht unbedingt ansieht, ist so etwas wie das Gesicht des Staates im Kampf gegen organisierte Steuerhinterziehung in Deutschland. Längst hat sie Anklage erhoben gegen Olearius. Auch die Untersuchungen von E-Mails im engsten Umfeld von Scholz, über die der stern exklusiv berichtet hatte, gehen auf ihr Konto. Scholz selbst, das ist ihr und ihrer Behörde wichtig zu betonen, ist nicht Gegenstand ihrer Ermittlungen.

Gern würde man von der Juristin wissen, was sie antreibt, was ihr die Kraft gibt, sich immer wieder als David einem Heer von hochbezahlten Anwälten milliardenschwerer Finanzkonzerne entgegenzustellen. Doch Brorhilker hat entschieden, ihr Privatleben weitgehend abzuschotten. Nicht mal einen Lebenslauf mag ihre Behörde herausgeben. Fotos von ihr sind rar.

Das Wenige, was man von ihr weiß (oder zu wissen glaubt), stammt aus der sehenswerten WDR-Doku "Der Milliardenraub: Eine Staatsanwältin jagt die Steuermafia." Darin zu sehen: eine fröhliche Frau mit unverkennbar westfälischem Zungenschlag, die klar und erfrischend formuliert. "Wenn Diebstahl verboten ist, ist Diebstahl verboten!", sagt sie und schildert die haarspalterischen Versuche der Gegenseite, immer wieder ein Schlupfloch zu finden: "Wenn man sagt: Diebstahl aus Handtaschen ist verboten, dann kommen die und sagen: 'Da steht aber nicht aus roten Handtaschen'".

Sie sitzt allein in einem kleinen Büro, um sie herum stapeln sich die Akten. Der Computer, auf den sie schaut, scheint einige Jahre alt zu sein. An der Wand hinter ihr hängt ein Plakat des US-amerikanischen Fotografen Robert Adams. Langsam und konzentriert klickt sie sich durch digitale Dokumente, schreibt Vermerke und wälzt sich durch dicke Leitz-Ordner. Im Vergleich zu den modernen Wolkenkratzern, hinter deren Glasfassaden sich die Cum-Ex-Geschäfte abgespielt haben, wirkt das Ambiente schmucklos, fast schon bieder.

Anne Brorhilker: eine weibliche Form von Inspektor Columbo

Vermutlich ist es Brorhilker ganz recht, dass viele dazu neigen, die so freundlich lächelnde Frau zu unterschätzen. Die "Zeit" schrieb einst treffend, Brorhilker sei eine weibliche Version des Inspektor Columbo: leicht zu unterschätzen, aber schwer wieder abzuschütteln.

"Mit Anne Brorhilker gibt es keine Spielchen“, beschrieb es die Anwältin eines Beschuldigten einmal. Dass die Gegenseite sie anfangs für klein und harmlos hielt, habe sie mitunter ausgenutzt, gibt sie zu und beschreibt spöttisch, wie sie und ihr Team aus fünf, sechs Mitarbeitern bei Durchsuchungen schon mal mit beinahe hundert hochbezahlten Anwälten der Gegenseite konfrontiert ist. Für Brorhilker ganz klar ein Einschüchterungsversuch, "uns durch schiere Präsenz in Rücklage zu bringen".

Doch spätestens als sie und ihre Behörde 2014 eine weltweite Razzia in 14 Ländern und 130 Gebäuden koordinierte, dürfte es mit dem Unterschätzen vorbei gewesen sein. Brorhilker ließ palettenweise Material sicherstellen und stieß dabei auf Unterlagen des Frankfurter Steueranwalts Hanno Berger. Berger gilt als Mastermind hinter den Cum-Ex-Geschäften, ihm wird gerade vor dem Landgericht Bonn der Prozess gemacht.

In Bonn feierte auch Brorhilker ihren bislang wichtigsten juristischen Erfolg. In einem Musterprozess, der weltweit von der Finanzbranche beobachtet wurde, ging es um die strafrechtliche Aufarbeitung des Skandals. Das Urteil des Landgerichts fiel eindeutig aus: Cum-Ex ist illegal. 2021 wurde das Urteil vom BGH bestätigt. Ein großer Sieg für Brorhilker und ihr Team, der ihr eine vermutlich ungeliebte Popularität einbrachte: Das US-Medienhaus Bloomberg nahm Brorhilker als einzige Deutsche in die "Bloomberg 50" auf, eine Liste, mit der Personen und Institutionen gewürdigt werden, die für die Weltwirtschaft von besonderer Bedeutung sind.

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Seit Brorhilker 2013 auf die komplexe Cum-Ex-Masche stieß, mit der Banken, Unternehmen und Aktionäre den Staat um Milliarden von Steuergeldern betrogen haben, ist der Kampf gegen die Drahtzieher zu so etwas wie ihrer Lebensaufgabe geworden. Und der Kampf wird immer größer. Inzwischen ermittelt die Oberstaatsanwältin in mehr als 80 Strafverfahren gegen etwa 1000 Beschuldigte, darunter die Deutsche Bank, die Commerzbank oder eben auch die Warburg-Bank. Ermittlungen, die Olaf Scholz nun schon zum wiederholten Mal in ein lästiges Rampenlicht rücken.

Den Untersuchungsausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft kennt Brorhilker aus eigener Erfahrung. Auch sie hatte den Abgeordneten als Zeugin Rede und Antwort gestanden. Und hatte dort unverblümt zu Protokoll gegeben, was sie selbst von dem passiven Umgang der Hamburger-Steuerbehörden mit der Privatbank M.M. Warburg hält: "Dass hier Scheinrechnungen von Privatbank zu Privatbank geschrieben werden, kenne ich nur aus dem Gerüstbau."


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