Wettbewerb Niedrige Löhne, fleißige Leute

Vor 15 Jahren wurden die Autos aus dem Osten noch mitleidig belächelt. Alte Technik, miese Qualität. Doch nun lockt Osteuropa - Deutschland wird bald seine Spitzenposition beim Automobilbau verlieren.

Vor gerade einmal 15 Jahren wurden die Autos aus dem Osten noch mitleidig belächelt. Alte Technik, miese Qualität. Der Trabant 601 S de Luxe aus der DDR - ein Plaste-Bomber. Glück hatte, wer die Version mit dem 1,1-Liter-Motor von VW erwischte. Oder einen Skoda 105 - mit seinem knatternden Heckmotor bereits die Krone osteuropäischer Automobilbaukunst. Vorbei. Alles längst verschrottet. In Rekordzeit ist Osteuropa zu einer der am schnellsten wachsenden Autoproduktionsstätten der Welt geworden. Und statt Billigwagen kommt jetzt außer Mittelklasse auch Exklusives aus dem Osten: Der Luxus-Geländewagen VW Touareg wird in Bratislava in der Slowakei montiert. Der schnittige Sportwagen Audi TT stammt aus dem ungarischen Györ. Peugeot und Toyota haben kürzlich Standorte in Tschechien eröffnet, Hyundai und Kia setzen auf die Slowakei. Seit Jahren steigt der Anteil der Auslandsproduktion deutscher Pkw-Bauer. Zuletzt lag er bei rund 45 Prozent.

Das ist erst der Anfang

Bereits heute können die Werke in den fünf wichtigsten EU-Betrittsländern rund 1,4 Millionen Autos bauen. Und das ist erst der Anfang: "Ich gehe davon aus, dass sich diese Zahl in den kommenden drei bis vier Jahren nahezu verdoppelt", schätzt der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Fachhochschule Gelsenkirchen. Das wären gut 2,6 Millionen Autos, die dann im "Neuen Osten Europas" produziert würden. Gleichzeitig "verliert der Automobil-Standort Deutschland seine Bedeutung" (Dudenhöffer). Zum Vergleich: In Deutschland wurden im vergangenen Jahr rund 5,1 Millionen Pkw gebaut.

In den Osten gelockt werden die Autokonzerne von niedrigen Löhnen. Die Qualität der Arbeit und die Produktivität der Mitarbeiter - so bestätigen die meisten Hersteller - entspricht dabei im Wesentlichen dem deutschen Standard. Bei einem Lohnkostenanteil von rund 15 Prozent lassen sich so im Osten Autos deutlich billiger produzieren. Außerdem attraktiv: Die EU-Beitrittsländer locken mit Gewinnsteuersätzen um die 20 Prozent. In Deutschland verlangt der Fiskus rund 39 Prozent.

Es wird nicht nur gebaut, sondern auch zugeliefert

Aber nicht nur komplette Autos kommen aus dem Osten: Porsche bezieht die Rohkarosserie für den Geländewagen Cayenne aus der Slowakei. In Leipzig werden die Fahrzeuge dann nur noch von wenigen hundert Mitarbeitern montiert. Audi lässt die Motoren für all seine Modelle in Ungarn herstellen: Im vorigen Jahr wurden in Györ 1,3 Millionen Triebwerke gebaut - vom kleinen Vierzylinder bis hin zum wuchtigen 4,2-Liter-V8. Mindestens 15 Prozent des Wagenwertes stammen damit bei jedem Audi aus Ungarn. Klagen über die Qualität der Ost-Triebwerke von Audi hört man in der Branche übrigens keine.

Von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt hat auch die deutsche Zulieferindustrie Arbeit gen Osten verlagert. Die Branche ist traditionell mittelständisch organisiert, deswegen wird seltener über sie berichtet. Experte Dudenhöffer schätzt, dass bereits 500 der rund 1300 Zulieferer ein osteuropäisches Standbein haben. "Neue Kapazitäten werden fast nur noch im Ausland errichtet", sagt er. Faustregel dabei: je arbeitsintensiver, desto eher. Trendsetter sind Reifenhersteller wie Continental oder Kabelbaum-Spezialisten wie Dräxlmaier und Leoni. "Viele von denen machen bereits den zweiten Schritt", so Dudenhöffer. "Die gehen jetzt in die Ukraine, nach Rumänien und Russland."

Da der Wettbewerb in der Zulieferbranche extrem hart ist und der Anteil der Personalkosten bei rund 25 Prozent liegt, kommt am Osten kaum einer vorbei. Um die 20 Prozent billiger lässt sich dort produzieren. Bei durchschnittlichen Gewinnmargen zwischen drei und vier Prozent in der Branche eine unwiderstehliche Verlockung, zumal viele neue Werke der Autofirmen auch im Osten entstehen. Dieser Prozess dürfte sich beschleunigen, wenn mit dem Beitritt zur EU in diesen Ländern das Investitionsrisiko für die Unternehmen weiter sinkt. "Der Autostandort Deutschland ist schlecht gerüstet für die Osterweiterung", stellt Dudenhöffer fest. "Die Automobilindustrie kehrt unserem Land den Rücken, wenn der Staat nicht bald gegensteuert."

Jan Boris Wintzenburg print

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