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27. Januar 2010, 18:07 Uhr

Nippons Zauberwürfel treffen auf deutsche Ernsthaftigkeit

Aus Asien kommen Autos, die wie ein umgestürzter Kühlschrank aussehen. Sie verstehen sich nicht als Kurvenkiller, sondern als rollende Lounge im Dickicht der Städte. Fragt sich, ob der deutsche Kunde Auto will, denen Fahrdynamik nichts bedeutet

Nissan Cube, Daihatsu Materia, Kia Soul, Panoramadach, Design

Die Japaner im Box-Design sollen nun die europäischen Straßen erobern© Hersteller/Press-inform

Japan tickt schnell. Schneller als Europa und Japans Metropolen - so scheint es - probieren die Zukunft heute schon aus. Wer in der ehrgeizigen Gesellschaft mithalten will, muss Spitzentempo bringen. "Immer auf der Überholspur bleiben", lautet das Motto, auf das man schon die Jüngsten polt. Beim Kampf um die Pole-Position fängt der Karriere-Stress bereits im Kinderzimmer an. Kein Wunder, dass sich der gehetzte Mensch in der atemlosen Hightech-Welt nach Ruheinseln sehnt. Nach Entspannung und gelegentlichem Innehalten, nach "Slow-Motion" und Geborgenheit.

Während Deutschlands Autobauer unverdrossen versuchen, das Thema "Fahrdynamik" weiter auszureizen, ticken Japans Autobosse anders: Sie versuchen ausgerechnet das Thema "Ruhe und Entspannung" mit dem Auto zu transportieren. Das hört sich verrückt an, nimmt aber nur die Trends und die diffusen Sehnsüchte der Gesellschaft auf. Nissans Auto-Schneider haben das Bedürfnis nach Entschleunigung auf ihre Art umgesetzt und Ende der 1990er Jahre den Cube präsentiert. Cube, der "Würfel", ist ein kantiges Auto, das es gar nicht erst darauf anlegt, mit beeindruckenden Sprints zu punkten. Cube ist vielmehr ein Auto, das sich dem gängigen Aerodynamik-Diktat konsequent widersetzt. Knapp vier Meter lang und in etwa ebenso hoch wie breit präsentierte sich Japan-Würfel bereits in der ersten Generation. Mit seiner fast senkrechten Windschutzscheibe bietet er gewissermaßen dem stromlinienförmig angepassten Mainstream trotzig die Stirn. Mit dem ungewöhnlichen Design traf Nissan ins Schwarze. Vor allem der Kundschaft in den Metropolen gefällt das automobile Bekenntnis zum Anderssein. Rund 900.000 Mal hat sich die kantige Kiste bisher verkauft. "In Japan genießt der Cube Kultstatus wie hierzulande der Mini", sagt Thomas Ebeling, Nissans Kleinwagen-Marketingchef in Europa.

Im Auto chillen statt rasen

Würfelwagen wie der Cube versuchen gar nicht erst, Anklänge an Rennabenteuer zu geben. Sie dienen als ein rollendes Wohnzimmer, oder neudeutsch: als Lounge, als mobile, private Sphäre im Dickicht der Metropolen. Bei genauerer Betrachtung ticken die Japaner gar nicht so anders wie die Europäer. Auch in heimischen Breiten fahren viele nicht wegen der rasanten Geschwindigkeit mit dem eigenen Wagen. Im städtischen Berufsverkehr kann von Fahrdynamik ohnehin nicht die Rede sein. Im Vergleich zu Bus, Bahn und Bahnhof überzeugt das eigene Auto aber durch die abgeschlossene Sphäre, das vergleichsweise gehobene Ambiente und die Abwesenheit von Fremden. Wer nach der Arbeit in den Wagen steigt und die Anlage einschaltet, ist emotional schon daheim angekommen. Dieses Gefühl kann ein Bahnsteig meist nicht hervorrufen. In Japan fällt es allerdings leichter eine luxuriöse Loungestimmung im Auto zu erschaffen. In öffentlichen Verkehrsmitteln geht es häufig klaustrophobisch zu und auch die Wohnungen fallen deutlich kleiner aus als in Europa. In vielen Zimmern lebt es sich beengter als in einem Würfelmobil.

Und wer in Sachen Kultstatus den Mini als Referenz aufruft, muss sich auch dem Vergleich stellen können. Deutsche Hersteller tun sich schwer mit Autos, die wie ein umgekippter Kühlschrank aussehen. Mit A2 und der A Klasse haben Audi und Mercedes jeweils einen Wagen herausgebracht, der nicht in das klassische Fahrzeugkonzept passten. Ausgezahlt haben sich diese Ausflüge für beide Marken nicht. Der A2 wurde sang- und klanglos eingestellt. Die A-Klasse verstärkte das Seniorenimage von Mercedes noch. Aus deutschen Landen ist nicht mit Autos zu rechnen, die wirken, als seien sie einem Comic entsprungen. Aber auch deutsche Hersteller werden kleinere, bezahlbarere Wagen mit einem auffälligen Design herausbringen.

Produktsubstanz statt Firlefanz

Die Kombination von Design und Innenraum versucht man in Deutschland eher mit kleinen Mini-Vans wie dem Meriva zu erreichen. Die dank flexiblem Nutzraum auf echten Nutzwert verweisen können und im Vergleich zu den Vorgängermodellen innen wertiger gearbeitet werden und außen deutlich besser aussehen. Und zur Not bleibt noch des deutschen liebstes Kind: SUVs kann man auch im Westentaschenformat herstellen. Mini macht es mit dem Countryman mal wieder vor.

Susanne Kilimann/ Genot Kramper
 
 
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