Googles verzweifelter Angriff auf Facebook

12. Januar 2012, 15:57 Uhr

Mit der personalisierten Suche möchte Google seinem sozialen Netzwerk Google+ neuen Schwung verleihen und Facebook und Co. attackieren. Doch das wird nicht funktionieren. Eine Analyse von Christoph Fröhlich

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Google versucht mit der personalisierten Suche das eigene soziale Netzwerk Google+ zu etablieren©

Es gab einmal Zeiten, da wurde jedes Projekt von Google zu Gold. Das Unternehmen war der König Midas der Internetszene. Doch jetzt greifen andere Unternehmen nach der Netzherrschaft, die der Internetriese innehat. Der Trend weg von Google und rein in die sozialen Netzwerke wird immer deutlicher: Mehr und mehr Menschen holen sich ihre Informationen primär auf Facebook, wo Freunde mit ähnlichen Interessen versammelt sind. Wer dagegen nur auf der Jagd nach der schnellen Nachricht ist, wird im Microbloggingdienst Twitter fündig.

Doch nicht nur das Wo des Suchens hat sich verändert, sondern auch das Wie. Mit der Sprachsteuerung Siri hat Apple einen großen Schritt nach vorne gemacht und gezeigt, wie intuitiv die Suche nach Informationen in naher Zukunft sein könnte. Google-Vorstand Eric Schmidt selbst bezeichnete den Sprachassistenten Siri als Bedrohung für das klassische Suchgeschäft.

Auch aus dem sozialen Netzwerk Google+ ist trotz aller Anstrengungen bislang nicht der gewünschte Erfolg geworden. Mittlerweile hat der Facebook-Konkurrent mehr als 62 Millionen Mitglieder, wie Google zum Ende des Jahres 2011 offiziell verkündete. Allerdings ist das Wachstum nur sehr gering, für Ende Januar werden 65 Millionen Mitglieder erwartet. Doch im Vergleich zum blauen Riesen mit mehr als 800 Millionen Usern ist das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, die Milliardenmarke ist laut Mark Zuckerberg zum Greifen nah. Facebook entwickelt sich immer mehr zum Netz im Netz, es schafft ein eigenes Ökosystem. Das Problem: Dort verdient Google nichts.

Die eigene Suche

Dass die Zukunft des Internets persönlich wird, hat mittlerweile auch Google begriffen, und treibt den Weg in die sozialen Netzwerke mit aller Macht voran: Im englischsprachigen Raum ist die neue Funktion mit dem etwas sperrig klingenden Namen "Search, plus your world" ("Suche, plus deine Welt") gestartet. Mit dem neuen Algorithmus werden nicht nur Daten aus den frei zugänglichen Weiten des Internets in die Suchergebnisse integriert, sondern auch die persönlichen Daten der Google+-Nutzer, sofern diese nicht zuvor für die Öffentlichkeit gesperrt wurden.

"Unsere Suche will immer die besten Ergebnisse liefern. Manchmal sind das Informationen aus den Weiten des Internets", meint Google-Chefingenieur Amit Singhal im firmeneigenen Blog. "Das können aber auch persönliche Inhalte oder Dinge sein, die du mit anderen Menschen geteilt hast." Fotos, Statusmitteilungen, Freundeslisten – alles, was das soziale Netzwerk Google+ zu bieten hat, kommt für die neue Suche infrage. Singhal ist überzeugt, dass die Informationen von Freunden und Bekannten wertvoller sein könnten als die von Autoren, die man noch nie im Leben getroffen hat. Um auf die neue Suche zugreifen zu können, muss man sich allerdings in sein Google-Konto einloggen. Wer lieber anonym surft oder die privaten Ergänzungen deaktiviert, erhält wieder die klassischen Treffer.

Ist die personalisierte Suche aktiviert, erhält man beim Stichwort "Musik" ab sofort neben den üblichen Ergebnissen auch Google+-Nutzerprofile berühmter Musiker wie Britney Spears oder Snoop Dogg, die das gesuchte Thema häufig in dem sozialen Netzwerk diskutieren. Anfragen wie "Skiurlaub" könnten dagegen die Privatfotos des letzten Winterurlaubs von Freunden zeigen. Möglicherweise wird die eine oder andere Suche dadurch tatsächlich bereichert –zugleich werden die unvorsichtigen Nutzer aber noch gläserner. Da nützt es nichts, dass Google neue Privatsphäre-Einstellungen zur Verfügung stellt, wenn diese vielleicht nie aktiviert werden. Datenschützer betrachten die neue Funktion deshalb kritisch.

Als "einen schlechten Tag für das Internet" bezeichnete Twitters Chef-Justitiar Alex Macgillivray die Google-Änderungen. Zwar dürften auch die Interessen der Firma für diese Äußerung verantwortlich sein – immerhin konkurriert Twitter direkt mit Google+ -, doch auch andere Technikexperten sind wenig begeistert von Googles Vorstoß in die Privatsphäre der Nutzer. Dabei scheint der Vorwand, die Einbindung der Nutzerdaten diene lediglich der Verbesserung der Suche, nur fadenscheinig. In Wahrheit geht es um nichts anderes als Google+.

Der Google-Kosmos bröckelt

Wenn Facebook sein eigenes kleines Internet erschaffen kann, müsste Google das auch gelingen. Oder? Die Grundlage für eine Netzherrschaft ist jedenfalls da: Eine nahezu allgegenwärtige Internetsuche, ein eigenes soziales Netzwerk, der Bilderdienst Picasa, und mit Android hat Google auch das am weitesten verbreitete Handy-Betriebssystem in seinen Reihen.

Dennoch verbringen die Internetnutzer weltweit mehr Zeit auf Facebook als auf allen Google-Diensten zusammen, wie eine Analyse des Marktforschungsinstituts Nielsen zeigt. Auch in Deutschland wird knapp 16 Prozent der Online-Zeit in Mark Zuckerbergs Netzwerk verbracht. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es gerade einmal 4,1 Prozent. Der Suchmaschinenriese bringt es dagegen auf 12,3 Prozent. Woran liegt es also, dass der Google-Kosmos seinen einstigen Glanz verliert?

Einen Mangel an Innovationen kann man Google nicht unterstellen. Das Unternehmen ergänzt seine Dienste immer wieder mit neuen Funktionen, seien es Aktualisierungen für den Kartendienst Google Maps oder der Start des neuen Online-Plattenladens Google Music vergangenen November. Doch Facebook hat gezeigt, wie man Nutzer erfolgreich an die eigene Plattform bindet. Fotos, Videos, Musikhören, Spielen, Chatten, Skypen – mittlerweile ist dort fast alles möglich. Mit der überarbeiteten Suchfunktion versucht Google erneut, die Nutzer für das eigene soziale Netzwerk zu begeistern. Doch wer noch nicht bei Google+ angemeldet ist, wird vermutlich auch jetzt nicht wechseln, zu gering ist der Nutzen. Der Slogan "Suche, plus deine Welt" ist häufig nichts weiter als eine hohle Phrase – denn nur für die wenigsten Nutzer dürfte Google+ eine eigene kleine Welt darstellen.

Ungewisse Lösung

Den Sprung in die sozialen Netzwerke hat das Unternehmen schlicht und einfach verschlafen, der Vorsprung ist nahezu uneinholbar. Das wissen selbst die Google-Ingenieure. Einer von ihnen, Steve Yegge, verbreitete im Oktober aus Versehen einen kritischen Beitrag, der eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war. Seine Aussage: "Google+ ist ein Musterbeispiel für unser Versagen, soziale Plattformen zu verstehen." Das Projekt sei im Gegensatz zu Facebook nicht langfristig genug gedacht.

Die Nutzer so an die eigenen Dienste anzuketten, wie es Facebook geschafft hat - für Google ist das quasi unmöglich. Denn niemand verbringt gerne viel Zeit auf den Google-Seiten. Mal kurz die Route auf Google Maps überprüfen, okay. Mit einem Klick schnell einen Nachrichtenüberblick auf Google News verschaffen. Und dann? Wechselt der Durchschnittsnutzer zu Facebook und Co., diskutiert über die eben gelesenen News, schaut sich Bilder an, liest die Nachrichten von Freunden.

Googles Daseinsberechtigung ist immer noch das schnelle Sortieren und Filtern von Informationen, darin ist das Unternehmen aus dem kalifornischen Mountain View ungeschlagen. Obwohl die Gewinne noch mehr als gut sind, wird das in Zukunft nicht mehr reichen. Wie Google zu alter Stärke finden könnte, weiß scheinbar nicht einmal die Firma selbst. Die neue Google-Suche ist jedenfalls nicht die Lösung.

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