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28. Oktober 2011, 19:41 Uhr

Es ist Krieg und Millionen spielen mit

Waffen, Panzer und Schlachtfelder: Kriegsspiele wie "Battlefield" und "Call of Duty" sind Bestseller. Auch die neuen Titel der Videospielserien werden sich millionenfach verkaufen. Warum eigentlich? Von Nina Ernst

Call of Duty, Battlefield, Shooter, Kriegsspiele, Videogames, PC

Millionen Spieler stürmen in der Ego-Perspektive über die virtuellen Schlachtfelder von "Battlefield" und "Call of Duty"© Infinity Ward/Activision Blizzard

Eine Granate sprengt ein Auto, Gewehrsalven peitschen durch die Luft, jemand brüllt Befehle. Auf dem virtuellen Schlachtfeld ist alles laut, schmutzig und hektisch. So stellen sich viele den echten Krieg vor, zumindest optisch und akustisch. Eine Mixtur aus den Bildern Hollywoods und denen der Nachrichten. Was für einige Nichtspieler befremdlich oder gar schockierend wirkt, ist für andere ein harmloser Freizeitspaß, schließlich kommt niemand zu Schaden.

Das Spiel mit dem Krieg ist ein Massenphänomen, das hauptsächlich zwei Serien bedienen. Das neue "Battlefield 3" des schwedischen Entwicklers Dice ist offenbar vom Start weg ein Hit. Nach weltweit 30 Millionen verkauften Vorgänger-Games sind von der Fortsetzung laut Publisher Electronic Arts bereits mehr als zehn Millionen Spiele an den Handel geliefert worden. Marktführer "Call of Duty", dessen neuer Teil "Modern Warfare 3" am 8. November erscheint, bricht mit insgesamt 100 Millionen verkauften Exemplaren regelmäßig Rekorde. Zahlen, die einmal mehr belegen, dass Videogames längst im Mainstream angekommen sind.

Und so existiert auch der typische Kriegsshooter-Spieler nicht. Die Millionen Menschen, die an der Seite von Computerkameraden oder menschlichen Mitspielern gegen feindliche Truppen kämpfen, entstammen aller Bildungs- und Einkommensschichten, aller sozialen Gefüge.

Spiele sind fast immer Konflikte

Für Torben Kohring vom Spieleratgeber NRW, der Eltern zu Computer- und Videospielen berät, sind Konflikte die Grundlage fast aller Spiele. Sich miteinander messen, nach bestimmten Regeln ein Problem lösen. "First-Person-Shooter können Konflikte besonders gut darstellen. Man wird durch die Ego-Perspektive zum Teil eines Spiels, fühlt die Bedrohung unmittelbar", sagt Kohring. Zur Darstellung von Bedrohungen und Konflikten liegt das Militär als Thema nahe. Besonders Männer fühlen sich laut Kohring von den Themen Kämpfen und Überleben angesprochen. Wie schon bei den Rollenspielen kleiner Jungs. Auch da geht es in der Fantasie selten zimperlich zu.

Das Militär als Mittel zum Zweck. Das sieht auch Robert Bowling vom "Call of Duty"-Entwickler Infinity Ward so: "Uns geht es um die Action, die Intensität, Taktiken und einen globalen Konflikt mit vielseitigen Schauplätzen." Das impliziert nicht unbedingt klassische Soldaten. Aber kunterbunte Fantasie-Panzer und Science-Fiction sind nicht jedermanns Sache. "Viele finden reale Szenarien faszinierend, die sie aus den Nachrichten kennen", sagt Kohring. Auch Spieler Lars Seifert kann sich wie viele User seines Forums www.callofdutyseries.de mit realistischen Schauplätzen eher identifizieren, weil ihm dort vieles bekannt vorkommt: "Das macht die erzählten Geschichten menschlicher und nachvollziehbarer", sagt der 40-Jährige.

Wer über das Schlachtfeld rennt, Kugelhagel ausweicht, nach Deckung sucht, hat keine Lust und keine Zeit, sich an Gewaltorgien zu ergötzen. Im virtuellen Krieg werden virtuelle Figuren erschossen, weshalb fast alle Genre-Vertreter nur für erwachsene Spieler freigegeben sind, Splatter-Effekte sind hier aber tabu. Für die "Battlefield"-Spieler Joanna Konietzny (28) und Maximilian Paulußen (24) ein wichtiger Aspekt. "'Battlefield' ist trotz des Kriegsszenarios nicht brutal, man sieht keine Gewaltverherrlichung", sagen die beiden, die ein Paar sind und sich quasi auf dem Schlachtfeld kennengelernt haben.

Seifert findet die Story der "Call of Duty"-Spiele "ähnlich mitreißend inszeniert wie Hollywood-Kino". Der Spieler jagt von einer Action zur nächsten. Zeit zum Verschnaufen ist rar. Mehr als in anderen Genres müssen die Entwickler sich mit jedem neuen Spiel selbst übertreffen, die Nachfolger stets schneller, besser und packender werden. Die Erwartungen der Fans sind mindestens so hoch wie die Verkaufszahlen. Einen Shooter zu entwickeln, bedeutet auch, Vorzeigegrafik bieten zu müssen, die alles Bisherige in den Schatten stellt. Das gelingt vor allem der PC-Version von "Battlefield 3" sehr eindrucksvoll.

Unangenehm simpel

Weniger überzeugend als die Optik ist die eindimensionale Darstellung des Krieges. Die Shooter bilden actionreiche Konflikte spektakulär nach, Simulationen sind sie nicht, wollen sie nicht sein. Es herrscht ein sauberes Bild des Krieges. Auf der einen Seite die eigenen Männer, auf der anderen Seite die Gegner. Trauernde Witwen, verwundete Kinder und das große Leiden haben keinen Platz. Ob die emotionslose Darstellung im realistisch erscheinenden Gewand die Vorstellung des Spielers vom Krieg verändern könnte? Das glauben Konietzny und Paulußen nicht: "Das ist ja nur ein Spiel. Und die Spieler können in der Regel gut zwischen Realität und Spiel unterscheiden." Torben Kohring vom Spieleratgeber NRW sagt, dass diese Differenzierung und die im Spiel gemachten Erfahrungen je nach Bildungsgrad variierten.

Er glaubt, dass Anti-Kriegsspiele der nächste evolutionäre Schritt für das sich wenig verändernde Genre sein könnten. Ähnlich wie in Hollywood, wo Anti-Kriegsfilme schon lange erfolgreich sind. Auch "Call of Duty"-Fan Seifert vermisst manchmal den Tiefgang und packende, plausible Geschichten, wie sie andere Spielgenres längst erzählen. Doch dazu gehört Mut aufseiten der Entwickler. Mut gegenüber den Käufern, die wie gewohnt die flotte, unkomplizierte Action suchen.

Krieg als Mannschaftssport

Viele kennen die Story ihres Lieblingsspiel noch nicht einmal. Weil sie die Einzelspieler-Kampagne nie gestartet haben. Sie widmen sich ausschließlich dem Mehrspielermodus, in dem sich Teams von Spielern im Internet miteinander messen. Bei "Battlefield 3" sind es sogar bis zu 64 Gamer gleichzeitig. Auf den riesigen Schlachtfeldern wird jeder zum kleinen Teil eines großen Ganzen. Nicht alle kämpfen an vorderster Front, mancher repariert die ganze Zeit nur die Fahrzeuge von Kameraden.

Online geht es bei beiden Shooter-Serien taktischer zu als im Storymodus, Teamgeist ist gefragt. Die soziale Komponente und der Wettkampfcharakter sind für Konietzny und Paulußen das Faszinierendste an ihrem Hobby. "Es ist uns wichtig, ein teambasiertes Spiel zu spielen, bei dem man mit Leuten in Kontakt kommt." Auch für Seifert ist das Spiel mit anderen ergreifender als die Einzelspieler-Kampagne. Wenn das eigene Team gemeinsam etwas erreicht, was nicht mehr zu schaffen schien, bekommt er auch nach etlichen Spielstunden manchmal noch eine Gänsehaut.

Mit diesem Gemeinschaftsgefühl schaffen die Kriegsshooter etwas, von dem Hersteller anderer Spiele nur träumen: Langzeitmotivation. Während zum Beispiel ein Action-Adventure die Spieler nur kurz bindet und häufig schon wenige Monate nach dem Erscheinen zum alten Hut wird, bleibt die Community den Kriegsshootern lange treu. So lange, bis die Fortsetzung erscheint.

Spielszenen
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Spielszenen "Battlefield 3"
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Spielszenen "Call of Duty: Modern Warfare 3"
Battlefield 3
Genre Egoshooter
Hersteller/Vertrieb Dice/Electronic Arts
Plattform PC, Xbox 360, PS3
Preis 50 bis 55 Euro
Altersfreigabe ab 18 Jahre
Call of Duty: Modern Warfare 3
Genre Egoshooter
Hersteller/Vertrieb Infinity Ward/Activision Blizzard
Plattform PC, Xbox 360, PS3
Preis 45 bis 55 Euro
Altersfreigabe ab 18 Jahren
Von Nina Ernst
 
 
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