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"Kultur der Gewalt": Der neue NRA-Chef meint, Ritalin sei schuld an Amokläufen - nicht Waffen

Ex-Politberater Oliver North ist der designierte neue Präsident der US-Waffenlobby NRA. Am Wochenende schaltete er sich bereits in die Waffendebatte nach dem jüngsten Schulamoklauf ein - und sieht das Problem ganz woanders.

Übernimmt den Vorsitz der US-Waffenlobby NRA und hat ganz eigene Theorien zu Amokläufen: Oliver North

Übernimmt den Vorsitz der US-Waffenlobby NRA und hat ganz eigene Theorien zu Amokläufen: Oliver North, bekannt durch seine tragende Rolle in der Iran-Contra-Affäre in den 80er-Jahren

AP / DPA

Es ist eigentlich immer das Gleiche: In den schießt jemand an einer Schule oder Universität um sich, es sterben Menschen, Gegner der laxen Waffengesetze fordern strengere, die Waffenlobby hält davon gar nichts - und am Ende ändert sich: gar nichts. Vielleicht ist dieses Mal selbst die NRA von diesem ewig gleichen Muster gelangweilt und jagt deswegen mal einen neuen Erklärungsansatz in die Welt. 

Nur Tage nach den tödlichen Schüssen an einer Highschool in Texas mit zehn Toten stellte Oliver North, designierter Chef eben jener Waffenlobby, bei "Fox News Sunday" einen Zusammenhang zwischen dem ADHS-Medikament Ritalin und Amokläufen her. "Wir versuchen das Symptom zu behandeln, ohne die Krankheit zu heilen", sagte er zum Gewaltproblem in den USA. "Und die Krankheit ist nicht der zweite Zusatzartikel der Verfassung (der Amerikaner das Recht auf Waffen zusichert, Anm. d. Red.). Die Krankheit ist, dass junge Menschen von einer Kultur der Gewalt durchtränkt sind, viele von ihnen auf Medikamente gesetzt werden." Welche Medikamente er genau meint, führt North wenig später aus. Mit Blick auf die zumeist männlichen Schützen sagt er: "Viele dieser Jungen waren seit dem Kindergarten auf Ritalin. Ich bin sicher kein Arzt, ich bin ein Marine, aber ich kann sehen, was da passiert."

NRA-Mann Oliver North warb für "Call of Duty"

North erklärt auch, was er mit einer "Kultur der Gewalt" meint. Die meisten Amokläufer kämen aus einem Umfeld, in dem Gewalt "alltäglich" sei. Man müsse nur "den Fernseher anmachen, ins Kino gehen". Das Argument von gewalttätigen Filmen und insbesondere Videospielen ist nicht neu für die NRA. Ob North aber der richtige Mann ist, es anzubringen, darf bezweifelt werden. Wie die "Washington Post" berichtet, machte der ehemalige Politberater 2012 Werbung für das Egoshooter-Spiel "Call of Duty: Black Ops II", war Teil der dazugehörigen Marketing-Kampagne.

Besser bekannt ist der 74-Jährige aber für seine zentrale Rolle in der Iran-Contra-Affäre in den 80er-Jahren. Damals kam ans Licht, dass die Reagan-Regierung heimlich Waffen an den Erzfeind Iran verkaufte, um mit den Einnahmen die sogenannten Contras in Nicaragua bei deren Kampf gegen die Regierung auszurüsten. Das war in doppelter Hinsicht brisant, weil die Unterstützung der Contras ein klarer Verstoß gegen einen anders lautenden Beschluss des Kongresses darstellte und der Iran damals bereits als verfeindeter Staat galt, der sich obendrein im Krieg mit dem damals noch von den USA unterstützten Irak unter Saddam Hussein befand. Die Schuld für den Skandal wurde weitgehend als Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates zugeschoben. Er wurde von Reagan gefeuert, zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, die später aufgehoben wurde und machte Karriere als Buchautor und TV-Experte für Fox News.

Scharfe Kritik - aber Donald Trump wird's gefallen

Seine jetzigen Äußerungen sorgten für scharfe Kritik von Waffengegnern. Die Kommentare auf den Punkt brachte folgender Tweet des Europa-Pressesprechers von Human Rights Watch mit dem Hashtag "#ItsTheGunsStupid": "Europa hat: Menschen mit psychischen Problemen, Kinder auf ADHS-Medikamenten, Jungen, die Abfuhren von Mädchen kassiert haben, Schulen mit Türen, Videospiele, Filme, Musik. Europa hat nicht: wöchentliche Schusswaffenattacken auf Schulen."

Die NRA hatte in der Vergangenheit bereits kritisiert, dass Schulen zu viele Eingänge hätten, und man mit weniger Türen besser verhindern könnte, dass bewaffnete Schüler ins Gebäude gelangen. Eine Mutter eines der getöteten Mädchen der jüngsten Attacke in Texas sagte gegenüber US-Medien, dass ihre Tochter den Schützen mehrfach abgewiesen hatte, als dieser mit ihr ausgehen wollte.

Einem werden die Kommentare des neuen NRA-Chefs aber mit Sicherheit gefallen haben - und der ist auch bekanntermaßen ein Fans von Fox News, auf dem das Interview mit North lief: Donald Trump. Der US-Präsident twitterte bereits 2012 - weit bevor er ins Weiße Haus einzog - nach einem der schlimmsten Schulmassaker der US-Geschichte in der Grundschule von Sandy Hook: "Die Gewalt in und die Glorifizierung von Videospielen muss gestoppt werden. Sowas kreiert Monster."

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