Mehr als jede zweite Schwangere trinkt zumindest gelegentlich Alkohol. Vielen werdenden Müttern sind die Gefahren für ihr Kind nicht bewusst. Kinderarzt Hans-Ludwig Spohr schildert die möglichen Folgen.

Ab und zu ein Glas - das ist schon zu viel. Denn bislang ist unklar, wo die kritische Grenze liegt© Colourbox
Nein. Das eine Glas Sekt erzeugt beim Kind, wenn es die Ausnahme bleibt, keine Schäden - so viel kann ich aus meiner Erfahrung sicher sagen. Aber das Problem ist: Wir Wissenschaftler wissen nicht, wo die kritische Grenze für Alkohol in der Schwangerschaft liegt. Deswegen ist die Nulllösung, also kein Alkohol in der Schwangerschaft, der sichere Weg.
Ja, denn das sind dehnbare Begriffe: Was heißt "ab und zu"? Und was heißt "ein Gläschen"? Das meint bei jedem etwas anderes. Die eine Frau versteht darunter ein Glas Wein einmal in neun Monaten, eine andere vielleicht ein Glas Schnaps am Nachmittag. Auf solche ungenauen Empfehlungen, "ab und zu mal ein Gläschen", können wir Ärzte uns nicht einlassen. Zumal wir inzwischen wissen, dass keineswegs nur Alkoholikerinnen Kinder bekommen, die unter der sogenannten Fetalen Alkoholspektrum-Störung, kurz FASD, leiden - einer körperlichen und geistigen Behinderung.
Angesprochen ja. Aber oftmals ist es eher ein Abhaken einer unangenehmen Frage. Und Schwangere, die Alkohol trinken, sind im medizinischen Alltag gar nicht so leicht zu erkennen: Es gibt keinen eindeutigen Blutmarker, mit dem der Arzt nachprüfen kann, wie viel die Frau tatsächlich trinkt. Er muss sich also auf ihre Angaben verlassen - und da wird oft beschönigt und gelogen.
Ich bin immer wieder verblüfft, wie wenige - vor allem jüngere - Frauen das wissen: Alkohol ist ein Zellgift, das nicht nur auf einen selber, sondern auch auf das ungeborene Baby wirkt. Dass Komasaufen schädlich ist, ja, das haben die meisten Menschen schon mal gehört. Aber das Gläschen Wein ab und an - das beziehen viele Frauen nur auf sich, auf Geselligkeit oder Entspannung, und gar nicht auf das ungeborene Kind. Besonders fatal ist sogenanntes Saturday-night-Drinking, also Wochenendtrinken, wenn die Frauen ausgehen und bis zum Rausch bechern. Und dann gibt es ja noch diejenigen, bei denen das Ganze nicht viel mit freier Entscheidung zu tun hat, sondern mit Sucht - die chronischen Alkoholikerinnen.
Nein, meist nicht. Ich habe erlebt, wie eine Schwangere sturzbetrunken in den Kreißsaal kam. Das Neugeborene hatte bei der Entbindung eine Fahne, und seine Entzugssymptome mussten wie bei einem Drogenabhängigen behandelt werden.
Nein. Es gibt keine Phase, ab der man sagen kann: Jetzt ist es nicht mehr so schlimm. Die genauen Mechanismen, wie Alkohol beim Ungeborenen Schaden anrichtet, sind zwar noch nicht geklärt. Aber man weiß, dass Alkohol das Gehirn und die Nervenzellen zu jedem Zeitpunkt der Entwicklung bis zur Geburt angreift.
Wenn die Frau ab dem Augenblick, in dem sie weiß, dass sie schwanger ist, sofort aufhört zu trinken, ist die Gefahr, dass das Kind schwerbehindert zur Welt kommt, in der Regel sehr gering.
In meinem Leben 500 bis 600, zurzeit kommen jede Woche ein bis zwei in meine Sprechstunde. In Deutschland werden pro Jahr ungefähr 4000 solcher Kinder mit ganz unterschiedlichen Schweregraden der Schädigung geboren. Damit ist FASD die häufigste angeborene Behinderung, noch häufiger als das Down-Syndrom - und das, obwohl sie zu 100 Prozent vermeidbar wäre. Ziemlich sicher ist die Dunkelziffer hoch, und es gibt wahrscheinlich noch mehr FASD-Kinder. Diese werden aber nicht erkannt.

Hans-Ludwig Spohr ist Spezialist für behinderte Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft getrunken haben© Michael Trippel
Oft ist die Diagnose schwierig. Das liegt daran, dass die Symptome, die FASD-Kinder haben können, äußerst vielfältig und oftmals unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Zum Beispiel verminderte Körpergröße, ein zu kleiner Kopf, ein auffälliges Gesicht, ein Herzfehler, Schlafstörungen, psychische Auffälligkeiten wie Hyperaktivität, ein verminderter Intelligenzquotient, Lernschwierigkeiten. Zum anderen ist bei vielen Kindern gar nicht bekannt, dass Alkohol während der Schwangerschaft im Spiel war. Die meisten FASD-Kinder wachsen bei Pflegeeltern auf, die häufig nichts vom Alkoholkonsum der leiblichen Mutter wissen. Es gibt ja auch betroffene Kinder, die ganz normal aussehen. Wenn deren Pflegeeltern feststellen, dass etwas in der Entwicklung oder beim Verhalten nicht stimmt, beginnt für sie eine Odyssee von Arzt zu Arzt: Der Kinderarzt bescheinigt, dass das Kind zu klein ist, aber mit den Wachstumshormonen alles in Ordnung ist; der Genetiker kann an den Chromosomen nichts feststellen; der Psychiater verschreibt Ritalin gegen die Hyperaktivität. Die Pflegeeltern sind verzweifelt, weil sie nicht wissen, was mit dem Kind los ist, und kein Doktor ihnen wirklich weiterhelfen kann.
Nein, das kann man nicht. Für diese Kinder sind eine eindeutige Diagnose und Frühförderung das Wichtigste. Und ein stabiles, liebevolles Zuhause, das es schafft, trotz der täglichen Anstrengungen mit dem Kind selbst den Ärzte- und Förderungsmarathon durchzustehen.
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Stern
Ausgabe 50/2008