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3. September 2009, 14:07 Uhr

Ärzte zwischen Empörung und "Einzelfällen"

Wie tief reicht der Bestechungssumpf im Gesundheitswesen? "Das ist der Mutterkuchen des Sommerlochs", polterte Andreas Köhler, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung, zunächst. Dann gab er zu, dass sich Ärzte bereichern, aber nur in Einzelfällen.

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Überweisung in ein Krankenhaus: Nicht selten entscheidet eine "Prämie", in welcher Klinik der Patient landet© Thomas Kienzle/AP

Zunächst ungebremste Empörung, dann das Eingeständnis, dass Ärzte auf verschiedene Weise Geld von Krankenhäusern bekommen, das ihnen nicht zusteht. Von einer Verleumdungskampagne noch nie dagewesenen Ausmaßes sprach der Vorsitzende des Verbandes der niedergelassenen Ärzte Deutschlands, Klaus Bittmann. Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Köhler, wetterte am Donnerstag zunächst ebenfalls gegen die Vorwürfe, Ärzte seien bestechlich, räumte dann aber ein, es gebe Bereicherungen von Medizinern. Es handele sich dabei aber um Einzelfälle. "Das muss geahndet werden", sagte Köhler in Berlin. Die Patienten könnten trotzdem weiter auf verantwortungsbewusstes Handeln ihres Arztes vertrauen.

Ärzte und Kliniken sind in Verruf geraten, nachdem die Praxis der sogenannten Fangprämien öffentlich geworden war. Dabei zahlen Krankenhäuser Geld an niedergelassene Ärzte, damit diese wiederum Patienten an die jeweilige Klinik überweisen. Krankenkassen-Vertreter hatten daher am Donnerstag schärfere Gesetze gegen diese Form der Bestechung gefordert. Das Gesundheitsministerium sieht dagegen keinen Handlungsbedarf.

Die Regeln seien völlig klar: Zahlungen für die Einweisung von Patienten in bestimmte Krankenhäuser seien verboten, sagte Gesundheitsstaatssekretär Klaus Theo Schröder am Donnerstag der ARD. "Wir schauen uns die Fälle natürlich an", ergänzte er. "Aber wir sehen im Augenblick nicht, dass jenseits des bestehenden Rechts irgendwelche Konsequenzen gezogen werden müssen."

Vielmehr seien Ärzte und Kliniken aufgefordert, die Fälle nicht nur zu diskutieren, sondern Konsequenzen zu ziehen. Wenn es wirklich einen Anfangsverdacht gebe, dann solle man das zur Anzeige bringen. "Das Strafrecht reicht dafür völlig aus", sagte Schröder. Der Staatssekretär widersprach auch Vermutungen, dass der Missbrauch mit der Förderung der sogenannten Integrierten Versorgung zu tun habe, also der besseren Zusammenarbeit von Kliniken und niedergelassenen Ärzten bei der Behandlung von Patienten. Die illegalen Praktiken beträfen nicht die sogenannte Integrierte Versorgung, sondern "normale Einweisungen", sagte er.

Köhler: "Da krieg' ich das Kotzen"

Die Debatte gehe voll zulasten der Kranken, empörte sich trotz zugegebener Fälle Kassenärzte-Chef Köhler. "Hier werden im Moment massiv die Patienten verunsichert. Da krieg' ich das Kotzen", wurde er drastisch. Die Angriffe seien Nachwehen der nachrichtenarmen Zeit: "Das ist der Mutterkuchen des Sommerlochs."

Trotz seiner heftigen Worte machte Köhler zugleich auf vier Arten möglichen illegalen Handelns aufmerksam. Er räumte ein, dass es Bestechung in Form von "Motivationsprämie, Fangprämie, Kopfpauschale" gebe. "Da kennen wir Krankenhäuser, die das machen. Das ist Zuweisung gegen Entgelt, und das ist berufsrechtlich zu ahnden." Eine solche Praxis könnte es nach Angaben des Präsidenten der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Rudolf Kösters, an etwa fünf Prozent der Krankenhäuser geben. Er korrigierte damit seine aufgeregte Äußerung vom Vortrag, dass fünf Prozent der rund 14 Millionen Einweisungen jährlich unkorrekt seien. Spekulationen über Patientenzahlen entbehrten jeder Grundlage, betonte Kösters nun. Die Bundesärztekammer warf den Kliniken vor, die Debatte aus finanziellen Gründen angestoßen zu haben. Den Kliniken gehe es nur darum, ihre Honorare an die niedergelassenen Ärzte zu drücken, attackierte Vizepräsident Frank Ulrich Montgomery die Einrichtungen in der "Frankfurter Rundschau".

Laut Kassenärzte-Chef Köhler ist zu beachten, dass seit der jüngsten Gesundheitsreform und weiterer Änderungen es möglich ist, dass Krankenhäuser etwa die Nachsorge ihrer Patienten per Vertrag an Praxisärzte abgeben. "Wenn es solche Vertragskonstruktionen gibt, ist es legitim, das mit dem Krankenhaus abzurechnen." Die besseren Übergänge von Klinik zu Praxis seien gewollt und dürften nicht verunglimpft werden. Köhler räumte ein: "Nicht legitim ist es, das noch mal zusätzlich mit der Kassenärztlichen Vereinigung abzurechnen." Zudem gebe es auch unkorrekte Fälle, in denen Ärzte solche Behandlungen abrechneten, obwohl es keinen Vertrag darüber gebe. Außerdem gebe es "noch ganz sonderbare Konstruktionen" wie Prämien für Qualitätssicherung.

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KOMMENTARE (10 von 16)
 
g3cd (04.09.2009, 09:36 Uhr)
Schon seltsam
Ich hatte vor ein paar Jahren einen Bandscheibenvorfall und bin Privatpatient. Da wurden bei mir Untersuchungen gemacht zur Leitfähigkeit von Nerven, die eigentlich erst nach 4 Wochen Ergebnisse liefern können, aber nicht 4 Tage nach dem Vorfall. Einer der Ärzte reichte über 1 Jahr nach dem Krankenhausaufenthalt noch eine Rechnung nach - wofür, erfuhr ich erst auf schriftliches Nachhaken.

Das seltsamste aber war: ich sollte in eine Kurklinik in Bad Homburg eingewiesen werden und darum noch bis Montag im Krankenhaus bleiben. Als ich mich mit meinem Orthopäde beratschlagt habe, habe ich mich für eine ambulante Therapie entschieden und siehe da: der Oberarzt war auf einmal total stinkig und schmiss mich noch am selben Tag aus dem Krankenhaus.

Das war ein GANZ seltsame Situation und ich würde mein komplettes Erspartes wetten, dass er von der Kurklinik eine Provision erhalten hätte. Ein transparenteres Abrechnungssystem von Ärzten und Kassen ist der richtige Schritt, um solchen Vorkommnisse aufzuklären!
kaisergarten (03.09.2009, 21:10 Uhr)
Bla,bla
Gibt es EINEN konkreten Fall? EINE Anzeige? EINE Ermittlung? Ich kann auch viel vermuten, aber ohne Beweise sollte man die Schnauze halten. Aber erst mal alle mit Dreck bewerfen, es wird schon was hängen bleiben. Das ist heutiger Politik und Journalismusstil.
Gaffelfall (03.09.2009, 20:40 Uhr)
Eliten
In einer Zeit, in der es Usus geworden ist, Professoren wie Raffelhüschen und Rürup als Regierungsberater zu "Weisen" zu küren, ist es nicht verwunderlich, wenn Ärzte es mit ihrem Integritätsanspruch vereinbaren, den Warencharakter ihrer Patienten zu nutzen.
Mitnehmen, geht doch!
klausvompoll (03.09.2009, 18:17 Uhr)
Geschäft
Das Gesundheitswesen ist ein Miliardengeschäft wie viele andere Bereiche auch. Wieso sollte es gerade hier seriös zugehen. Was unterscheidet die Ärzte von anderen Geldgierigen Menschen. Ich war 3 Jahrzehnte in verschiedenen Kliniken tätig und kann sagen, je schlechter der Arzt je gieriger.
msjones777 (03.09.2009, 16:28 Uhr)
Komische Affairen
Ich bin privatversichert und wohne in München Bogenhausen. In meiner unmittelbaren Nähe ist eine grosse und renommierte Radiologiepraxis. Trotzdem hat mich der Orthophäde, Dr. Machnik, an eine Radiologiepraxis in Sendling - 40 Minuten Autofahrt verwiesen. Auch für eine Nachuntersuchung wieder die selbe Geschichte. Ein Schelm, der sich Böses dabei denkt......
zurgat (03.09.2009, 16:25 Uhr)
es sind einzelfälle die rauskommen
wie bei den managern
undjetztnochder (03.09.2009, 16:06 Uhr)
@arrein
Schlechte Idee! Das hat man schon mal im alten Ägypten versucht mit der Folge, das "schwierige" oder unheilbare Krankheiten gar nicht mehr behandelt wurden. Das kann keiner wollen.
undjetztnochder (03.09.2009, 16:04 Uhr)
Eine Schande
Ich selbst bin niedergelassener Arzt und empfinde die Kollegen, sie so gehandelt habe, als Schande für unseren Berufsstand! Solches Gebahren ist nicht nur kriminell, sondern es schadet einzelnen Patienten tatsächlich und es verzerrt den Wettbewerb, in welchem die Krankenhäuser stehen, in unzulässiger Weise. Und vor allem: das Vertrauen in einen ganzen Berufsstand, in die gesamte Ärzteschaft wird dadurch erschüttert, wie man in den Vorkommentaren völlig zu Recht lesen kann. Also: schwarze Schafe ausfindig machen, mit allen angemessenen standesrechtlichen und juristischen Schritten dagegen vorgehen, bis hin zum Entzug der Approbation und der Veröffentlichung der Täter.
Ein Nachsatz sei mir gestattet: ich kenne ziemlich viele Kollegen, unterschiedliche Fachgruppen, unterschiedliche Regionen, von denen ist keiner (soweit ich das überblicke, aber wir kennen uns ziemlich gut...) in solche Machenschaften verstrickt. Ich gehe somit davon aus, dass es sich tatsächlich um Einzelfälle handelt.
SirDidimus (03.09.2009, 15:50 Uhr)
Kokosnuss
und sie pauschalieren...
arainn (03.09.2009, 15:49 Uhr)
Falsches System
So lange Ärzte, Krankenhäuser usw. Geld mit Kranken verdienen wird sich da imho nichts ändern.
Das System müßte eigentlich so sein, daß ein Kranker kein Geld mehr bezahlen müßte, bis er gesund ist, dann würden sich die Ärzte um die Gesundheit ihrer Patienten mehr kümmern als um solche dubiosen Einnahmequellen.
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