Der Wunsch nach dem perfekten Genital

24. September 2008, 15:38 Uhr

Die Schönheitschirurgie ist in den Intimbereich vorgedrungen: Frauen lassen sich immer häufiger etwa Schamlippen oder Scheide straffen. Im stern.de-Interview spricht Gynäkologie-Professor Heribert Kentenich über die Risiken dieser Eingriffe und immer jüngere Patientinnen.

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Einige hundert bis tausend Schönheitsoperationen am weiblichen Genital werden jährlich in Deutschland durchgeführt©

Herr Kentenich, seit wann werden in Deutschland häufiger Schönheitsoperationen am weiblichen Genital durchgeführt?

Vor allem in den letzten zwei Jahren ist der Bedarf nach genitalen Schönheitsoperationen bei uns enorm gestiegen. In Amerika wurden die ersten Eingriffe vor etwa zehn Jahren durchgeführt. In Brasilien waren Nacktdarstellerinnen in Nachtklubs die Ersten, die sich Intim-Operationen unterzogen, weil sie meinten, dass dies zu ihrer Berufsausübung nötig wäre. Mittlerweile wollen sich aber viele junge Frauen, teilweise Minderjährige, operieren lassen, um einem neuen Ideal nahezukommen. Das ist bedenklich.

Was sind die Gründe für den Wunsch nach dem perfekten Genital?

Die weibliche Scham ist heute viel sichtbarer: Enge Bikinis und Hosen lassen die Schamlippen als Vorwölbung hervortreten, durch die Mode der Intimrasur fallen unregelmäßige, zu kleine oder zu große Schamlippen auf und werden von den Frauen oft als unästhetisch empfunden. Es existiert nun eine Norm, wie man im Intimbereich auszusehen hat - und auch hier ist Jugendlichkeit gefragt.

Warum ist der Trend zur Intim-OP gerade bei jungen Frauen bedenklich?

In der Pubertät sind junge Frauen in einer Umbruchsphase und erleben, wie sich ihr Körper ständig ändert. Sie sind in ihrer Identität noch nicht gefestigt und orientieren sich stark an Körperidealen und Modetrends. Auch kann der Operationswunsch Ausdruck einer Körperbildstörung - vergleichbar einer Essstörung - sein.

Welche Operationen werden am häufigsten gewünscht?

Am häufigsten werden die Schamlippen operiert. Daneben werden vor allem Scheidenstraffungen durchgeführt: Die Scheide wird verengt, damit Frau und Mann angeblich mehr Lust empfinden. Am Schambein wird Fett abgesaut, um Venushügel und Unterbauch jugendlicher erscheinen zu lassen. Ein sehr umstrittener Eingriff ist die Unterspritzung des G-Punktes mit Kollagen oder Hyaluronsäure. Dadurch soll sich der sensible Punkt an der Vorderwand der Scheide stärker vorwölben und den Frauen zu intensiveren sexuellen Empfindungen verhelfen. Keine dieser Versprechungen ist allerdings in seriösen Studien überprüft worden. Auch zu den Auswirkungen und Spätfolgen dieser Eingriffe liegen keine Ergebnisse vor.

Wie gefährlich sind die Operationen?

Zunächst einmal hat die Frau an dieser sensiblen Stelle Narben, und zwar nicht eine, sondern mehrere, die Beschwerden machen können. Wie bei jeder Operation können akute Komplikationen auftreten wie Wundheilungsstörungen, Blutungen und Infektionen. Dann können sowohl bei Schamlippenkorrekturen als auch bei der Scheidenstraffung dauerhafte Schmerzen durch Narben zurückbleiben. Gerade bei großen Eingriffen wie die Scheidenstraffung warnen wir vor möglichen Nervenschädigungen mit Taubheitsgefühlen und sexuellen Funktionsstörungen.

Wann sind die Eingriffe aus medizinischen Gründen notwendig?

Am häufigsten machen zu große innere Schamlippen Probleme, die sich durch die Reibung ständig entzünden und große Schmerzen im Sitzen oder beim Fahrradfahren bereiten. Allerdings sind auch hier die Unterschiede ungeheuer groß, es gibt Frauen mit großen Schamlippen, die überhaupt keine Probleme haben. Eine Scheidenstraffung ist medizinisch notwendig, wenn sich die Gebärmutter oder die Harnblase deutlich gesenkt haben, dies tritt oft nach mehreren Geburten oder aufgrund einer Gewebeschwäche im Alter auf. Diese Operation aber nur durchzuführen, um mehr Lust zu gewinnen, lehnen wir Gynäkologen ab. Es ist bisher nicht erwiesen, dass eine enge Scheide tatsächlich mehr Lust bereitet - umgekehrt bedeutet ein geweiteter Scheideneingang nicht zwangsläufig eine Einbuße sexueller Lust bei Frau und Mann.

Was ist der Hintergrund, warum wollen sich Frauen im Schambereich operieren lassen?

Wir haben beobachtet, dass es oft Frauen mit einem gering ausgeprägten Selbstwertgefühl sind, die sich operieren lassen wollen. Kommen dann noch kulturelle oder gesellschaftliche Normen dazu, führt dies möglicherweise zu der Überzeugung, dass nur eine Operation das eigene Selbstwertgefühl verbessern könnte. Ein Teufelskreis kann entstehen, bei dem immer neue Bereiche des Körpers operiert werden. Es gibt zum Beispiel Schauspielerinnen, die 20 bis 30 Schönheitsoperationen hinter sich haben. Die einunddreißigste Operation machen sie nicht, weil die 30 Eingriffe vorher erfolgreich waren, sondern weil sie immer noch mit sich selbst hadern.

Zur Person

Zur Person Professor Heribert Kentenich ist Chefarzt der DRK Frauenklinik in Berlin und betreut die Abteilungen Gynäkologie, Geburtshilfe und Reproduktionsmedizin. 1999 erhielt er den Zusatztitel "Psychotherapie".

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KOMMENTARE (10 von 26)
 
Nana_Xiaojie (25.09.2008, 16:53 Uhr)
Hallo undjetztnochder
Bitte nicht vom eigenen "Humor" auf den anderer schliessen. Vielen Dank.
manesse (25.09.2008, 15:58 Uhr)
@malt
Sie haben ja so recht. Vor der meinen graust es sogar meinem Hund.
Euridike (25.09.2008, 11:38 Uhr)
Mir scheint es,
dass es viel zu vielen zu gut geht! Wenn die keine anderen Sorgen haben, dann kommen die auf diese hirnverbrannten Ideen.
Vielleicht sollte sie mal mit Frauen Reden, die sich den Genitalverstümmelungen der traditionellen Gesellschaften in Afrika und anderswo unterziehen mußten, bzw. unterzogen wurden. Dann kommt vielleicht eine klitzekleine Ahnung auf, wie gut es ihnen hier geht. Die Operationsgelder jedenfalls wären besser für Aufklärungsprojekte in Afrika (oder Anderes) gespendet.
KunibertHurtig (25.09.2008, 11:17 Uhr)
Ni Haó, Xiaojie
"... dauert das Sommerloch denn immer noch an?"
Durchaus nicht, es scheint nur dort verschwunden, wo der Vaginalkorrekteur durch Beschneidung den Blick öffnen will ...
Und noch einmal: Herr lass Hirn regnen
Kuni
Sublucem (25.09.2008, 10:24 Uhr)
Jeder wie er's mag
Mir ist es egal. Wenn Frauen soetwas machen lassen möchten, ist das schlicht und ergreifend ihre Sache. Ich selbst verbringe eigentlich nicht die Zeit damit, mit einem Lineal und einem Fotoapparat auf Perfektion hin zu überprüfen und so richtige Genitalmodels habe ich auch noch nicht erlebt - aber wenn es für das eigene Körpergefühl wichtig ist, dann sollte man das eben (nach reiflicher Überlegung) machen lassen. Da hat sich mE. sonst niemand einzumischen - und erst recht nicht bei einer entsprechenden Indikation.
Wer sich darüber einen Kopf macht, der hat sonst keine Sorgen *g*
provocateur (25.09.2008, 09:40 Uhr)
Hirnabsaugen...
...scheint mir dieser Idee vorausgegangen zu sein.
mupfeline (25.09.2008, 08:51 Uhr)
Nein, kommentiere ich nicht
Die Welt ist bekloppt, mehr nicht.
sportartmakler (25.09.2008, 08:29 Uhr)
warum spricht der autor bereits von einer norm?
nur weil ein paar neureiche gelangweilte ehefrauen sich bereits für eine sanierung unters messer gelegt haben?
es bleibt nur zu hoffen dass das abnorm bleibt und die sauerstoffzufuhr der damen wieder gewährleistet ist.
undjetztnochder (25.09.2008, 08:11 Uhr)
@NanaX
Das mit dem "Sommerloch" in diesem Zusammenhang ist gut - Sie sind ja richtig witzig.
Nana_Xiaojie (25.09.2008, 06:01 Uhr)
Meine Guete...
... dauert das Sommerloch denn immer noch an? Artikel, die die Welt nicht braucht!
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