Wirbel um die Schweinegrippe-Impfung: Neben der Bundeswehr bekommt auch die Bundesregierung einen anderen Impfstoff. Die Aufregung ist groß, zu groß? "Wer von Zweiklassenimpfstoffen spricht, blickt nicht durch", kritisiert Wolfgang Becker-Brüser vom pharmakritischen Arznei-Telegramm. Von Lea Wolz

50 Millionen Dosen des Impfstoffs "Pandemrix" werden ab diesem Montag unter anderem an Arztpraxen verteilt© Conor Cahill/DPA
In Deutschland wird es gegen die Schweinegrippe zwei Impfstoffe geben: Einen für die Bundeswehr und die Bundesregierung und einen anderen für die breite Bevölkerung. Mitglieder der Bundesregierung, der Ministerien, Behörden und der Bundeswehr werden mit dem Impfstoff "Celvapan" des Herstellers Baxter geimpft. Die 200.000 dafür bestellten Dosen enthalten keine Wirkverstärker, sogenannte Adjuvantien. In dem Impfstoff "Pandemrix" von Glaxo-Smith-Kline, der für die Bevölkerung gedacht ist, sind die umstrittenen Zusatzstoffe dagegen beigemischt. "In diesem Zusammenhang von einer Zweiklassenmedizin zu sprechen, ist allerdings absoluter Quatsch", sagt Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber des pharmakritischen Arznei-Telegramms. Auch der Impfstoff, den die Behörden für sich reserviert haben, sei keinesfalls besser. "Den möchte ich auch nicht haben", meint der Arzt und Apotheker.
Das Problem dabei: "Celvapan" ist zwar ohne Wirkverstärker, allerdings ist das Vakzin auf Zellen von Grünen Meerkatzen gezüchtet und nicht auf Hühnereiern wie der traditionelle Impfstoff. Viel Erfahrung hat man daher auch mit diesem Impfstoff nicht. "Klinisch wurde 'Celvapan' nur an wenigen Personen und unter unzureichend kontrollierten Bedingungen getestet", sagt Becker-Brüser. Für Schwangere wäre diese Vakzine daher ebenfalls nicht geeignet - auch wenn sie keine Wirkverstärker enthält.
Doch warum werden Adjuvantien eingesetzt? Und was ist das Gefährliche an ihnen? Um einen Menschen zum Lachen zu bringen, können Sie entweder einen guten Witz erzählen oder gleich auf Nummer sicher gehen und mit einplanen, dass sie Ihr Gegenüber auch kitzeln. Ähnlich funktionieren die Wirkverstärker. Werden Sie Impfungen zugesetzt, ist weniger Antigen nötig. Die Adjuvantien stacheln das Immunsystem an und ermöglichen so, den Impfstoff zu strecken. Für eine Dosis werden weniger Antigene gebraucht. Die benötigten Impfdosen können daher schneller hergestellt werden - ein immer wieder beschworener Vorteil. Auch bei Krankheiten, bei denen das Immunsystem nicht so stark wie gewünscht auf die Eindringlinge reagiert - bei Aids zum Beispiel oder bei Malaria - kann der Einsatz von Wirkverstärkern durchaus sinnvoll sein. Bei dem bis jetzt sehr milden Schweinegrippevirus schießt man allerdings mit Kanonen auf Spatzen. Ob der Einsatz gerechtfertigt ist, ist daher fraglich - erst recht, da die Wirkverstärker nicht ganz so harmlos sind wie ein Kitzeln.
Da sie die Immunabwehr gegen die Erreger aufwiegeln, können auch die Nebenwirkungen schlimmer ausfallen: Schwellungen und Schmerzen an der Injektionsstelle, Kopfschmerzen, Fieber und Schüttelfrost zählen dazu. Wie das pharmakritische Arznei-Telegramm deutlich macht, ist es auch möglich, dass das Beigemisch die Häufigkeit eigentlich seltener, aber gravierender Nebenwirkungen erhöht, die nach dem Impfen auftreten können: Dazu zählt auch die Nervenkrankheit Guillain-Barré-Syndrom, die mit Lähmungserscheinungen einhergeht. Darüber, wie solche Impfungen mit einem Verstärkergemisch wirken, weiß man insgesamt noch wenig, da sie bis jetzt noch nicht großflächig zum Einsatz gekommen sind.
Problematisch ist allerdings vor allem eins: An Schwangeren und Kindern wurde dieser Impfstoff noch gar nicht oder unzureichend getestet. Dabei benötigen genau diese beiden Gruppen vorrangig einen Schutz gegen die Schweinegrippe. Es liegt also in der Hand der Ärzte, in jedem Einzelfall eine Abwägung zwischen Risiko und Nutzen zu treffen - ohne gesicherte Datenlage. Das Bundesgesundheitsministerium hat erst relativ spät auf dieses Dilemma reagiert: Anfang Oktober gab eine Sprecherin bekannt, dass Gespräche mit den Pharmakonzernen geführt würden, um für Schwangere einen nichtadjuvantierten Impfstoff nachzubestellen. Von Kindern ist bis jetzt nicht die Rede.
Doch warum hat die Deutsche Regierung eigentlich auf die adjuvantierte Variante gesetzt? "Sie haben sich in dem Vertrag von 2007, der angesichts der Vogelgrippe geschlossen wurde, auf Pandemrix geeinigt, dessen Antigen in Dresden bei Glaxo-Smith-Kline produziert wird", sagt Becker-Brüser. "Ohne einen Passus einzufügen, dass bei Bedarf noch einmal geprüft wird, ob der Erreger tatsächlich eine Wirkverstärker-Technik benötigt." Bei dem H1N1-Virus sei dies nicht der Fall, hier würden die Adjuvantien nur ein zusätzliches Risiko bedeuten.