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24. Juli 2009, 12:31 Uhr

Arme Länder müssen um Impfstoff bangen

Im Kampf gegen die sich immer rasanter verbreitende Schweinegrippe hat ein Wettlauf um den knappen Impfstoff begonnen. Anders als Deutschland und anders als von der WHO empfohlen haben mehrere Industriestaaten bereits Mittel für ihre gesamte Bevölkerung bestellt. Für Schwellen- und Entwicklungsländer dürfte nicht viel übrigbleiben.

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Impfstoff-Entwicklung im Labor: Bis Herbst soll es ein vorbeugendes Mittel gegen die Schweinegrippe geben© GlaxoSmithKline/DDP

Die Bundesländer haben am Freitag 50 Millionen Impfdosen zur Abwehr der Schweinegrippe bestellt. Sie reichen wegen der notwendigen Doppelimpfung für 25 Millionen Menschen, also etwa 30 Prozent der Bevölkerung. "Mit der heutigen Bestellung werden die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Beschluss der Gesundheitsminister Deutschlands zügig umgesetzt", sagte Thüringens Sozialministerin Christine Lieberknecht (CDU), die zurzeit die Gesundheitsministerkonferenz leitet. Die Kosten belaufen sich auf rund 700 Millionen Euro. Sie werden später pro Impfung von den Krankenkassen gezahlt.

Die deutschen Behörden reagierten "mit Augenmaß auf die Grippe", sagt der Präsident der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten (DVV), Peter Wutzler. Denn Tatsache sei, "dass sich das Virus sehr schnell ausbreitet, aber in der krankmachenden Wirkung zu vernachlässigen ist". Dass nun zwischen den Ländern ein Wettstreit um den Impfstoff entfacht worden sei, sei "sehr ungünstig". Denn genug davon werde es ohnehin nicht geben.

Nach Angaben der WHO hat die Schweinegrippe mittlerweile nahezu die gesamte Welt erreicht. Inzwischen seien 160 der 193 WHO-Mitgliedstaaten von dem Virus H1N1 betroffen, "wir nähern uns einer hundertprozentigen Verbreitung", sagte ein WHO-Sprecher am Freitag in Genf. Die Zahl der Todesopfer weltweit liege rund vier Monate nach dem ersten Auftreten der Schweinegrippe bei fast 800.

Impfstoff reicht nur für 450 Millionen Menschen

Wegen der schnellen Verbreitung des Virus erwartet die WHO, dass praktisch jeder Mensch auf der Welt in irgendeiner Form betroffen sein wird. Zum Beispiel auch dadurch, dass Erkrankte auf der Arbeit ausfallen und die Kollegen daher mehr arbeiten müssen. Beim Impfstoff seien die Produktionskapazitäten "leider unzureichend für 6,8 Milliarden Menschen", sagt WHO-Chefin Margaret Chan. Auch wenn die Prognosen der Pharmakonzerne optimistischer sind, schätzt ihre Organisation, dass maximal 900 Millionen Dosen pro Jahr hergestellt werden können - genug für gerade mal 450 Millionen Menschen.

Die WHO empfiehlt deshalb, neben Risikogruppen primär die Beschäftigten im Gesundheitssektor und im öffentlichen Dienst zu impfen, um die Versorgung der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Genaue Vorgaben macht die Organisation zwar nicht, sie fordert aber, "unter den Ländern ein Gleichgewicht beim Zugang zu Impfstoffen" anzustreben.

Doch viele Regierungen sehen sich unter Handlungsdruck - auch weil in einigen Ländern die Grippe schon wesentlich stärker zuschlägt als in Deutschland, wo nach neuesten Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) bisher 2844 Fälle gemeldet worden sind. So ist Großbritannien mit einer Verdopplung von 50.000 auf 100.000 Fälle in einer Woche und 31 Toten das am stärksten betroffene Land in Europa. Englands höchster Gesundheitsbeamter, Liam Donaldson, rechnet im schlimmsten Fall gar mit 65.000 Todesopfern. Die Regierung in London will deshalb alle Bürger impfen lassen. Sie hat 132 Millionen Impfdosen bestellt.

Dieselbe Strategie verfolgt Australien. Auch dort ist die Lage mit 38 Toten schon deutlich brisanter als in Deutschland. In den USA mit fast 300 Toten zeichnet sich eine ähnliche Vorgehensweise ab. Aus der Reihe fällt Frankreich: Dort gibt es bisher kein einziges Totesopfer. Trotzdem hat Paris bereits 94 Millionen Impfdosen für drei Viertel der Bevölkerung bestellt und sich für den Rest eine Option gesichert.

Schmidt gerät unter Druck

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) fällt es angesichts des Verhaltens der Nachbarn nicht leicht, das deutsche Vorgehen zu verteidigen. Auch wenn zunächst nur ausgewählte Gruppen geimpft würden, werde niemand das Nachsehen haben, versicherte sie vergangene Woche. "Wenn jemand geimpft werden möchte, wird das auch gemacht." Nötigenfalls würden Impfdosen nachbestellt, das könne allerdings zu Wartezeiten führen.

Warten müssen bereits viele Schwellenländer. Südamerikanische Staaten haben offen dagegen protestiert, dass die USA, Australien und Europa den Markt für Impfstoff leer kaufen. "Nach unseren Informationen ist ein großer Teil bereits reserviert", klagte der argentinische Gesundheitsminister Juan Manzur jüngst nach einem Treffen mit Kollegen aus der Region.

Für die ganz Armen sieht es noch schlechter aus. Wie so oft würden vorrangig Leben in den wohlhabenden Staaten gerettet, weil Entwicklungsländer sich die Medikamente nicht leisten könnten, sagt WHO-Chefin Chan. Zwei Pharmakonzerne haben für den armen Teil der Welt immerhin 150 Millionen Gratis-Impfdosen zugesichert. Mit anderen Produzenten wird über weitere Lieferungen verhandelt. Das wird laut Chan aber nicht ausreichen.

Impfstoff könnte zu spät kommen

Unterdessen befürchtet der Virologe Alexander Kekule von der Universität Halle-Wittenberg, dass der Impfstoff in Deutschland zu spät zur Verfügung steht. Ein großer Teil der Bevölkerung in Deutschland könnte sich bereits mit Schweinegrippe infiziert haben, bis im Herbst eine Schutzimpfung auf den Markt kommt. "Es ist so, dass Deutschland den Impfstoff relativ spät bestellt hat - im Ausland wurde das zum Teil früher gemacht", sagte Kekule dem Radiosender "NDR Info". "Ich gehe davon aus, dass wir irgendwann im November oder vielleicht noch später in Deutschland dann im großen Stil impfen werden. Nach der zweiten Impfung, die nach einem Monat erfolgt, ist der Impfschutz sicher. Man kann natürlich sagen, dass ein großer Teil der Menschen bis dahin die Infektion schon hinter sich hat."

In den nächsten Wochen stehe Deutschland eine Welle von Erkrankungen bevor. "Ich gehe fest davon aus, dass mit dem Ende der Reisephase ganz viele neue Fälle in Deutschland sein werden", sagte Kekule. "Das beginnt jetzt schon und wird in den nächsten Monaten zunehmen, da müssen wir uns jetzt einfach drauf einstellen." Mit zunehmend mehr Erkrankten werde es auch erste Todesfälle in Deutschland geben. "Das kann man aber so relativieren, dass an der normalen Influenza jedes Jahr einige Tausend Menschen in Deutschland sterben, und daran haben wir uns gewöhnt, und das wird durch die Schweinegrippe eben überlagert und vielleicht etwas schlimmer werden."

Der Präsident des RKI, Jörg Hacker, geht davon aus, dass sich die Schweinegrippe in Deutschland im momentanen Tempo weiter ausbreitet. Er rechne damit, "dass wir in dieser Größenordnung bleiben", sagte Hacker am Freitag in Berlin. "Wir sehen das schon mit einer gewisse Sorge, ohne in Panik zu verfallen", erklärte er.

AFP/AP/Reuters
 
 
KOMMENTARE (10 von 27)
 
Hans-aus-Brasil (25.07.2009, 17:25 Uhr)
Ein Heil der Pharmaindustrie
Muss mich den Vorrednern anschließen.
Zuerst war es die Vogelgrippe, jetzt die Schweinegrippe. An der Vogelgippe starben weltweit 250 Personen in 10 Jahren. An Influenzia sterben jãhlich ein halbe Million. Gar nicht zu sprechen von den 2 Millionen Kindern die an schwerer Darmgrippe sterben. Malaria Millionenfach usw. Komisch das sich die Pharmaindustie da nicht stark macht Nein, Roche undRelenza müssen ja ihr teueres Serum irgenwie unter die Leute bringen. Natürlich nur wer es bezahlen kann. Also Panikmache ist angesagt und schon rollt der Rubel. Die Pharmaindustrie schafft Hysterie um sich an der Angst der Menschen zu bereichern. Ich weiss nicht ob es stimmt, aber einer der größten Aktionãre von Gilead Sciences, Patentinhaber von Tamiflu soll Donald Rumsfeld sein. Komisch.
ramteid (25.07.2009, 12:21 Uhr)
Völlig normal - oder?
Da gab es doch vielen Jahren den hübschen Film ,, Weil Du arm bist musst Du früher sterben''.
Kapital1 (25.07.2009, 10:00 Uhr)
Zu viel Tamiflu schadet
Die Schweinegrippe hat sich als relativ mild erwiesen, und es gibt keinen Grund, jeden Erkrankten mit Tamiflu zu behandeln. Dieses Mittel sollte für die kleine Gruppe von Menschen reserviert bleiben, die ohne diese Behandlung lebensgefährlich erkranken würden und bei denen eine Anwendung medizinisch zwingend geboten ist.
Ansonsten würde, da Tamiflu zu 90 Prozent wieder ausgeschieden wird, in den Wasserkreislauf gelangen.
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Dort leben z.B. Enten, die natürliche Wirte für das Influenzavirus sind. Wenn sie Tamiflu aus dem Wasser aufnehmen, kann das in ihrem Magen-Darm-Kanal zur Entwicklung von Tamiflu-resistenten Stämmen führen.
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Dies kann dann zu wirklichen Problemem führen.
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Also auch hier gilt - weniger ist manchmal mehr.
aeternitas (25.07.2009, 09:57 Uhr)
Wäre es ernst, müsste das Patent aufgehoben werden
alle, die die Möglichkeit haben, müssten sofort anfangen Tamiflu-Generika herzustellen... aber die Pharmakonzerne haben es noch nicht mal über's Herz gebracht bei HIV, das in afrikanischen Ländern einen Großteil der jungen Bevölkerung dahin rafft...
im Grunde können wir noch dankbar sein, dass sich die Pharmakonzerne noch darauf beschränken Panik über relativ harmlose Erreger zu verbreiten. Mein Alptraum wäre (wie bei Mission Impossible 2), dass die Pharmakonzerne ihre Krankheiten auch selber machen, nur diesmal tödlich verlaufende Krankheiten und den Preis für die Medikamente noch weiter heraufsetzen, um den ungeliebten Teil der Bevölkerung einfach loszuwerden und beim beliebten Teil abzukassieren... manche Menschen sind so schlecht, dass sie überhaupt keine Skrupel mehr haben, und damit meine ich nicht die Leute, die derzeit im Gefängnis sitzen, sondern die, die frei herumlaufen dürfen UND noch viel Geld für ihre Straftaten einstecken.
bob-der-meister (25.07.2009, 09:42 Uhr)
überzogene Hysterie (?)
Man sollte auch in Betracht ziehen, dass für eine Prophylaxe auch relativ günstige Arzneimittel wie Amantadin zur Verfügung stehen.
Wenn für ein Drittel der Bevölkerung Impstoff vorhanden wäre, müsste das eigentlich völlig ausreichend sein. Damit könnte man die erwähnten Risikogruppen impfen.
Wer kann im Übrigen die Wirksamkeit und Verträglichkeit eines Impstoffes garantieren, der gerade erst entwickelt wird? Möglicherweise wäre es fatal, die Hoffnungen einzig auf die Impfung zu setzen.
confused (25.07.2009, 09:15 Uhr)
Geht mal zum Arzt liebe Redaktion
und fragt diesen nach der Schweinegrippe. . . und das Ergebnis wird sein das er nur lächeln wird über eure Panikmache hier in euren Artikeln. Aussage von zwei Ärzten wo ich nachfragte: Das wird alles nur Hochgepuscht. . .und RECHT haben sie, denn was sagt die WHO selbst, 800 Todesfälle Weltweit ! bei wieviel Mio. Menschen ??? Aus irgendeinem Grunde wird hier aus einer Laus ein Elephant gemacht und dies wahrscheinlich um uns von anderen Dingen abzulenken diese zu vertuschen oder um demnächst irgendein Gesetz eine Verordnung zu erlassen uns das Volk Weltweit in irgendeine Bahn zu lenken.
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Abgesehen davon wäre das Virus wirklich gefährlich, ist es traurig zu lesen das in D-Land "bloss" 30 Mio geimpft werden können, was ist mit den Restlichen die auch Steuern zahlen ? auch Krankenversicherung ? auch Anspruch auf Hilfe im Krankheitsfalle haben ? sollte man überlegen ob man überhaupt noch sein sauer verdientes Geld in irgendeiner Form freiwillig-unfreiwillig abziehen lässt.
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Nebenher wenn es zu einem Massensterben kommen würde Weltweit, das gab es schon früher, Pest, Cholera, Lepra, Malaria etc... ist nichts anderes wie natürliche Auslese der Natur auf dem Planeten, wirkt der Überbevölkerung entgegen. Die schwachen müssen gehen die starken gesunden bleiben....auch wenn jeder am leben hängt, die Natur bestimmt nicht wir.
Royo (25.07.2009, 02:01 Uhr)
Übertrieben Panik
Ich denke auch das diese ganze Panikmache nur dazu dient von anderen Problemen abzulenken. Die Medien helfen auch noch gerne dabei. Ich muß nur an die Überschrift der Blöd denken das der Virus außer Kontrolle ist. Wir werden wohl alle irgendwann sterben.
Corazito3333 (25.07.2009, 00:25 Uhr)
das ist geil... der vatikan der papst zahlt ...
gute lösung....falls es nicht nur preistreiberei ist um den wirkstoffe zu verknappen und preise nach oben zu treiben
Corazito3333 (25.07.2009, 00:22 Uhr)
wird ein guter action-film - dennoch bitte umschalten..
wer zahlt kriegt den impfstoff - es ist aber nicht genug da??!! Und..die länder die am besten zahlen, menschen die zahlen und die drittländer??? halt nur die reichen, die armen überleben es eh nicht bei der ernährung!!! Ist halt naturgemäße dezimierung...
rosacea (24.07.2009, 19:45 Uhr)
war heute durch zufall beim hausarzt-
und was stell ich fest? die leute sind am abdrehen! da fliegen begriffe durchs wartezimmer, als wären sie alle schon seit dem 3. lebensjahr promovierte virologen. die panik ist auf jedem fall in der breiten bevölkerung angekommen. man darf gespannt sein, wann die ersten mit mundschutz rumlaufen und was noch kommt!
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