13. Oktober 2006, 14:14 Uhr

Eine Insel mit fünf Perlen

Die Berliner Museumsinsel ist eines der schönsten Kunstareale der Welt - und schon jetzt ein Touristenmagnet. Seit Jahren wird sie für viel Geld renoviert. Von Dienstag an gibt es dort ein neues Highlight: Als zweiter der fünf Kunsttempel strahlt das Bodemuseum in neuem Glanz. Masterplaner Chipperfield drängt nun, dass es zügig weitergeht mit der Modernisierung der Insel. Von Anja Lösel

Museumsinsel? Klar, schon mal gehört. War da nicht was mit Weltkulturerbe und grandiosem Kunst-Ensemble? Nofretete, Pergamonaltar und Caspar David Friedrich? Aber auch irgendwas mit Milliardengrab, sperrig und kompliziert.

Fest steht: Die Berliner Museumsinsel ist einzigartig. Nirgendwo sonst auf der Welt wurde in nur hundert Jahren (1830 bis 1930) ein Komplex aus fünf Museen von höchstem Rang gebaut. Nirgendwo sonst gibt es auf so engem Raum so viele grandiose Kunstschätze. Und nirgendwo sonst leider auch so viel Renovierungsbedarf, denn der Zweite Weltkrieg hat der Insel schwere Schäden zugefügt.

Sogar die Berliner wissen nicht genau, was dort alles verborgen ist, denn die meisten Kunstwerke sind seit Jahren in Depots versteckt. Am nächsten Dienstag geht es nun einen großen Schritt nach vorn. Dann wird das Bodemuseum wieder eröffnet. Neben der 2001 eröffneten Alten Nationalgalerie wird es, frisch herausgeputzt, als zweites der fünf großen Häuser auf der Insel erneut glänzen.

"Arsch von Berlin" nannten sie das Bodemuseum bei seiner Eröffnung 1904. Weil es auf der Rückseite der Insel liegt und seine Rundung hinüber zur müffeligen Spree streckt und nicht zur Prachtstraße Unter den Linden. Dass der "Arsch" inzwischen ziemlich hübsch geworden ist, hat als Erstes die Partyszene aus Berlin-Mitte entdeckt. Im Sommer drängt sie sich in der Strandbar am gegenüberliegenden Ufer und blickt aufs Wasser und das frisch renovierte Museum.

Fast sechs Jahre lang war das Bodemuseum geschlossen. Die Berliner hatten es beinahe schon vergessen. Nun werden sie und Touristen aus aller Welt strömen, um die Skulpturen von Donatello, Riemenschneider und Canova zu bewundern, byzantinische Sarkophage und wertvolle Münzen. An zwei Tagen der offenen Tür (19. und 20. Oktober) werden Tausende von Besuchern erwartet, und vorher, zum Festakt am 17. Oktober, viele prominente Gäste.

Ganz so feierlich wie damals 1904 wird es allerdings nicht werden, dazu fehlt einfach ein Kaiser. Wilhelm II. hatte angeordnet, dass zur Eröffnung des Bodemuseums Kirchenglocken läuten und Böllerschüsse krachen sollten. Und ein Spalier aus Menschen musste den Weg säumen. Mitten im Museum, in der Basilika, empfing Seine Majestät unterm Baldachin die Würdenträger des Reiches.

Heute geht es etwas lässiger zu. Kanzlerin Merkel wohnt gleich gegenüber, Am Kupfergraben 6. Bequem kann sie zu Fuß zur Eröffnung kommen, und vielleicht gibt's sogar ein Spalier - aus neugierigen Touristen. Die Basilika, einem Kirchenraum von Michelangelo nachempfunden, kann in Zukunft ab 15 000 Euro für Galadiners gemietet werden.

Die Museumsinsel ist das Herz der Stadt. Fast jeder Berliner war hier schon einmal. Nicht unbedingt, um Kunst zu betrachten, aber vielleicht, um sich im Freiluftkino einen Film anzugucken, um zur Tangonacht unter den Kolonnaden zu tanzen oder ein Konzert mit Paolo Conte zu hören. Oder einfach nur, um eine Party zu feiern am Ufer der Spree. Und wenn sich dann die Stare im Kastanienhain vor dem Alten Museum sammeln, wenn sie zu Tausenden zwitschern und immer wieder zu kunstvollen Formationsflügen starten, dann staunen alle.

DAvid Chipperfield hat für so etwas keine Zeit. Der britische Architekt ist Chefplaner des Riesenprojektes Museumsinsel. Gerade mal wieder aus London eingereist, hastet er über die Baustelle. Vier der fünf Museen will er miteinander verbinden durch eine zum Teil unterirdische "archäologische Promenade". Ein großes Ganzes soll die Insel werden, ohne dass die einzelnen Häuser ihre Eigenständigkeit verlieren. Jedes Museum hat einen anderen Renovierungsarchitekten: vom Wiener Hans Tesar über den Kölner Olwald Mathias Ungers bis hin zu den Münchnern Hilmer, Sattler und Albrecht.

Chipperfield selbst übernahm den größten Brocken: die gesamte Neuorganisation der Insel und dazu noch die Renovierung des Neuen Museums. 50 Jahre lang stand es als Kriegsruine mitten in Berlin, ein Wrack von einem Haus, aus dem die Bäume herauswuchsen und dessen wunderbare Fresken von den Wänden blätterten.

Jeder Planer würde Albträume bekommen angesichts dieser Mammutaufgabe. Nicht Chipperfield. Er sitzt gelassen in seinem Büro in Berlin-Mitte, nicht weit entfernt von der Museumsinsel, und sagt lächelnd: "Oh, ich wünschte mir Albträume! Aber die könnte ich nur haben, wenn es endlich mal richtig zur Sache ginge."

Im Augenblick geht ihm alles viel zu langsam, die Zeit läuft davon. Das Geld fließt nicht, ständig gibt es Sparappelle. Der Bundesrechnungshof bremst, der Kulturstaatsminister auch und der Finanzminister sowieso.

Um notwendige, aber sperrige und lästige Dinge wie Café, Garderobe, Toiletten, Shops, Vortragssäle und Räume für Sonderausstellungen aus den Museen herauszulösen, entwarf Chipperfield einen Eingangsbau: gläsern, leicht, modern und elegant. Der könnte die Museen entlasten und den Besuchern einen bequemen Besuch garantieren. James Simon soll er gewidmet werden, der dem Bodemuseum einst seine Renaissance-Sammlung stiftete und dem Ägyptischen Museum rund 5000 Stücke - darunter die unangefochtene Königin der Insel, die Nofretete.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 42/2006

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