Viele hielten den zweiten Start von Lena Meyer-Landrut beim Eurovision Song Contest für eine Schnapsidee. Doch in Düsseldorf meldet sich Lena eindrucksvoll zurück. Ihr Geheimnis: Spaß! Von Jens Maier, Düsseldorf

Legt sich beim ESC in Düsseldorf mächtig ins Zeug: Lena© Jörg Carstensen/DPA
Sie ist der Star. Und jeder will sie treffen. Nicht nur ihre Fans, sondern vor allem die anderen Teilnehmer. Der Schwede Eric Saade ebenso wie die verrückten Zwillinge "Jedward" aus Irland. "Sagt allen, ich mache keine Dates", ließ Lena ihren Verehrern ausrichten. Für die britische Boyband "Blue" hat die 19-Jährige eine Ausnahme gemacht. Zusammen mit Duncan, Anthony, Lee und Simon saß sie in einem Düsseldorfer Hotel. "Die Jungs sind toll", sagte Lena danach stern.de. Doch sie hat die vier nicht aus Schwärmerei getroffen, sondern weil es in ihrem Terminkalender steht. Und der ist im Moment prall gefüllt. Alle ausländischen Medien wollen ein großes Stück vom medialen Lena-Kuchen ab haben. Dabei sah es noch vor ein paar Wochen so aus, als würde jeder das Törtchen satt haben.
Es war der 30. Mai 2010, wenige Stunden nach Lenas Meyer-Landruts grandiosem Sieg in Oslo. Viele hielten das, was Stefan Raab da ankündigte, für einen Scherz. Für eine unbedachte Äußerung im Freudentaumel während der Sieges-Party im Osloer Radisson-Plaza-Hotel. Doch Raab war es bitterernst: Die Idee zur Titelverteidigung im eigenen Land, Teil zwei der nationalen Aufgabe, spukte längst in seinem Kopf herum. In der Siegernacht von Oslo verkündete der Mentor, dass sein Schützling erneut antreten werde. Die Entscheidung sei "total logisch", erklärte Raab dem verdutzten Publikum.
Mit 246 Zählern hat Lena mit "Satellite" mehr Punkte gesammelt, als alle anderen deutschen Eurovisions-Teilnehmer in den vergangenen sechs Jahren zuvor. Mit ihrer unbekümmerten und frischen Art löste die Abiturientin aus Hannover eine Sympathiewelle aus, die auf den ganzen Kontinent überschwappte. Europa war verliebt in "Lovely Lena". Was lag da näher, als dieses Mädchen, diesen Diamanten, den Raab mit seiner Show "Unser Star für Oslo" entdeckt hatte, erneut ins Rennen zu schicken?
Deutschland erlebte ein Lena-Sommermärchen. Eine ganze Nation war verliebt in sie. "Ein Sonnenschein", schwärmte selbst Jogi Löw. Sie sei jung, selbstbewusst, herzlich, dynamisch, freundlich und bodenständig - Eigenschaften, die der Fußball-Bundestrainer liebt. Die "durchgeknallte Göre", wie Nena sie nannte, war die neue Heldin. Ihr Lena-Sprech wie "Wow, verdammte Axt" oder "Alter Finne" wurden zu geflügelten Worten, ihr Song "Satellite" einen ganzen Sommer lang gepfiffen. Doch irgendwas ist schief gelaufen. Das Sommermärchen mündete in einen Horrorherbst. Erster Unmut wurde laut. Von einem Lena-Überdruss war plötzlich zu lesen. Ihre Art, gerade noch als unbefangen und natürlich gefeiert, nervte auf einmal. Als sie bei der "Goldenen Henne" ihre Dankesrede mit den Worten "Wahnsinn, ich krieg 'ne 'Goldene Henne' ... ja ... äh ... was sagt man?", begann, regte sich selbst bei den ARD-Oberen Widerstand. Im Programmbeirat soll es zu massiver Kritik an der Titelverteidigung gekommen sein. Es sei "deutlich geworden, dass die Sängerin mittlerweile ihre Unbefangenheit verloren habe", hieß es in einem Sitzungsprotokoll. Lena spiele "nun nur noch eine Rolle".
Bei der "Echo"-Verleihung wagte sogar jemand im Publikum "Aufhören" zu rufen, als Lena mal wieder ausufernd daherbrabbelte. Der Höhepunkt des Lena-Bashings war dann mit dem Vorentscheid "Unser Song für Deutschland" erreicht. Der einstige Darling wurde mit Häme überschüttet. "Lena Meyer-Langweilig!
"Ich habe schon den Eindruck, dass zumindest ein Teil der Journalisten damit beschäftigt ist, Lena nieder zu schreiben", sagt Medienjournalist Lukas Heinser zu stern.de. Es würden ständig Artikel geschrieben, in denen stünde, dass die Leute von Lena genervt seien. "Das sind mitunter die gleichen Medien, die anderen Castingshows vorwerfen, ihre Künstler nicht nachhaltig aufzubauen und nach einer Saison zu verschleißen", sagt Heinser. Außerdem zweifelt er daran, ob das Stimmungsbild, das in den Zeitungen wiedergegeben wird, der Wahrheit entspricht. "Ich weiß gar nicht, ob es tatsächlich so viele in der Bevölkerung gibt, die sie scheitern sehen wollen."