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2. Februar 2007, 19:16 Uhr
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Das Pop-Wunder aus der Provinz

Hysterische Teenie-Fans, Chart-Erfolge und ausverkaufte Hallen: Vier Jungs aus Magdeburg sind Deutschlands erfolgreichste Band. Nun sollen sie auch den internationalen Markt erobern - und es könnte ihnen sogar gelingen. Von Hannes Ross und Andrea Ritter

Bill Kaulitz in Moskau auf der Bühne© Thomas Rabsch

Es ist später Abend im Vier-Sterne-Restaurant "The Park" in Moskau. Vasen mit weißen Lilien stehen auf den Tischen, neben jedem Teller liegen vier Gabeln, vier Messer und drei Löffel. Ganz hinten, an einer langen Tafel mit vielen weißen Kerzen, sitzt Bill Kaulitz, ein schlaksiger Junge von 17. Seine Augen sind mit Kajal zu märchenhafter Größe geschminkt, seine schwarzen Haare in alle Richtungen zu spitzen Stacheln toupiert. Neben ihm sitzt sein Zwillingsbruder Tom, eine rote Baseballkappe tief ins Gesicht gezogen. Seine blonden Dreadlocks fallen ihm wie Schlangen über die schmalen Schultern. Gegenüber hockt ein langhaariger Teenager, Georg Listing, 19, er streicht sich immer wieder seine dünne Mähne hinters Ohr, daneben Gustav Schäfer, 18, ein stämmiger Blonder, der nervös mit dem Besteck auf dem Tisch herumtrommelt.

Die Jungs, alle vier aus einem Dorf bei Magdeburg, wirken, als hätten ihre Eltern sie zu einem feinen Restaurantbesuch mitgeschleppt. Und den wollen sie jetzt so schnell wie möglich hinter sich bringen. Sie fühlen sich hier fehl am Platz.

Kellner bemühen sich, sie nicht zu beachten

Zwei Kellner bemühen sich redlich, die vier nicht zu beachten. Aber es gelingt ihnen nicht. Immer wieder stecken sie die Köpfe zusammen und grinsen. Einer wirbelt sich wild durchs Haar, der andere hält sich die Hand vor den Mund und verschluckt sein Lachen. Sie wissen nicht, dass diese vier Gäste, die sich da müde in ihren Stühlen fläzen, Deutschlands erfolgreichste Popstars sind. Vielleicht würden sie es wissen, wenn sie kleine Töchter hätten. Nicht nur in Berlin und Paris, auch in Moskau schwärmen Mädchen zwischen 6 und 13 Jahren für Tokio Hotel.

Vor dem Hotel schreien schon seit dem frühen Morgen rund 300 russische Teenager "Biiill", "Toohm", "Gusstaw" oder "Georrch" in die eisige Luft, bis ihre Gesichter rot anlaufen. Mädchen, die zwei Stunden mit dem Zug fahren mussten, um hierher zu kommen. Die dafür die Schule schwänzen, zum ersten Mal in ihrem Leben. Die sich nachmittags mit ihren Freundinnen über deutsch-russische Wörterbücher beugen. "Ichh liehbe dichh", probt Nadia, 13, für den Ernstfall. Seit der Erfolg von Tokio Hotel das Land erreicht habe, meldet am Abend das russische Fernsehen, sei das Interesse an der Fremdsprache Deutsch bei Jugendlichen enorm gestiegen.

Hotelzimmer für 400 Euro

Drinnen hört man die Fans nicht. Die hohe Fensterfront des Restaurants ist schalldicht, und der Hotelpianist gibt sein Bestes, die letzten Gäste zu dieser späten Stunde mit einer Schubert-Sonate einzuschläfern. Bill Kaulitz gähnt, sein Zwillingsbruder Tom kritzelt mit der Gabel kleine Figuren ins Tischtuch. "Das hier ist wirklich nicht unsere Welt, so viel Luxus", sagt Gustav. Weiß er, wie viel hier ein Hotelzimmer pro Nacht kostet? Er schüttelt den Kopf. 400 Euro. "Das ist echt viel", sagt er und schaut verlegen auf seinen blanken Teller.

Für alle, die bisher dachten, Tokio Hotel, das ist doch diese lustig frisierte Kinderband, auf die meine Tochter steht - nein, die Jungs sind nicht nur von Flensburg bis Freising ein Phänomen. Sie sind es auch bei kleinen Polinnen. Bei Österreicherinnen, Schweizerinnen, Holländerinnen, Russinnen und Französinnen. Das Debütalbum "Schrei" stieg im vorigen Jahr sogar auf Platz 19 der französischen Hitparade ein. Inzwischen hat die Band dort 50.000 CDs verkauft. Eine deutschsprachige Platte von vier jungen Ossis, erfolgreich im Mutterland des Chansons - das grenzt schon an ein kleines Wunder.

350.000 Konzerttickets pro Tour

Mehr als 1,5 Millionen CDs haben Tokio Hotel insgesamt bereits verkauft. Ein Sensationserfolg, auch wenn Konkurrenzgruppen wie Silbermond oder Juli ähnlich viel absetzen. Das große Geld machen die Bands jedoch nicht mehr in erster Linie mit CD-Verkäufen, sondern in den Konzerthallen, und da gehören Tokio Hotel zu den Spitzenreitern. Früher galt eine Tour als Werbekampagne für eine CD. Heute, in Zeiten von Umsonstmusik im Internet und Raubkopien, ist es umgekehrt: Die CD ist oft nur der Anlass für eine neue Tournee, wo dann die Millionen abgeschöpft werden. Auf ihrer letzten Tour verkauften Tokio Hotel 350.000 Tickets zum Durchschnittspreis von 24 Euro. "Das war die erfolgreichste Tournee in unserer Firmengeschichte", sagt Alex Richter von Four Artists, dem Konzertveranstalter von Tokio Hotel.

Als die Band vor zwei Jahren auf den Markt kam, waren die Mitglieder zwischen 15 und 18 Jahre alt. Perfekt für eine Zielgruppe, die schon seit längerem erheblichen Einfluss auf die Charts und die Ticketverkäufe hat: 6- bis 13-jährige Mädchen. Aus wirtschaftlicher Sicht ist diese Altersgruppe deshalb so interessant, weil diese Kiddies dann noch offen sind und man sie gebündelt erreicht, also bevor sie sich aufteilen in Rock-, HipHop-, Reggae-, Pop- oder Techno-Fans. Als Band vereinigt Tokio Hotel perfekt aktuelle Trends: Bandname und Aussehen des Sängers Bill erinnern an japanische Manga-Comics, Dreadlocks und Kleidung von Gitarrist Tom entsprechen amerikanischer "Streetwear". Bassist Georg gleicht den seitengescheitelten Britpoppern, die er selbst gern hört. Und Schlagzeuger Gustav ist der Bodenständige, kein Schnickschnack, nichts Aufgebrezeltes.

Im Hintergrund lauern Rockgitrarren

Ihre Musik: deutscher, geradliniger Rock. Es sind vor allem die hymnenhaften Refrains der Songs, die die Fans von Tokio Hotel so mitreißen, einprägsam wie Fußballfangesänge im Stadion. Die meisten Stücke der Band sind aufgebaut wie musikalische Erdbeben: Es geht verhalten los, balladenhaft. Mit heller, trauriger Stimme singt Bill Kaulitz und klingt dabei ein bisschen wie die junge Nena, während im Hintergrund schon die Rockgitarren lauern, die dann im Refrain das hübsche Balladengebäude lautstark einreißen. Nirvana für Teenies. Der Soundtrack zur Pubertät. Eine Marktlücke.

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Ausgabe 05/2007

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