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10. September 2007, 16:06 Uhr

"Das Ideal der Mutter als Milchkuh"

Presseschau

Eva Herman ist nach beschönigenden Aussagen über die NS-Familienpolitik vom NDR entlassen worden. Die Tagespresse geht ebenfalls hart mit der Ex-Moderatorin und Buchautorin ins Gericht. Von "naiv" bis "strohdoof" ist alles dabei.

© Fritz Reiss/AP

Fast alle deutschen Zeitungen nehmen den Rauswurf von Eva Herman beim NDR zum Anlass, um mit der ehemaligen "Tagesschau"-Sprecherin abzurechnen. "Wer nach dem Motto '…es war nicht alles schlecht'. Über die NS-Vergangenheit räsoniert, kann möglicherweise mit Auflagenerfolgern rechnen, nicht aber mit der Duldung imn Kreisen ernsthaft und verantwortlich arbeitender Publizisten", schreibt etwa "Die Welt".

Einigkeit besteht darüber, dass der NDR mit der Kündigung die richtige Entscheidung getroffen hat. "Wer so viel Ignoranz an den Tag legt, hat auf deutschen TV-Bildschirmen nichts zu suchen", meint die Nordwest-Zeitung. Und die "taz" wundert sich vor allem darüber, dass der NDR mit dem Rauswurf Hermans bis September 2007 gewartet hat.

taz

taz Hitler geht zwar immer, außer man verkauft sich selbst schlecht damit. Eine Bild-am-Sonntag-Schlagzeile "Eva Herman lobt Hitlers Familienpolitik" mag in jeder Hichtsicht kongenial sein - eine schöne Gelegenheit für BamS, das Mutterkreuzu samt verbotenem Hakenkreuz abzubilden - es ist jedoch nicht schmeichelhaft für den Gevbührensender NDR. Bis Samstag jedenfalls stand die NDR-Moderatorin nicht zur Disposition. Dass sich der NDR von rechtsidologischen Versatzstücken nun distanziert, ist selbstredend richtig. Dass er dazu bis September 2007 warten musste, ist schwer nachvollziehbar.

Frankfurter Rundschau

Frankfurter Rundschau Es muss daran liegen, dass sie als Kind nicht gestillt wurde. Ihre Bindungsschwäche, ihr Durst nach Anerkennung. Ihre Fixierung auf das Ideal der Mutter als Milchkuh. Jedenfalls unterteil Eva Herman die Menschheit in zwei Klassen: in jene, die die Natur an ihrem Busen prächtigen Alphatieren genährt hat und jene, die von lieblosen Müttern mit Ach und Krach per Milchpulver aufgepäppelt wurden, was in der Folgen zu mentalen Ausfallerscheinungen führen kann.

Die Welt

Die Welt Das (die Aussagen von Herman, die Red.) ist zwar sachlich nicht völlig falsch, politisch aber entweder naiv oder als Werbestrategie ganz besonders abgefeimt. Wer nach dem Motto "…es war nicht alles schlecht". Über die NS-Vergangenheit räsoniert, kann möglicherweise mit Auflagenerfolgern rechnen, nicht aber mit der Duldung imn Kreisen ernsthaft und verantwortlich arbeitender Publizisten. Die Selbst-Desavouierung Hermans könnte ihr letzter PR-Trick gewesen sein.

Nordwest-Zeitung

Nordwest-Zeitung, Oldenburg Es ist nicht das erste Mal, dass Eva Herman ins gesellschaftliche Fettnäpfchen tritt. Diesmal hat sie jedoch, bar jeder historischen Kenntnis und ohne Gefühl für gesellschaftlichen Konsens, den Nerv eines Großteils der Bevölkerung getroffen weit über die Schmerzgrenze hinaus. Niemand bestreitet heute den hohen Stellenwert der Familie. Wer aber den Mutterkult und das, was gut war in Hitler-Deutschland lobt, der blendet die damit einhergehende Pervertierung aus. Wer so viel Ignoranz an den Tag legt, hat auf deutschen TV-Bildschirmen nichts zu suchen.

Pforzheimer Zeitung

Pforzheimer Zeitung Es ist eine Sache, für ein klassisches Rollenverständnis zu werben wie es Eva Herman seit geraumer Zeit mit provokanten Thesen tut -, es lässt sich vielleicht auch trefflich über Für und Wider der Emanzipation streiten. Aber wie zumal eine Frau sich zur Äußerung versteigen kann, dass sich daran, wie speziell die Nationalsozialisten Frauen und Mütter unter dem Deckmäntelchen eines heilen Familienbildes als Gebärmaschinen für ihr menschenverachtendes Regime benutzten, auch nur ein gutes Haar finden lässt, ist selbst bei Unterstellung völliger Ignoranz und Geschichtsunkenntnis nicht nachzuvollziehen. Schlimm genug, dass jemand mit diesem Horizont lange genug das Gesicht der Tagesschau war. Kein Medium, das glaubwürdig sein will und sich seiner Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit bewusst ist, wird sich künftig mehr mit Eva Herman identifizieren lassen können.

Landeszeitung Lüneburg

Landeszeitung Lüneburg Eva Hermans Rauswurf war die einzig richtige Antwort des NDR auf die Entgleisung der ehemaligen Tagesschau-Sprecherin. Deren, "Mutterfeldzug" war zuvor schon für viele unerträglich, wurde nun aber untragbar. Wer die Familienpolitik der Nationalsozialisten lobt, hat nicht nur im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nichts mehr zu suchen. Es bleibt zwar die Frage, ob Hermans Lob auf die Familienpolitik der Nationalsozialisten unbedacht oder Kalkül war. In jedem Fall aber lässt es sich weder rechtfertigen noch entschuldigen. Die Nazis verteilten an gebärfreudige Frauen "Mutterkreuze". Diese Orden wurden allerdings nur an reichsdeutsche Mütter verliehen, die einen, "Ariernachweis" vorlegen konnten. Wer eine derartig menschenverachtende Familienpolitik gut heißt, handelt entweder aus gefährlicher Naivität heraus oder verantwortungslos.

Nordkurier

Nordkurier, Brandenburg "Man kann sich darüber aufregen, den Kopf schütteln oder die Dame einfach nur strohdoof finden. Aber, was sich Herman mit ihrem Schönreden der nationalsozialistischen Familienpolitik geleistet hat, ist wirklich unglaublich. Jemand, der meint, der Öffentlichkeit etwas mitteilen zu müssen, sollte wenigstens seinen Kopf einschalten. Und gerade von einer Moderatorin ist doch wohl zu erwarten, dass sie auch das ausdrücken kann, was sie meint. Deshalb kann selbst ein Hinweis auf die Aktion Laut gegen Nazis auf ihrer Internet-Seite keine Entschuldigung sein."

KOMMENTARE (5 von 5)
 
Tautarus (11.09.2007, 15:41 Uhr)
Krippenplätze DDR
Niemand regt sich darüber auf, wenn jemand die Krippenplätze in der DDR positiv erwähnt.
Dabei standen die genau im Dienste einer Ideologie eines Unrechtsstaates.
Hier zeigt sich erneut, dass in Deutschland ein Alarmismus herrscht, der paranoide Ausmaße angenommen hat. Zumal die oft gehörte Argumentation, die guten Seiten im 3. Reich seien von den schlechten nicht zu trennen, einen logischen Bruch enthält: Denn es gilt gerade nicht umgekehrt, dass sich nicht die "guten" Seiten oder Teile davon ohne Naziideologie realisieren ließen.
humpty (11.09.2007, 13:16 Uhr)
Toleranz und Grundgesetz Artikel 5
Liebe Leser,
wie heisst es im Wilhelm Tell,„gebt Gedankenfreiheit!“
Ich bin bei Leibe kein Fan von Frau Herman, aber es muss doch einem Menschen gestattet sein, auch etwas Falsches zu sagen oder etwas zu sagen, dass u.U. falsch verstanden werden kann, ohne dass sich die Öffentlichkeit auf den Schlips getreten fühlt. Wozu gibt es denn ein Grundgesetz mit dem Artikel 5, wenn Redakteure vorschreiben können, was gesagt werden darf und was nicht. Wo bleibt dann kontroverses Denken? Die Konformisten und Angepassten siegen. Das hatten wir ja schon einmal.
Überhaupt die ganze Öffentlichkeit drischt auf Frau Herman ein, Kolleginnen, Kollegen, sogar Politiker, die bei eigenen Fehlern nicht einmal das Rückrat besitzen, ihren Stuhl im Parlament zu räumen, die Leistungen in Anspruch nehmen, die ihnen nicht zustehen. Die Liste liesse sich beliebig erweitern.
Vor 400 Jahren wären diese Kritiker die Ersten gewesen, die den Reisighaufen errichtet hätten um Frau Herman darauf zu verbrennen.
Das ganze Verhalten der Öffentlichkeit erinnert mich an die Zeit, die Frau Herman beschrieben hat, und verzeit den Ausdruck, an eine versuchte "Gleichschaltung".
Frau Herman beschreibt, wie toll es Mütter und Kinder hatten. Jedenfalls wenn man den Hintergrund dieses Verhaltens im Nationalsozialismus mal ausser Acht lässt, hatten Frauen und Mütter es teilweise besser als heute.
Es gab keine Kinderarmut, es wurden keine Institutionen wie die "Arche" in Berlin benötigt, damit die Kinder wenigstens einmal am Tag eine warme Malzeit bekommen, es gab Lehrstellen und Studienplätze.
An dieser Stelle muss ich sagen, ich bin kein Nazi, falls sie das jetzt von mir denken. Ich jedenfalls liebe unsere freiheitlich, demokratische Grundordnung und deren Werte und akzeptiere auch andere Meinungen.
Zurück zu Frau Herman, ich finde in unserer Gesellschaft wäre etwas mehr Toleranz gegenüber anders Denkenden angebracht und diejenigen, die jetzt das Maul so weit aufreissen und rufen: "Steinigt sie!" sollten in sich gehen und an ihrer eigenen Schale kratzen, auch die, die nur dabeistehen und hämisch grinsend zuschauen.
Gruss aus Berlin
P.Kaul
hans1234 (11.09.2007, 11:05 Uhr)
Einfach lächerlich....
ich finde es viel erschreckender, wie unsere "tolerante" Öffentlichkeit, Medien und Politik mit diesem Thema umgeht.
Was sagt uns das denn, wenn man sofort geächtet wird sobald man das Dritte Reich mit irgendetwas positivem in Verbindung bringt? -
Dass in Deutschland keine Verarbeitung dieses Kapitels unserer Geschichte stattgefunden hat, sondern nur eine Verdrängung, die nicht zuletzt auch zur ewigen Aufrechterhaltung eines "aber wir sind doch schuldig" Denkens führen soll.
Wer sich nicht objektiv mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen kann, kann auch nicht offensiv neu nationalsolzialistischen Tendenzen entgegentreten.
repute (11.09.2007, 10:14 Uhr)
Point of no return
Zuhören ist scheinbar vielen zu anstrengend. Gerade in der aktuell neu aufkommenden Debatte über das NPD Verbot bietet sich jede noch so kleine Situation über Äußerungen mit diesen sensiblen Thema der Blitzjustiz an. Ich hoffe, das die Presse in Zukunft nicht allzu sehr mit der plumpen Politik korreliert.
Anemone (11.09.2007, 09:26 Uhr)
Armes Deutschland!
Ich habe selten so viel Verdrehungen und Lügen erlebt, wie in diesem Fall!
Durch Austausch von ein oder zwei Worten, wird der ganze Sinn dessen, was Eva H. wirklich sagte, ins Gegenteil verdreht!
Es ist schrecklich! Ich wünsche Frau Hermann viel Kraft. Gott sei Dank gibt es viele Menschen, die diese verlogene Kampagne durchschauen und an ihrer Seite stehen.
 
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