Insgesamt wurden mehr als 800.000 Aufräumarbeiter, die sogenannten Liquidatoren gebraucht, um die Folgen des GAUs halbwegs zu beseitigen. Menschenmaterial, über das wohl nur Diktaturen wie die Sowjetunion verfügen können. Japan, das für den vergleichbaren Unfall im Kraftwerk Fukushima ebenfalls vor dem gleichen Problem steht, hat gerade einmal wenige Hundert "Freiwillige" für die Aufräumarbeiten eingesetzt. Mit zentnerschweren Bleiwesten am Körper räumten Russen und Ukrainer damals Trümmerteile weg, hoben verseuchte Erde aus, säuberten Straßen und Dächer, verscharrten Strahlenmüll, holzten belastete Wälder ab und rissen Dörfer nieder. Der giftige Schutt wurde notdürftig in der Sperrzone rund um den Reaktor verbuddelt und mit Beton versiegelt. Auf diese Weise entstanden in der Umgebung von Tschernobyl 800 Atommüllgruben - die mangels Alternativen de facto auch Endlager sind.
Das größte Problem in den ersten Tagen war, den nuklearen Brand zu löschen: "Selbst unsere Experten wussten damals nicht, wie man das hinkriegen soll", sagt Isajew. In ihrer Not ließen die Ingenieure Sand, Chemikalien und Blei in den Block werfen. Doch erst nach zehn Tagen wurde das Feuer gelöscht - in dieser Zeit entwich so viel Radioaktivität, dass 40 Prozent der Fläche Europas verseucht wurden. Mehr als 90.000 TeraBecquerel wurden damals in die Atmosphäre geschleudert - ein Unfall der höchsten Ines-Stufe, auf die nun auch der GAU in Fukushima gehoben wurde. Bis heute ist das Strahlenerbe in einigen, mitunter weit entfernten Gegenden wie etwa Südbayern messbar.
Isajews Aufgabe war es zunächst, Proben von den Brennstäben im Block 4 zu nehmen. "Das Militär hatte zwar Dutzende von Fahrzeuge um den Block postiert, aber reingegangen sind sie nicht - das mussten wir machen." Ein Jahr später bekam er erstmals Hepatitis und musste zur Behandlung ins Strahlenzentrum nach Kiew. Bis heute leidet er unter der enormen Radioaktivität, der er damals ausgesetzt war. Ihn plagen Probleme mit der Galle, er hat, wie seine Familie auch, Allergien entwickelt, leidet unter Diabetes, Asthma und Blutleere. Der Krebs hat den 55-Jährigen bislang nicht ereilt, was aber nichts heißen muss, denn bis die Krankheit ausbricht, können gut und gerne 30, 40 Jahre vergehen.
Vater Mikola gilt mittlerweile als Held - wie alle Liquidatoren, die unter Einsatz ihres Lebens am Atomkraftwerk von Tschernobyl gearbeitet haben und von denen viele schon kurz nach der Explosion gestorben sind. Auf seiner Brust prangen zwei Orden. Besonders stolz ist er immer noch auf den, der ihm von der Sowjetunion verliehen wurde und ihn als Aufräumarbeiter ausweist. Angst hatte er damals nicht, als er seinen Dienst in der Strahlenhölle des Block 4 verrichtete: "Wir waren voll mit Adrenalin, wir haben schlecht geschlafen, sind aber trotzdem jeden Tag zur Arbeit gefahren - wir mussten es einfach tun". Es war vor allem die sozialistische Erziehung, die ihn antrieb. Man habe ihnen immer beigebracht, dass die Allgemeinheit alles, und der Einzelne nichts sei, sagt er. Es war das Pflichtgefühl, das ihn zum Helden machte. Bis heute. Seine Augen blitzen wenn er sagt: "Es war wie Krieg gegen einen unsichtbaren Gegner. Und ich musste einfach meine Heimat retten."
Strahlenbelastung in der Sperrzone Radioaktivität kommt überall in der Natur vor. Eine Belastung von 1 - 2 MilliSievert pro Jahr ist unbedenklich. Für Angestellte von Atomkraftwerken gilt die Grenze von jährlich 20 MilliSievert (früher 50 MilliSievert). Im relativ wenig verstrahlten Ort Tschernobyl liegt die Strahlendosis im Normalbereich, in unmittelbarer Nähe des Unglückreaktors beträgt sie das 100fache - was einen Aufenthalt von nur wenigen Stunden erlaubt. Die verseuchteste Zone ist der Rote Wald, wenige 100 Meter entfernt vom AKW: Hier sind die Werte um das 1000- bis 2000fache erhöht.
Ines - die internationale Bewertungsskala Die Skala zur Bewertung von Atomzwischenfällen umfasst die Stufen 0 bis 7. Die Gefahrenstufen 1 bis 3 umfassen Störungen und Störfälle, erst ab Stufe 3 gelangt geringe Strahlung in die Umwelt. Die Stufen 4 bis 7 bezeichnen Unfälle, wobei Stufe 7 als "Katastrophaler Unfall" die höchste mögliche Stufe darstellt. In einem solchen Fall gelangen große Mengen Radioaktivität in die Umwelt, Gesundheitsschäden sind die Folge.