. .
Panorama-Nachrichten
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
22. Oktober 2007, 23:59 Uhr

Kai Diekmanns "Betonschrift"

Kampf der Kulturen, mitten in Berlin. Feingeist Michael Naumann stellt das neue Buch von "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann vor. Besser gesagt: Er verreißt es. Ein Abend mit zwei Männern, die sich eigentlich nichts zu sagen haben. Von Lutz Kinkel

Zweisam einsam: Kai Diekmann (l.), "Bild"-Chef, und Michael Naumann (r.), SPD-Spitzenkandidat© Johannes Eisele/DPA

Diese beiden Männer werden keine Freunde mehr. Nicht in diesem Leben. Zu monströs sind die Unterschiede. Hier der grobe Klotz im offenen, lachsfarbenen Hemd, der brutalstmöglich auf die 68er-Generation einprügelt. Dort der distinguierte, graumelierte Herr, der mit feinsinniger Textexegese kontert. Der eine Chef der "Bild", des größten Boulevardblatts in Europa. Der andere derzeit beurlaubter Herausgeber der "Zeit" und Spitzenkandidat der SPD in Hamburg. Würde man Kai Diekmann und Michael Naumann zwei Wochen in einen Raum sperren, sie würden randalieren.

Immerhin: Der zivilisatorische Vorrat reicht aus, um einige, wenige Stunden gemeinsam in einem Restaurant zu verbringen, im "Sale e Tabacchi" an der Berliner Kochstraße. Anlass ist die Präsentation von Kai Diekmanns jüngstem Buch "Der große Selbstbetrug. Wie wir um unsere Zukunft gebracht werden" (Piper-Verlag, 16,90 Euro). Als Laudator hat sich Diekmann - und das immerhin verdient Respekt - Michael Naumann eingeladen, einen seiner schärfsten Kritiker. Preisfrage des Abends: Werden sich die beiden aus taktischen Erwägungen näher kommen? Weil Diekmann den SPD-Kandidaten Naumann nicht länger ignorieren kann und Wahlkämpfer Naumann von der "Bild" nicht länger ignoriert werden will?

Ekel vor Sitzsack und Wasserpfeife

Diekmann trägt aus seinem Buch vor, aus dem letzten Kapitel, dass die zynische Überschrift "Lob der Achtundsechziger" trägt. Er kostet jedes Wort aus und lauscht seiner Wirkung nach. "Politisch ist die Generation Achtundsechzig komplett gescheitert, weit über die extremistischen Erscheinungen wie RAF, K-Gruppen oder SDS hinaus. Die Verhältnisse wurden nicht zum Tanzen gebracht, und die 'antikapitalistische Sehnsucht' der Dutschkes und Kunzelmänner wurde so wenig gestillt wie die der Brüder Otto Gregor Strasser, der linken Wortführer bei den Nationalsozialisten und Erfinder dieses Begriffs. [...] Ästhetisch war Achtundsechzig ebenfalls kein Gewinn. Bücherregale aus Apfelsinenkisten, Sitzsack und Wasserpfeife, dazu nackte Glühbirnen und Wände, vielleicht ein paar Poster - die häusliche Selbstdarstellung als Kombination von Flohmarkt und Einzelzelle. [...] Schließlich steht Achtundsechzig auch moralisch für Versagen. Der Stalinismus wurde kleingeredet, die 50 Millionen Opfer Maos, die verbrecherischen Regime der Khmer und Sandinisten, von Ho Chi Minh und Enver Hodscha. Und auch der DDR."

Nur in einem Punkt will Diekmann einen Gewinn erkennen. Diesen Punkt hat er sorgfältig präpariert und an das Ende seines Buches gestellt, damit jeder Alt-Achtundsechziger möglichst schon beim Blättern aufjault. "Geblieben ist die Öffnung des Privaten. Schon in der Kommune 1 wurden die Toilettentüren ausgehängt, und der Hang zu Selbstanalyse und Bekenntnis, zur Veröffentlichung des Intimen, zur schauprozesshaften Selbstdarstellung lebt noch heute fort. Von ihm haben vor allem die Medien profitiert, und nichts hat die Boulevardisierung der Politik so befördert wie diese Öffnung des Privatlebens. Zumindest in dieser Hinsicht bin ich daher den Achtundsechzigern zu Dank verpflichtet."

"Typographische Art zu denken"

Auftritt Michael Naumann. Er nimmt das Thema zunächst nicht auf. Sondern bekennt, dass er der Einladung aus Gründen einer "gewissen Rachsucht" angenommen habe. "Bild"-Reporter hätten in seinem Privatleben herumgeschnüffelt, sagt Naumann. Andererseits würde das Blatt seine Spitzenkandidatur für die Hamburger SPD seit acht Monaten verschweigen. Ihn interessiere, welche Geisteshaltung dahinter stehe. Deshalb habe er sich in Diekmanns Buch vertieft.

Vorgefunden habe er einen "durchaus nicht unbegabten" Autoren (Gelächter im Publikum). Dieser habe sich jedoch nicht dem Konservativismus, sondern dem Populismus verschrieben. Zu diesem Populismus gehöre ein Feindbild, das Diekmann bis an die Grenzen der Lächerlichkeit strapaziere. Faktisch hätten die Achtundsechziger gar nicht jene "heroische Wirkungsmacht" gehabt, die Diekmann ihnen zuschreibe. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund habe selbst in seiner Hochphase nicht mehr als 2000 Mitglieder verzeichnet, die größte Demo nur 700.000 Teilnehmer. Die wesentlichen Geschichtsbücher über die Achtundsechziger habe Diekmann nicht zur Kenntnis genommen, er erschöpfe sich in Pseudorhetorik. "Es gibt eine typographische Art zu denken: in Betonschrift", resümiert Naumann.

Natürlich lässt es sich Naumann nicht nehmen, auch auf das staatsfeindliche Element in Diekmanns Denken hinzuweisen: Neben der Suada gegen die 68er fänden sich in dem Buch viele Attacken gegen die Demokratie. Aus Diekmanns Sicht sei sie zur "Beute der Parteien" geworden. Diesen Staat kritisiere der Autor aus wechselnden, in sich widersprüchlichen Perspektiven. "Die Welt des Kai Diekmann ist voller Rätsel". Sie zu lösen, ist Naumann der Mühe nicht wert. Er kann nur Ressentiments entdecken, aber keine klaren Gedanken.

Kein Generationenbuch

Abgang Naumann. Kurzes Händeschütteln mit Diekmann. Fremd und unverbunden stehen sich die Männer gegenüber. Bis sie sich ihren jeweils eigenen Gesprächspartnern widmen. Naumann sagt in kleiner Runde, ihn habe das Buch "geärgert" und sein Verhältnis zur "Bild" sei nun keinen Deut besser als vorher. Aber das sei auch nicht entscheidend. "Die SPD hat immer gegen die Bild Wahlen gewonnen." Diekmann sagt, Naumann habe mal in einem Focus-Interview geäußert, er wünsche nicht, dass die "Bild" über ihn schreibe. Er habe ihn beim Wort genommen. Inzwischen jedoch habe sich das Verhältnis normalisiert. Plötzlich drängen die Autogrammjäger an ihn heran. Vor der Tür gibt Franz Josef Wagner mit wirrem Haar und unsicherem Tritt dem NDR-Fernsehen ein Interview.

Der Piper-Verlag will Diekmanns Buch mit einer hohen Startauflage von 50.000 auf den Markt werfen. Ulrich Wank, Programmleiter Sachbuch des Verlages, räumt ein, er habe von Diekmann, Jahrgang 1964, eigentlich ein "Generationenbuch" erwartet. Doch Diekmann habe gesagt: "Es muss konkret und zugespitzt" sein. Eine Piper-Sprecherin sagt, die "Bild" werde keine Werbung für das Werk machen. Trotzdem werde das Buch sicher der "Top-Titel" des Verlages im Herbst werden.

Irgendwann werden auch Diekmann und Naumann das Restaurant verlassen. Naumann wird sich wieder Günter Grass zuwenden, der ihn im Wahlkampf unterstützt. Und Diekmann wird wieder Riesenlettern zu Überschriften formen. Gegen den Werteverfall. Gegen die Linke. Gegen die Achtundsechziger. Vielleicht hat er Naumann nur eingeladen, um seine Angst vor ihnen zu bekämpfen.

Ihre Meinung

68er-Bashing: Breitensport der Konservativen oder notwendige Vergangenheitsbewältigung?

Diskutieren Sie mit! Bisherige Beiträge (15)
Von Lutz Kinkel
 
 
KOMMENTARE (10 von 15)
 
Flo_HH (24.10.2007, 17:37 Uhr)
an Profiler
wohl der deutschen Sprache nicht mächtig? ich würde "Ressentiments" sogar mit drei s schreiben.
ganzbaf (24.10.2007, 01:35 Uhr)
Gewiß, "Graf" Lambsdoof, der verurteilte Wirtschaftskriminelle muß es ja wissen (-;
Und jeder Lehrer-Abgeordnete heute vertritt den 68er Geist... *LOL*
ThFuegner (23.10.2007, 22:11 Uhr)
ist das noch ...
.. in diesem Forum hinnehmbar? Andersdenkende so zu beleidigen?
Ich finde, hier gehört jemand ermahnt oder gesperrt. Um der Qualität der Beiträge willen.
MfG
TF
ThFuegner (23.10.2007, 22:08 Uhr)
ganzfalsch, ganzbaf,...
".. die Parlamente werden zwar immer leerer, sind aber immer voller Lehrer" Graf Lambsdorff über den Überschuss an öffentlich bedienstetten in der Legislative). Tatsächlich, wenn Sie sich die Personalstruktur der Parlamente ansehen, werden Sie unschwer erkennen können, dass Unternehmer oder Unternehmensberater dort eher selten zu finden sind.
Aber hier darf jeder alles sagen, was er denkt.
Auch wenn er gar nicht ..
Es sind ziemlich genu 20,2%, gucksu hier:
http://www.politikforen.de/showthread.php?t=29120
gerhardrolf (23.10.2007, 18:15 Uhr)
Die 68ziger und weiter?
Das Naumann Diekmann unterstellt etwas gegen diese Demokratie zu haben und damit den Staat meint, dürfte so falsch nicht sein.
Denn diese Demokratie ist eine Staatsdemokratie und nicht eine Demokratie des Volkes.
Wer vorschreibt wie ich zu denken und zu reden habe und dass über die Medien auch noch permanent ausbreitet braucht sich über eine DDR in keinster Art und Weise zu verbreiten.
Schöngeistige Gespräche sind nicht schlecht, aber die katastrophale Einflussnahme der 68 auf den Staat und das heranwachsende Volk mitsamt seiner fehlenden Idendifikation ala Roth u.a. wird sich nochr bitter rächen.
clavacs (23.10.2007, 17:24 Uhr)
Demokratie - Wahn als Staats- und Gesellsschafts-Doktrin
Herr Naumann,
Herr Diekmann,
denke mein jüngstes Blog dürfte interessieren ...
Demokratien – Wahn als Staats- und Gesellschafts-Doktrin
Ich meine die Demokratien von heute und nicht Demokratie an sich!
Herr Schröder, wie war das mit Moses? Hielten Sie sich nicht sieben lange Jahre für den Bundeskanzler?! Sie meinen, Sie waren das auch?! Und hält sich nicht Angie heute für die Kanzlerin und meint das auch zu sein?!
Nobelpreisträger, verdient ihr diese Preise auch wirklich?
Wie gut, da kann ich mich getrost für Moses oder Jesus halten …
Frau Bundeskanzlerin, Herr Exkanzler und Nobelpreisträger – Schmunzeln erlaubt!
(Susanne D. & Susanne H., smili ihr beide!)
Päpste glauben Papst zu sein …
Kaiser und Könige halten sich für solche …
Präsidenten meinen, sie wären Präsidenten …
Kanzler meinen, sie wären Kanzler …
Minister meinen, sie wären Minister …
Ministerpräsidenten meinen, sie wären zugleich Minister und Präsident …
Richter meinen, sie wären Richter …
Verfassungsschützer meinen, sie müssten die Verfassung schützen …
Aufsichtsräte meinen, sie wären Aufsichtsräte …
Vorsitzende und Vorstände meinen, sie wären solche …
Manager meinen, Manager zu sein …
Professoren meinen, Professoren zu sein …
Lehrer meinen, Lehrer zu sein …
Studenten meinen, sie würden studieren …
Schüler meinen, sie würden lernen …
Journalisten meinen, sie wären Journalisten …

Und dann das?! Wen wundern da noch Wirrnis und Irrsinn in unserer Welt? Wen wundern da noch unsere Wahn-Demokratien?
Wir Menschen sind in unserem Menschsein verletzlich, nicht zuletzt deshalb gilt es, uns Menschen in unserer Würde und unseren Rechten zu schützen, nicht zuletzt deshalb gilt es, in unserem Menschsein unveräußerlich zu sein!
Im Eintreten für unser Menschsein, für unsere Würde, für unsere Rechte und unsere Freiheit, kann und darf es keine Kompromisse geben – nur Entschlossenheit!
Das Deutsche Grundgesetz fordert entschieden dazu auf!
Wir Menschen sind weit von uns entfernt, finden wir uns, ehe wir uns gänzlich verlieren …
Wir sind in unserem Menschsein massiv gefährdet …
Wenn uns der Terror und seine Begleiterscheinungen nicht die Augen öffnen, was dann?
Warum ich von Wahn-Demokratien spreche, urteilen Sie selbst:
Fortsetzung auf meiner Blogseite:
http://hansahas.blogg.de
clavacs
Nil.Jang (23.10.2007, 17:04 Uhr)
Au, Tor
Vorgefunden habe er einen "durchaus nicht unbegabten" Autoren (Gelächter im Publikum).

Hä, "einen Autoren"??? Gelächter bei den Lesern.
Ich wüsste gerne mal, wer der hochmögenden Beteiligten nicht einmal "Autor" richtig deklinieren kann.
Nil.Jang (23.10.2007, 17:00 Uhr)
Au, Toren!
>>Vorgefunden habe er einen "durchaus nicht unbegabten" Autoren (Gelächter im Publikum).
ganzbaf (23.10.2007, 13:40 Uhr)
...wüßte auch nicht,
...dass der "Bund deutscher Sozialpädagogen" seine Lobbyisten im Bundestag sitzen hat, Stimmung über die Massenmedien macht, Millionenschwere Kampagnen fährt, oder die deutsche Kanzlerin "berät"...
;~Pp
ganzbaf (23.10.2007, 13:30 Uhr)
Falsch, Herr/Frau ThFuegner
Nicht die "Lehrer oder Sozialpädagogen" dieses Landes machen bzw. machten die miserabele Politik hier in Deutschland, sonder die Wirtschaft und deren Loggyisten! Das weiß mittlerweile jedews Kind.
Und wenn sich ein "Lehrer" o.ä. mal in die Politik verirrt hat, war er doch meist fehlgeleitet oder gleich direkt bestochen.
Viel schlimmer als ein Lehrer in der Politik sind die nun wirklich arbeitscheuen Gestalten: Juristen, Psychologen, Unternehmensberater oder ehemalige Taxifahrer. Da wäre ich direkt für ein "Berufsverbot"...;-P
(Auch wenn ich vom Beamtentum keine wirklich gute Meinung habe.)
MEHR ZUM ARTIKEL
Michael Naumann Der Hamburger Michael

Der Segler Naumann ist Kulturgeist, Weltbürger - und Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit". Als Bürgermeisterkandidat soll er nun 2008 die Hansestadt für die SPD zurückerobern. Ein waghalsiges Manöver. mehr...

Umzug "Bild"-Zeitung will nach Berlin

Hauptstadt aufgepasst: Die "Bild"-Zeitung möchte von Hamburg nach Berlin umziehen. Das kündigte Chefredakteur Diekmann in einem Interview an. Der Axel-Springer-Verlag muss nun entscheiden, ob er sie ziehen lässt. mehr...

"Gossenreport" Morgenlektüre mit Abspritzgarantie

Der Schriftsteller Gerhard Henschel rechnet in seinem neuen Buch mit den Methoden der "Bild"-Zeitung ab: "Gossenreport" berichtet vom skurrilen Anzeigentext bis zu Menschen, die von der "Bild" in den Selbstmord getrieben wurden. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe