Gericht will Schlussstrich ziehen

5. Dezember 2010, 16:49 Uhr

Wer trägt Schuld an der Concorde-Katastrophe? Mehr als zehn Jahre nach dem Absturz von Flug AF 4590 nahe Paris, bei dem auch 97 Deutsche ums Leben kamen, soll am Montag ein Urteil fallen. Gut möglich, dass die Angeklagten freigesprochen werden.

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Ein riesiger Feuerball über der Pariser Vorort-Gemeinde Gonesse beendete am 25. Juli 2000 das Leben von 113 Menschen. Der Absturz der brennenden Air-France-Concorde nach eineinhalb Minuten Flug zertrümmerte zugleich einen Mythos: Denn der 62 Meter lange "fliegende Bleistift" galt bis dahin als Symbol für Fortschritt und technische Perfektion - und auch als sicherstes Flugzeug der Welt. Gerade deswegen stand schnell die Suche nach der Ursache im Mittelpunkt des Interesses. Was lief schief?

Rund zehn Jahre später will ein Strafgericht in Pontoise bei Paris die Schuldfrage endgültig klären. Vorausgegangen war ein Ende Mai abgeschlossener viermonatiger Verhandlungsmarathon. Dabei hatten sich Ankläger auf drei Hauptakteure konzentriert: zwei Mechaniker und einen leitenden Ingenieur.

Verhängnisvolle Kettenreaktion

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Concorde beim Start über ein Metallstück rollte, das ein zuvor abgeflogener Jet der Fluggesellschaft Continental verloren hatte. Es löste eine verhängnisvolle Kettenreaktion aus: Die Lamelle ließ einen Reifen am Fahrwerk der Concorde platzen, Gummiteile durchschlugen einen Flächentank des Flugzeugs, und das ausströmende Kerosin fing Feuer.

Die Verteidigung der US-Airline Continental behauptet dagegen, dass die Concorde bereits brannte, bevor sie die Titan-Lamelle überrollte. Ursache soll eine Unebenheit in der Startbahn gewesen sein. Wie die Unfallermittler auch hält die Anklage das für falsch und hat für zwei Continental-Mechaniker 18 Monate Haft auf Bewährung gefordert - sie waren für die Montage der Lamelle verantwortlich.

Der damalige Chef des Concorde-Programms - der heute 80-jährige Henri Perrier - soll mit zwei Jahren Haft auf Bewährung büßen, weil er in seinen 16 Jahren beim Flugzeugbauer Aérospatiale nichts gegen die bekannten Probleme vor allem am Treibstofftank des Überschall-Jets unternahm.

"Eingebrannt in unsere Erinnerung"

Für die meisten Hinterbliebenen hat das Urteil, das am Montag gefällt werden soll, eigentlich nur noch symbolische Bedeutung. Etwa 700 Angehörige der Opfer von Flug AF 4590 einigten sich kurz nach der Katastrophe mit Air France und deren Versicherung auf Entschädigungen. Nach Schätzungen flossen 173 Millionen Euro. Unter den Opfern waren 97 Deutsche: Den Flug nach New York hatte die schleswig-holsteinische Reederei Deilmann gechartert.

Jean-Pierre Blazy, Bürgermeister des Absturzortes Gonesse, fürchtet, dass das Gericht alle Angeklagten freispricht und kein wirklich Verantwortlicher gefunden wird. Doch der heutige Air-France-Chef Jean-Cyril Spinetta will nicht, dass an dem Urteil nachher gerüttelt wird: "Ich hoffe, dass alle schweigen werden, wenn das Urteil gesprochen ist und dass jeder diese Wahrheit akzeptieren wird." Bleiben werden in jedem Fall die Bilder vom Absturz, "eingebrannt in unsere Erinnerung", wie Bürgermeister Blazy es nannte.

Das Unglück hatte damals auch das Ende der Concorde eingeläutet: Drei Jahre nach dem Absturz stellten die Betreiber British Airways und Air France den Betrieb ein. Dass ein modernes Flugzeug nicht zwangsläufig abstürzen muss, wenn Trümmer Tragflächen durchschlagen, zeigte sich vor wenigen Wochen bei der Notlandung einer australischen A380. Der Airbus der Fluggesellschaft Qantas landete trotz diverser Probleme sicher, obwohl Teile eines explodierten Triebwerks eine der Tragflächen getroffen hatten.

DPA/AFP/joe
 
 
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