Weihnachten von A-Z

Das spannungsreichste Familienfest des Jahres steht unmittelbar bevor. Aber ruhig Blut, wir helfen ihnen. Schön alphabetisch haben wir aufgelistet, worauf über Weihnachten zu achten ist.

A wie Alkohol

Der Alkohol, ganz wichtig. Wie fast alle abendländischen Festivitäten liefert auch Weihnachten unendlich viele Vorwände, sich - freilich auf sozial und kulturell akzeptierte Art und Weise - in den geistigen Orbit zu schießen. Eine Tasse Glühwein gefällig, weil sich der Nachmittag gar so lang hinzieht? Zur Bescherung dann, ach, ein Gläschen Sekt. Zur Gans muss es dann, natürlich, der schwere Rote sein, da gibt's kein Vertun. Und wer will schon auf den Verdauungsschnaps verzichten? Nein, Kostverächter haben an an Weihnachten keine Chance. Und das ist gut so. Geben Sie sich dem ruhig hin, ohne schlechtes Gewissen, allein: fahren Sie nicht mehr Auto. Seien Sie, die emsige Drogenbeauftragte Sabine Bätzing möge uns verzeihen, zudem großzügig: Wenn also Onkel Hans wieder mit den gleichen, öden Witzen anfängt oder der vierzig Jahre jüngeren Großgroßnichte einen Tick zu nahe rückt, dann schecken Sie ihm eben noch einen Schnaps nach. Das lähmt! Und denken Sie immer daran: Weihnachten ist nicht nur ein besinnliches, sondern auch ein berauschendes Fest. Prost. Siehe auch: S wie Saufen

(spi)

B wie Bescherung

Machen wir uns nichts vor: Die Bescherung ist der Höhepunkt der Weihnachtssause. Gelingt sie, sind alle beglückt, dann kann nichts mehr schiefgehen. Missrät sie, steckt die gesamte Veranstaltung in der Grütze. Besonders zu vermeiden ist jedwede Form der Enttäuschung. Das gilt besonders für Kinder. Also: Kaufen Sie Ihrem Töchterchen das Pony. Und wenn sich ihr Sohnemann nunmal ein neu geborenes Brüderchen zum Fußballspielen wünscht, dann, hey, seien Sie auch hier nicht zimperlich. Nichts ist schöner als glückliche Kinderaugen, nichts herzerweichender als die Tränen der Prinzen und Prinzessinnen.

Schwieriger wird's dann schon bei Partnern, noch schwieriger bei Ehepartnern. Vermeiden Sie Praktisches, vermeiden Sie auch, mit Ihrem Geschenk Botschaften ausdrücken zu wollen, wenn deren positive Rezeption nicht vorab hundertprozentig sicher ist. Also: Kein Staubsauger für den Hausherren als Botschaft, dass der sich doch endlich mal am Frühjahrsputz beteiligen soll, keine Spardosen, kein Trimm-Dich-Ratgeber, keine Weight-Watchers-Punkte-Tabelle.

Jenseits der Geschenke ist die Inszenierung der Bescherung die halbe Miete. Experten behaupten, das verhalte sich bei Weihnachten ähnlich wie beim Sex: Das meiste spielt sich ohnehin in der Fantasie ab. Also: Der Baum muss ordentlich stehen, toll geschmückt sein, und das Vorspiel, vielleicht mit einer Klingel, muss spielerisch-leicht daherkommen. Dann: Verzichten Sie auf eine Anti-Klimax, halten Sie den Spannungsbogen, halten Sie keine langen Reden, erlauben Sie nur eine kleine Vorführung des Familienorchesters. Anschließend erlauben Sie allen Beteiligten gleichzeitig, ihre Geschenke zu öffnen, das ist die Katharsis des Abends. Eher lustfeindliche Protestanten neigen bisweilen dazu, dass jedes Geschenk unter den Augen jedes Beteiligten einzeln begutachtet werden sollte. Das stört das Besomndere des Moments: Halten Sie es mit den Katholiken. Bescheren und entpacken Sie barock - üppig, lustvoll, ungehemmt.

(tkr)

C wie Christkind

Das Christkind sollte nicht unterschätzt werden. Ist theoretisch die wichtigste Figur des ganzen Festes. Muss deshalb auch in Krippen prominent platziert werden. Abhängig von der jeweiligen Familienmär dient es einigen Kleinen als Heilsbringer, weil es angeblich für die Geschenke zuständig ist. Andere Familien schätzen den Wert des Christkinds geringer ein, weil hier der Weihnachtsmann für die Gaben verantwortlich ist. Im Großen und Ganzen gibt es allerdings in der Feierpraxis ein krasses Missverhältnis zwischen der ursprünglich-ursächlichen Bedeutung des Christkinds und dessen Rolle im Ritus. Selbiges ist nämlich eher passiv, weshalb es sich wunderbar als Projektionsfläche gerade findiger Eltern gegenüber ihrem Nachwuchs eignet: "Bringst du jetzt nicht sofort den Müll hinunter/schläfst du jetzt nicht sofort ein/bist du jetzt nicht sofort ruhig, wird das Christkind böse." Eigentlich ist das Christkind also ein Freunde von Eltern und Erziehungsberechtigten. Seien Sie gut zu ihm.

(fgüs)

D wie Dankbarkeit

"Ursprünglich ist die Dankbarkeit eine Pflicht, sei es von Einzelnen oder einer Gruppe, einem Gott gegenüber. Im Neuen Testament wird die Dankbarkeit Gott gegenüber durch Mahnungen ständig eingefordert (…)." Schreibt Wikipedia. Wer Kinder hat, weiß wie das gemeint ist - und fürchtet sich rechtzeitig vor Weihnachten vor Gottes Zorn. Wenn das Knäblein beispielsweise bei der Bescherung ausruft: "Och nö, das is ja nur der kleine Lego-Technikkasten für 60 Euro. Ich wollte doch den für 146 Euro, das habe ich euch extra gesagt", dann macht es überhaupt keinen Sinn, mit ihm über die Frage der Dankbarkeit zu diskutieren. Sätze, wie: "Früher, da haben wir uns gefreut, wenn wir zum Fest ein paar neue Murmeln aus Ton bekamen", sind vollkommen überflüssig. In der Situation hilft es nur, den tobenden Gott mit überzeugenden Versprechungen zu besänftigen und froh zu sein, wenn es nicht noch schlimmer wird. Denn bei Wikipedia steht unter dem Stichwort Dankbarkeit auch: "Der soziale Gegenbegriff zur Dankbarkeit ist die Rache."

(mcp)

E wie Essen

Der Trend geht zum Fertiggericht. Das industriell produzierte Dinner schmeckt immer besser, ist fix zubereitet und kann gut und gerne im mitgelieferten Plastikbehälter entsorgt werden. Während der Weihnachtsfeiertage dürfte die Fertiggerichtquote dabei deutlich zurückgehen. Denn rund um Weihnachten entsinnen sich immer mehr Menschen der anachronistischen Praxis des Selberkochens. Ob Kartoffelsalat mit Würstchen, Karpfen oder Gans. Die eherne Familientradition behindert den Fortschritt. Dabei ist das eigenhändige Zubereiten von Gerichten nervenaufreibend, teuer und konfliktträchtig. Wer eine Revolution fordert, trifft unweigerlich auf Widerspruch: "Aber nein, das war doch schon immer so. Und auf den Kartoffelsalat freut Oma sich doch auch schon", heißt es dann. Wir, als vertreter einer fortschrittlichen und friedlichen Auffasung von Weihnachten, setzen uns für eine Art kulinarisches Fertigweihnachten ein - das ist gut für den Konsum, gut für die Industrie, in Ordnung für den Magen, und aus all diesen Gründen auch schon fast eine politische Notwendigkeit. Guten Appetit!

(tkr)

F wie Familie

Weihnachten verhält sich zur Familie wie eine wunderbare bunte Blume zur Sonne. Erst das gleißende Licht der Sonne lässt uns die Schönheit der Blume gewahr werden, erst Weihnachten lässt die Kraft der Familie voll erstrahlen. Bei keinem anderen Fest werden familiäre Gemeinsamkeit, Nähe und Zusammenhalt so hochdosiert verabreicht wie an Weihnachten. Dabei ist mittlerweile bekannt, dass durchaus die Gefahr der Überdosierung besteht, zu Fest verraten sich Familienmitglieder deshalb bisweilen auch gern all das, was sie das Jahr über verschwiegen haben, die Wahrheit bricht sich im Moment höchster Spannung ungehemmt Bahn. Deswegen gibt es etwa auch einen direkten Zusammenhang zwischen Alkoholgenuss und familiären Zusammenhalt: Wer seine Familie, die diversen Ahnen, die Onkels und Tanten, die Cousins und Cousinen, auch noch am ersten Weihnachtstag über alles lieb haben will, der sollte sich in den entscheidenden Stunden halbwegs nüchtern über deren Existenz freuen. Denn, dies sei noch einmal vermerkt: Familie ist an Weihnachten am schönsten - und am zerbrechlisten. Und hoch die Gläser!

(fgüs)

G wie Geschenke

Mit Geschenken ist das so eine Sache. Vor allem zu Weihnachten. Klassiker wie die Topflappen für Mutti und der Schlips für Papi gehören selbstverständlich dazu. Auch selbstgebastelte Schlüsselbrettchen und mit dem Lötkolben verzierte Namensschilder für die Haustür werden seit Generationen mit großer Freude verschenkt. Doch dann wird's schon schwierig. Was ist mit der Oma, die irgendwann ihr Häuschen und den Sparstrumpf vererben soll - und zwar nicht an die Falschen? Da heißt es höllisch aufzupassen. Ist das Geschenk zu teuer, dann sagt sie womöglich irgendwann, Kinder, ihr braucht mein Geld ja gar nicht. Ist es zu klein, könnte sie auch beleidigt sein. Richtig blöd ist es, das passende Geschenk für Pubertierende zu finden. Wer glaubt, mit einer CD von der Band auf der richtigen Seite zu sein, die wochenlang durchs Haus dröhnte, kann sein Weihnachtswunder erleben. Vielleicht sagt das Kind ja Danke, aber achten Sie mal drauf, was die Blicke sagen: "Gott, ist das peinlich, das ist ja was für Kinder". Wer jetzt meint, die Lösung bestünde darin, sich gar nichts mehr zu schenken, sollte sich mal mit einem Scheidungsanwalt unterhalten. Der wird erzählen, dass es regelmäßig zu Weihnachten Familiendramen gibt, weil die Beteiligten insgeheim darauf vertrauen, dass keiner sich an die Abmachung hält - und dann die Scheidung einreichen, wenn der Partner tatsächlich nichts schenkt.

(mcp)

H wie Hausmusik

Eine aus der Romantik überlieferte Tradition, zu Weihnachten flächendeckend zelebriert, abseits davon aber nachweisbar bei Familien wie etwa den von der Leyens. Die Familienministerin lässt ihre Kinder fleißig flöten und zirpen ("Das Schöne an der Musik ist, dass sie wunderbar miterzieht") und hat als Kind bereits mit ihrem Vater, dem ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht, eine Platte aufnehmen müssen. Die kleine Ursula ist dort durch ihre helle Stimme schön rauszuhören - angeblich alles freiwillig. Unser Tipp: Wenn Sie weniger als sechs Kinder haben, ziehen Sie bitte in Erwägung, das hauseigene Konzert auf, sagen wir, eine halbe Stunde zu begrenzen.

(hil)

I wie Indiskretion

"Ach, Frank hat früher immer soooooo schön auf der Blockflöte gespielt". Wenn solche Sätze fallen, ist meist Weihnachten, Frank ist mittlerweile ein gestandener Mittdreißiger und die familiäre Indiskretion wird seiner neuen Freundin wahrscheinlich noch viele Jahre als willkommene Munition dienen. Wenn Sie also allerlei Indiskretes aus dem Leben Ihrer Liebsten erfahren wollen: Nie sind Familienangehörige gesprächiger als an den hohen Feiertagen. Seien Sie clever, so einfach kommen Sie nie wieder an diesen Klatsch und Tratsch. Und vergessen Sie nicht: Wissen ist Macht!

(spi)

J wie Jesus

Eigentlich Sinn und Anlass. Des Lebens, des Glaubens, des Sterbens. Und von Weihnachten sowieso. Verkommt aber in heutiger Zeit zum Maskottchen banalen Fest-Konsums. Für die Christen ist Jesus der Messias, also der Erlöser der Menschheit, der das Evangelium verkündet. Weihnachten besinnen sich die Deutschen darauf, immerhin jeder zweite Bundesbürger will in einen Gottesdienst gehen. Das Fest gibt Hoffnung.

(hil)

K wie Kirchgang

Ethisch gesehen wirft der Kirchgang alljährlich eine quälende Frage auf: Wie heuchlerisch ist der Kirchenbesuch, wenn man sich den Rest des Jahres tunlichst nicht blicken lässt? Einerlei, man mag der großen Mehrheit der One-Stand-Kirchgänger unterstellen, dass sie, einerlei, ob katholisch oder evangelisch, diese Stunden kollektiver Spiritualität tatsächlich genießen können. Spätestens wenn die Lichter ausgehen, der Weihnachtsbaum erstrahlt und die Gemeinde "Oh, du fröhliche" oder Vergleichbares anstimmt, ist der säkulare Geist zumindest zeitweise niedergerungen. Es lohnt sich also, in die Kirche zu gehen, zumal man damit auch gewisse innerhäusige Pflichten vermeiden kann. Seit jeher gilt: Wer sich verweigert und zu Hause bleibt, der muss sich um den Braten kümmern oder Vorbereitungen treffen. Zudem bleibt ihm die gemeinschaftliche Einstimmung auf die nachfolgende Familienfeier verwehrt. Deshalb ist ein Weihnachten ohne Kirche in etwa so unterhaltsam wie ein Weihnachten ohne Gesellschaft. Man sollte nicht darauf verzichten.

(fgüs)

L wie Lametta

Lametta ist in etwa so hip und so 70er wie gespickte Käsewürfel als Appetitanreger. Furchtbar eigentlich, aber dann doch auch wieder schön. Lametta, so viel zur Erklärung für nachrückende Generationen, sind lange, dünn geschnittene Metallstreifen, die glitzern und als Weihnachtsschmuck zumindest in der Vergangenheit gerne Weihnachtsbäume zierten. Wie auch immer. An dieser Stelle sei ein klares Plädoyer für Lametta angebracht, als Ausdruck eines postmodernen Verständnisses von Weihnachten. In den 60ern und 70ern konnte man Lametta noch als Ausdruck eines industriellen Fortschritts, als eine symbolische Verschmelzung von Tradition und Fortschritt begreifen. Aber diese Verbindung ist im Zeitalter der Digitalisierung, in der man den Weihnachtsbaum schon viel besser via IPod und YouTube und Beamer auf eine weiße Wand im Wohnzimmer projezieren kann, anachronistisch - und dabei schon wieder charmant anachronistisch. Die perfekte Postmoderne würde es gestatten, als ein Indiz der Selbstbrechung, eine zehnstündige Lametta-Verfilmung auf einen echten Weihnachtsbaum zu projezieren. Es lebe die Industrie.

(fgüs)

M wie Mutter

Mütter würden die Weihnachtstage ob der erwarteten Gänse und Karpfen entweder am liebsten komplett ignorieren - oder sie sehen darin den verdienten Höhepunkt in angemessener kerzlichternder Bestrahlung. Dann ist das Fest wie die Fußballweltmeisterschaft im eigenen Lande, weil traditionell am heimischen Herd vor gewogenem Publikum gerackert wird. Die Familie freut sich auf das festliche Essen - und fürchtet die hektische Wuselei, um "alles perfekt zu machen".

(hil)

O wie Onkel

Die Frage, ob man zum allein stehenden Onkel fährt oder ihn gleich zu sich einlädt, löst das eigentliche Problem nicht. Denn der Ablauf des Weihnachtsbesuchs ist unabhängig vom Ort des familiären Zusammentreffens: Onkel Hartmut wird sentimental, Onkel Hartmut trinkt zuviel Alkohol, wird noch sentimentaler und fängt dann an, entweder seine Einsamkeit zu beklagen oder über Ausländer zu schimpfen. Und für den Rest der Familie stellt sich die Frage: Sagt man ihm dieses Jahr endlich mal die Meinung? Fährt man ihn an, er möge sich mal zusammenreißen oder widerspricht man dieses Jahr seinen rechten Sprüchen? Und am Ende denkt man sich seinen Teil und schweigt. Egal, wie sicher man sich in diesem Moment ist, dass man Onkel Hartmut jetzt wirklich zum letzten Mal zu Weihnachten sieht - nächstes Jahr ist er wieder mit von der Partie. Es ist ja schließlich das Fest der Liebe.

(tkr)

P wie peinlich

Auch dem Geschenk klebt noch der Preis? Die Vase, die gerade eine erfreute Tante auspackt, kommt Ihrer Mutter verdammt bekannt vor? Die rosa Unterwäsche samt Anschnall-Dildo mag in der Fußballkabine für Heiterkeitsstürme sorgen, beim Auspacken "en famille" sorgt das Geschenk Ihrer Kumpels aber für Befremden? Ihr neuer Freund trinkt das Fingerschälchen aus statt seine Finger drin zu baden? Ihnen fallen gerade spontan vier weitere peinliche Erlebnisse der letzten Weihnachtsfeiern ein? Glückwunsch! Denn daraus können Sie immerhin den Trost ziehen, dass Sie in solchen Fettnäpfen nicht allein herumstehen...

(spi)

Q wie Querulant

Wirklich sympathisch an Weihnachten ist eigentlich nur der Querulant. Und da meine ich nicht den Opa, der Heiligabend auf dem Sofa sitzt und sich beschwert, weil es Gans statt Ente gibt. Auch nicht die Typen, die zum Fest in die Karibik fahren und unter Palmen "Leise rieselt der Schnee" singen. Nein, ich meine den, der sich Heiligabend statt in die Kirche in sein Auto setzt, in das nächstgelegene Obdachlosenheim fährt und dort mit einem Kofferraum voller Lebensmitteln, Süßigkeiten, Klamotten, Büchern, Pfeifentabak, dicken Socken, Isomatten und Schlafsäcken für die frohe Botschaft sorgt.

(mcp)

R wie Religion - In dubio pro dono

An Weihnachten wird die Menschwerdung Gottes gefeiert. So definiert es die christliche Kirche, und es stellt sich die Frage: Dürfen auch Nichtchristen Weihnachten feiern? In Korea oder Japan erfreut sich das Fest großer Beliebtheit, selbst in China, wo es nicht eben vor Christen wimmelt. Und auch Moslems, so sie denn in westlichen Ländern wohnen, freuen sich über die freien Tage. Manche schenken ihren Kindern sogar etwas, damit sie im Kindergarten und der Schule im neuen Jahr auch etwas zu berichten haben.

Womit wir beim eigentlichen Weihnachtswesen (und Kernstück des Christentums) sind: der Nächstenliebe. Vielfältig gelebt, doch im Zweifel gilt: In dubio pro dono (im Zweifel für das Geschenk). Dagegen ist nichts einzuwenden. Die Kleinen freuen sich darüber die Wangen rot, die Großen darüber, dass sich die Kleinen freuen, die Händler über gute Geschäfte, der Staat über Steuereinnahmen, die Fabrikbesitzer über volle Auftragsbücher, und so ist jedem gedient. Nicht nur im christlichen Abendland, sondern gleich weltweit. Die Liebe ist das Geschenk Gottes, heißt es. Seine Schäfchen haben also keine andere Chance, als es ihren Herren gleichzutun. Oder, mit dem Koran (2:177) gesagt: "Wenn ihr etwas Gutes spendet, soll es den Eltern, den nächsten Verwandten … zukommen. Und was ihr an Gutem tut, darüber weiß Gott Bescheid." (nik)

S wie Saufen

"Weihnachten könnte so schön sein - wenn nur die Familie nicht wäre". In diesem uralten Witz steckt mehr Wahrheit, als viele ahnen: Denn die geballte Wucht der Familie, gepaart mit der üblichen Feiertags-Tristesse lässt viele zur Flasche greifen. Mutti besteht seit 30 Jahren auf das Absingen von "Oh Tannenbaum"? Mit einem Schnaps schaffen das selbst Unmusikalische. Die Schwester will - wie jedes Jahr - ein neues Rezept für das Weihnachtsmeü ausprobieren? Her mit dem Schnaps. Es steht wieder ein Fünf-Gänge-Menü an, von dessen durchschnittlichem Kalorienwert eine äthiopische Großfamilie wochenlang überleben könnte? Der Schnaps hilft... Kein Wunder, dass nach den Feiertagen in den Apotheken gewöhnlich ein Run auf Mittel gegen Sodbrennen und Leberbeschwerden verzeichnet wird!

(spi)

T wie TV-Programm

Ein turbulentes Jahr arbeiten die Programmdirektoren mit soziologischem Feinsinn auf. Nachdem diese unsägliche Finanzkrise ja nun definitiv nicht in Fallingbostel oder Kitzbühel vom Zaun gebrochen wurde ("In einem fernen Land", Weihnachtstag, 16:20 Uhr, RTL) - wir aber dennoch mit Poldi und Schweini ein paar wunderbar ablenkende Stunden am EM-Platze hatten ("Wie im Himmel", Weihnachtstag, 20:15 Uhr, ARD) - sorgte sich die großkoalitionäre Eingreiftruppetruppe aber um die Auswirkungen der Krise ("Michel bringt die Welt in Ordnung", Weihnachten, 13:50 Uhr, ZDF). Wem das alles zuviel wird: Einfach mal den Fernseher ausschalten und den Weg in die hoffentlich schneeweiße Welt wählen ("Free Willy - Ruf der Freiheit", Weihnachtstag, 12:30 Uhr, ARD)!

(hil)

V wie Verwandtschaft

Manche Sippen sind so groß, dass es kaum möglich ist, sie unter ein Dach zu bekommen. Geschweige denn an einen Tisch. Macht nix. Es kommen ja ohnehin immer nur die gleichen Onkel, Cousinen und Schwippschwager, die alles langweilen, was nicht bei drei auf dem Raucherbalkon ist. Diejenige Verwandtschaft aber, die coole Tante mit ihren Abenteuerurlauben, die Halbschwester mit dem Rockstarfreund oder der Cousin aus Amerika, die lassen sich leider nie blicken. Schade eigentlich. Andererseits: Würden Sie kommen, wäre Weihnachten plötzlich so ganz anders. Und das entspricht ja nun wirklich nicht dem Wesen dieses Festes.

(nik)

W wie Wurst

Immer wieder erstaunlich, welche Reaktion der profane Satz auslöst: "Heiligabend gibt's bei uns Kartoffelsalat mit Würstchen." Genauso gut könnte man sagen: "Ich beklaue Obdachlose" oder "Im Urlaub gießen wir gerne Blumen in der Firma". Mitleid und Ungläubigkeit allerorten. Dabei, und das will der Radiosender NDR2 herausgefunden haben, sind Kartoffelsalat mit Würstchen für ein Drittel aller Deutschen das Maß aller Dinge am Heiligen Abend.

Und das zu Recht. Viele wenden ein: So eine Mahlzeit ist nicht festlich, nicht besonders genug. Weil Weihnachten doch so festlich und so besonders sei, müsse schon was besonders Festliches auf den Tisch hieven. Kann man verstehen, nach all dem Geshoppe mitsamt Geschubse und Generve sowie dem Gefeiere in der Adventszeit.

Was aber gibt es Besinnlicheres, als am Abend vor dem Fest kurz innezuhalten und bescheiden die eigentlichen Werte des Festes zu genießen? Mit einem unkomplizierten Mahl in vertrauter Gesellschaft und entspannter Atmosphäre? Am ersten Weihnachtstag ist es mit der Ruhe dann ja wieder vorbei. Wenn Mutti, Papi, Omi oder Opi wieder stundenlang in der Küche an der fetten Ente herumbasteln.

(nik)

Z wie Zustand

Weihnachten ist ein Zustand, eine besondere Form des Seins, eine Art besondere Bewusstseinsebene. Während der stillen Zeit verwandelt sich der Mensch, zumindest, soweit er im europäischen Abendland beheimatet ist, von einer rationalen Existenz in ein rein emotional getriebenes Wesen. Liebe, Hass, Freude, Verzweiflung, Enttäuschung, Trauer - Weihnachten kann einfach alles bieten, es ist der kalendarische Kristallisationspunkt der Gefühle der westlichen Welt, robust gekoppelt an das ökonomische System des Kapitalismus. Dabei ist es eine faszinierende Beobachtung, dass diese Verbindung, also die zwischen dem voll emotionalisierten Weihnachtsmenschen und dem an sich ja rationalen Kapitalismus, auch letzteren völlig von den Realitäten der Welt trennt. Wie anders ist es etwa zu erklären, dass die Deutschen derzeit wie wild kaufen, obgleich auch der hinterletzte Experte 2009 mittlerweile zum wirtschaftlich schwersten Jahr seit Menschengedenken erklärt? Insofern, und das sei allen rationalen Entscheidern im kalten Berliner Politik-Betrieb ans Herz gelegt, bestünde die ultimative Lösung für die dräuende Wirtschaftskrise vielleicht einfach in einer unbefristeten Verlängerung des Weihnachtszustandes. Mindestens bis zum nächsten Dezember.

(fgüs)

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