Das Dauerdrama der "Costa Concordia"

27. Januar 2012, 16:47 Uhr

Vor knapp zwei Wochen sank die "Costa Concordia". Nun beginnt das Abpumpen des Treibstoffs aus dem Wrack. Die Suche nach Vermissten dauert an. Der Stand der Dinge auf dem Unglücksschiff. Von Niels Kruse

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Begutachtung des Unglücksschiffs: Frühestens in vier Wochen wird klar, was mit dem Wrack der "Costa Concordia" passieren wird©

Wie ist die Lage am Wrack der "Costa Concordia"?

Vor genau zwei Wochen ist der Kreuzfahrtriese vor der Küste der kleinen italienischen Insel Giglio auf einen Felsen gelaufen und danach gekentert. Das Wrack des Schiffes liegt teilweise unter als auch über Wasser. Die auf Havarien spezialisierte Firma Smit versucht zusammen mit Tauchern der Marine und der Küstenwache Vermisste zu finden. Einige der über dem Wasser liegenden Decks seien untersucht worden, allerdings gibt es laut Einsatzleitung immer noch 400 Kabinen, die nicht geöffnet werden konnten. Derzeit konzentriert sich die Suche auf rund 150 Kabinen, die sich unterhalb des Wassers befinden. Die Bergungsarbeiten mussten in den vergangenen 14 Tagen mehrfach unterbrochen werden. Gründe dafür waren das schlechte Wetter sowie unkontrollierte Bewegungen des Schiffswracks. Zuletzt aber war das Wetter für die Arbeiten vor Ort wieder günstig.

Wie viele Opfer wurden bereits geborgen?

Bisher wurden 17 Tote gefunden. Insgesamt werden noch 19 Menschen vermisst, darunter acht Deutsche. Vier Todesopfer wurden dabei als Deutsche identifiziert: Ein 74-jähriger Mann aus Hessen, eine 52 Jahre alte Frau aus Mittelfranken, ein Berliner und ein 72-Jähriger aus Ibbenbüren bei Osnabrück. An Bord der "Costa Concordia" waren etwa 3200 Passagiere gemeldet, davon 560 Deutsche.

Wie lange wird noch nach Vermissten gesucht?

Beim deutschen Ableger der Reederei "Costa Crociere" heißt es, dass es bislang keine Frist für ein Ende der Suche gebe. Auch während des Abpumpens des Treibstoffs werde weiter nach den Vermissten gesucht, sagte ein Sprecher des Schiffseigner stern.de.

Haben die Opfer noch eine Chance lebend geborgen zu werden?

Cosimo Pulito, Einsatzleiter der Feuerwehr in Giglio, sagte der "Bild"-Zeitung, dass es auch zwei Wochen nach dem Unglück noch Überlebende an Bord geben könnte. Als Grund nannte er die Minibar, die sich in jeder Kabine befindet und aus der man sich verproviantieren könne. Krisenstabsleiter Franco Gabrielli sagte dagegen, Hoffnungen, noch Überlebende im Wrack zu finden, gibt es inzwischen nicht mehr.

Wie werden die betroffenen Passagiere entschädigt?

Die Reederei hat mit italienischen Verbraucherverbänden eine Pauschalentschädigung ausgehandelt: Pro betroffenen Passagier will sie 11.000 Euro plus 3000 Euro für die Reisekosten zahlen. Das Geld soll verlorene Wertgegenstände, Gepäck und seelische Beeinträchtigung ausgleichen. Auch Kinder, die kostenlos mitgefahren sind, sollen die 11.000 Euro erhalten. Hinterbliebene der Opfer und Verletzte sollen gesondert entschädigt werden. Einige Betroffene - darunter mindestens 16 Deutsche - wollen aber per Sammelklage in den USA mehr Geld erstreiten. Angedacht seien 160.000 Dollar für Überlebende und eine Million aufwärts für Verstorbene, sagte ein Anwalt der mehrere Geschädigte vertritt. "Costa Kreuzfahrten" hatte kurz nach dem Unglück in Hamburg angekündigt, für jeden Tag 100 Euro plus eine Gratiskreuzfahrt zahlen zu wollen.

Wann wird damit begonnen, den Treibstoff abzupumpen?

Rund 2400 Tonnen Treibstoff und andere Schweröle befinden sich an Bord der "Costa Concordia". Das Bergungsunternehmen Smit will - so das Wetter mitspielt und keine anderen unvorhergesehenen Dinge passieren - am Samstag mit dem Abpumpen beginnen. Ein Spezialöltanker und ein Schwimmkran liegen bereits vor Giglio. Das Abpumpen dauert nach Schätzungen der Firma mindestens vier Wochen, gearbeitet werde rund um die Uhr.

Gibt es bereits Auswirkungen auf die Umwelt?

Laut der regionalen Umweltbehörde sind erste Verschmutzungen im Meeresschutzgebiet vor Giglio entdeckt worden. Das Meerwasser um die Insel war vorübergehend mit zwei bis drei Milligramm Tensiden pro Liter verschmutzt gewesen, während die Konzentration in der Region für gewöhnlich gegen null tendiere, so das Amt am Mittwoch. Einen Tag später dann die Entwarnung: Die Behörde erklärte, neue Messungen auf Tenside seien negativ gewesen. Ein Sprecher der Umweltschützer des WWF in Italien sagte, die Situation sei zwar noch "tragbar", aber für eine vom Tourismus und der Fischerei abhängige Region "heikel".

Wie stellt sich die Lage um Kapitän Francesco Schettino dar?

Auch wenn die Rolle der Reederei noch nicht ganz geklärt ist, steckt Unglückskapitän Francesco Schettino weiter in Erklärungsnot: Die Verantwortung für den Schiffbruch liege "mit Sicherheit" bei Ihm, sagte der Generalkommandant des zuständigen Hafenamtes, Admiral Marco Brusco. Bei einem rechtzeitigen Alarm hätte es vielleicht keine Toten gegeben. Schettino habe bei der Havarie eine "kostbare Stunde" für die Rettung der Passagiere und Crewmitglieder verstreichen lassen. Auch die Costa-Reederei widersprach Schettino, der gesagt hatte, ein Manager habe die Unglücksroute nahe der Insel Giglio verlangt. "Dieses Manöver war nicht autorisiert. Wir waren darüber nicht informiert", so Costa-Chef Pierluigi Foschi. Costa-Manager Roberto Ferrarini gab an, Schettino habe ihn gebeten, eine gemeinsame Version für den Ablauf der Ereignisse den Behörden gegenüber abzustimmen. Das habe er abgelehnt. Schettino habe erklären wollen, dass das Schiff nach einem Stromausfall auf Grund gelaufen sei, so Ferrarini.

Wie geht es jetzt weiter?

Erst wenn die Schweröle aus den Tanks des Schiffs entfernt sind, entscheidet sich, ob das Wrack vor Ort demontiert wird, oder ob eine Notreparatur möglich ist, um das Schiff aufrichten und in einen Hafen schleppen zu können. Auf letzteres hofft die Reederei zwar, ein Manöver bei einem Schiff dieser Größe wäre allerdings selbst für die Bergungsexperten von Smit Neuland. Für den 3. März ist ein Beweissicherungsverfahren angesetzt, bei dem vermutlich auch Francesco Schettino dabei sein wird.

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