Eineinhalb lange Jahre trauerte ein Mann im kaukasischen Wladikawkas um seine beim Flugzeugabsturz über dem Bodensee getötete Familie. Dann machte er sich auf den weiten Weg nach Zürich. In seinem Herzen trug er einen einzigen Gedanken - Rache.

Seine Schwester Soja zeigte dem stern das Wohnzimmer, in das ihr Bruder die Betten seiner Frau Swetlana und der Kinder Konstantin und Diana geschoben hatte. Auf die Decken legte er Erinnerungsstücke© Rainer Nübel/Jewgenij Kondakow
Man hätte vielleicht ahnen müssen, dass Witalij Kalojew eines Tages einen Mord begehen könnte. Aber wer hätte einen solchen Verdacht gegenüber einem Mann äußern wollen, der alles verloren hatte, was er liebte und wofür er lebte? So kam es, dass sich mancher über Witalij Kalojews Verhalten wunderte, es immer wieder Gerüchte gab, aber niemand darauf reagierte.
Einer der Tage, an denen sich Witalij Kalojew besonders auffällig benahm, war der 1. Juli 2003. Es jährte sich zum ersten Mal die Katastrophe, bei der 11 000 Meter über dem Bodensee eine DHL-Frachtmaschine aus Bahrain kommend mit einer Passagiermaschine aus Moskau kollidiert war und alle 71 Insassen starben; darunter Kalojews Frau und die beiden Kinder. Rund 160 Angehörige hatten sich in dem kleinen Örtchen Owingen nahe der Absturzstelle getroffen, um gemeinsam der Opfer zu gedenken. Abends, der offizielle Teil war beendet, saß man beisammen in einem bürgerlichen Wirtshaus. Viele drängten sich neugierig am Tisch der Anwälte. Jeder wollte wissen, was es Neues gab über das Gutachten zur Unglücksursache.
Als sich Kalojew dazugesellte, wurde es still. "Er hatte fast so etwas wie eine dämonische Ausstrahlung", sagt einer der damals Anwesenden. Kalojew trug schwarz, sein mächtiger, grau melierter Bart reichte ihm bis auf die Brust, er musterte jeden aus seinen dunklen Augen. Mit leiser Stimme bat er die Frauen, den Tisch zu verlassen. Dann griff er in die Innentasche seines Jacketts, zog einen weißen Umschlag hervor und breitete ein Dutzend Fotos auf dem Tisch aus. Sie zeigten drei offene Särge. In einem war die Leiche eines kleinen Mädchens zu erkennen, das ein gelbes Kleid trug. In den anderen lagen nur ein paar abgerissene Gliedmaßen. "Das sind meine Frau und meine Kinder", sagte Kalojew. "Wer soll bestraft werden?" Niemand antwortete. Alle schwiegen.
Witalij Kalojew stammt aus einem kleinen Dorf in der russischen Teilrepublik Ossetien. Es ist keine Region, die bekannt dafür ist, dass ihre Bewohner Blutrache üben. Dennoch gehörte Gewalt lange zum Alltag der Menschen. Tschermen, so heißt Kalojews Heimatdorf, liegt an der Grenze zu Inguschetien. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetreiches wurde es von Inguschen überfallen, die Anspruch auf das Territorium erhoben, weil Stalin sie von dort vertrieben hatte. Kalojew griff damals zur Waffe, um Tschermen zu verteidigen. Bei den Kämpfen brannte das Haus der Familie nieder, seine Mutter starb vor Aufregung an einem Herzinfarkt.
In der Sowjetunion zählten die Kalojews zu den Privilegierten. Witalij wurde 1956 geboren, als jüngstes von sechs Kindern. Sein Vater war Dorflehrer, ein strenger Mann, der großen Wert auf Bildung legte. Nach der Schule durfte Witalij das Technikum besuchen, er arbeitete später, was sehr begehrt war, als Bauingenieur in der Mongolei. Ende der 80er Jahre übernahm er die Leitung einer Baufirma in der nahe gelegenen Großstadt Wladikawkas. Die Frau, in die er sich verliebte und die er 1990 heiratete, war die Direktorin einer Bank. Swetlana Gagijewa. 1991 kam der gemeinsame Sohn zur Welt, der nach Witalijs Vater Konstantin getauft wurde.

Für 25 000 Dollar ließ Kalojew eine Grabstelle für seine Familie errichten© Rainer Nübel/Jewgenij Kondakow
Nach den Kämpfen in Kalojews Heimatdorf zog die ganze Familie in die Stadt. Auch unter kapitalistischen Vorzeichen machten Swetlana und Witalij Karriere. Sie brachte es zur Vizedirektorin einer großen Brauerei, er blieb ein gefragter Bauingenieur. 1997 wurde ihr eigenes Haus fertig, ein roter Klinkerbau mit Balkon und hohen Fenstern hinter gusseisernen Gittern. Auf dem Grundstück ließ Witalij Obstbäume pflanzen. Nur eines trübte damals noch das Glück der kleinen Familie: dass Swetlana nur ein einziges Kind bekommen hatte. So etwas ist ungewöhnlich in Ossetien. 1998 dann, als sie schon 40 Jahre alt war, gebar Swetlana Kalojewa die kleine Diana. Sie war Witalijs "Prinzessin", sein "Engel", sein ganzes Glück.
Nur so ist zu begreifen, wie sehr Witalij Kalojew unter der Trennung von seiner Familie litt, nachdem er im Jahr 2000 nach Spanien gegangen war. Daheim hatte er keine Aufträge mehr bekommen, und daher sagte er zu, als ihn ein Freund fragte, ob er nicht in Barcelona eine Ferienvilla für ihn errichten wolle. Im Sommer 2002, die Familie hatte sich fast ein Jahr nicht gesehen, wollten Kalojews Frau und die Kinder endlich nach Barcelona reisen. Die drei flogen zunächst nach Moskau. Swetlana Kalojewa ging von Reisebüro zu Reisebüro, sie war überglücklich, als sie die letzten Plätze auf einem Charterflug der baschkirischen Fluglinie BAL bekommen hatte. Eigentlich war die Maschine ausgebucht gewesen, mit ihr sollte eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen aus Ufa nach Spanien fliegen. Doch drei Kinder hatten Probleme mit den Visa.
Die Maschine flog mit erheblicher Verspätung in Moskau ab. Sie sollte am frühen Morgen des 2. Juli in Barcelona landen. Witalij Kalojew wartete voller Vorfreude. Er trank Bier und betete immer wieder zum Heiligen Georgij, der in Ossetien der Beschützer der Reisenden ist. Es sind dies die letzten Erinnerungen, die er an die folgenden Stunden noch hat. In einem Interview sagte er lange nach dem Absturz, dass er nur noch wisse, dass irgendwann das Mobiltelefon geläutet und sein Bruder aus Russland ihn gefragt habe: "Sind sie gut angekommen?" - "Nein", habe er geantwortet, "sie sind abgestürzt." Dann sei er in Tränen ausgebrochen. Noch am selben Tag reiste Witalij Kalojew zur Unglücksstelle. Er besaß ein Schengen-Visum, deshalb waren die Grenzkontrollen für ihn kein Problem. Er war der erste Angehörige am Absturzort. Und der Einzige von ihnen, der das Ausmaß der Katastrophe in vollem Ausmaß zu sehen bekam.