14. September 2012, 18:02 Uhr

Wer Hass sät, erntet Hass

Ein dummes Video bringt die islamische Welt in Aufruhr. Das muss den Westen nicht verwundern. Er hat zur Konfrontation beigetragen. Die Wogen kann nur die Vernunft glätten - auf beiden Seiten. Ein Kommentar von Frank Ochmann

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Im Jemen verbrennen Demonstranten die US-Flagge nachdem sie von Polizisten daran gehindert wurden, die amerikanische Botschaft zu stürmen©

Schon wieder also. Nach den Mohammed-Karikaturen 2005, der Regensburger Rede des Papstes 2006 und etlichen Koran-Schändungen in den Jahren danach erregen sich Menschen vor allem in vorwiegend muslimischen Ländern wegen eines Angriffs auf das, was ihnen heilig ist. Grund ist diesmal ein dumm-dreister Film, in dem der Prophet Mohammed und der Islam auf ideologisch üble und dazu noch handwerklich billige Weise verächtlich gemacht werden. Der "Regisseur" ist angeblich untergetaucht. Schauspieler distanzieren sich. Alles in allem aber bleiben die Umstände des Schundstreifens vorerst im Trüben.

Für viele gläubige Muslime jedenfalls ist das besagte Video – das wir hier bewusst nicht verlinken – eine Beleidigung ihrer Religion, die weit verletzender ausfällt, als es eine persönliche wäre. Eine Herabwürdigung ihrer Gesellschaften ist es dazu. Denn in dem Film geht es nicht nur um die Zeit Mohammeds, sondern zum Beispiel auch um die gegenwärtige Situation von Christen in islamischen Ländern. Die ist durchaus einen genaueren, kritischen Blick wert. Doch darum ging es den Machern nicht. Wer diesen Streifen produziert hat, wollte provozieren und wusste, wie einfach das geht.

Gelassenheit wäre wünschenswert

So rennen also wild gestikulierende, schreiende Menschen seit Tagen mit Schildern durch Straßen von Marokko bis Malaysia, verbrennen Fahnen und greifen diplomatische Vertretungen der USA und inzwischen auch Deutschlands an. Die wieder und wieder über die Bildschirme laufenden Proteste sind für einen westlich geprägten Beobachter, der die Gegend allenfalls vom Billigurlaub am Roten Meer oder einem Shopping-Wochenende in Dubai kennt, überaus befremdlich. Müssen sie deshalb auch unverständlich sein?

Den so tief getroffenen Muslimen wäre vermutlich zu aller erst eine aus solidem Selbstbewusstsein gespeiste Gelassenheit zu wünschen. Kein Leichtes allerdings in Ländern mit vielen jungen Männern und all den oft nur mühsam zu kontrollierenden Emotionen, die das mit sich bringt. Es war vor allem dieser Umstand der islamischen Welt – der "demografische Faktor" – der den Harvard-Politologen Samuel Huntington ab Mitte der 1990er Jahre einen Kampf der Kulturen ("Clash of civilizations") befürchten ließ.

Doch ist es ein solches Machwerk wie das seit Juli verbreitete Video wirklich wert, sich darüber länger als ein paar Minuten aufzuregen? Andererseits war es kürzlich offenbar auch der Führung im Vatikan nicht möglich, über das geschmacklose Titelbild einer deutschen Satirezeitschrift hinwegzusehen und sich schnell Wichtigerem zuzuwenden. So wurde geklagt. Es brauchte eine Weile, bis sich in der römischen Kurie die Einsicht durchsetzte, dass die Konfrontation in solchen Fällen allein denen dient, die sie suchen.

Nur die Vernunft kann die Wogen glätten

Ganz ähnlich verhält es sich auch mit den jüngsten Angriffen auf die Religion Mohammeds. Durch die wütenden Proteste und sogar Gewalttaten fühlen sich vor allem die bestätigt, die den Islam ohnehin am liebsten mit Mord und Totschlag in Verbindung bringen. Je mehr es also gemäßigten Kräften gelingt, die Wogen zu glätten, desto besser für alle. Für eine wirkliche Entspannung der Lage allerdings reicht das sicher nicht. Denn auch weiterhin wird ein brandgefährlicher Gefühlsmix das Verhältnis von "Morgen- und Abendland" durchtränken. Traumata aus Jahrhunderte alten Konflikten spielen dabei ebenso eine Rolle wie gegenwärtige Kränkungen. Tief sitzende und weit über die jeweilige Religion hinausreichende Ängste kommen auf beiden Seiten dazu.

Nun gibt es aber ein mehr oder minder erfolgreiches Mittel, um allzu mächtig brodelnde Gefühle einzudämmen: die Vernunft. Darum wohl auch wird in Diskussionsrunden und Kommentaren zum Thema immer wieder gefordert, der Islam brauche baldigst eine Epoche der "Aufklärung", wie sie der Westen schon vor gut zwei Jahrhunderten durchgemacht hat. Was der Kern der Aufklärung ist? Immanuel Kant, der Königsberger Philosoph der Vernunft, hat darauf 1784 seine berühmte Antwort gegeben: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"

Spätestens an dieser Stelle allerdings wird die Frage nach dem Wert der Vernunft in der islamischen Welt zu einer, die sich uns auch im Westen stellt. Denn wie steht es bei uns um den öffentlichen Gebrauch des Verstandes? Und den meinte Kant. Nicht allein das Grübeln im Kämmerlein zuhause. Welchen gesellschaftlichen Stellenwert haben bei uns heute Vernunft und Wissen, Diskussion und Streit? Anders formuliert: Was sagt es über eine, über unsere Gesellschaft aus, wenn die sich außer durch drohende finanzielle Einbußen oder "Megaevents" wie die neueste Version eines kultigen Mobiltelefons kaum noch aus der Ruhe bringen lässt? Kann solche Gleichgültigkeit für eine "Aufklärung" stehen, wie sie Kant oder Voltaire gemeint haben? Wünschen wir uns solche "Coolness" wirklich global?

Wer einer zweifellos kränkelnden islamischen Welt wie selbstverständlich "Aufklärung" verordnet, sollte sich jedenfalls erst einmal fragen, wie konsequent er diese Medizin eigentlich selbst einnimmt.

Ein Kommentar von Frank Ochmann
 
 
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