Der Dalai-Lama-Besuch sorgt schon zu Beginn für Ärger, die deutsche Politik streitet darüber, wie mit dem umstrittenen geistigen Führer der Tibeter umzugehen ist. Dieser hat bereits vor seinem Abflug im Interview mit stern.de-Reporter Teja Fiedler seine Erwartungen an den Besuch formuliert.

Dringt auf "echte Autonomie" für rund vier Millionen Tibeter: der Dalai Lama im Exklusiv-Interview mit stern.de© DPA
Ich bin kein Heiliger, kein göttliches Wesen, ich bin ein buddhistischer Mönch. Bischof Tutu hat mich einmal Dalai Lama, das Schlitzohr, genannt (lacht dröhnend). Dabei benimmt er sich selbst manchmal genau so.
Da ich Tibeter bin, fühle ich mich verantwortlich für diesen Kampf ums Überleben einer Nation, um das Überleben eines uralten kulturellen Erbes und der reichen buddhistischen Tradition. Und da ich nun einmal der Dalai Lama bin, trage ich eine besondere Verantwortung. Ich habe mir drei Aufgaben im Leben gesetzt. Die erste ist das Eintreten für den Wert des Menschenlebens, zweitens die Förderung religiöser Harmonie. Für diese beiden Ziele habe ich mich freiwillig entschieden und werde sie bis zu meinem Tod verfolgen. Das dritte habe ich mir nicht unbedingt selbst ausgesucht, die Umstände haben mich dazu mehr oder weniger gezwungen. Es ist das Eintreten für Tibet, sowohl für die Menschen dort wie auch für jene im Exil. Diese Menschen vertrauen mir und setzen Hoffnungen in mich. Ihnen gegenüber habe ich eine moralische Verpflichtung. Seit 2001 aber gibt es unsere Exilregierung in Dharamsala, und daher bin ich jetzt so halb im Ruhestand. Ich freue mich schon darauf, als Politiker ganz in Rente gehen zu können.
Unser Kampf ist der einer ganzen Nation, nicht der eines Individuums, selbst wenn dieses Individuum für eine gewisse Zeit eine besondere Rolle spielt. Individuen kommen und gehen. Doch die Nation bleibt. Wir haben, wie ich schon sagte, seit 2001 eine gewählte Exilregierung. Da wächst eine Generation fähiger politischer Köpfe heran. Sicher, mein Tod wird für den Augenblick einen Rückschlag bedeuten. Doch der Kampf wird weitergehen, wahrscheinlich mit einer mehr kollektiven Führung.
Nach dem, was in den vergangenen Wochen in Tibet passierte, könnte es sein, dass die chinesische Führung endlich einsieht, etwas falsch zu machen. Sie hat einen Haufen Geld in Tibet gesteckt, sie hat begrenzte religiöse und kulturelle Aktivitäten zugelassen, sie hat ein paar hundert Klöster wieder aufgebaut, nachdem allerdings in der so genannten Kulturrevolution ein paar tausend zerstört worden sind. Und trotzdem hat es diesen Aufruhr gegeben, nicht nur in Lhasa sondern vielerorts. Also ist bei der Tibetpolitik offensichtlich etwas schief gelaufen. „Aber was nur?“, müssen sie sich jetzt eigentlich fragen. Wenn sie das tun, gehen sie vielleicht realistischer an das Tibetproblem heran, und dann sind auch wir zur Zusammenarbeit bereit. Wir wollen keine Lostrennung Tibets von China, wir wollen nur echte Autonomie.
Einerseits erheben sie diese Anschuldigungen, obwohl ich schon mehrfach betont habe, dass ich für Olympia in Peking bin und als Buddhist Gewalt total ablehne. Auf der anderen Seite aber sind sie erpicht darauf, mit uns zu sprechen. Warum nur? Sie haben schon die nächste Gesprächsrunde angekündigt. Sicher, Sie schielen im Augenblick auf die Öffentlichkeit, reagieren auf den Druck vieler Regierungen weltweit. Ich glaube, man muss bis nach den Olympischen Spielen warten, um zu wissen ob sie es ernst meinen und zu substantiellen Gesprächen bereit sind. Jedes Urteil wäre heute verfrüht.
Schwer zu sagen. Diese Einzelentscheidungen von Politikern kommen sicher aus der Besorgnis nicht nur über Tibet, sondern auch über die Situation der Menschenrechte in ganz China. Die chinesische Führung sollte sich das zu Herzen nehmen und ihre Politik korrigieren. Langfristig wäre das auch für sie und China besser.
Im Augenblick borden bei den Chinesen die Emotionen über, und sie sind nicht für eine realistische und logische Sicht der Dinge zu haben.
(Lacht) Nicht nur ich. Auch ihre deutsche Kanzlerin zum Beispiel ist jetzt eine Spielverderberin. Ich wurde und werde dämonisiert, und was ist der Erfolg? Der Dämon Dalai Lama hat andere Dämonen geschaffen, überall auf der Welt, mit Frau Merkel sogar einen weiblichen. Darauf bin ich stolz. Wie man mich nennt, spielt keine Rolle. Manche Leute nennen mich Eure Heiligkeit, manche Gottkönig, manche Lebender Buddha, andere einen Reaktionär, einen Dämon und wieder andere einen guten Typen. Das hat alles nichts zu sagen. Die Wirklichkeit ist die Wirklichkeit, und ich bin ein buddhistischer Mönch. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ich wurde übrigens auch schon Wolf in Mönchsrobe genannt.
Ich verstehe ihre Frustration und ihre Besorgnis. Doch erstens, als Buddhist lehne ich Gewalt grundsätzlich ab. Zweitens, wie auf der chinesischen Seite, ist auch bei diesen Hitzköpfen zu viel Emotion im Spiel. Man kann leicht „Unabhängigkeit!“ schreien und „Chinesen raus aus Tibet!“ Doch Schreien allein ändert nichts. Wie wollen sie denn Unabhängigkeit erreichen? Der einzige gangbare Weg ist echte Autonomie.
Genau. Tibet war früher ein armes und rückständiges Land, und auch in den fünfzig Jahren chinesischer Besetzung wurde nicht genug getan für Erziehung und Ausbildung der Tibeter. Daher gibt es zu wenig qualifizierte Fachkräfte im Land. Ich glaube, wenn wir ein Teil Chinas bleiben, profitieren wir vom chinesischen Aufschwung und fördern unsere wirtschaftliche Entwicklung – immer vorausgesetzt natürlich, dass die Chinesen die tibetische Kultur, die tibetische Sprache und die tibetische Identität garantieren.
Ja, als zweite Sprache. Doch Chinesisch wird als Erstsprache gepusht.
Ja, sicher. Und das soll auch so bleiben Die heutige Welt ist vernetzt, schließt sich zu größeren Einheiten zusammen, siehe die Europäische Union. Diese Tatsache bedeutet in unserem Fall: Sechs Millionen Tibeter für sich allein werden für immer schwach bleiben. Wenn sie sich aber mit einer Milliarde Menschen zusammentun, dann sind sie viel stärker, haben viel mehr Möglichkeiten.
Das ist ein wichtiger Punkt. Wäre unser Anliegen wirklich Unabhängigkeit, dann würden wir uns auf die heutige Provinz „Autonomes Tibet“ beschränken, wo zwei Millionen Tibeter die Mehrheit sind. Doch was wir wollen, ist vor allem kulturelle Autonomie. Und da können wir die Millionen Tibeter in vier angrenzenden chinesischen Provinzen nicht außer Acht lassen. Die chinesische Verfassung sieht ja ausdrücklich Autonomie für zusammenhängende Gebiete von Minderheiten vor. Sie wurde bisher nur nicht verwirklicht.
Ja, und deswegen wollen wir dort für sie kulturelle Autonomie auf Bezirks- oder Landkreisebene. Über die politische Struktur sind wir, falls die Chinesen ernsthaft verhandeln wollen, gern bereit zu sprechen. Die Chinesen sollten einsehen, dass unser Beharren auf Bewahrung der kulturellen Autonomie für alle Tibeter kein Streben nach einem unabhängigen Groß-Tibet ist sondern der Beweis für das Gegenteil.
Mir wird immer wieder unterstellt, ich möchte sie alle vertreiben. Das ist nicht wahr. Sie sind mir willkommen. Allerdings, wenn ihre Zahl zu sehr ansteigt, wenn sie gar zu einer überwältigenden Mehrheit würden, dann wäre das Konzept von Autonomie an und für sich sinnentleert.
So ist es.
Bis Ende der siebziger Jahre war Tibet wirklich isoliert und es drangen kaum Informationen heraus. Doch seit zwanzig Jahren ist der Austausch ziemlich rege. Rund vierzigtausend Tibeter haben sich seitdem in Indien niedergelassen. Jedes Jahr kommt eine große Anzahl von Pilgern hierher und kehrt dann wieder nach Tibet zurück. Außerdem gibt es Photos, Videos usw. Ich halte mein Bild von Tibet für ziemlich aktuell und präzis.