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8. April 2010, 07:00 Uhr

Die strahlenden Reste russischer Rüstung

Die USA und Russland unterzeichnen einen Vertrag zur atomaren Abrüstung. Aber wie kann das Erbe des Kalten Krieges beseitigt werden? Ein Besuch im weltgrößten Atommülllager an der Barentssee. Von Verena Diethelm, Murmansk

USA, Russland, Abrüstung, Kalter Krieg, Atommüll, Endlager, U-Boote, Reaktor

Eine Atom-U-Boot liegt in Murmansk im Langzeitzwischenlager fuer ausgesonderte russische Atom-U-Boote im Schwimmdock© EWN/DDP

Ein 15 Meter langer Zylinder mit einem Durchmesser von rund zehn Metern ist alles, was von Wasgen Ambarzumjans einstigem Arbeitsplatz noch übrig ist. Manchmal gehe er an dem 1600-Tonnen-Koloss vorbei und streichele liebevoll über die rostbraune Oberfläche, erzählt der frühere Marinesoldat Besuchern mit einem Augenzwinkern.

25 Jahre diente der Armenier als Offizier in der sowjetischen Nordflotte auf einem von zwei Kernreaktoren angetriebenen U-Boot. Mittlerweile arbeitet er für die Entsorgungsfirma Sewrao, eine Tochter der russischen Staatsholding Rosatom. Die Sowjetunion ist längst Geschichte und damit auch ihr einstiger Stolz: Die meisten Atom-U-Boote wurden in ihre Einzelteile zerlegt. Von 1955 bis zum Zerfall der UdSSR im Jahr 1991 produzierte die Sowjetunion mehr als 240 Schiffe mit Nuklearantrieb - so viele wie kein anderes Land der Erde. Heute wird die russische Atom-U-Boot-Flotte auf nur noch 30 Einheiten geschätzt.

Der Atommüllberg wächst

Die Überreste von Ambarzumjans Schiff liegen aufgebockt auf einer mehr als einen Meter dicken Betonplatte in der Sajda-Bucht, rund 50 Kilometer von der russischen Hafenstadt Murmansk entfernt. Dort, nördlich des Polarkreises, wo es im Winter nicht richtig hell wird und im Sommer nicht richtig dunkel, entsteht ein Langzeitzwischenlager für die Reaktorsektionen der ausgemusterten Schiffe.

Wenn der russische Präsident Dmitri Medwedew und sein amerikanischer Amtskollege Barack Obama am Donnerstag in Prag das Nachfolgeabkommen des Start-Vertrags unterzeichnen, ist zwar ein weiter wichtiger Schritt zur Abrüstung der Atomwaffenarsenale getan. Gleichzeitig wächst aber der Atommüllberg. Dann müssen nicht nur die abgerüsteten Sprengköpfe, sondern auch die Trägersysteme, also Raketen, Langstreckenbomber, Abschussrampen und weitere U-Boote entsorgt werden - die Kosten sind bislang kaum abschätzbar.


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20 Milliarden Dollar im Kampf gegen die Strahlung

In Murmansk wird sichtbar, welch große Aufgabe den ehemaligen Atommächten noch bevorsteht. Als Moskau nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion rund 200 Atom-U-Boote ausmusterte, wurden die schwimmenden Reaktoren einfach in den Buchten der Kola-Halbinsel verankert und mithilfe von Pressluft und Schwimmdocks an der Wasseroberfläche gehalten. Doch die Bewegungen der Eisplatten und das Salzwasser setzten den Booten bald zu, radioaktives Material drohte zu entweichen.

Erst Jahre später schreckten Berichte über auslaufende Tanks mit radioaktiven Flüssigkeiten, in der Barentssee verklappte Brennstäbe und gesunkene Atom-U-Boote die weltweite Öffentlichkeit auf. 2002 verabschiedeten die G8-Staaten in Kanada schließlich ein 20-Milliarden-Dollar- Programm gegen die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und -materialien. Ein Großteil des Geldes kommt Russland zugute.

Das Misstrauen reiste mit

Die Anlage in der Sajda-Bucht ist Teil dieser globalen Partnerschaft. Mit 600 Mio. Euro finanziert Deutschland im Rahmen des G8-Programms den Bau des Langzeitzwischenlagers und eines Entsorgungszentrums. Etwa 40 Prozent der Summe fließen über Aufträge an deutsche Unternehmen zurück. Ein Konsortium der Konzerne Hochtief und MAN errichtet die Reparaturhalle, das Rostocker Maschinenbauunternehmen IMG lieferte ein Schwerlastsystem, sogar das Zementwerk kommt aus Deutschland.

Über die Verwendung der Millionen am Polarmeer wachen die Energiewerke Nord (EWN) aus Mecklenburg-Vorpommern. Zuhause hat das Unternehmen im Bundesbesitz bereits Erfahrungen beim Rückbau von DDR-Reaktoren russischer Bauart in Rheinsberg und Greifswald gesammelt.

Projektleiter Detlef Mietann kommt mit den Russen gut zurecht. Er spricht nicht nur ihre Sprache fließend, er teilt auch ihre Leidenschaft fürs Angeln. Trotz dieser Gemeinsamkeiten war der Anfang nicht leicht. Die deutschen Projektmitarbeiter mussten sich das Vertrauen ihrer russischen Kollegen erarbeiten, erzählt Mietann, der mit seiner beigen Strickmütze und der Pfeife im Mundwinkel an einen Seemann erinnert. Nur zweimal pro Monat darf der Projektleiter aus Lubmin anreisen und die Baustelle inspizieren. In den ersten Jahren wurden die EWN-Mitarbeiter bei jedem Besuch in dem streng bewachten militärischen Sperrgebiet von Mitarbeitern des russischen Geheimdiensts FSB begleitet. Dass gerade Deutsche die Entsorgung der sowjetischen Nordflotte übernehmen, sei für einige Russen schon "gewöhnungsbedürftig" gewesen, räumt Mietann ein. Auch das Prinzip "Zuerst die Arbeit, dann das Geld" wurde zunächst nur widerwillig akzeptiert.

Dieser Artikel wurde übernommen... ...aus der aktuellen Ausgabe der "Financial Times Deutschland"

Seite 1: Die strahlenden Reste russischer Rüstung
Seite 2: Endlagerung verursacht immense Kosten
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
paladin09 (11.04.2010, 04:09 Uhr)
Atomschrott
bei den Russen. Wenn, der ganze Russenschrott der Russen zur Abrüstung mitgezählt wird haben die Russen ihren Soll bereits erfüllt. Die Russen sind bekannt für ihre Trickreichen Zählweisen. Bei denen ist nicht 1+1=2. Wenn, dann eher 2+1=20. Pro U-Boot 2 längst ausgebaute, schrottreife, bislang nicht entsorgte Reaktoren, neben 20 verrottete, ausgelagerte U-Boot Raketen nebst verroteten Sprengköpfen die niemand mehr auch nur anfassen möchte. Dazu die wegen zu hoher Betriebskosten lange auf Halde stehenden verrotteten Fernbomber, wie einiges mehr. Allein mit den ganzen auf Halde liegenden Atomschrott haben die Russen ihr Abrüstungssoll bereits sogar übererfüllt.
Erfüllen die Amis ihren Abrüstungssoll sind die Russen was einsatzbereite Atomsprengköpfe anbelangt wieder eindeutig im Vorteil.
Gern kommen die Russen auch mit anderen Zählweisheiten hinterher indem sie die Sprengköpfe aller Nato Staaten zusammenrechnen. Amis - Briten - Franzosen und auf ein ganz anderes Soll abrüstungsfähiger Sprengköpfe des Westens kommen als vereinbahrt.
Was Brennstäbe aus Atomreaktoren anbelangt, sollte man nicht übersehen, das Wissenschaftler ein Verfahren erfolgreich getestet haben welches hochradioaktiv strahlende Brennstäbe umwandeln in ein fast unschädliches Material mit ungefährlicher Reststrahlung. Dieses Verfahren könnte 2030 industriell genutzt werden.
Leider wird darüber nur sehr wenig berichtet. Von daher hätten Atomkraftwerke vielleicht doch eine Zukunft.
Zwar befürworten wir Atomenergie nicht ausdrücklich, solange der Energiebedarf auch alternativ gewonnen werden kann. Wir sind aber auch keine generellen Atomgegner nur weil die Dinger Angst verbreiten.
Wir hätten mit unsere Familie, nebst Kindern keinerlei Bedenken direkt in der Nähe auf Sichtweite neben einem Atommeiler wohnen und leben zu sollen, wenn es sein müßte.
Im Moment schätzen wir die immer weiter steigende Zunahme der Röntgendiagnostik - Röntgen - Durchleuchten - CT für weit geährlicher und schädlicher auf den Menschen ein. Die Kosten im Gesundheitswesen explodieren nicht zuletzt auf Grund der imens teuren Apparatemedezin und Diagnostig, wie OP Techniken.
Alle bisherigen Zwischenfälle in deutschen Atommeilern hatten zur Abschaltung der Meiler geführt, was ein Indiz dafür ist, das die vorhandenen Sicherheitsvorkehrungen voll und ganz funktionieren und die Meiler somit sicher sind. Zudem wird die Sicherheitstechnik ständig dem neuesten Stand der Technik angepasst. Atomkraftwerke empfinden wir weit weniger als eine gefährliche Bedrohung als tausende Atomsprengköpfe und Sprengköpfe der Amis die sogar noch in der BRD einsatzbebreit gelagert liegen. Die sollte man auf der Entsorgungsliste ganz oben setzen.
iosono (08.04.2010, 09:54 Uhr)
phantasialand
wäre eine schöne attraktion.
strahlende kinderaugen garantiert
jo--jo (08.04.2010, 09:34 Uhr)
Ja ja die Entsorgung...
... aber der Atomstrom ist ja soooo billig.

So billig, dass die Technokraten dieser modernen Welt auch heute überhaupt nicht an verantwortungsbewusste Entsorgung denken.

Nach uns die Sintflut!
sponge (08.04.2010, 08:33 Uhr)
Sag auch du Ja zur Atomkraft
Denn Atomkraft hat Zukunft!
Vor allem der Müll auf tausende Jahrzehnte hinaus.

Dumme Politiker, dumme Regierungen, dumme Entscheidungen. Ist ja nicht nur in Russland so sondern auch hierzulande.
Neugieriger12 (08.04.2010, 08:03 Uhr)
Kurzsichtigkeit...
...ist das allergrößte Problem der Atomindustrie, egal ob militärisch oder zivile Nutzung, gepaart mit der Kunst Probleme weit in die Zukunft zu verschieben, werden hier noch Problme auf uns zukommen, von denen wir bisher noch überhaupt nichts wissen. Das die Entsorgung von Schrott aus Murmansk längst gang und gäbe ist, weiß im internationalen Schrotthandel jeder. Russland verdient ne Menge Geld damit, den strahlenden Müll nach China und Indien zu verkaufen.
Die Geheimhaltung der Anlagen hat schon seinen Grund, denn das wegschaffen des Metalls muß ja nicht unbedingt jeder mitbekommen.
Nicht nur Rußland sondern die ganze Welt wird noch einen hohen Preis für diesen Wahnsinn bezahlen, aber das kann uns "kurzsichtigen" ja völlig Wurscht sein, bis dahin sind wir alle längst (wahrscheinlich radioaktiver) Staub... Unsere Kinder und deren Nachkommen können den Dreck ja wegräumen.
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