Befreiungsversuch löst offenbar Blutbad aus

17. Januar 2013, 17:26 Uhr

Bei einem Angriff der algerischen Luftwaffe auf eine besetzte Gasraffinerie sind offenbar viele Geiseln und Entführer ums Leben gekommen. Den Islamisten zufolge leben noch sieben Verschleppte.

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Algerien, Geiselnahme, BP, Öl, Erdgas, Islamisten, Mali

Die Erdgasanlage, die den Islamisten als Ort ihrer Geiselnahme diente, liegt bei In Amenas im Osten Algeriens©

Sieben auf dem Gasfeld in Algerien festgehaltene westliche Geiseln sind nach Angaben der islamistischen Geiselnehmer noch am Leben, zu genauen Zahlen liegen allerdings unterschiedliche Angaben vor. Drei Belgier, zwei US-Bürger, ein Japaner und ein Brite hätten den Angriff der algerischen Armee mit Kampfhubschraubern überlebt, sagte ein Sprecher der Geiselnehmer der mauretanischen Internetnachrichtenagentur ANI. Die Agentur hat enge Kontakte zu den Geiselnehmern. Die Verantwortlichen des Komplexes forderte der Sprecher auf, den verletzten Geiseln zu helfen. Die algerische Nachrichtenagentur APS meldete unterdessen die Befreiung von vier ausländischen Geiseln im Zuge des Armeeeinsatzes, darunter ein Franzose, zwei Briten und ein Kenianer. Wie APS weiter berichtete, wurden außerdem rund 600 algerische Geiseln befreit. Die Nachrichtenagentur Reuters erfuhr dagegen von einem Informanten vor Ort, sechs Ausländer seien bei der Aktion getötet worden.

Dem Sprecher der Geiselnehmer zufolge startete die algerische Armee zudem einen weiteren Einsatz aus der Luft sowie mit Bodentruppen, um die Kontrolle über den Komplex zu erlangen. Der Sprecher drohte damit, "alle Geiseln" umzubringen, sollten sich algerische Streitkräfte Zugang zu dem Gelände verschaffen.

Ein irischer Mitarbeiter der Anlage ist nach Angaben des irischen Außenministeriums den Entführern entkommen. Der 36 Jahre alte Familienvater habe gegen 16 Uhr (MEZ) Kontakt zu seiner Familie aufgenommen, die im nordirischen Belfast lebt. Der Mann sei "sicher und wohlauf" und gelte nicht länger als Geisel.

26 Verschleppte offenbar befreit

Viele der in Algerien verschleppten westlichen Geiseln waren nach Angaben der Terroristen bei dem Luftangriff des algerischen Militärs getötet worden. Demnach kamen bei dem Angriff 35 Geiseln und 15, nach anderen Angaben 14 Entführer ums Leben. Der Sender France Info berichtete, 26 der Verschleppten seien während der Attacke auf die Geiselnehmer befreit worden, Reuters berichtete von 25 Entkommenen.

Ein Anwohner sagte Reuters, es gebe viele Tote. Das Militär habe Fahrzeuge der Geiselnehmer zerstört. ANI zufolge beschossen algerische Kampfhubschrauber die Erdgasanlage. Die norwegische Regierung wurde von Algerien inzwischen offiziell über die derzeit laufende Militäraktion informiert, wie ein Regierungssprecher dem Sender TV2 mitteilte. Unter den Geiseln sind auch neun Norweger.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle zeigte sich "tief betroffen" über den Tod der Geiseln. "Diese Terroristen, das sind keine Freiheitskämpfer. Das sind brutale Kriminelle, die auch vor der Ermordung von Unschuldigen keinen Halt machen", sagte er in Brüssel nach Beratungen der EU-Außenminister über die Lage in Mali. "Diese Geiselnahme zeigt die gesamte Brutalität und Skrupellosigkeit des Terrorismus."

Berichte über entkommene Geiseln

Zuvor hieß es von Behördenseite, dass nach dem Überfall auf das Gasfeld in Algerien 30 Geiseln entkommen konnten. Die algerische Nachrichtenagentur APS zitierte am Donnerstag aus einer Mitteilung der Präfektur von Illizi, in der von "30 algerischen Arbeitern" die Rede ist, denen die Flucht von der Anlage bei In Amenas im Osten Algeriens gelungen sei. Die Nachrichtenagentur AFP meldete dagegen unter Berufung auf einen algerischen TV-Sender, dass auch 15 Ausländer entkommen konnten, darunter zwei Franzosen.

Drei der mutmaßlichen Geiseln hatten vorher einen Rückzug der algerischen Armee gefordert. Ein Brite, ein Ire und ein Japaner sagten dem Fernsehsender al Dschasira am Donnerstag am Telefon, die rund um das Gasfeld stationierten algerischen Soldaten müssten abziehen und die Schüsse gegen die Anlage einstellen, um das Leben der Geiseln nicht zu gefährden und eine Verhandlungslösung zu ermöglichen.

Die mutmaßlichen Geiseln wiederholten damit eine Forderung von einem der Entführer, der sich mit dem Pseudonym Abu al Baraa präsentierte und sich zuvor auf al Dschasira zu Wort gemeldet hatte. "Wir fordern den Rückzug der algerischen Armee, um Verhandlungen ermöglichen zu können", sagte al Baraa dem Sender. Offenbar wurden die Geiseln von den Kidnappern vorgeschickt, um die Forderungen untermauern.

Algerien, Geiselnahme, BP, Öl, Erdgas, Islamisten, Mali

Gilt als Extremist, der zu allem entschlossen ist: Mokhtar Belmokhtar führt angeblich die Geiselnehmer in Algerien an.©

Al-Kaida-Ableger bekennt sich zur Tat

Zu der Geiselnahme auf dem Gasfeld des britischen Konzerns BP und der norwegischen Statoil im Osten Algeriens bekannte sich eine al Kaida nahestehende islamistische Gruppe des Algeriers Mokhtar Belmokhtar. Diese forderte ein Ende des französischen Militäreinsatzes gegen Islamisten in Mali, den sie als "Kreuzzug" bezeichneten. Die Gruppe hat sich auf der mauretanischen Website Alakhbar erklärt.

Algerien sei als Ort der Geiselnahme ausgewählt worden, weil der algerische Luftraum für die französische Luftwaffe geöffnet worden sei, hieß es in der Mitteilung am Mittwochabend. "Wir bestätigen, dass die Geiseln mehr als 40 Kreuzfahrer sind, darunter sieben Amerikaner und zwei Briten", hieß es in der Mitteilung weiter. Belmokhtar ist einer der bekanntesten Anführer des nordafrikanischen Al-Kaida-Ablegers AQMI. Auf der Website Alakhbar werden regelmäßig Mitteilungen von Dschihadisten publiziert.

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Die Geiseln wurden an der Grenze zu Libyen genommen©

Eine französische Geisel sagte laut dem Fernsehsender France 24, unter den Entführten seien Briten, Japaner, Philippiner und Malaysier. Laut dem Sender sagte der Franzose, die Geiseln würden in einem mit Sprengfallen präparierten Gebäude auf dem Gasfeld unweit der Grenze zu Libyen festgehalten. Mehrere Geiseln trügen Sprengstoffgürtel, um mögliche Angriffe von Sicherheitskräften zu verhindern.

Islamisten wollen Gesinnungsgenossen freipressen

Die Islamisten wollen mit der Geiselnahme offenbar auch die Freilassung von inhaftierten Gesinnungsgenossen erpressen. Ein Augenzeuge der Geiselnahme und Angestellter sagte der Nachrichtenagentur AFP am Mittwoch, die in Algerien inhaftierten Islamisten sollten in den Norden Malis gebracht werden, dann würden die Geiseln freigelassen.

Der algerische Innenminister Dahou Ould Kablia sagte am Mittwoch, sein Land werde nicht mit den Geiselnehmern verhandeln. Armee und Sicherheitskräfte hätten die Islamisten "eingekesselt".

dho/sas/mlr/AFP/DPA/Reuters
 
 
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