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28. August 2008, 14:21 Uhr

Freischärler terrorisieren Zivilisten

Nach dem offiziellen Ende der Kampfhandlungen zwischen Georgien und Russland ist noch kein Frieden für die Menschen in Sicht. Im Gegenteil: Marodierende ossetische Banden beginnen, Grenzdörfer zu plündern und die georgischen Bewohner zu vertreiben Von Manuela Pfohl

Für die Flüchtlinge ist der Krieg noch lange nicht zu Ende. Viele Menschen haben alles verloren© UNHCR

Fünf Jahre lang hatten Natia und Soso auf ihr Baby gewartet. Dann endlich, im Frühjahr dieses Jahres, war es so weit: Die 32-Jährige konnte überglücklich verkünden, dass sie schwanger ist. Das halbe Dorf hatte sich damals mitgefreut. Keiner ahnte, dass im Spätsommer Krieg sein würde in Georgien und dass Tkviavi, das kleine Dorf, in dem Natia und Soso lebten, mitten in einer "No-Go-Area" liegen würde, in der ossetische Freischärler für Angst und Schrecken und ethnische "Säuberungen" sorgen. Georgiens Außenministerin Eka Tkeschelaschwili behauptete am Donnerstag vor dem Ständigen Rat der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Wien: "Das Territorium, das in der Sowjetzeit als Südossetien bekannt war, ist komplett von Überresten georgischer Bevölkerung gesäubert worden." In der von Russland eingerichteten Pufferzone an der Grenze zwischen Südossetien und dem georgischen Kernland gehe dieser Prozess weiter.

Als die georgischen Streitkräfte Anfang August begannen, südossetisches Gebiet zu beschießen, brach in Tkviavi Panik aus. Wer konnte, nahm seine Habseligkeiten zusammen und flüchtete vor den Angriffen. Natia hoffte in Gori auf Sicherheit. In der 70.000 Einwohner zählenden georgischen Stadt wollte sie auf das Ende der Kämpfe warten. Viel länger als ein paar Tage würde es sicher nicht dauern.

Mitten in der Hölle

Tausende andere Flüchtlinge glaubten das auch und gerieten mitten in die Hölle. Als in der zweiten Augustwoche auch auf Gori Bomben fielen, spürte Natia das erste Ziehen im Bauch. "Ich betete inständig dafür, am Leben zu bleiben und mein Baby sehen zu können", erzählt sie und erinnert sich mit Schrecken daran, wie sie mitten im Chaos verzweifelt um Hilfe bat und wie sie es schließlich auf abenteuerliche Weise schaffte, in ein Tifliser Geburtshaus zu gelangen. Ihr Glück. Wenig später war ein Großteil der Häuser in Gori zerstört und unzählige Flüchtlinge hatten ihr Leben verloren.

Während Russen und Georgier um den Sieg im Krieg kämpften, kämpfte Natia um ihr Baby. Am 12. August kam Isabella in Tiflis auf die Welt. Drei Wochen zu früh. Im Mutter-Kind-Haus der Hilfsorganisation World Vision in der georgischen Hauptstadt fand die junge Familie nach langem Umherirren schließlich Unterschlupf. Täglich kommen mehr Mütter mit ihren neugeborenen Kindern in das Haus. Marina Menteshashvili, die Leiterin des Projektes, versucht, sie alle unterzubringen. Doch es wird langsam eng und noch ist kein Ende des Zustroms abzusehen, die Zahl der Flüchtlinge steigt. Nach Schätzungen des UN-Flüchtlingswerkes UNHCR sind es bereits mehr als 160.000. Darunter sind laut Unicef 40.000 Kinder, die dringend Hilfe brauchen. 7.500 von ihnen sind jünger als zwei Jahre.

"Was wird aus uns werden?"

Die meisten Flüchtlinge haben alles verloren, wie Natia und Soso. Ihr Heimatdorf Tkviavi sei komplett niedergebrannt, haben die beiden erfahren. Viel mehr wissen sie nicht. Denn die 26 Kilometer breite Zone an der Grenze zwischen georgischem Kernland und Südossetien ist inzwischen lebensgefährliches Niemandsland geworden. Nach dem Ende der offiziellen Kämpfe droht damit ein neues Flüchtlingsdrama. Internationale Hilfsorganisationen befürchten mehrere Tausend Opfer. "Wir hatten uns so auf unser Baby und unsere Zukunft gefreut", sagt Natia. "Was wird nun aus uns werden, ich habe Angst."

Immer häufiger berichten Georgier, die in den Dörfern nördlich von Gori zuhause waren und nicht flüchten konnten, dass sie in den vergangenen Tagen von ossetischen Freischärlern aus ihren Häusern vertrieben worden seien. Auch Flüchtlinge, die Anfang August ins georgische Kernland geflohen waren und nun hofften, wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können, haben offenbar grausame Erfahrungen mit den Banden gemacht. Doch nicht nur das. Nach Informationen der EU-Kommission haben Soldaten der international nicht anerkannten südossetischen Regierung offenbar überwiegend von Georgiern bewohnte Dörfer aufgesucht und sie aufgefordert, die russische Staatsangehörigkeit anzunehmen oder Südossetien so schnell wie möglich zu verlassen, sagte ein Kommissionsexperte in Brüssel. Zuvor hatte bereits der französische Außenminister Bernard Kouchner erklärt, es gebe Hinweise auf Vertreibungen in Südossetien.

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