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Opfer des Kaukasus-Kriegs: Jeder durfte ihn schlagen und anspucken

Vor einem Jahr kämpften Georgien und Russland um Südossetien. In ossetische Gefangenschaft geriet dabei der junge georgische Soldat Beso. Er überlebte nur, weil er für einen Osseten noch wertvoll war.

Von Andreas Albes, Moskau

Die Zeugen für Besos Geschichte sind die Narben an seinen Beinen, die Finger der rechten Hand, die er nicht mehr richtig bewegen kann, außerdem die neuen Zähne, die er eingesetzt bekam. Vor allem aber ist da sein Gesichtsausdruck, wenn er erzählt. Die Augen weit aufgerissen, auf der Stirn treten Adern hervor, seine Lippen zittern.

Beso, 25, ist Soldat der georgischen Armee. Er hat im Krieg mit Russland um die kleine Separatistenrepublik Südossetien gekämpft. Bis er in Gefangenschaft geriet. Zwei Wochen lang. Er wurde gefoltert und glaubte, dass ihn seine Familie niemals wieder lebend sehen würde.

Ein äußerst brutaler Krieg

Ein Jahr ist der Krieg nun her. Wer ihn verschuldet hat, steht bis heute nicht fest. Selbst eine EU-Kommission, die monatelang das Konfliktgebiet untersuchte, wird diese Frage nicht beantworten können, wenn sie im kommenden Monat ihren Bericht vorlegt. Doch sind sich internationale Beobachter einig: Der Krieg war äußerst brutal, dilettantisch geführt - und es gab ein Übermaß an Menschenrechtsverletzungen. Besos Geschichte ist eine von vielen. Er bittet darum, seinen Nachnamen nicht zu schreiben. "Es ist sicherer so."

Die Geschichte beginnt am 7. August 2008, einem Tag, an dem Beso Bereitschaftsdienst in seiner Kaserne in Tiflis hat. Schon seit Wochen liefern sich das georgische Militär und südossetische Milizen Gefechte im Grenzgebiet. Beso ist Zeitsoldat mit einem Vertrag über vier Jahre. Es war nie sein Traum, in der Armee zu dienen, doch die Alternative wäre Arbeitslosigkeit gewesen. Wegen seiner Größe von knapp 1,70 Metern steckte man ihn in ein Panzerbataillon. Dort hat er es zum Kommandanten eines T-72 ukrainischer Bauart gebracht.

An diesem Tag wird die Truppe um 23:30 Uhr von einem schrillen Pfiff geweckt. Antreten zum Ausrücken, heißt es. Der Kommandeur erklärt, es würde sich noch nicht um den Ernstfall handeln, lediglich um ein Manöver. Es ist eine Lüge. Georgiens Präsident Michail Saakaschwili hat bereits den Kriegszustand erklärt. Er will Südossetien wieder unter georgische Kontrolle bringen.

Ohne Landkarte in den Krieg

Gegen Mitternacht rollen 26 Panzer aus der Kaserne. Einen davon kommandiert Beso. Sie werden auf einen Zug verladen und 70 Kilometer nach Norden gebracht. Dann bewegt sich der Konvoi weiter Richtung Grenze. Je näher die Soldaten kommen, desto lauter und häufiger werden die Explosionen. "Erst da begriffen wir, dass der Krieg begonnen hatte", sagt Beso. "Wir waren völlig unvorbereitet. Es gab keine genauen Befehle, niemand erklärte uns, wohin wir fahren sollen, nicht einmal eine Landkarte hatten wir an Bord."

Besos T-72 ist mit drei Mann besetzt. Außer ihm sind noch ein Fahrer und ein Richtschütze an Bord. Ab und zu bekommen sie über Funk Koordinaten feindlicher Stellungen. "Insgesamt haben wir fünf oder sechs Mal geschossen. Worauf, kann ich gar nicht genau sagen." Im Laufe des Tages wird ihr Konvoi immer kleiner, bis irgendwann auch ihr letzter Begleitpanzer verschwunden ist. Nun rattern sie ziellos umher, bis sie im Morgengrauen des 10. August in der südosstischen Hauptstadt Zchinwali landen.

Vor einem Wohnblock in der Zelinikowa Straße bleiben sie stehen. Dass dieses Gebiet von der russischen Armee und ossetischen Milizen kontrolliert wird, wissen Beso und seine Kameraden nicht. Als hinter ihnen einige Panzerwagen auftauchen, spähen die jungen Männer aus ihren Luken und glauben, georgische Landsleute zu erkennen. Den Irrtum bemerken sie erst, als sie zu dritt auf der Straße stehen und sofort beschossen werden. Die Soldaten sind Osseten. Besos Fahrer flüchtet in den Wald und kann entkommen. Der Richtschütze und er klettern zurück in ihren T-72. Dort sitzen sie nun eine gefühlte Ewigkeit und hören wie Kalaschnikow-Salven gegen den Stahl prasseln. Dann schreit jemand: "Kommt raus! Oder wir schicken euch mit einer Panzerfaust zur Hölle!"

Folter ohne Fragen

Beso öffnet den Turm, und sofort werden die beiden Georgier auf die Straße gezerrt. Sie müssen sich hinknien. Etwa 30 Menschen stehen um sie herum, Zivilisten vor allem, die sich während der Kämpfe in den umliegenden Kellern versteckt hielten. Ihr Hass ist unbändig. Viele von ihnen wissen nicht, was mit ihren Angehörigen geschehen ist. Es gibt Gerüchte, die georgische Armee würde gezielt Fahrzeuge mit Flüchtlingen bombardieren. Ein Greis, der, wie er sagt, Veteran der Roten Armee ist, zieht eine Pistole und will Beso erschießen. Ein anderer geht dazwischen und schlägt vor, ihn am Leben zu lassen und später als Kriegsgefangenen auszutauschen.

In dem Moment kommt es zu einem Bombenangriff. Der Richtschütze wird in eine Garage gezerrt. Beso bleibt mit zwei bewaffneten Männern, kaum älter als er, zurück. Sie treiben ihn in einen Feldweg. Es geht nun stundenlang Richtung Norden. Weil sie nur Ossetisch reden, hat Beso keine Ahnung, was sie mit ihm vorhaben. Nach etwa dreißig Kilometern Fußmarsch stoppt ein kleiner Lieferwagen neben Beso und seinen Entführern. Sie haben nun fast das Dorf Java erreicht. Der Wagen ist mit Soldaten und ein paar Frauen besetzt. Der Fahrer scheint in der Gegend etwas zu sagen zu haben. Er trägt Uniform ohne Rangabzeichen. Nach einem Streit mit Besos Entführern überlassen sie ihm ihre Geisel, und Beso muss in den Lieferwagen steigen.

Der Fahrer bricht ihm sofort den rechten Zeigefinger. Dann reißt er Beso mit einer Zange die Schneidezähne aus dem Oberkiefer. Auf einer Brücke stoppt der Lieferwagen. Die Soldaten halten Beso mit dem Kopf nach unten in den Abgrund. Sie verlangen keine Informationen, stellen auch sonst keine Fragen. Sie haben Spaß an seiner Angst. In einem Keller wird er an einen Stuhl gebunden. Als er um Wasser bittet, hagelt es Fausthiebe, bis seine Augen so geschwollen sind, dass er kaum noch sehen kann.

Angst, Hass, Ohnmacht

Beso verliert das Zeitgefühl. Er weiß nicht, ob er leben oder sterben wird. Inzwischen hat Saakaschwili vor der russischen Übermacht kapituliert, seine Armee ist aus Zchinwali abgezogen. Doch davon erfährt Beso nichts. Bei Tageslicht bringen ihn seine Peiniger in ein anderes Dorf, etwas weiter im Süden gelegen. Dort setzt man ihn gefesselt auf die Straße. Jeder darf ihn schlagen und anspucken. Sogar Kinder sind darunter. "Du hast unsere Brüder getötet", sagen sie. Immer wieder bekommt er Messerstiche in die Beine.

Während Beso von seiner Folter erzählt, raucht er Kette und kaut an seinen Nägeln - bis die Finger bluten. Die Hosenbeine hat er hochgekrempelt, unentwegt starrt auf die Narben an seinen Waden. Er sagt, dass er sich nicht erinnern kann, ob er damals Angst, Hass oder Ohnmacht fühlte. "Wahrscheinlich fühlte ich nichts." Dann versagt ihm die Stimme, er springt von seinem Sofa auf, rennt auf den Balkon. Er kann nicht mehr.

Vermutlich fehlte nicht viel, und er wäre getötet worden. Südosseten und Georgier bekriegen sich seit den 90er Jahren. Nach dem vernichtenden Sieg der russischen Armee über Saakaschwilis Truppen entlädt sich der Hass der Osseten wie in einer Explosion. Georgische Bauern werden vor den Augen ihrer Frauen erschossen, hunderte Häuser abgebrannt oder mit Bulldozern niedergewalzt.

Den Anblick des Ordens erträgt er nicht

Beso verdankt seine Rettung einem Mann, der sich ihm als Inal vorstellt. Aus reiner Menschenliebe hilft er nicht.

Inal hat zwei Brüder, die ebenfalls in Kriegsgefangenschaft geraten sind - nur auf der anderen, der georgischen Seite. Nun will er Beso gegen sie austauschen. Er lässt ihn zu sich nach Hause bringen und ruft einen Arzt, der seine Verletzungen notdürftig versorgt. Er sagt zu Beso: "Du solltest beten, dass meine Brüder leben. Denn wenn sie tot sind, stirbst du auch."

Am 23. August wird Beso freigelassen. Wie von Inal vorgesehen, im Austausch gegen dessen Brüder. Heute versieht Beso wieder Dienst in der Armee. Seine Vorgesetzten tun so, als wäre nichts gewesen. Einen Psychologen bekam er nie zu Gesicht. Lediglich zum Zahnarzt schickte man ihn, damit er neue Zähne bekommt. Außerdem hat man ihm einen Orden verliehen für die Teilnahme an diesem aussichtslosen Krieg. Beso muss lange suchen bis er ihn findet. Er hat ihn tief in einer Schublade vergraben, weil er seinen Anblick nicht ertragen kann.