Die zweifelhafte Bruderschaft

3. Februar 2011, 20:39 Uhr

Die ägyptische Opposition sitzt in den Startlöchern, um die Macht von Mubarak zu übernehmen. Mit dabei ist die Muslimbruderschaft. In Deutschland wird sie mit Argwohn beobachtet. Von Manuela Pfohl

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Flammen auf Kairos-Straßen: Anhänger und Gegner von Präsident Mubarak liefern sich heftige Straßenschlachten©

Sie haben sich an die Spitze des Widerstandes gestellt, sie haben Mohamed ElBaradei ihre Unterstützung zugesichert, und sie versprechen ein Ägypten der Demokratie: Die Muslimbruderschaft, mächtigste oppositionelle Kraft des Landes.

Vor einiger Zeit klangen ihre Ziele allerdings noch ganz anders, wie ein Blick auf die arabischsprachige Internetseite der Muslimbruderschaft vom 30. Oktober 2009 zeigt. Da heißt es ganz unumwunden: "Wir, die Muslimbruderschaft, haben eine klar umrissene Mission. Diese Mission besteht in dem Bemühen, gemeinsam den Gesetzen Allahs Geltung zu verschaffen." Erfüllt werden könne das durch den Aufbau eines muslimischen Staates, der "die Welt durch die Lehren und das Recht des Islams glücklich macht". Ist die Zeit jetzt reif für einen solchen Gottesstaat der Muslimbrüder?

Tatsächlich scheint es, dass sich das einstmals säkulare Ägypten der Religion zuwendet. Viele Ägypter setzen der als repressiv empfundenen Gegenwart eine Rückbesinnung auf den Islam entgegen.

Ein Muslimbruder schwärmt für die "Todesindustrie"

"Derzeit geben sich die Muslime eher gemäßigt", meint Brent Scowcroft, ein ehemaliger Sicherheitsberater mehrerer republikanischer Präsidenten mit Blick auf die Muslimbrüder. Doch auch im Iran habe es damals "einige Zeit gedauert", bis die Islamisten ihr wahres Gesicht zeigten, warnt er.

Wie dieses wahre Gesicht der Muslimbruderschaft aussieht, beschreibt ein Aufsatz, den ihr Gründer Hassan al-Banna 1938 unter dem Titel "Die Todesindustrie" unters Volk brachte. Der Hamburger Publizist und Politikwissenschaftler Matthias Küntzel zitiert aus dem Traktat: "Derjenigen Nation, welche die Industrie des Todes perfektioniert und die weiß, wie man edel stirbt, gibt Gott ein stolzes Leben auf dieser Welt und ewige Gunst in dem Leben, das noch kommt."

Ob sich die Muslimbrüder nun als mögliche Beteiligte einer neuen ägyptischen Regierung von dem distanzieren, was sie in der Vergangenheit "gepredigt" haben? Sicher ist nur, dass sie gelernt haben, ihre Ideologie mit viel Geschick weltweit zu verbreiten. Längst haben sie in mehr als 70 Ländern ein Netz aus verschiedenen Gruppierungen geknüpft, bei dem kaum noch zu durchschauen ist, wer mit wem verbunden ist und welche radikalislamistischen Ansichten wem zuzurechnen sind. Im jüngsten Verfassungsschutzbericht Hessens heißt es beispielsweise: "Auch Al-Qaida wurde maßgeblich von früheren Muslimbrüdern mit aufgebaut und übernahm Teile des Gedankengutes der Muslimbrüder." In Deutschland sind die Muslimbrüder mit geschätzten 1300 Mitgliedern aktiv. Doch die Zahl der Anhänger ihrer Ideologie ist ungleich höher.

Kamelfatwa in Hessen

Im jüngsten Bundesverfassungsschutzbericht nutzen die Anhänger der Muslimbrüder in Deutschland eine Vielzahl "Islamischer Zentren" für ihre Aktivitäten. Sie sind laut den Verfassungsschützern in mehr als 30 Städten aktiv.

Nach einem Bericht des Innenministeriums Nordrhein-Westfalens von 2006, dessen Erkenntnisse noch immer Gültigkeit haben, kann als nationale deutsche Repräsentantin der Muslimbrüder die "Islamische Gemeinschaft Deutschland" (IGD) betrachtet werden, die ihren Hauptsitz in München hat.

Die IGD wiederum hat durch persönliche Kontakte von Funktionären und gemeinsame Projekte Beziehungen sowohl zu extremistischen Organisationen arabischstämmiger als auch türkischstämmiger Muslime. 1989 sei die IGD als Gründungsmitglied an der Bildung der "Föderation islamischer Organisationen in Europa" beteiligt gewesen, die sich in ihrem Programm ausdrücklich auf den Gründer der Muslimbruderschaft, Hassan al-Banna beziehe.

Die schillernden Figur der Bewegung

Vorsitzender der IGD war bis 2010 Ibrahim El-Zayat, ein in Deutschland lebender ägyptischer Geschäftsmann, dessen umfangreiche Immobiliengeschäfte höchst erfolgreich sind, der weltgewandt ist und westlich orientiert scheint.

El-Zayat bestreitet indes heftig, irgend etwas mit den Muslimbrüdern zu tun zu haben. Zu spüren bekam das auch die heutige Bundesfamilienministerin Christina Schröder, die ihn in diese Ecke gestellt hatte. El-Zayat klagte gegen sie - und verlor den Rechtsstreit.

Ebenfalls eine schillernde Gestalt ist Amir Z.. Er hat, was das Leben in der Bundesrepublik Deutschland angeht, ganz klare Vorstellungen. Der Syrer, der 2003 von Deutschland nach Österreich umsiedelte, sagt von sich selbst, er sei offiziell kein Mitglied, vertrete aber das Gedankengut der Muslimbrüder. Der jetzt 46-Jährige machte mit einem von ihm erstellten islamischen Rechtsgutachten, von sich Reden. In der sogenannten Kamel-Fatwa ging es um die Frage, ob in Hessen lebende volljährige muslimische Oberstufenschülerinnen zu einer geplanten zweiwöchigen Klassenfahrt nach Spanien mitfahren dürfen. Zaidan lehnte das ab, weil laut Mohammed, dem Propheten, eine Frau die Entfernung einer Tages- und Nachtreise nicht ohne die Begleitung eines männlichen Verwandten zurücklegen dürfe. Z. erklärte, gemäß der grundgesetzlich verankerten Religionsfreiheit seien die Schülerinnen deshalb von der Klassenfahrt freizustellen.

Vielleicht hat der Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin, Andreas Peschke, an solche Sätze gedacht, als er zu den jüngsten Entwicklungen in Ägypten erklärte, die Voraussetzung für Gespräche mit Vertretern der Protestbewegung in Ägypten sei die "begründete Einschätzung", dass die Gesprächspartner ein aufrichtiges Interesse an einer demokratischen und freiheitlichen Entwicklung hätten.

 
 
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