"Snowden ist ein Überläufer"

11. Juli 2013, 19:14 Uhr

Ist die NSA-Spitzelei ein neuer Höhepunkt in der Geschichte der Spionage? Im stern.de-Interview spricht Historiker Wolfgang Krieger über die Arbeit von Agenten, ihre Motive und Edward Snowden. Von Lara Wiedeking

Edward Snowden ist der meistgesuchteste Mann in den USA, seitdem er geheime Überwachungsprogramme des US-Geheimdienstes NSA und des britischen Geheimdienstes an die Medien weitergegeben hat. Im Interview mit stern.de spricht der Historiker Wolfgang Krieger über die Geschichte der Geheimdienste und erklärt, warum er Snowden nicht als Whistleblower bezeichnen würde.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass seit gut 2500 Jahren Spionage betrieben wird - sind die Motive über all die Jahre die gleichen geblieben?

Im Wesentlichen ja. Auf einen ganz simplen Nenner gebracht geht es darum, das Staatsgeheimnis des Gegners oder des Verbündeten in Erfahrung zu bringen. Jenes Herrschaftswissen, das er freiwillig nicht teilen möchte. Das können militärische, politische, wirtschaftliche oder sonstige Geheimnisse sein.

Wie hat sich denn die Art der Spionage in den letzten Jahrzehnten verändert?

Spionage ist sehr von der Technologie angetrieben, hier hat sich am meisten geändert. Das beginnt mit der Telegrafie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und setzt sich fort mit Funkverkehr, Datenverarbeitung, dem Internet und der Mobiltelefonie. Jede dieser Technologien schaffte neue Möglichkeiten, Daten zu sammeln und auszuwerten.

Hat sich auch die Spionage mit ihren Grundmerkmalen verändert? Ein NSA-Beamter mit der Tasse Kaffee in der Hand vor dem Computer-Bildschirm ist ja nicht zu vergleichen mit einem Undercover-Agenten, der sein Leben riskiert, oder?

Das Arbeitsverhalten hat sich verändert, sicherlich. In der vorindustriellen Zeit, grob gesprochen vor der Telegrafie, wurde Spionage durch menschliche Quellen betrieben. Jemand musste ein Gespräch persönlich mithören oder Papiere entwenden. Heute sind es die Übertragungswege, die mehr und mehr in den Mittelpunkt der geheimdienstlichen Tätigkeit gerückt sind. Erst hat man beim Telegraphenverkehr mitgelesen, dann das Telefon angezapft und heute wird das Internet abgefischt.

Und Geheimagenten - gibt damals wie heute einen speziellen Typ?

Es hat immer schon viele verschiedene Typen von Agenten gegeben. Zum einen gibt es den hochrangigen Verräter, der aufgrund seiner sozialen Stellung Staatsgeheimnisse kennt. Ein Offizier zum Beispiel. Doch es hat schon immer den unscheinbaren Beschaffer gegeben. Die Hausangestellte, den Pferdeknecht, den einfachen Soldaten. Oder Leute, die wurzel- und bindungslos sind wie Gaukler und Landstreicher. Es kommt dabei auf zwei Dinge an: Jemand muss Zugang zu Informationen haben, und er muss unauffällig sein. Wer würde schon glauben, dass das Küchenmädchen wichtige Briefe beschaffen kann?

Was treibt diese Menschen an, wieso fängt das Küchenmädchen plötzlich wichtige Briefe ab?

Sehr oft ist es das Geld. Häufig waren die angeworbenen Leute, wie das Küchenmädchen oder der Stalljunge bettelarm. Da war Geld ein starkes Motiv - ist es heute noch. In der Zeit der Religionskriege haben dann Überzeugungstäter für eine bestimmte Religion oder Überzeugung spioniert. Das setzt sich im 20. Jahrhundert fort: Die kom-munistischen Spione waren in der Regel Überzeugungstäter, die geglaubt haben, sie könnten mit ihrer Arbeit den Weg zum Kommunismus ein Stück ebnen.

Zur Person

Zur Person Wolfgang Krieger, 65, ist Professor für Neuere Geschichte und Geschichte der internationalen Beziehungen an der Philipps-Universität in Marburg.

Er ist Autor des Buches "Geschichte der Geheimdienste. Von den Pharaonen bis zur CIA" und Mitbegründer des Arbeitskreises Geschichte der Nachrichtendienste.

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