Mandelas weißer Mitstreiter

18. Mai 2010, 15:24 Uhr

Er war einer der wenigen Weißen, der gegen die Apartheid in Südafrika kämpfte. Das brachte Denis Goldberg mit Nelson Mandela auf die Anklagebank und schließlich ins Gefängnis. Marc Goergen traf ihn zum Interview.

© Mandela Foundation/AFP Denis Goldberg ... ... hier mit Nelson Mandela (M.) und Andimba Toivo ya Toivo (l.), wurde 1933 in Kapstadt geboren. Er war in der Kommunistischen Partei aktiv und begann Anfang der 1960er gegen die Apartheid zu kämpfen. Nach 22-jähriger Haft kam er 1985 frei und ging ins Exil. Erst 2002 kehrte er nach Südafrika zurück.
In seinem Buch Der Auftrag - Ein Leben für die Freiheit in Südafrika", Verlag Assoziation A, 19.80 Euro, erzählt Goldberg von seinem Leben im Widerstand und als Kämpfer für die Rechte der Schwarzen.

Herr Goldberg, Sie waren der einzige Weiße, der 1964 mit Nelson Mandela und anderen Freiheitskämpfern vor Gericht stand und verurteilt wurde. Erst nach 22 Jahren Gefängnis kamen Sie frei. Was brachte sie als Weißer dazu, auf Seiten der Schwarzen zu kämpfen?

Das konnten schon damals viele nicht verstehen. Meine Freunde dachten, ich sei verrückt. Die Nachbarn beobachteten mich sogar für die Polizei - auch wenn heute jeder sagt: Wie haben die Apartheid nie unterstützt. Es ist so ähnlich wie 1945 in Deutschland. Auch da gab es plötzlich keine Nazis mehr.

Was machte sie denn zum Freiheitskämpfer?

Meine Familie hatte schon immer viele schwarze Freunde. Unsere ganze Lebensphilosophie beruht darauf, sich nicht von den Regeln der Apartheid das Leben bestimmen zu lassen. Und in Kapstadt war das in fünfziger Jahren auch noch möglich. Die Schranken zwischen den Rassen waren nicht so hoch wie in anderen Teilen des Landes. Man arbeitete zusammen, man besuchte sich - auch über die Rassengrenzen hinweg.

Wie kämpfte man denn als Weißer gegen die Apartheid?

Anfangs sind wir mit Flugblättern durch die Nachbarschaft gezogen und haben an den Türen geklingelt. Wenn die Leute uns dann gesehen haben, haben sie meistens die Türen sofort wieder zugeschlagen. Aber manche haben wir auch überzeugt.

Später dann waren Sie auch an der logistischen Vorbereitung von Sabotageakten beteiligt. All die Treffen und Planungen - wie ging das im Polizeistaat Südafrika?

Das war tatsächlich sehr schwierig. Schwarz und Weiß mussten ja nach dem Gesetz in verschiedenen Vierteln leben. Wir konnten als Weiße nicht einfach in die Townships gehen, das wäre ja sofort aufgefallen. Manchmal haben uns Freunde für ein paar Stunden ihr Haus überlassen. Dort haben wir dann Sitzungen abgehalten. Manchmal haben wir uns auch einfach in Autos gesetzt und sind durch die Gegend gefahren.

Offiziell kämpfte der ANC nicht gegen Weiße sondern gegen die Minderheitsherrschaft. Fühlten Sie sich dennoch von Diskussionen unter schwarzen Kameraden ausgeschlossen?

Auf offizieller Ebene nicht. Praktisch hin und wieder schon. Ich sprach ja keine der geläufigen schwarzen Sprachen wie Xhosa oder Zulu. Und wenn gerade keiner übersetzen konnte, war man schon mal außen vor.

War man Ihnen gegenüber misstrauisch?

Natürlich. Meine Kameraden erzählten mir einmal, dass sie mich eine ganze Weile lang beobachtet hätten, bevor Sie mich akzeptierten. Es gab ja tatsächlich die große Gefahr der Infiltration. Wir selbst wurden ja verhaftet, weil uns jemand verraten hatte.

Das war im Juli 1963, bei einer Razzia im Johannesburger Vorort "Rivonia". Im sogenannten "Rivonia"-Prozess saßen sie mit Nelson Mandela und anderen auf der Anklagebank wegen des Versuchs, den Staat zu stürzen. Ihnen drohte die Todesstrafe.

Aber schließlich verkündete der Richter "Lebenslänglich". Und wir waren total glücklich und lachten. Das wirkt heute absurd - aber wir waren einfach glücklich, nicht gehängt zu werden. Wir hatten monatelang mit der Vorstellung gelebt, sterben zu müssen.

Nach dem Urteil wurden sie von den schwarzen Gefangenen getrennt.

Ja. Apartheid gab’s auch im Gefängnis. Ich kam in einen Knast nach Pretoria, der speziell für weiße politische Gefangene gebaut worden war. Mandela und die anderen schaffte man nach Robben Island. Das Rassen-System war verrückt: Einmal kam ein Trupp aus schwarzen und weißen Gefangenen in unser Gefängnis. Sie sollten etwas umbauen. Als dann die Wärter sahen, dass die Schwarzen unsere Toiletten benutzten, stoppten sie das sofort. Von da an musste sich die schwarzen Gefangenen über einem Eimer mitten in der Sonne erleichtern - die Toiletten der Weißen benutzen, selbst wenn es Gefangene waren, das ging zu weit.

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