Barack Obama bekommt heute in Oslo den Friedensnobelpreis überreicht. Jetzt muss er erklären, wie er den Frieden gewinnen will, indem er den Krieg eskalieren lässt. Von Katja Gloger

Nur keine Zeit verlieren: Obama will aus Afghanistan raus, noch vor dem Wahljahr© Jim Young/Reuters
Es wird also einer der schwierigsten Auftritte seines Lebens. Mal wieder. Wie oft hat er das schon gehört in den vergangenen Jahren. Vor einer Woche zuletzt, an der altehrwürdigen Militärakademie zu West Point, als er Afghanistan endgültig zu seinem Krieg machte. Als er mit der Eskalation sein politisches Schicksal verknüpfte. Jetzt also Oslo. Der Friedensnobelpreis für Barack Obama, den Kriegspräsidenten.
Man weiß ja, der Mann ist so etwas wie ein rhetorisches Jahrhunderttalent. Noch immer schafft er es, bei seinen Zuhörern Herzen und Verstand zu rühren. Und doch ist seine Rede heute in Oslo eine besondere Herausforderung. Barack Obama wird einen hochmoralischen Preis entgegennehmen. Eine Auszeichnung für die Förderung des Friedens in der Welt. Und dieses Mal wird er dieser Welt erklären müssen, wie Obama den Frieden gewinnen will, indem er den Krieg eskalieren lässt.
Er wird diesen Preis in aller Bescheidenheit entgegennehmen. Sagt ja selbst, er habe diesen Preis eigentlich gar nicht verdient. So wie sein neues Amerika eine selbstbewusste, aber auch eine bescheidene Supermacht sein soll. Als ob er nicht schon genug zu tun hätte: Mit dem Friedensnobelpreis wird Barack Obama gleich auch noch zum Präsidenten von Planet Erde gekürt. Er hat sich, wie immer, gut vorbereitet. Hat die Nobel-preis-Reden von Martin Luther King studiert und die von Ellie Wiesel und Nelson Mandela. Schreibt den Grossteil seiner Rede selbst.
Seine Fans werden es als Bestätigung sehen, Amerika gewinnt seine Glaubwürdigkeit zurück, ist wieder willkommen in der Welt. Als Bestätigung einer neuen, "post-imperialen" Außenpolitik auch, die Bedingungen dafür schaffen will, dass Gutes passiert. Seine Kritiker im eigenen Land, aber auch schon in Europa, werden mal wieder über luftige Rhetorik lästern, die angeblich ohne Folgen bleibt.
Und wieder einmal wird man sich fragen: Kann Obama die Erwartungen schultern, die wunderbaren Visionen des Wahlkampfes (Hoffnung! Yes, we can!) in eine Wirklichkeit verwandeln? Er führt Krieg, sein Land ist verschuldet wie nie, die Arbeitslosigkeit beträgt zehn Prozent, ein Ende nicht abzusehen. Sein Versprechen, Guantanamo bis Ende Januar zu schließen, kann er nicht halten. Was ist mit Klimaschutz und Gesundheitsreform? Wann endlich liefert der Mann, was er versprochen hat? Und hat er sich nicht gerade vor dem japanischen König verbeugt? Das schlichte Zeichen protokollarischer Höflichkeit grenzt den Republikanern an Landesverrat. Ein amerikanischer Präsident beugt sich schließlich niemandem!
Er ist ja schon fast ein Jahr im Amt, lästern die ungeduldigen Kritiker. Und doch: Obama liefert. Wahrscheinlich hat kein Präsident vor ihm innerhalb so kurzer Zeit, so viel begonnen, so viel verändert und so viel riskiert wie er. "Shuffle Präsident" nennen ihn seine erschöpften Mitarbeiter - nach dem Shuffle-Programm im MP3-Player, das die Lieder einer Liste in unterschiedlicher Reihenfolge abspielt. So wie er die Probleme in immer neuer Reihenfolge wälzt.