Arafat könnte mit Polonium ermordet worden sein

4. Juli 2012, 16:05 Uhr

Ob im Tee oder auf der Zahnbürste: Polonium ist eine beliebte Waffe. Wie schon der russische Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko soll auch der Palästinenserführer Arafat einem Giftanschlag mit dem radioaktiven Gift zum Opfer gefallen sein.

Fast acht Jahre nach dem Tod Jassir Arafats könnte die letzte Ruhe des legendären Palästinenserführers gestört werden. Schon seit Jahren schwirren Vorwürfe von palästinensischer Seite durch die Luft, Israel habe den umbequemen Präsidenten mit Gift aus dem Weg geräumt. Doch jetzt werden erstmals konkretere Hinweise vorgelegt: Ein angesehenes Schweizer Labor hat Spuren des radioaktiven Gifts Polonium auf persönlichen Gegenständen Arafats gefunden - wie etwa seiner Zahnbürste. Seine Witwe Suha fordert eine Exhumierung der Leiche, weil nur ihre Untersuchung letzte Sicherheit geben kann. Viele fragen sich allerdings, warum erst jetzt?

Verschwörungstheorien sind im Nahen Osten besonders verbreitet. Dem israelischen Geheimdienst wird so gut wie alles zugetraut - mitunter sind die Vorwürfe vollkommen absurd. Schon kurz nach Arafats Tod in einem französischen Militärkrankenhaus im November 2004 kamen die ersten Anschuldigungen auf, Israel stecke hinter dem Tod. Die Spekulationen wurden dadurch angeheizt, dass es keine eindeutige, offizielle Todesursache gab. Die "New York Times" ließ die Patientenakte jedoch 2005 von Experten untersuchen, die zu dem Schluss kamen, eine Vergiftung sei sehr unwahrscheinlich.

Polonium im Tee

Der radioaktive Stoff Polonium-210 kann im Blut nachgewiesen werden, wenn man speziell danach sucht. Die Blutproben des Krankenhauses bei Paris wurden jedoch nach Angaben von Suha Arafat bereits entsorgt. Sollten Arafats sterbliche Überreste wirklich ausgegraben werden, könnte das radioaktive Gift theoretisch auch in den Knochen nachgewiesen werden. Er liegt in einem Mausoleum in Ramallah begraben. Ein Sprecher des Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas sagte am Mittwoch, eine Exhumierung sei durchaus denkbar.

Es gibt schon einen sehr bekannten Fall eines Mordanschlags mit Polonium-210: Dem russischen Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko wurde der tödliche Stoff 2006 in London in den Tee gemischt. Nach einem qualvollen Todeskampf starb er drei Wochen später.

Suha Arafat warf Israel zwar nicht direkt vor, ihren Mann ermordet zu haben, sagte jedoch, Polonium sei "eine Substanz, die nur in sehr fortschrittlichen Ländern existiert, ich meine, ich muss nicht daran erinnern, wer es besitzt". Sie sagte außerdem, Israel habe immer wieder erklärt, Arafat sei ein "Hindernis für den Frieden".

Arafat war in Ungnade

In den letzten Jahren seines Lebens war der Friedensnobelpreisträger Arafat in israelischen Augen in Ungnade gefallen. Die israelische Führung warf ihm vor, Terroranschläge gegen Israelis unterstützt zu haben. Ein Jahr vor Arafats Tod hatte der damalige israelische Handelsminister Ehud Olmert sogar gesagt, es sei eine "legitime Option", ihn zu töten. In seinen letzten Jahren lebte Arafat körperlich geschwächt und isoliert in seinem Amtssitz in Ramallah, den die israelische Armee teilweise mit Panzern belagerte. Israel bestreitet aber bis heute vehement, irgendetwas mit dem Tod Arafats zu tun zu haben. Unklar ist auch, wie genau Arafat vergiftet worden sein könnte. Er war zuletzt in der "Mukata" hauptsächlich von engsten Vertrauten umringt. Auch innerhalb von Arafats Fatah-Organisationen gab es schon gegenseitige Vorwürfe, den "Rais" vergiftet zu haben.

Suha Arafat, Mutter von Arafats einziger Tochter Sahwa, lebt heute auf Malta. Sie ist unter anderem wegen ihres luxuriösen Lebensstils in den Palästinensergebieten unbeliebt. Immer wieder gab es Korruptionsvorwürfe gegen sie, im vergangenen Jahr stellte Tunesien einen internationalen Haftbefehl gegen sie aus, weil sie Steuergelder veruntreut habe.

Heldentod als Märtyrer

Nach Angaben von Arafats Leibarzt Aschraf al-Kurdi hatte Suha Arafat eine Autopsie nach dessen Tod nicht erlaubt. Sie bestritt dies jedoch im Interview mit Al-Dschasira und sagte, sie habe damals einfach nicht daran gedacht, weil die Ärzte ihn ja schon untersucht hatten.

Ein Kommentator der israelischen Zeitung "Jediot Achronot" beschrieb die neuen Vorwürfe als Teil des Kampfs um den Mythos Arafat. Die alte Fatah-Garde und Arafats Familie wollten "dem Vater der palästinensischen Nation einen ehrenvollen Tod" verleihen. Es sei "zweifellos respektabler, als Märtyrer einen Heldentod zu sterben, noch dazu durch die Hand von Mossad-Agenten".

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