20. Februar 2012, 16:45 Uhr

Joachim Gauck, der Anti-Linke

Die Occupy-Bewegung hält er für "unsäglich albern"

Die Demonstrationen gegen Stuttgart 21, auch eine Herzensangelegenheit der Grünen, kanzelte der Pastor im September ab. Gauck warnt vor einer Protestkultur, „die aufflammt, wenn es um den eigenen Vorgarten geht“. Die Grünen müssten sich mit Grausen abwenden. Nicht zuletzt dank ihrer Unterstützung der S21-Proteste, konnte die Ökopartei Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg zum ersten grünen Ministerpräsidenten in der Geschichte der Bundesrepublik durchsetzen. Stattdessen bekommt Roth bei dem Gedanken an Gauck fast feuchte Augen: „Er kann erreichen, dass Demokratie wieder Glanz bekommt.“

Mit solcher Verklärung kann der selbsternannte Pragmatiker wenig anfangen. Auch gegen die Occupy-Bewegung schoss der Bürgerrechtler scharf. Deren Kapitalismus-Kritik sei "unsäglich albern". Es sei eine romantische Vorstellung, sich der Bindung von Märkten entledigen zu können. Gauck hält es für eine Mode, dass Menschen, die durch die Folgen der Finanzkrise unter die Räder kommen, die Liberalisierung der Märkte hinterfragen: „Das wird sich schnell verebben“, sagte er im Oktober. Dabei wähnt sich Gauck auf der Seite der Gerechten. Er habe in einem Land gelebt, in dem die Banken besetzt waren. Kritik an der aktuellen internationalen Finanzpolitik führt für Gauck offenbar ohne Umwege zurück in den Sozialismus der DDR.

Verständnis für die Ablehner der Oder-Neiße-Grenze

Gut verstehen kann Gauck hingegen den uralten Unmut der Vertriebenen über die Oder-Neiße-Grenze zu Polen; sonst vor allem eine Herzensangelegenheit des rechten Unionsflügels. “Einheimischen wie Vertriebenen galt der Verlust der Heimat als grobes Unrecht, das die Kommunisten noch zementierten, als sie 1950 die Oder-Neiße-Grenze als neue deutsch-polnische Staatsgrenze anerkannten“, schrieb er in seinem 1998 erschienenen Nachwort zur deutschen Ausgabe des "Schwarzbuch des Kommunismus". Gauck erwähnt mit keinem Wort, dass auch die Westalliierten die Abtretung der Ostgebiete und die Ausweisung der Deutschen als Konsequenz des Krieges sahen. Schon Willy Brandts Ostpolitik war zukunftsgewandter als diese unversöhnliche Haltung. Der Antrittsbesuch des neuen Bundespräsidenten in Polen wird sicher kein Zuckerschlecken.

Nicht alle stimmen ein in die Jubelarie auf den Kandidaten. Vor allem Menschen, die ihn besser kennen sollten als der Rest Deutschlands, distanzieren sich. Bei einer Umfrage der Ostsee-Zeitung aus Gaucks Heimat Mecklenburg-Vorpommern stimmten 1430 Leser gegen die Ernennung des Rostockers zum Bundespräsidenten - eine deutliche Mehrheit von 64 Prozent. Nur 33 Prozent können sich ihren Mitbürger im höchsten Staatsamt vorstellen. Nicht mal als Ehrenbürger wollen die Rostocker ihn.

Angela Merkel stand bis Sonntagabend an der Seite der Gauck-Kritiker. Die Kanzlerin schien von allen Spitzenpolitikern bei der Präsentation des Kandidaten am wenigsten begeistert. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Merkels Politik ist Gauck deutlich zu weichgespült. "Ich respektiere sie, aber ich kann sie nicht richtig erkennen“, sagte er über die erste Frau an der Regierungsspitze. Das konservative Profil der Atomwende-Kanzlerin ist dem Parteilosen offenbar nicht scharf genug.

Der Wind hat sich gedreht. Während Merkel von den Liberalen zur Unterstützung Gaucks gezwungen werden musste, trugen ihn die Chöre der Opposition zu Kandidatur. Gauck selbst zeigte sich schon bei der letzten Bundespräsidentenwahl überrascht, dass ihn Sozialdemokraten und Grüne auf den Schild gehoben haben. Schließlich sei er in der Vergangenheit eher bei christdemokratischen Veranstaltungen aufgetreten. "Wenn überhaupt, dachte ich, dann kommt der Ruf von dort."

Jan Rößmann
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