Stuttgart ist sehr stolz auf seine Heilquellen. Aber die Bauarbeiten für S21 gefährden sie. Der Geologe Martin Schaffer hat das auch schriftlich beklagt - und nie eine Antwort bekommen. Ein Interview.
Niemand.
Keiner. Bislang jedenfalls.
Der Tunnel führt in bergmännischer Bauweise auf einer Länge von 1850 Meter unter dem Neckar durch. Durch dieses Gestein strömt, von Süden her, das Mineralwasser zu den Heilquellen. Er führt das mit sich, was diese Quellen auszeichnet: Mineralien, Salze, Kohlensäure und Wärme.
Durch das Bauvorhaben wird das Gestein rund um den Tunnel gelockert. Welchen Weg das Mineralwasser, das unter hohem Druck steht, dann nimmt, ist unklar. Es könnte sich einfach in den Neckar ergießen.
Im schlimmsten Fall hätten die Heilquellen nur noch den südwestlichen Zustrom, der vom Nesenbach kommt. Dann würde ein Teil der Quellen versiegen. Die anderen würden Wasser in einer ganz anderen chemischen Zusammensetzung führen - mit drastisch reduziertem Salz- und Mineralgehalt.
Nein. Das wäre irreparabel.
Beim Tunnelbau ist es vor der Hacke duster. Heißt: Man kann zwar eine Röhre planmäßig fertig stellen. Aber was bei der Bohrung mit dem Gestein und den Wasserströmen drum herum passiert, lässt sich nicht exakt vorausberechnen. Das ist der alles entscheidende Punkt.
Ich wundere mich sehr über diese Aussage. Nach den mir vorliegenden Erkenntnissen kann ich mit 100 Prozent Sicherheit sagen, dass diese 100 Prozent Sicherheit, von der er ausgeht, nicht gegeben sind.
Ich will weder den hinzugezogenen Wissenschaftlern noch den Fachingenieuren unterstellen, dass sie ihr Handwerk nicht verstehen. Ich möchte auch nicht von Schönrednerei sprechen. Aber bei so großen Projekten wie bei Stuttgart 21 ist oft die Frage, wer die Verantwortung übernimmt, nicht klar beantwortet. Wenn was schief geht, heißt es: Das haben wir nicht vorhergesehen.
Beim Tiefbahnhof gehen die Planer davon aus, dass sie auf einen Wasserstrom treffen könnten. Dann müssten sie diese offene Stelle wieder schließen - und dafür sorgen, dass das Wasser so weiter fließt wie bisher, also zu den Heilquellen. Eine solche Maßnahme würde allerdings sehr viel Geld verschlingen. Und beim Tunnelbau wäre ein solcher Wasserausbruch gar nicht in den Griff zu bekommen.
Nein. Auf den Tunnel ließe sich ganz verzichten, die Strecke könnte auch oberirdisch geführt werden. Und bei allen anderen Planungen käme es darauf an, sich alle Risiken für die Heilquellen noch mal genau anzuschauen. Selbst wenn das Milliarden mehr kostet.
Überhaupt nicht. Ich halte das Bahnprojekt für im Prinzip richtig.
Wer die Quellen erhalten will, muss die Planung noch mal überarbeiten. Keine Frage.
Heilquellen in Stuttgart Die Schwabenmetropole Stuttgart ist sehr stolz darauf, nach Budapest über das zweitgrößte Mineralwasservorkommen in Europa zu verfügen. Daraus speisen sich Heilquellen und wilde Quellen, aus denen täglich 44 Millionen Liter Wasser sprudeln. Die Quellen stehen, weil ihr Wasser so kostbar ist, unter besonderem gesetzlichen Schutz. Sie erlauben unter anderem den Betrieb von drei öffentlichen Mineralbädern und zahlreichen Trinkbrunnen in Stuttgart.