Die Bettina-Wulff-Story

10. September 2012, 19:25 Uhr

Das Buch ist ein Knaller. Um ihre Ehre zu retten, rechnet Bettina Wulff schonungslos ab: mit dem Amt, mit Rufmördern. Auch ihr Mann kommt nicht immer gut weg. Ein Überblick. Von Florian Güßgen

Es ist ein Paukenschlag. Flankiert von einer Aufsehen erregenden juristischen Offensive veröffentlicht Bettina Wulff, die Frau des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, diese Woche ihr mit Spannung erwartetes Buch. Es ist eine facettenreiche Abrechnung mit ihrer Zeit als First Lady, mit den Zwängen des Amtes, mit jenen Büchsenspannern, die ihr andichteten, sie habe als Edelprostituierte gearbeitet – und auch eine Abrechnung mit ihrem Mann, Christian. Wir haben das Buch gelesen. Es ist aus vielen Perspektiven spannend, interessant – und bietet Stoff für Diskussionen. Hier beantworten wir die wichtigsten Fragen.

Was kriegt man?

16 Kapitel, plus Vor- und Nachwort und ein Quellenverzeichnis, 223 Seiten. Der Titel lautet "Jenseits des Protokolls". Geschrieben hat Bettina Wulff es mit Hilfe der Journalistin Nicole Maibaum – und zwar, laut Widmung: "Für meine Familie". Es erscheint im Riva-Verlag, Kostenpunkt: 19,99 Euro.

Wie ist es aufgebaut?

16 Kapitel sind es. Und Wulff lässt darin wenig aus. Das erste hat den Titel "Die Männer", das zweite "Mein Mann". Kapitel sind auch dem gemeinsamen Haus in Großburgwedel gewidmet, der Bundespräsidentenwahl im Juni 2010, dem Hauptstadtleben in Berlin. Sie behandelt "Die Freunde", "Die Promis", sogar "Das Tattoo" auf ihrer Schulter in eigenen Kapiteln, aber auch "Die Beziehung" zu Christian Wulff, ihr Wohltätigkeitsengagement als Gattin des Bundespräsidenten und "Die Kinder".

Für Polit-Freaks am spannendsten sind die Kapitel 12 bis 16: Darin geht es um "Die Vorwürfe" und "Die Gerüchte", die "Medien" und insbesondere die "Bild"-Zeitung sowie ihr Verhältnis zu "Bild"-Chef Kai Diekmann. Die letzten beiden Kapitel sind dem "Rücktritt" und der" Zukunft" gewidmet. Bemerkenswert ist das Schlusswort, in dem sie noch einmal deutlich erklärt, warum sie nun auch juristisch gegen alle in die Offensive geht, die sie öffentlich in die Nähe des Rotlichtmilieus gerückt haben.

Was will sie mit dem Buch erreichen?

Bettina Wulff möchte mit diesem Buch vor allem eines: ihr öffentliches Bild korrigieren. Zu Beginn der Präsidentschaft ihres Mannes galt sie in den Medien als die bessere Hälfte des Duos Wulff. Und dennoch wurde ihr schon damals Übles nachgesagt. Im Netz kursierten Gerüchte, sie sei früher eine Edelprostituierte gewesen; die Gerüchte wurden offenbar auch von intriganten Politikern durchgestochen. Ihr wurde unterstellt, sie habe Christian Wulff zu einem typfremden Luxusleben gedrängt und nur nach dem eigenen Vorteil gestrebt.

Diesen Eindruck möchte die 38-Jährige mit diesem publizistischen Befreiungsschlag nun zurechtrücken – flankiert von einem juristischen Frontalangriff auf alle, gegen die sie sich während seiner Präsidentschaft nicht wehren konnte, wollte oder durfte. Es sei ihr nicht egal, was andere über sie dächten, schreibt sie an mehreren Stellen im Buch. Es werde zwar lange dauern, die Meinung einiger Menschen zu revidieren. "Aber genau das wäre mein Ziel."

In ihrem Bestreben, ihr öffentliches Bild zu korrigieren, gibt Wulff sehr viel von sich preis – und damit indirekt auch von ihrem Mann. Es ist ein Widerspruch: aber um sich zu schützen, entblättert sie sich. Dabei ist es wohl das zweite – aber von ihr nicht ausdrücklich genannte - Ziel, sich von Christian Wulff zu emanzipieren. Bettina Wulff schreibt mehrfach, dass sie nicht mit ihm "in einen Topf geworfen" oder "über einen Kamm geschoren" werden will. Man gewinnt den Eindruck: Sie möchte mit ihrer Zukunft nicht für seine Fehler aus der Vergangenheit haften.

Dadurch hat das Buch nicht nur den Charakter einer Abrechnung mit ihrer Zeit als Gattin des Bundespräsidenten, mit den Zwängen des Amtes und einer Abrechnung mit ihren Kritikern, mit Heckenschützen aus dem Netz oder seiner Partei. Sondern das Buch hat auch, gewollt oder ungewollt, den Charakter einer sehr persönlichen Abrechnung mit Christian Wulff.

Und? Wie sieht sie sich?

Das Buch soll einer Imagekorrektur dienen, ein angeblich verzerrtes öffentliches Bild zurechtrücken. Aber wie sieht Bettina Wulff, geborene Körner, sich selbst? Das Schlüsselwort lautet: Sie möchte "normal" sein. Im Vorwort schreibt sie, dass sie gesehen werden wolle als eine "ziemlich normale Frau und Mutter, die ihr Leben so leben möchte, wie sie es will, und nicht, wie andere es von ihr erwarten".

Als sie schon die Frau des Bundespräsidenten Wulff war, sei sie bei ihrer Freundin Josefine auf dem Land mit am glücklichsten gewesen: "Bei Josefine war ich nicht die Gattin des Bundespräsidenten, sondern einfach wieder das Mädchen mit der Angst vor Pferden, mit der Vorliebe für ‚Depeche Mode', die Freundin Bettina."

In Bettina Wulffs Welt gibt es sogar einen Ort, der jene Normalität symbolisiert, die sie zum Gral erhebt: Es ist ihr Heimatort Großburgwedel, der Ort, in dem sie nun auch lebt - in jenem Haus, das anfangs mit dem berüchtigten Kredit des Ehepaar Geerken finanziert wurde. Das geschützte Großburgwedel ist in Wulffs Welt der Gegenentwurf zum als brutal und herzlos empfundenen Berlin, das ihr keinerlei Rückzugsmöglichkeiten eröffnete. Weil Wulff beim Schreiben des Buches von der Journalistin Nicole Maibaum unterstützt wurde, ist unklar, wie sehr der Schreibstil wirklich ihrer ist. Aber der Stil spiegelt eine Sehnsucht nach einer im Kern kleinbürgerlichen Geborgenheit wider: in weiten Passagen nutzt sie eine Bravo-Girl-Prosa, stellenweise poesiealbenhaft.

Wie lautet Bettina Wulffs Fassung der Bettina-Wulff-Story?

Ein Narrativ zieht sich durch das ganze Buch: Wulff beschreibt sich als normale, mitten im Leben stehende, vielleicht etwas naive, aber selbstbewusste und stets wohlwollende Frau, die stolz darauf war, auch als Alleinerziehende mit Job und Kind - ihrem älteren Sohn Leander - gut klar gekommen zu sein, als eine Frau, die sich auch noch Eigenständigkeit bewahrte, als sie den niedersächsischen Ministerpräsident heiratete.

Erst seine Wahl zum Bundespräsidenten zwang sie demnach, mit ihm nach außen hin zu verschmelzen, ihre Eigenständigkeit aufzugeben. Dabei belasteten die immerwährende Öffentlichkeit, aber auch die Zwänge des Amtes und vor allem die Gerüchte über ihre Vergangenheit das Familienleben und die Beziehung.

Bettina Wulff möchte mit diesem Buch auch zeigen, dass sie Leben und Persönlichkeit jenseits von Christian Wulff hat. Das Grundthema dürfte – gerade bei Frauen – einen Nerv treffen. Denn sie beschreibt eindrucksvoll, was es im weitesten Sinne moderne Frauen kostet, die Frau hinter oder neben einem Mann zu sein, der sein Leben komplett dem Job widmet.

Wie kommt Bettina Wulff rüber?

Ambivalent. Einerseits wirkt sie reichlich naiv, unbedarft, dazu komplett unpolitisch und trotz Tattoo im Grunde kreuzbieder, eben wie die nette Bettina aus Großburgwedel. Analytisches gibt's von ihr nicht. Es wirkt auch ein wenig naiv, wie sehr sie sich bereitwillig entblättert, um sich zu schützen, wie genau sie ihr Privatleben in dem Buch beschreibt, etwa ihre Männerhistorie vor ihrer Begegnung mit Christian Wulff.

Andererseits beschreibt Wulff mutig und konkret sehr reale Probleme, mit denen sich vor allem viele Frauen identifizieren dürften: Wo bleib' ich, wenn er Karriere macht? Wo bleiben die Kinder? Und: Wie komm' ich da raus? "Es geht einfach nicht", schreibt sie im Hinblick auf Christian Wulff, "ein funktionierendes Familienleben einzufordern und vorauszusetzen, die Welt bleibt heil, wenn man selbst kaum da ist, um etwas dafür zu tun."

Bettina Wulff schafft es dabei, das Amt des Bundespräsidenten nicht zu überhöhen. Im Gegenteil. Sie beschreibt die Position als zeit- und energiefressenden Job, nicht als Weihe. Es ist ein Verdienst des Buches, dass man ein Gespür dafür bekommt, wie wenig die Zwänge dieses Amtes – vielleicht jedes politischen hohen politischen Amtes und Managerjobs - sich im konkreten Alltag mit dem Leben und den Ansprüchen einer jungen Familie vereinbaren lassen. Richtig an Profil gewinnt Bettina Wulff, wenn sie beschreibt, warum sie nun wie gegen die Escort-Service-Verleumdungen vorgeht. Hier erscheint eine Frau, die sich selbst gefunden hat - und nun zurecht Respekt einfordert.

Wie geht sie mit dem Rotlicht-Gerücht um?

Das Gerücht, sie habe früher als Edelprostituierte gearbeitet, für einen Escort-Service, als "Lady Viktoria", als "Betty", im Berliner Bordell "Artemis" oder im mittlerweile geschlossenen Hannoveraner "Chateau am Schwanensee", begleiteten Bettina Wulff spätestens seit jener Zeit, als Christian Wulff zum Bundespräsidenten gewählt wurde. Die "Süddeutsche Zeitung" hat auf ihrer Seite Drei vom vergangenen Samstag nachgezeichnet, wie genau das Gerücht seinen Weg in Blogs fand, wie es von anderen Blogs aufgegriffen wurde, wie es sich zu verdichten schien, wie es in der Nacht der Wahl Wulffs zum Präsidenten auch an Journalisten herangetragen wurde, darunter an Ulrich Deppendorf, den Leiter des ARD-Hauptstadtstudios in Berlin.

Seit einigen Monaten geht Bettina Wulff nun juristisch gegen alle vor, die dieses Gerücht auch nur ansatzweise transportiert haben. Laut "SZ" hat sie schon 34 Unterlassungserklärungen erwirkt, von Bloggern und Medien, auch der stern hat eine abgegeben, ebenso die "Berliner Zeitung". Auch sei mehrfach Schmerzensgeld in fünfstelliger Höhe gezahlt worden. Zuvor hat Wulff eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, in der sie sagt, dass alle Vorwürfe falsch seien.

Am vergangenen Freitag verklagte Wulff auch ARD-Talker Günther Jauch auf Unterlassung – den Suchmaschinenbetreiber Google will sie dazu zwingen, dass bei der sogenannten Autocomplete-Funktion nicht Begriffe wie "Escort" oder "Rotlichtmilieu" in Verbindung mit dem Namen "Bettina Wulff" erscheinen. Jauch sagte zu, die Unterlassungserklärung abzugeben, Google will der Klage nicht Folge leisten.

In Bettina Wulffs Buch sind die Gerüchte und ihr Umgang damit ein zentrales Thema. Sie beschreibt, wie schwer sie sie getroffen haben. "Obwohl ich mich sonst bestimmt für eine starke Frau halte, die so schnell nichts aus der Bahn wirft, habe ich darüber in den Jahren so viel geheult", schreibt Wulff. "Ich fragte mich: ‚Warum? Warum machen die das mit mir?" Zu den Vorwürfen selbst gibt sie ein klares Statement ab: "Ich habe nie als Escort-Lady gearbeitet. Das ist einfach absoluter Quatsch."

In dem Buch unterstellt Wulff anderen Politikern, gegen sie – und damit Christian Wulff – intrigiert zu haben. "Noch in der Nacht seiner Wahl zum Bundespräsidenten wurden renommierte Journalisten von einflussreichen Personen, darunter sogar auch andere Politiker, angesprochen, ob die Internetveröffentlichen über mich eigentlich bekannt seien", schreibt sie. Anders als die "SZ" schreibt sie jedoch nicht, dass diese Politiker möglicherweise auch aus Christian Wulffs CDU oder aus Niedersachsen stammen. Bettina Wulff beschreibt auch, wie fassungslos sie gewesen sei, als sie auch von "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann bei einem Frühstück im Schloss Bellevue Ende September 2010 mit den Gerüchten konfrontiert wurde.

Es sind mit die stärksten Stellen des Buches, wenn Bettina Wulff versucht, angesichts des Rufmords, dem sie ausgesetzt war, die Maßstäbe wieder zurechtzurücken. "Eine First Lady braucht ein makelloses, ein tadelloses Vorleben", schreibt sie. "Am allerbesten aber gar keines. Aber ich habe, wie übrigens viele andere normale Frauen auch, ein Vorleben."

Bemerkenswert ist, wie das Paar Wulff, wie ihr Mann mit dem Rufmord umging. Lange Zeit, schreibt Bettina Wulff, hätten sie versucht, die Gerüchte zu ignorieren - auch mit Rücksicht auf die Würde des Amtes. "Zu dem Zeitpunkt, als das alles aufkam, hat Christian als Politiker das getan, was wir bezüglich des Themas auch für unser Familienleben beschlossen hatten: es auszublenden." Ihr Mann, der Politiker, stellte sich also lange und bewusst nicht schützend vor sie. Erst in einem TV-Interview am 4. Januar 2012 bezog der damalige Bundespräsident öffentlich Stellung.

Sicher ist, dass Bettina Wulff gerne früher in die Offensive gegangen wäre. Im Schlusswort des Buches schreibt sie über ihre derzeitigen juristischen Aktivitäten: "Gerne hätte ich dies bereits getan, als mein Mann noch Bundespräsident war, aber ich habe mich zusammengerissen. Es hätte dem ganzen Thema zu viel Raum gegeben. Der Schaden für das Amt und auch das Land wäre zu groß gewesen, wenn durch rechtliche und gerichtliche Schritte solch hässliche Gerüchte verstärkt Aufmerksamkeit gewonnen hätten." Es ist vielleicht symbolisch für Bettina Wulffs Verhältnis zum Amt des Bundespräsidenten, dass genau die Würde dieses Amtes sie in ihrer Wahrnehmung daran hinderte, ihre eigene Ehre mit allen Mitteln wiederherzustellen und zu schützen.

Bringt das Buch juristisch brisante Erkenntnisse im Hinblick auf die Vorwürfe gegen Christian Wulff?

Brisant ist vor allem, dass Bettina Wulff schreibt, dass die Büchsenspanner auch aus der Politik kamen, als es darum ging, ihr eine Vergangenheit im Rotlichtmilieu anzudichten. "Noch in der Nacht seiner [Christian Wulffs] Wahl zum Bundespräsidenten wurden renommierte Journalisten von einflussreichen Personen, darunter sogar auch andere Politiker, angesprochen, ob die Internetveröffentlichungen über mich eigentlich bekannt seien." Wulff schreibt in dem Buch weder, dass es sich bei den Intriganten um niedersächsische Politiker, noch dass es sich um CDU-Mitglieder gehandelt habe. Diese Spekulationen hat sie der "Süddeutschen Zeitung" überlassen. Die veröffentlichte am Samstag vor der Buchveröffentlichung eine Reportage auf ihrer Seite Drei, die präzisierte, welche Journalisten angesprochen wurden – demnach etwa Ulrich Deppendorf, der Leiter des ARD-Hauptstadtstudios – und von wem. Die "Süddeutsche Zeitung" nennt mögliche Mitglieder des ehemaligen Kabinetts Wulff als Quellen. Die Diskussion, wer diese Heckenschützen waren, könnte noch politisch brisant werden.

Die zweite politische Botschaft des Buches ist keine gewollte und wenig schmeichelhaft für Christian Wulff. Denn der Text zeigt einmal mehr, wie ungeeignet Christian Wulff für das Amt des Bundespräsidenten war – und das nicht deshalb, weil seine Frau so sehr mit der Rolle der Präsidentengattin gehadert hätte. Zwar verteidigt Bettina Wulff ihren Mann vordergründig. Aber sie beschreibt auch wiederholt, wie er als Landespolitiker und dann als Staatsoberhaupt Fehler erst viel zu spät verstanden und eingestanden hat. Das trifft für den Privatkredit von Edith Geerkens für das Haus in Großburgwedel zu, den er gegenüber dem niedersächsischen Parlament nicht erwähnte; das trifft zu für den gemeinsamen Mallorca-Besuch in der Villa von Carsten Maschmeyer im Sommer 2010 zu; das trifft für den berüchtigten "Ich bin auf dem Weg zum Emir"-Anruf bei dem Anrufbeantworter von "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann im Herbst 2011 zu – und auf die Salamitaktik Wulffs beim Umgang mit den vielen Vorwürfen, die ihm Ende 2011 entgegengehalten worden.

Bei all diesen Punkten schreibt Bettina Wulff, dass ihr Mann im Nachhinein eingesehen habe, dass er da möglicherweise nicht richtig gehandelt oder Fehler zu spät eingestanden hat oder zu spät transparent war. Diese Einschätzung bestätigt einmal mehr das größte Defizit, das Wulff in den letzten Monaten seiner Präsidentschaft im vergangenen Winter offenbarte: Er hatte überhaupt kein Verständnis und Gespür dafür, dass politische Ämter an bestimmte ethisch-demokratische Normen gekoppelt sind, dass weder ein Ministerpräsident und schon gar nicht ein Bundespräsident auch nur den Anschein von Käuflichkeit, Erpressbarkeit und Abhängigkeit erwecken darf.

Schwer verständlich ist dabei auch, wie Wulff sich etwa von der "Bild"-Zeitung abhängig gemacht hat. Diese Abhängigkeit wird allein dadurch illustriert, dass er, Tage bevor er den berühmtesten Satz seiner Amtszeit sagte - "Der Islam gehört zu Deutschland" - diese Aussage beim Frühstück mit "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann und dessen Frau Katja Kessler diskutierte, zumindest nach Bettina Wulffs Beschreibung.

Was verrät Bettina Wulff über ihre Beziehung?

So richtig gut kommt Christian Wulff auch hier nicht weg. Bettina Wulff schreibt zwar, wie sie sich in ihn verliebt hat und verteidigt ihn und sein Verhalten auch in vielfacher Hinsicht. Aber auffallend ist, dass sie mehrfach erwähnt, wie belastend das Amt für die Beziehung gewesen sei. Einmal schreibt sie, dass ihr Mann neben seinen Pflichten "physisch wie psychisch" nicht in der Lage gewesen sei, sich auch noch mit ihr auseinanderzusetzen. Er bereue das heute, habe realisiert, dass man ein Familienleben nicht nur "nach außen führen" könne, sondern sich dem Partner auch mitteilen müsse.

Die zweite Grundbotschaft des Buches – das sind nicht Bettina Wulffs Worte - im Hinblick auf ihren Mann lautet: Begreift endlich, ich bin nicht Christian. Immer wieder wiederholt sie diesen Punkt. Besonders krass fällt das auf, wenn sie den Tag seines Rücktritts beschreibt. Sie sei genervt gewesen, dass er unbedingt eine ausführlichere Rede habe halten wollen. Sie hätte das lieber kürzer gemacht, schreibt sie. Aber es war nicht nur das.

Selbst an dem Tag, an dem der Lebenstraum ihres Mannes endgültig zerplatzte, dachte sie nach eigenem Bekunden vor allem daran, anderen zu zeigen, dass sie keine Einheit mit ihm bildete. "Mich nervte der Gedanke, dass ich mich wenige Minuten später vor die Masse an Journalisten stellen musste, die zu wenig unterschied zwischen mir und meinem Mann", schreibt sie."Natürlich waren Christian und ich in Berlin ein Team. Aber deswegen wollte ich mich nicht selbstverständlich als untrennbares Doppelpack über einen Kamm scheren lassen." Aus genau diesem Grund habe sie sich "ganz bewusst" ein Stück weit entfernt von Christian Wulff aufgestellt: "Um zu zeigen: Ich bin eine eigenständige, selbstständige Frau."

In dem Kapitel über die Zukunft formuliert sie klar und deutlich, dass in dem Familiengefüge nun sie und ihre Söhne Leander und Linus dran sind, nicht Christian Wulff. Auch hier ist die Botschaft deutlich: War er es, der jahrelang ihrer beider öffentliches Bild qua Amt bestimmt, ist sie jetzt dran - das bedeutet auch, dass sie die Deutungshoheit für das öffentliche Bild des Paars und der Familie beansprucht.

Muss "Bild"-Chef Kai Diekmann das Buch fürchten?

In langen Passagen arbeitet sich Bettina Wulff an der "Bild"-Zeitung und deren Chefredakteur Kai Diekmann ab. Sie beschreibt das eigentlich gute Verhältnis Wulffs zu den "Bild"-Leuten in Hannover, das Geben und Nehmen, beschreibt, wie Diekmann und seine Frau Katja Kessler die Wulffs nach seiner Nominierung zum Bundespräsidentschaftskandidaten zum Essen in ihrem Haus in Potsdam empfingen. Allein das ist, genau genommen, schon ein politisches Unding, belegt der Vorfall doch, dass Wulff, noch bevor er gewählt war, erst einmal beim "Bild"-Chef auflief, um für gute Stimmung bei dessen Blatt zu sorgen.

Bettina Wulff beschreibt, wie beeindruckt sie von den Diekmanns war, im Kern, wie klein und unsicher sie sich ihnen gegenüber vorkam. "Ich weiß noch, wie unwohl ich mich an diesem Abend fühlte. Zum einen kam ich mir mehr wie das schmückende, aber völlig unwichtige Beiwerk an Christians Seite vor, zum anderen, und das war besonders ausschlaggebend für meine Gefühle, war da dieses wahrlich beeindruckende Haus und dieses Paarensemble Diekmann-Kessler." Diese Beschreibung illustriert, wer in der Welt der Wulffs die echte Macht hatte: Es waren nicht sie, es waren die Diekmanns.

Der Eindruck verstärkt sich, wenn man liest, wie Bettina Wulff den Gegenbesuch bei einem Frühstück Ende September im Schloss Bellevue beschreibt. Schon Bettina Wulffs Rechtfertigung der Einladung zeigt, dass sich das Präsidentenpaar im Bunde mit dem Verlag wähnte. "Wir wussten, dass es wichtig wäre, den Kontakt zum Axel-Springer-Verlag zu pflegen, und luden Kai Diekmann mit seiner Frau zu einem Frühstück ins Schloss Bellevue ein." Was für ein Verständnis von Politik steckt da dahinter? Was auch für ein eklatanter Mangel an politischem Selbstbewusstsein, an so etwas wie Amtsstolz? Allein diese Buchpassage zeigt, dass Christian Wulff, wie ihm oft vorgehalten wurde, tatsächlich glaubte, das Prinzip seines Hannoveraner Kumpelnetzwerks einfach auf Berlin übertragen zu können.

Dass er in Diekmann jedoch keinen echten Verbündeten hatte, hätte Wulff schon bei besagtem Frühstück merken können. Bettina Wulff beschreibt nicht nur, dass Diekmann und der Bundespräsident bei der Gelegenheit über die Islam-Rede sprachen, ein paar Tage, bevor Wulff diese überhaupt hielt. Nein, Diekmann konfrontierte sie auch unverblümt mit den Rotlichtgerüchten und wollte wissen, ob da was dran sei. Ihr sei angesichts dieser Unverfrorenheit fast das "Brötchen im Halse" steckengeblieben, schreibt Bettina Wulff.

Etwas später im Buch schreibt sie, dass man sich im Leben immer zweimal treffe – und dass das wohl auch für Diekmann und sie gelten werde. Diekmann dürfte das locker an sich abperlen lassen können. Bettina Wulffs Ausführungen zur "Bild"-Zeitung und deren Chefredakteur schmeicheln ihm eher. Denn Wulffs Kritik adelt ihn, zeigt sie doch, dass er seine Rolle als Journalist erfüllt hat, als es darum ging, Bettina mit Gerüchten zu konfrontieren, aber auch, als es darum ging, die Wutrede Wulffs auf seinem Anrufbeantworter an die Öffentlichkeit zu bringen. Wulff jedoch hatte die Grenzen seiner Rolle dadurch verletzt, dass er vermeinte, die Nähe zu Springer suchen zu müssen – selbst als Bundespräsident.

Wie erging es Bettina Wulff in Berlin?

Unterm Strich war es keine gute Zeit, die Bettina Wulff als Bundespräsidentengattin in der Hauptstadt erlebte. Sie beschreibt, wie schwer es anfangs war, zwischen dem Haus in Großburgwedel, wo ihre Söhne vorerst noch blieben, und Berlin hin- und herzupendeln, vormittags Staatsakt, nachmittags Kita, wie sie hin und hergerissen war. Als sie dann Ende 2010 nach Berlin in die Dahlemer Dienstvilla umgezogen sei, habe sie sich dort nicht wohlgefühlt. Baulich habe die private Wohnung den Anforderungen älterer, alleinstehender Paare entsprochen, aber nicht den räumlichen Anforderungen einer jungen Familie mit zwei kleinen Kindern. "Mir fehlten die Wärme und das Gefühl von Zuhause", schreibt sie einmal. Und an einer anderen Stelle: "Die Villa vermittelte mir kein Gefühl von Geborgenheit, wie es unser Haus in Großburgwedel tat."

Dazu kam, dass sie unter der ständigen Bewachung litt, das Gefühl hatte, keine Rückzugs- und Erholungsmöglichkeiten zu haben. "Ich fühlte mich nicht privat, nicht richtig relaxt, sondern stets kontrolliert, und das eben auch in meinem vermeintlichen Zuhause", schreibt Wulff. Auch für ihre Kinder Leander, den älteren Sohn, und Linus, den jüngeren, sei die Umstellung sehr schwer gewesen.

Es ist kein gutes Bild, das Bettina Wulff von ihrer Zeit in Berlin zeichnet. Man mag darüber spekulieren, ob sich das im Laufe der Zeit gegeben hätte – tatsächlich wohnte Wulff nur etwas über ein Jahr in der Dienstvilla – aber sie erweckt den Eindruck, als sei sie mit der Situation nie glücklich gewesen. Zehn Jahre, formuliert sie an einer Stelle, hätte sie das nicht ausgehalten. Es hätte sich etwas ändern müssen.

Wie ist sie mit der Rolle der First Lady zurechtgekommen?

Bettina Wulffs Unzufriedenheit mit der Rolle der Frau hinter dem Mann, quillt aus jeder Zeile ihres Buches. Sie hat es nie geschafft, sich damit anzufreunden oder sogar darin aufzugehen. Von einer 40-Stunden-Woche hätte sie nur träumen können, schreibt sie, dazu seien Abendtermine und Dienstreisen gekommen. Und für all das habe es keine adäquate Anerkennung gegeben – etwa in Form von Bezahlung. Das habe sie, die bis dahin den eigenen Verdienst auch als Ausweis von Selbstständigkeit begriffen hatte, belastet. "Vorher hatten Christian und ich eigene, voneinander unabhängige Berufe. Jeder hatte seinen Bereich. Christian war Ministerpräsident von Niedersachsen, ich Pressereferentin bei Continental beziehungsweise später bei Rossmann. Diese getrennten Leben waren gut. Wir waren jeder eigenständig, konnten uns in dem, was wir gelernt hatten, beweisen und darum recht erfüllt und zufrieden aufeinander zugehen und miteinander als Partner umgehen. Als Bundespräsident und als Frau des Bundespräsidenten mussten wir zu einer quasi untrennbaren Einheit werden. … Ich hatte ein großes Stück Eigenständigkeit und Selbstbestimmung verloren." Um diesen Frust etwas abzufedern, habe Christian Wulff ihr von seinem Gehalt jene Summe überwiesen, die sie zuletzt als Pressereferentin bei der Drogeriemarktkette Rossmann in Großburgwedel verdient hätte.

Was sagt sie über Angela Merkel?

Merkel kommt super weg. Wulff schreibt, die Kanzlerin sei eine wahnsinnig "beeindruckende, straigthe Frau". Ihr Sohn Leander habe sich immer gefreut, wenn Merkel in der Dienstvilla zu Besuch gewesen sei. Auch nach dem Rücktritt habe sich Merkel bei ihr gemeldet, man habe sich im April 2012 getroffen. Merkel habe ihr ihre Hilfe angeboten.

Was hat Bettina Wulff jetzt vor?

Sie hat eine PR-Agentur gegründet und arbeitet für die Medizintechnikfirma Ottobock als "Botschafterin", wie etwa in den vergangenen Wochen bei den Paralympics in London. Sie wolle aber selbst entscheiden können, was sie arbeite und sich auch nicht festanstellen lassen. Ihre Heimat werde auf absehbare Zeit das Haus in Großburgwedel bleiben. Da fühlten sie und ihre Söhne sich zu Hause. "Ich will mich endlich einmal um meinen eigenen Kern kümmern, um mich selbst, meine Träume und Wünsche. […]", schreibt sie. "Ich finde das adäquat, dafür habe ich und dafür haben auch die Kinder zu lange nach dem Terminkalender meines Mannes gelebt."

Enthält das Buch weitere interessante oder kuriose Fakten über das Leben der Wulffs?

Klar. Etwa, dass Bettina Wulff nach eigener Einschätzung etwa 40 Paar Schuhe hat, Pferde fürchtet, früher "Depeche Mode" mochte und ihr Tattoo ein so genanntes "Tribal" ist. Interessant ist auch, dass sie ursprünglich Pastorin werden wollte, ein eingefleischter Fan von Hannover 96 ist. Interessant ist auch, dass das Familien-Patchwork der Wulffs offenbar durchaus weit gefasst war. So zog der Vater ihres ersten Sohnes, ein Immobilienmakler aus Hannover, zum Wohle seines Kindes mit nach Berlin – und als die Präsidentschaft wieder gescheitert war, auch wieder zurück nach Hannover.

Lohnt es sich, das Buch zu lesen?

Absolut. Es ist eine kurzweilige Lektüre, die tatsächlich einen Schlüssellochblick auf die Präsidentschaft Christian Wulffs gewährt - nicht auf die hohe Politik, sondern auf die persönliche Ebene. Bettina Wulff ist eine spannende Persönlichkeit, die sich hier offenbart. Um sich ein wirklich eigenes Bild machen zu können, lohnt es sich, das ganze Werk zu lesen.

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