Es ist ein erstaunlich offener Befreiungsschlag. Die ehemalige First Lady rechnet ab. Mit Gerüchten. Mit dem Amt. Mit ihrem Mann. Der Einblick in die Präsidentschaft fasziniert - und verstört. Von Florian Güßgen

Ja, sie geht in die Offensive. Aber sie gibt auch viel von sich preis - und von ihrem Mann Christian: Bettina Wulff© Picturealliance
Wumms. Da ist es also. Das Buch. Ihr Buch. Wie aus dem Nichts knallt Bettina Wulff es uns auf den Tisch. Nicht im November. Nein, jetzt. Laut. Unüberhörbar. Mit der größtmöglichen PR-Wucht. Klage gegen Jauch. Klage gegen Google. Die Neugier ist geweckt. Und los: ab in die Buchläden. Wumms. Das ist es also, das Buch. Titel: "Jenseits des Protokolls", gewidmet der Familie, wem sonst? 16 Kapitel, Vorwort, Nachwort, Quellenverzeichnis. 223 Seiten. Das Cover zeigt Bettina Wulff mit schwarzer, ärmelloser Bluse, hochgeschlagenem Kragen und Tattoo auf dem rechten Oberarm. Es wird jetzt nichts mehr zugedeckt. Auch dieses Tattoo nicht. Zu lange, so scheint es, hat sie schweigen und schlucken müssen. Wegen ihres Mannes. Wegen des Amtes. Jetzt ist sie dran. Alles muss raus. Die 38-Jährige geht in die Offensive.
Es ist ein erstaunliches Buch. Denn es bewegt, berührt, wirft Fragen auf, und das alles trotz seiner Bravo-Girl-Prosa. Wulff zeigt die private Seite der Amtszeit, zumindest in Ausschnitten. Es ist kein Buch über die große Politik, kein juristischer Knüller. Sondern ein Buch über sie – und damit unweigerlich über ihn. Es ist kein Schlüsselroman. Sondern ein Schlüssellochroman. Armer Herr Wulff. Bettina Wulff hat sich zum Ziel gesetzt, ihr öffentliches Bild zu korrigieren, es uns allen da draußen zu zeigen: wer sie wirklich, ganz echt, tatsächlich ist. Jenseits des Protokolls. Jenseits aller Escort-Service-Gerüchte. Jenseits – da ist sie erstaunlich konsequent und fast schon ein wenig brutal – von Christian Wulff. Sie ist 38. Es liegt noch einiges vor ihr. Und deshalb will sie für seine politische Vergangenheit nicht mit ihrer Zukunft haften. Es sei ihr wichtig, was andere über sie denken, schreibt sie mehrfach.
In den vergangenen Tagen hat Wulff sich als furchtlose Frau präsentiert, die ihre Ehre gegenüber Verleumdern konsequent wiederherstellt - mit allen juristischen Mitteln, selbst mit einer eidesstaatlichen Erklärung. Das hat sie am Sonntag auf die Titelseiten von "Bild am Sonntag" und auch "Welt am Sonntag" gebracht. Sie räumt so mit dem Gerücht auf, sie sei eine Edelprostituierte gewesen. In ihrem Buch beschreibt sie dagegen, wie sie gesehen werden will: als selbstbewusst-handfeste, aber stets wohlwollende Frau Großburgwedeler Style; sie porträtiert sich als alleinerziehende, moderne Mutter, die gerne arbeitet, ihr eigenes Geld verdient – und alles möchte, nur nicht hinter dem Mann verschwinden - und deshalb mit dem Amt haderte. Um diesem Bild Glaubwürdigkeit zu verleihen, hat Wulff für ihr Buch die brutalstmögliche Strategie gewählt: Sie zieht sich aus. Hier bin ich, unverhüllt, seht mich an - und urteilt. Wulff offenbart in dem Buch ihre Männerhistorie, recht schwülstig ihr Verständnis von Freundschaft, ihr Verhältnis zu ihren Söhnen, ihr Fremdeln mit dieser vermaledeit einengenden Rolle in Berlin, die Schwierigkeit, mit ihren kleinen Söhnen Leander und Linus in der Hauptstadt anzukommen, sie schreibt über die belastete Beziehung zu ihrem Mann, die schweren Wunden der Prostitutionsgerüchte.
Mit Hilfe der Journalistin Nicole Maibaum offenbart Wulff, dass es ihr ein Graus war, von ihrem Mann finanziell abhängig zu sein, hinter ihm zu verschwinden, beschreibt, wie problematisch es war, dass sie für ihren Fulltime-Job als Bundespräsidentengattin kein Geld bekam, so dass ihr Mann ihr jenen Betrag überwies, den sie zuletzt als Pressereferentin beim Drogeristen Rossmann netto verdient hatte. In ihrer Dahlemer Dienstvilla fühlte sie sich nicht so geborgen wie im neuen Großburgwedeler Heim - ja, dem, für das er den berüchtigten Kredit brauchte - sondern stets beobachtet. Christian Wulff porträtiert sie als von der Pflicht aufgefressen, was die Beziehung belastete, weil er "physisch wie psychisch" nicht in der Lage war, sich ihrer anzunehmen. Sie habe unter Magenschmerzen gelitten, berichtet sie. Bettina Wulff lässt die Hüllen fallen, entblößt sich. "Ich war 16, Tom 24", formuliert sie an einer Stelle. Sensationell. Wer würde da nicht hingucken?
"Jenseits des Protokolls" Das ist das Buch: 16 Kapitel, plus Vor- und Nachwort und Quellenverzeichnis, 223 Seiten. Der Titel lautet "Jenseits des Protokolls". Geschrieben hat Bettina Wulff es mit Hilfe der Journalistin Nicole Maibaum – und zwar, laut Widmung "Für meine Familie". Es erscheint im Riva-Verlag, Kostenpunkt: 19,99 Euro.