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18. Dezember 2003, 16:22 Uhr

Die "verfolgte Unschuld"

Er war wegen Totschlags an Grenzflüchtlingen zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Zweieinhalb Jahre vor ihrem Ablauf ist Egon Krenz, der letzte DDR-Staats- und Parteichef, ein freier Mann. Begründung: Es bestehe keine Wiederholungsgefahr.

Von Journalisten umgeben steigt der Ex-Staatsratsvorsitzende der DDR, Egon Krenz, am 13. Januar 2000 vor der JVA Hakenfelde in Berlin aus, wo er eine sechsjährige Haftstrafe antreten musste© Wolfgang Kumm/dpa

Ganze 49 Tage war Egon Krenz Staats- und Parteichef der DDR. Krenz wurde am Donnerstag als letzter Politiker des untergegangenen zweiten deutschen Staates aus der Haft entlassen. Ungleich länger als sieben Wochen dauerte Krenz' Präsenz in Gerichtssälen und Gefängniszellen: Seine sechseinhalbjährige Haftstrafe musste er zu fast zwei Dritteln absitzen. Krenz geißelte die Prozesse gegen ihn als "Siegerjustiz" und "Kalten Krieg im Gerichtssaal". Dass er sich als verfolgte Unschuld fühlte, spricht nicht für seine Lernfähigkeit.

Schon am 6. Dezember 1989 trat Krenz, der Mitte Oktober Erich Honecker im Amt gefolgt war, gemeinsam mit dem gesamten Politbüro zurück. Der SED-Bilderbuchfunktionär war ein denkbar ungeeigneter Kandidat für ein Land im demokratischen Aufbruch. Demonstranten forderten denn auch auf Transparenten "Unbekrenzte Freiheit". Nur zu gut war der DDR-Bevölkerung seine kaltblütige Verteidigung der Niederschlagung der Pekinger Studentenproteste in Erinnerung. Im Januar 1990 wurde Krenz aus der SED ausgeschlossen.

"Öffnen der Grenzen oder Gewalt?"

Bereits im April 1990 veröffentlichte der ehemalige Staatschef seine Memoiren "Wenn Mauern fallen". Darin rechnete er sich als Verdienst an, den Fall der Berliner Mauer beschleunigt zu haben. Stasi-Chef Erich Mielke soll ihm am 9. November 1989 telefonisch von "großen Menschenansammlungen" an der Berliner Mauer berichtet haben. Er habe Krenz "die schicksalhafte Frage" gestellt: "Öffnen der Grenzen oder Gewalt?" Er habe sich gegen Gewalt entschieden und ein Schießverbot für den Fall angeordnet, dass Demonstranten ins Grenzgebiet eindringen sollten. Diese Version der Geschichte brachte Krenz den Ruf als Opportunist und "Wendehals" ein.

Denn seine DDR-Politlaufbahn konnte mit Recht als vorbildlich gelten. Schon als 16-Jähriger trat der 1937 im heute polnischen Kolberg Geborene der SED-Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend (FDJ) bei. Dort machte er rasch Karriere und wurde 1974 ihr Erster Sekretär. Dies wurde als Zeichen des besonderen Vertrauens von SED-Chef Honecker gewertet, der die Jugendorganisation gegründet hatte. Fortan galt Krenz als designierter Nachfolger.

Mauerschüsse und Wahlbetrug

Nach der Wiedervereinigung 1990 musste der arbeitslose Krenz als Zeuge in diversen Gerichtsprozessen gegen frühere DDR-Politfunktionäre aussagen. Er bestritt, von Manipulationen der stets sensationell guten SED-Wahlergebnisse gewusst zu haben. Seit 1993 ermittelte die bundesdeutsche Justiz auch gegen ihn wegen des Verdachtes auf Wahlfälschung und im Zusammenhang mit den Todesschüssen an der innerdeutschen Grenze.

Im Juli 1995 erhob die Berliner Staatsanwaltschaft Anklage "wegen Totschlags und Mitverantwortung für das Grenz-Regime der DDR". Der Prozess dauerte mehr als zwei Jahre. Im August 1997 verurteilte ihn die Große Strafkammer im Landgericht Berlin wegen Totschlags in vier Fällen zu sechseinhalb Jahren Haftstrafe. Vor Gericht hatte der ehemalige SED-Spitzenkader zwar die Todesfälle an der deutsch-deutschen Grenze bedauerte, eine Verantwortung jedoch abgelehnt. Nach nur 18 Tagen kam Krenz auf Grundlage einer Haftbeschwerde im September 1997 wieder frei.

Danach mussten sich höhere Gerichte mit dem Fall Krenz befassen: Der Bundesgerichtshof bestätigte 1999 die Haftstrafe, das Bundesverfassungsgericht lehnte im Januar 2000 eine Verfassungsbeschwerde von Krenz gegen das Urteil ab. Am 13. Januar 2000 musste der langjährige SED-Politiker schließlich seine Strafe in der Justizvollzugsanstalt in Berlin-Hakenfelde antreten. Auch vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte scheiterte Krenz mit einer Revision des Urteils. Im Februar 2000 kam er in den offenen Vollzug.

Hilfe für Hollywood

Als Freigänger fand er Arbeit in der freien Wirtschaft. Doch auch als Berater für Hollywood war der 66-Jährige während seiner Haftzeit tätig. Im Januar 2003 traf er Filmstar Tom Hanks, der sich in Berlin auf eine neue Rolle vorbereitete. Hanks sollte bei der Verfilmung des Lebens von US-Sänger Dean Reed die Hauptrolle spielen. Reed war 1972 in die DDR übergesiedelt und dort 1986 unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Krenz soll ein enger Freund Reeds gewesen sein.

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