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20 Jahre Mauerfall - Chronik: Das geschah im Jahr 1989

Am 9. November fiel die Mauer. Was bewegte die DDR-Spitze dazu, die Grenzen zu öffnen? Was geschah im dramatischen Jahr 1989. Hier finden Sie eine detaillierte Chronik der wichtigsten Ereignisse.

19. Januar: "Die Mauer wird in 50 und auch noch in 100 Jahren bestehen, wenn die dazu vorhandenen Gründe noch nicht beseitigt sind", sagt SED-Chef Erich Honecker auf einer Tagung in Ost-Berlin.

5. Februar:

Grenzsoldaten erschießen den 20-jährigen Chris Gueffroy bei dem Versuch, über die Berliner Mauer nach West-Berlin zu fliehen. Oppositionelle machen den Mord an Gueffroy in einem "offenen Brief an die Bevölkerung der DDR" bekannt. Die westlichen Alliierten verfassen eine "Protestnote". Sie fordern, "dass die Verantwortlichen diesem Verbrechen ein Ende setzen". Die Bundesregierung sieht eine "ernste und nachhaltige Belastung" für die Beziehung beider deutscher Staaten.

3. April:

Honecker beugt sich dem internationalen Druck nach der Erschießung Gueffroys und gibt die Anweisung an der Grenze nicht mehr zu schießen. Chris Gueffroy ist der letzte Mensch, der an der Berliner Mauer erschossen wird.

2. Mai:

Der "Eiserne Vorhang" bekommt die ersten Löcher. Ungarns Regierung kündigt den Abbau der Grenze nach Österreich an. Schon im Oktober 1988 hatte der ungarische Staatsminister Imre Pozsgay die Grenze als "historisch, politisch und technisch überholt" gegeißelt.

7. Mai:

Bürgerrechtler überführen die SED bei den Kommunalwahlen in der DDR der Wahlfälschung. Der Wahlbetrug treibt in Leipzig rund 1.000 Demonstranten auf die Straße. Die Polizei nimmt über 100 Menschen fest.

8. Mai:

In der Leipziger Nikolaikirche treffen sich die Menschen zum Friedensgebet. Die Polizei kesselt die Kirche ein. Trotzdem demonstrieren nach dem Gebet etwa 550 Menschen gegen die Wahlfälschung. Die Polizei nimmt zahlreiche Demonstranten fest.

2. Juni:

Das Außenministerium der DDR erklärt die Wahlergebnisse der Kommunalwahl im Mai - entgegen aller Beweise und Proteste - für korrekt.

6. Juni:

16 Ost-Berliner Bürgerrechtler werden festgenommen, weil sie gegen die blutige Niederschlagung der friedlichen Studentenproteste auf dem "Platz des himmlischen Friedens" in Peking protestiert hatten. Politbüromitglied Egon Krenz, der nach China gereist war, rechtfertigt das brutale Vorgehen, bei dem mehrere Hundert Menschen umgekommen sind. Er sagt, es sei nur "etwas getan worden, um die Ordnung wieder herzustellen".

7. Juni:

Die Volkspolizei nimmt in Ost-Berlin rund 120 Demonstranten fest, die gegen die Wahlfälschung protestiert haben.

8. Juni:

An der Berliner Gethsemanekirche demonstrieren rund 1.500 Menschen gegen den Wahlbetrug.

12. Juni:

Gorbatschow reist in die Bundesrepublik.

13. Juni:

DDR-Volksbildungsministerin Margot Honecker fordert von der Jugend, dass sie notfalls "mit der Waffe in der Hand" zum Kämpfen bereit sein müsse, um das SED-Regime zu verteidigen.

14. Juni:

Gorbatschows unterschreibt auf seiner Deutschland-Reise elf Verträge, die die Beziehung und Zusammenarbeit zwischen der Sowjetunion und Deutschland erleichtern sollen. Es fehle eigentlich nur noch ein Vertrag über den "Abriss der Mauer", zitiert Die Zeit "einen an den Verhandlung Beteiligten".

15. Juni:

Tatsächlich stellt Gorbatschow in Zeitungsinterviews kurz darauf klar: "Die Mauer kann wieder verschwinden, wenn die Voraussetzungen entfallen, die sie hervorgebracht haben."

22. Juni:

Der 21-jährige Martin Notev, der nach seiner geglückten Flucht an das westliche Spreeufer von DDR-Grenzschützern mit einem Patrouillenboot wieder in die DDR verschleppt und inhaftiert wurde, wird aus dem Gefängnis entlassen und darf in die Bundesrepublik reisen.

26. Juni:

Nach dem Friedensgebet in Leipzig nimmt die Polizei den Oppositionellen Sven Kulow fest. Er wird zusammengeschlagen und bis zur Amnestie im Oktober inhaftiert.

27. Juni:

Die Außenminister von Ungarn und Österreich Gyula Horn und Alois Mock, schneiden demonstrativ vor laufenden Kameras ein Loch an den Stacheldrahtzaun der Grenze.

28. Juni:

Honecker reist in die Sowjetunion und besucht Gorbatschow, der ihn zu Reformen drängt.

1. Juli:

DDR-Bürgern wird daraufhin die Möglichkeit eingeräumt, staatliche Entscheidungen in Reisegelegenheiten gerichtlich überprüfen zu lassen.

3. Juli:

Nach dem Montagsgottesdienst in der Leipziger Nikolaikirche nimmt die Polizei neun Menschen fest.

7. Juli:

Der Warschauer Pakt widerruft die "Breschnew-Doktrin", mit der sich die Mitgliedstaaten, darunter die DDR und Ungarn, einer "beschränkten Souveränität" und eines "beschränkten Selbstbestimmungsrechtes" unterworfen hatten.

28. Juli:

Die Löcher im "Eisernen Vorhang" zwischen Ungarn und Österreich werden größer. 117 der 260 elektrischen Signalanlagen an der Grenze sind schon abgebaut worden.

2. August:

Gorbatschow geht weiter auf den Westen zu. Er verständigt sich mit den Regierungen Deutschlands, Großbritanniens und Frankreichs über Abrüstung und Möglichkeiten zur "wirtschaftlichen Annäherung des Westens und des Ostens".

4. August:

Wieder fliehen DDR-Bürger über die ungarische Grenze in westdeutsche Botschaften und verlangen, in die BRD ausreisen zu dürfen.

5. August:

Die DDR-Regierung warnt ihre Bürger im Fernsehen davor, sich die Ausreise durch die Flucht in eine westdeutsche Botschaft erpressen zu wollen.

8. August:

Die Ständige Vertretung in Ost-Berlin wird - nachdem 130 weitere Bürger dort Zuflucht gesucht haben - wegen Überfüllung geschlossen.

13. August:

Ausreisewillige demonstrieren am Jahrestag des Mauerbaus vor dem Brandenburger Tor.

14. August:

"Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf", sagt Honecker in Ost-Berlin.

19. August:

Für das erste "Paneuropäische Picknick" bei Sopron im Westen Ungarns wird die Grenze nach Österreich für Stunden in der Zeit von 15 bis 18 Uhr geöffnet. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer unter den zigtausend DDR-Bürgern, die in Ungarn Urlaub machen. Innerhalb weniger Stunden fliehen über 600 Bürger durch das "Schlupfloch".

20. August:

115 DDR-Bürger, die in der Ständigen Vertretung Unterschlupf gefunden haben, schreiben einen Brief an Bundeskanzler Helmut Kohl, bekräftigen ihren Plan, so lange in der Botschaft auszuharren, bis sie in die BRD einreisen dürfen.

25. August:

Ungarns Ministerpräsident Miklos Nemeth und Außenminister Gyula Horn führen in Bonn Gespräche mit Bundeskanzler Kohl und Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Seit dem 1. August gelangten mehr als 3.000 Bürger über die ungarisch-österreichische Grenze in den Westen.

29. August:

Das SED-Politbüro weiß keine Antwort auf die Flüchtlingskrise. "Ich möchte auch manchmal den Fernseher zerschlagen", stöhnt Günter Mittag.

31. August:

Österreich schafft die Visumspflicht für DDR-Bürger ab, um ihnen die Reise in die BRD zu erleichtern.

2. September:

In ungarischen Auffanglagern werden mehr als 3.500 geflüchtete DDR-Bürger gezählt.

3. September:

Der 24-jährige Mario Wächtler schwimmt 19 Stunden lang durch die Ostsee vom Wohlenberger Wiek westlich von Wismar in die Lübecker Bucht. Er gilt als letzter Flüchtling, dem die Flucht übers Meer in die Freiheit gelingt.

4. September:

In Leipzig versammeln sich etwa 1.000 Menschen nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche zur ersten Montagsdemonstration.

10. September:

30 Bürgerrechtler unterzeichnen den Gründungsaufruf "Aufbruch 1989 - neues Forum".

11. September:

Um 0.00 Uhr öffnet Ungarn seine Grenze in den Westen.

13. September:

Die DDR-Regierung kritisiert die Öffnung der ungarischen Westgrenze als "organisierten Menschenhandel".

14. September:

Die Bundesregierung bedankt sich dagegen bei den Ungarn und Österreichern für die Unterstützung der DDR-Bürger. Die deutsche Botschaft in Warschau muss wegen Überfüllung geschlossen werden.

19. September:

Das "Neue Forum" beantragt seine Zulassung als politische Vereinigung.

20. September:

US-Präsident Bush senior befürwortet die Wiedervereinigung Deutschlands.

21. September:

Der Antrag des Neuen Forums für die Zulassung als politische Vereinigung wird als "staatsfeindlich" abgelehnt.

25. September:

In Leipzig demonstrieren über 5.000 Bürger nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche. Sie rufen: "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit." Es ist die größte Protestdemonstration seit Bau der Mauer im August 1961.

26. September:

DDR-Regierung macht den Flüchtlingen in den Botschaften ein Angebot: Sie dürfen innerhalb von sechs Monaten ausreisen, müssen allerdings zunächst in die DDR zurückkehren.

27. September:

Die SED-Bezirksleitung in Leipzig beschließt Maßnahmen zur Unterdrückung der Opposition.

28. September:

Leipziger Bezirksstaatsanwaltschaft droht Christian Führer, dem Gemeindepfarrer der Nikolaikirche und Christoph Wonneberger, dem Pfarrer, der die Montagsdemos organisiert, wegen ihres politischen Engagements Haftstrafen an.

29. September:

Auf einer außerordentlichen Sitzung des Politbüros wird die Ausreise der Botschaftsflüchtlinge durch die DDR genehmigt.

30. September:

Vom Balkon der Botschaft in Prag überbringt Bundesaußenminister Genscher den rund 5.500 Flüchtlingen, die Nachricht, dass sie ausreisen dürfen.

2. Oktober:

Auf der Montagsdemonstrationen in Leipzig marschieren etwa 15.000 Menschen und skandieren: "Stasi weg, hat kein Zweck." Zunächst hält sich die Polizei zurück, geht erst nach Stunden mit Gewalt gegen die Demonstranten vor. Wieder gibt es zahlreiche Festnahmen.

3. Oktober:

Als bekannt wird, dass die Züge mit den Flüchtlingen aus der Prager Botschaft über Dresden in die Bundesrepublik fahren, strömen gegen Abend zigtausend Menschen zum Hauptbahnhof. Sie hoffen, auf einen fahrenden Zug aufspringen zu können. Als ein Zug einfährt, eskaliert die Situation. Bürger und Polizei liefern sich eine regelrechte Schlacht. Wahllos dreschen die Polizisten auf Menschen ein. Die Demonstranten werden mit Steinen. Scheiben gehen zu Bruch, ein Polizeiauto geht in Flammen auf. Die Polizei setzt Wasserwerfer und Tränengas ein und nimmt etliche Demonstranten fest.

5. Oktober:

In Magdeburg demonstrieren 800 Menschen gegen das SED-Regime. Etwa 250 werden festgenommen.

7. Oktober:

Während die SED den 40sten Jahrestag der DDR mit Militärparaden feiert, gehen in Leipzig, Dresden, Jena, Plauen und Potsdam Tausende auf die Straße und demonstrieren gegen das Regime. Sie skandieren: "Freiheit", "Stasi raus" und immer wieder: "Gorbi, hilf uns."

9. Oktober:

In Leipzig demonstrieren 70.000 Menschen. Sie rufen: "Wir sind das Volk." Die SED wagt nicht, die Massen-Demonstration gewaltsam aufzulösen.

10. Oktober:

Die deutsche Wiedervereinigung sei zum jetzigen Zeitpunkt "verfrüht", sagt der französische Außenminister Dumas in einem Interview. "Die Teilung Deutschlands ergibt sich aus internationalen Verträgen."

11. Oktober:

Die SED will "Vorschläge für einen attraktiven Sozialismus" erarbeiten.

12. Oktober:

Das Europäische Parlament fordert demokratische Reformen in der DDR.

16. Oktober:

Auf der Leipziger Montagsdemo werden über 100.000 Teilnehmer gezählt.

17. Oktober:

Das SED-Politbüro setzt Honecker ab. Um 14.16 Uhr meldet die staatliche Allgemeine Deutsche Nachrichtenagentur (ADN): "Zum Generalsekretär des Zentralkommitees der SED hat die 9. Tagung des Zentralkommitees Egon Krenz gewählt."

18. Oktober:

Egon Krenz, der neue SED-Generalsekretär, kündigt eine "Wende" an. Teil der Wende sollen neue Reisebestimmungen sein.

19. Oktober:

In Halle werden Mitglieder des "Neuen Forums" festgenommen. Angeblich haben die Oppositionellen schon über 11.000 Unterschriften für ihr Reformbegehren gesammelt.

21. Oktober:

In der DDR demonstrieren allerorts Menschen für freie Wahlen, Reise- und Meinungsfreiheit.

24. Oktober:

Krenz wird von der Volkskammer auch zum Vorsitzenden des Staatsrates und des Nationalen Verteidigungsrates gewählt. Danach demonstrieren in Berlin rund 12.000 Menschen gegen Krenz.

25. Oktober:

Stasi-Chef Erich Mielke ordnet für seine Mitarbeiter das Tragen der Schusswaffe an.

29. Oktober:

Vor dem Roten Rathaus in Ost-Berlin gedenken Demonstranten öffentlich der Mauertoten und fordern, die Mauer abzureißen.

1. November:

Egon Krenz tut den Abriss der Mauer nach einem Besuch bei Gorbatschow in Moskau als "unrealistische Forderung" ab. Krenz behauptet, er sei sich in dieser Frage mit Gorbatschow einig.

2. November:

Volksbildungsministerin Margot Honecker, tritt zurück.

4. November:

Eine Million Menschen demonstrieren friedlich auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin. Sie fordern Reformen, freie Wahlen und Meinungsfreiheit. "Deutsche Einheit", "das Volk sind wir. Gehen solltet ihr" "Eure Politik ist zum davonlaufen" ist auf Transparenten zu lesen. Es ist größte Massendemonstration in der Geschichte der DDR.

6. November:

Erich Mielke, Chef der Stasi, ordnet die Aktenvernichtung der Akten des Ministeriums für Staatssicherheit an.

7. November:

Der DDR-Ministerrat tritt geschlossen zurück.

8. November:

Das SED-Politbüro tritt zurück. Ein neues wird gewählt. Es wird nur 26 Tage im Amt bleiben.

9. November:

Pressekonferenz um 18 Uhr im "internationalen Pressezentrum" in Ost-Berlin. Günter Schabowski, Pressesprecher des neuen Politbüros, spricht über "dieses Bedürfnis der Bevölkerung zu reisen oder die DDR zu verlassen". Um 18.53 Uhr stellt Ricardo Ehrmann von der italienischen Nachrichtenagentur Ansa eine Frage zum neuen Reisegesetzentwurf. Schabowski beugt sich über seine Papiere, sagt: Es "ist heute, soviel ich weiß, eine Entscheidung getroffen worden." Der Ministerrat habe schlossen, "heute, äh, eine Regelung zu treffen die es jedem Bürger der DDR möglich macht, äh, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen." "Ab wann" hakt Ehrman nach. Schabowski blättert wieder in Papieren. Er hat keine Ahnung. Krenz hat ihm die Blätter erst kurz vor der Pressekonferenz in die Hand gedrückt. Die Journalisten lassen nicht locker. Schabowski stottert, sucht nach Worten. Dann sagt er: "Dass tritt nach meiner Kenntnis..." Er macht eine Pause. "ist das sofort, unverzüglich." Eigentlich sah die neue Reiseregel vor, die DDR-Bürger Ausreiseanträge stellen zu lassen. Doch das hat Schabowski in den Papieren überlesen. Um 19.05 Uhr meldet die Tagesschau: "DDR öffnet Grenze".

Quellen und Lesetipps:

www.stiftung-aufarbeitung.de

Deutsche Presseagentur, ADN, Stern, Zeit, Die Welt, Tagesspiegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung.

Hertle, Hans-Hermann: Chronik des Mauerfalls - die dramatischen Ereignisse um den 9. November 1989, ISBN: 978-3861535416, 360 Seiten, 16,90 Euro.

Deckert, Renatus: Die Nacht, in der die Mauer fiel: Schriftsteller erzählen vom 9. November 1989, ISBN: 978-3518460733, 239 Seiten, 8,90 Euro

Funken, Michael: Das Jahr der Deutschen: Die glückliche Geschichte von Mauerfall und deutscher Einheit. ISBN: 978-386612189818, 260 Seiten 18 Euro.

Wolfrum, Edgar: Die Mauer - Geschichte einer Teilung, ISBN: 978-3406585173, 192 Seiten, 16,90 Euro.